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Ukraine-Krieg

Welche Folgen hat der Krieg für russische Lehrkräfte?

Flucht vor der Teilmobilmachung und Kriegspropaganda im Unterricht: Ein russischer Gewerkschaftskollege, der inzwischen in Deutschland lebt, berichtet.

Stoppt den Krieg in der Ukraine! (Foto: Johanna Weitzel).
  • Wie viele Lehrer wurden im Rahmen der Teilmobilmachung zum russischen Militär einberufen?

Das sei nicht bekannt, erklärt Igor (Name von der Redaktion geändert), 28 Jahre, Lehrer, der Verbindungen zur russischen unabhängigen Gewerkschaftsbewegung hat. Er persönlich kenne mehrere Fälle. Einige befänden sich nun im Ausbildungslager, andere seien hinter der Kriegsfront stationiert, wieder andere kämpften in der Ukraine.

Die Lage in ländlichen Regionen unterscheide sich von der in Großstädten. Auf dem Land gebe es Schulen, an denen einzelne Lehrkräfte den Gestellungsbefehl bekommen hätten. Eltern und Schulleitung protestierten dagegen – mit dem Argument, man brauche diese Lehrer, sonst würde Unterricht ausfallen. Schwieriger sei die Situation an staatlichen Elite-Schulen in Städten wie Moskau, Sankt Petersburg oder Nowosibirsk. Igor nennt als Beispiel eine Schule, an der zehn hochqualifizierte Lehrkräfte – die gesamte Mathematik-Abteilung - Russland verlassen hätten, weil sie nicht in den Krieg ziehen wollten.

  • Gibt es Kriegspropaganda im Schulunterricht?

Dass die russische Regierung Einfluss auf die Schulen nehme, sei nichts Neues, betont Igor. Allerdings habe das Schulministerium im Sommer 2022 angeordnet, dass landesweit ein neues Schulfach einzuführen ist: „Lektionen über wichtige Angelegenheiten“, jeweils montags in der ersten Stunde. In diesem Fach gehe es zum einen um seriöse Inhalte wie Ökologie. Zum anderen müsse unterrichtet werden, warum der Krieg gegen die Ukraine notwendig sei. Schülerinnen und Schüler würden aufgefordert, Solidaritätsbriefe an Soldaten zu schreiben.

  • Was kann gegen die Kriegspropaganda an den Schulen getan werden?

Igor betont: Die Gewerkschaft könne ihre Mitglieder nicht auffordern, sich zu verweigern. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass die Lehrerin oder der Lehrer entlassen werde. Eine Möglichkeit aber ist, das Thema mit historischen Beispielen – etwa anhand der Kriege in Afghanistan oder im Irak – im Unterricht zu behandeln. Dazu hat die unabhängige Gewerkschaft Lehrmaterialien erstellt, sie stehe landesweit mit Lehrkräften im Kontakt und könne ihre Materialien so in ganz Russland verbreiten.

  • Welcher Spielraum besteht für unabhängige Gewerkschaftsarbeit?  

Auf dem Papier seien die Gewerkschaften frei, antwortet Igor. Doch in der Praxis gebe es in Russland seit langer Zeit massive Einschränkungen. Wer einen Streik organisieren wolle, müsse seit etwa 20 Jahren so viele Formalitäten erfüllen, dass Streiks kaum noch möglich seien. Das Recht, sich zu versammeln oder zu demonstrieren, sei durch staatliche Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie eingeschränkt worden.

Seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine habe der Staat gewerkschaftliche Rechte weiter beschnitten. Trotzdem könnten unabhängige Gewerkschaften noch einiges tun. So hätten sie das Recht, Lohn-Tarifverhandlungen zu führen – vorausgesetzt, sie könnten nachweisen, dass sie mehr als die Hälfte der Belegschaft vertreten. Und sie haben auch die Möglichkeit, Petitionen zu veröffentlichen. Etwa um an einer Schule gegen unbezahlte Überstunden von Lehrkräften zu protestieren. Beim Formulieren von Protestbriefen oder Slogans müsse man allerdings vorsichtig sein. Es gebe problematische Begriffe wie „Krieg“ oder „Putin“. Dies gelte auch für die gewerkschaftliche Social Media-Arbeit. Wer politisch heikle Texte veröffentlicht, laufe Gefahr, kriminalisiert und angeklagt zu werden.

  • Welche Bildungsgewerkschaften gibt es in Russland?

Die größte Bildungsgewerkschaft hat laut Igor eine Million Mitglieder. Sie sei die Nachfolge-Organisation der sowjetischen Bildungsgewerkschaft.  Die unabhängige Bildungsgewerkschaft Uchitel‘ komme auf 1.000 Mitglieder. Uchitel‘ sei vor 10 Jahren gegründet worden und arbeite unabhängig von der Regierung und politischen Parteien. Die Bildungsgewerkschaft unterstützt die Lehrkräfte, die sich mutig gegen den Krieg positioniert haben.

Als dritte Organisation gebe es die „Allianz der Lehrkräfte“ mit etwa 200 Mitgliedern. Sie unterhalte enge Beziehungen zum inhaftierten russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny.