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Studie zu sexualisierter Gewalt an beruflichen SchulenSchutzkonzepte verpflichtend einführen!

Die Studie SPEAK! zeigt, dass sexualisierte Gewalt zur alltäglichen Erfahrungswelt der Mehrheit der Jugendlichen gehört. Die GEW fordert ein umfängliches Schutzkonzept an Schulen.

04.03.2021 - Helena Müller, Referentin im Vorstandsbereich Berufliche Bildung und Weiterbildung

Die Philipps Universität Marburg hat in Kooperation mit der Justus-Liebig-Universität Gießen eine hessenweite, repräsentative Studie zum Thema „Sexualisierte Gewalt aus der Sicht Jugendlicher“ durchgeführt. Sie befragten Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren, die eine berufliche Schule besuchen. Den Auftrag zur Studie hat das Hessische Kultusministerium erteilt.

Weibliche Jugendliche besonders betroffen

Die aus GEW-Sicht wichtigsten Erkenntnisse haben wir hier kurz zusammengefasst:

  • Das Hauptrisiko für sexualisierte Gewalt im Jugendalter sind andere Jugendliche, in etwa Gleichaltrige, in der Schule und in anderen Lebensbereichen; das Risiko, betroffen zu sein, steigt mit dem Alter.
  • Erfahrungen von nicht-körperlicher wie körperlicher sexualisierter Gewalt machen vor allem weibliche Jugendliche. Männliche Jugendliche sind dagegen in der Gruppe derjenigen überrepräsentiert, die sexualisierte Gewalt ausüben.
  • Zwei Drittel der männlichen Jugendlichen (66 %) geben an, „öfter“ pornographische Inhalte anzuschauen, bei den weiblichen Jugendlichen sind es 15%.
  • 66 %, also zwei Drittel der Jugendlichen, haben bislang mindestens eine Erfahrung mit nicht-körperlichen Formen sexualisierter Gewalt gemacht. Der größte Teil hat mehr als eine Form erlebt und dies zu einem weit überwiegenden Teil wiederholt.
  • 41 % der befragten Jugendlichen – und damit fast jede:r zweite:r bis dritte Jugendliche – hat bislang mindestens einmal im Leben körperliche sexualisierte Gewalt erlebt. Der größte Teil davon wurde mit mehr als einer Form konfrontiert und hat solche Erfahrungen wiederholt gemacht.
  • Mehr als zwei Drittel (78 %) aller befragten Jugendlichen haben sexualisierte Gewalt mindestens einmal beobachtet.
  • 35 % – gut ein Drittel der befragten Jugendlichen – geben an, mindestens einmal selbst etwas getan zu haben, das mit sexualisierter Gewalt zu tun hat
  • Je umfassen-der diese Erfahrungen sind, desto weniger macht die Schule Freude, desto weniger sicher fühlen sich die Betroffenen in der Schule, desto häufiger sind sie Formen des Mobbings ausgesetzt. Gleichzeitig weisen die Betroffenen ein negativeres Selbstbild auf und fühlen sich in der Familie weniger wohl.

Diese und weitere Erkenntnisse sind in einem Kurzbericht der Studie nachzulesen.

Die Ergebnisse zeigen in eindrücklicher Weise, dass sexualisierte Gewalt zur alltäglichen Erfahrungswelt der Mehrheit der Jugendlichen gehört. Die Gefahr durch sexualisierte Gewalt findet im Übrigen auch virtuell statt. Das haben nicht zuletzt der GEW Vorstandsbereich Schule und berufliche Bildung und Weiterbildung in einer Pressemitteilung zum „Safer Internet Day“ angemahnt.

GEW: Geld und Personal bereitstellen

Die Schule sollte einen Kompetenzort darstellen, innerhalb dessen Schülerinnen und Schüler Hilfe finden, wenn sie im schulischen, betrieblichen, aber auch im privaten Umfeld sexualisierte Gewalt erleben. Bund, Länder und Kommunen müssen für ein verschärftes Vorgehen gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen zusätzliches Geld und Personal bereitstellen, so die Forderung der GEW.

Mit einem Schutzkonzept würden Lehrkräfte wie auch Schulsozialarbeitende zu fähigen Ansprechpersonen für Prävention und den Umgang mit sexualisierter Gewalt. Schulen sollten dazu verpflichtet werden, umfängliche Schutzkonzepte einzuführen. Sie stellen eine langfristige Aufgabe dar, die eine klare Haltung und entsprechende Ressourcen benötigt – dafür sind die Fortbildungsangebote zu diesem Thema unbedingt aufzustocken.  

Studie: Ausbildungsbetrieb als Tatort mitdenken

Das Thema sexualisierte Gewalt/sexuelle Belästigung wird laut der Studie weder in den Betrieben noch in der Ausbildung ausreichend thematisiert. In diesem Bereich ist der Nachholbedarf immens. Die Besonderheit der Studie liegt auch darin, dass der Ausbildungsbetrieb ebenfalls als Tatort mitbedacht werden muss. Doch nicht überall sind Betriebsräte und Gleichstellungsbeauftragte vorhanden, die den Jugendlichen als Ansprechperson zur Seite stehen können. Die berufsbildenden Schulen stehen vor der großen Herausforderung, diese Missstände aufzufangen – dazu müssen sie aber auch befähigt werden. Aus Sicht der GEW ist die Studie nicht nur für Hessen, sondern länderübergreifend relevant.