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Länder sind auf steigende Schülerzahlen nicht vorbereitet

Tausende Lehrkräftestellen können nicht besetzt werden. Die Länder planen derweil weiter mit überholten Daten zur Entwicklung der Schülerzahlen. Um neue Klassen zu bilden und neue Stellen einzurichten, müssten mehrere Milliarden investiert werden.

03.11.2017 - Klaus Klemm, Bildungsforscher, Professor i.R. an der Uni Duisburg-Essen

Es ist kaum zu glauben: Die jüngste Prognose zur Entwicklung der Schülerzahlen veröffentlichte die Kultusministerkonferenz (KMK) im Jahr 2013. Eine Schülerzahl von acht Millionen wurde Deutschlands allgemeinbildenden Schulen darin für 2016 vorausgesagt – tatsächlich waren es mit 8,4 Millionen nahezu 400.000 mehr – davon alleine 94.000 zusätzliche Grundschüler. Die 2015 publizierte KMK-Prognose zum Arbeitsmarkt für Lehrkräfte rechnete für 2017 mit einem Überangebot von 4.750 Lehrkräften – darunter 540 bei den Lehrämtern Primarbereich sowie Primar- und Sekundarbereich. Die Realität sieht völlig anders aus: Tausende Lehrkräftestellen bundesweit können nicht besetzt werden.

Wie kann es sein, dass Prognose und Ist-Zustand so stark voneinander abweichen? Dazu einige eigentlich banale Hinweise: Die Entwicklung der Schülerzahlen und des davon abhängigen Lehrkräftebedarfs erklärt sich überwiegend aus einem unerwarteten Anstieg der Geburtenzahlen sowie aus dem gleichfalls nicht abzusehenden Anwachsen der Wanderungsbilanz, des Saldos von Zu- und Fortzügen also. Seit 2011 beobachten wir bundesweit steigende Geburtenzahlen, bis 2013 in schwachem Ausmaß, danach sehr stark: So standen 682.000 Geburten 2013 im Jahr 2016 mit 781.000 zusätzliche 100.000 Geburten gegenüber. Zudem wanderten 2013 rund 429.000 mehr Menschen nach Deutschland zu als ab, 2014 550.000, 2015 dann 1,1 Millionen.

Für 2016 erwartet das Statistische Bundesamt 750.000 mehr Zuzüge als Abwanderungen. Diese demografischen Grunddaten wirken sich, was die Wanderungsbilanz angeht, unmittelbar und, die Geburtenentwicklung betreffend, binnen weniger Jahre auf die Schülerzahlen und damit den Lehrkräftebedarf aus. Angesichts dessen ist überhaupt nicht nachzuvollziehen, dass Länder mit Ausnahme einiger weniger wie Bayern oder Bremen immer noch auf Grundlage längst überholter Daten planen.

„Um dies alles zu bewältigen, müssen die jährlichen Bildungsausgaben bis 2030 um dann 4,7 Milliarden Euro steigen.“

Dies hat uns veranlasst, durch eine eigene Bevölkerungs- und Schülerzahlenprognose darauf hinzuweisen, was Deutschlands Schulen bereits jetzt und mit steigender Tendenz in naher Zukunft erwartet: Vom Schuljahr 2015/16 zum Schuljahr 2016/17 haben die Schulen der Primarstufe insgesamt 61.000 Kinder hinzugewonnen; bis 2025 werden weitere 394.000 hinzukommen. Daraus folgt, dass in den Jahren von 2015 bis 2025 19.000 zusätzliche Klassen gebildet werden müssen – um diese zu unterrichten, braucht es 24.000 zusätzliche Stellen. Eine ähnliche, allerdings verzögerte Entwicklung zeichnet sich in den weiterführenden Schulen ab: Gegenüber 2015 werden bis 2030 etwa 369.000 Jugendliche mehr die Bildungsangebote der Sekundarstufe I nutzen. Um dem gerecht zu werden, müssen 15.500 zusätzliche Klassen gebildet und 27.000 Lehrkräftestellen neu eingerichtet werden. Lediglich in den Bildungswegen der Sekundarstufe II werden die skizzierten demografischen Tendenzen erst nach 2030 „ankommen“.

Um dies alles zu bewältigen, müssen die jährlichen Bildungsausgaben bis 2030 um dann 4,7 Milliarden Euro steigen. Dabei sind nur die Ausgaben für steigende Schülerzahlen berücksichtigt. Mehrausgaben für kleinere Klassen, weniger Unterrichtsausfall, Ganztagsschulen, Inklusion und Integration oder Besoldungsverbesserung sind in diese Berechnungen noch nicht eingeflossen.

Vor dem Hintergrund dieser Perspektive – auf die die katastrophale Lage zu Beginn des laufenden Schuljahres einen Vorgeschmack bietet – wirkt eine vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) am 31. August gesendete Erklärung eines Pressesprechers der KMK geradezu kabarettreif: „Wir werden uns die Studie ganz genau ansehen. Wir werden uns auch unsere Zahlen ganz genau angucken, die Mitte 2018 herauskommen, und dann werden wir die nächsten Schritte ganz genau begutachten.“ Soviel Zeit müsste man haben.

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