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Verantwortung für die Bildung Geflüchteter tragen

13.12.2016 - Elina Stock

Internationale Bildungsgewerkschaften diskutieren Wege und Strategien, Bildungszugänge und -teilhabe für Geflüchtete zu gewährleisten. Solidarität, professionelles Selbstbewusstsein und Zuversicht trotz(t) Krisen.

Die von der Bildungsinternationale (BI), dem weltweiten Dachverband von rund vierhundert Bildungsgewerkschaften, am 21. und 22. November in Stockholm ausgerichtete Konferenz „Providing Education to Refugee Children from Conflict Areas in the Middle East – Fast Track to Equal Opportunities and Integration” folgte einer klaren Maxime: Bildung ist ein Menschenrecht und der Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe und Integration.

Angesichts der prekären Lebenslagen und unsicheren Zukunftsperspektiven von Millionen geflüchteter Kinder und Jugendlicher aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie höchst unterschiedlicher Bedingungen für die Gewährleistung ihres Rechts auf Bildung in Transit- und Aufnahmeländern, verbinden sich mit diesem Anspruch beachtliche Aufgaben – sowohl für die internationale Gemeinschaft als auch für die einzelnen Staaten, ihre Bildungseinrichtungen und die darin Beschäftigten.

Allein vor dem Krieg in Syrien sind fast fünf Millionen Menschen ins Ausland geflohen, die meisten von ihnen in die Türkei und die südlichen Nachbarländer. Über die Hälfte sind Kinder und Jugendliche. Viele von ihnen besuchen keine Schule, da die nationalen Bildungssysteme bzw. die Flüchtlingscamps in den Grenzregionen nicht über ausreichend Kapazitäten verfügen. Sie sind traumatisiert und Gefahren wie Kinderarbeit, sexueller Gewalt, Zwangsverheiratung oder -rekrutierung als Kindersoldaten besonders ausgesetzt. Auch für die nach Europa Geflüchteten werden nicht überall Zugänge zu guter Bildung garantiert – der Mangel an qualifizierten Fachkräften, fehlende Infrastruktur, aber auch nationale Abschottungspolitiken, eine ungleiche regionale Verteilung und bürokratische Hürden behindern eine gleichberechtigte Bildungsteilhabe.

Wir schaffen das!

In seiner Begrüßungsrede vor rund 200 Vertreter*innen von Bildungs- und Lehrergewerkschaften sowie Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen aus 43 verschiedenen Ländern, appellierte BI-Generalsekretär Fred van Leeuwen an die gemeinsame Verantwortung aller Beteiligten und griff das wohlbekannte Credo der deutschen Bundeskanzlerin auf: Wir schaffen das! Er machte deutlich, dass Bildung zwar nicht die Lösung aller Probleme sei, es ohne Bildung jedoch keine Lösung gebe. Gerade angesichts politischer, ökonomischer und humanitärer Krisen, wachsender sozialer Ungleichheit und erstarkender rechtspopulistischer Bewegungen gelte es, für demokratische Grundrechte, mehr Bildungsgerechtigkeit sowie die im Berufsethos der BI verankerten Werte einzustehen. 

Der Austausch über strukturelle und professionelle Herausforderungen zur Gewährleistung von Bildungszugängen und -teilhabe für Geflüchtete stand sowohl im Zeichen internationaler Solidarität als auch im Kontext des bildungs- und entwicklungspolitischen Programms der BI. Insbesondere die Aktivitäten zur Verwirklichung guter Bildung für alle als eigenständiges Ziel der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung waren wichtige Referenzpunkte. Zudem hatte der BI-Kongress im Juli 2015 mehrere einschlägige Beschlüsse gefasst, aus denen Leitlinien gemeinsamen Handelns der Bildungsgewerkschaften sowie ein Aktionsplan unter dem Motto "Realising the Rights of Migrants and Refugees" hervorgingen.

"Dies ist keine Flüchtlingskrise, dies ist eine Verantwortungskrise."

 

Wesentlich für die Verwirklichung des Rechts auf gute Bildung für alle – das stand außer Frage – ist ein öffentlich verantwortetes und finanziertes Bildungssystem mit qualifizierten sowie angemessen bezahlten Pädagog*innen. Davon zeigte sich auch der schwedische Bildungsminister Gustav Fridolin überzeugt. Der 33-jährige Grünen-Politiker präsentierte ein mit zehn Milliarden Kronen ausgestattetes Programm für die kommunale Integration von Geflüchteten und erklärte, dass es für ihn „keine Alternative zu guter Bildung“ und zu mehr Investitionen im öffentlichen Bildungswesen gebe. „Integration ist ein absolutes Muss für unsere Gesellschaft“ und „Scheitern ist keine Option“ waren seine Maßgaben vor dem Hintergrund, dass Schweden im vergangenen Jahr rund 200.000 Asylsuchende aufgenommen hat, davon etwa ein Drittel im Schulalter sowie 35.000 unbegleitete Minderjährige.

„Hinter jeder Zahl steckt eine Person mit einer individuellen Geschichte“ betonte Fridolin, nachdem er Steuerungsprobleme eingestand und sich für ein systematisches, bedarfsgerechtes Gesamtkonzept aussprach. Als ausgebildeter Volksschullehrer und Mitglied der gastgebenden Schwestergewerkschaft Lärarförbundet zeigte er nicht nur Sachverstand, sondern auch viel Anerkennung für die im Bildungsbereich Beschäftigten. Deren Professionen gelte es gerade angesichts personellen Mangels aufzuwerten. Für die Unwilligkeit einiger EU-Mitgliedsstaaten hinsichtlich der Aufnahme von Geflüchteten hatte er hingegen kein Verständnis: „Dies ist keine Flüchtlingskrise, dies ist eine Verantwortungskrise.“ Er ermutigte die Anwesenden, sich mit aller Kraft „dem kalten Wind“ entgegenzustellen und die Regierenden in der EU zum gemeinsamen Handeln aufzufordern.

"No more excuses!"

 

Die Notwendigkeit, Bildung auch in der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit absolute Priorität einzuräumen, verdeutlichten die Länderberichte aus der Türkei, dem Libanon und aus Jordanien. Haldis Holst, stellvertretende Generalsekretärin der BI, setzte mit dem Gedicht Home von Warsan Shire sowie Bildern gewaltsam vertriebener Menschen auf die Kraft von Emotionen als Ausgangspunkt politischen Engagements. Vertreterinnen von UNESCO und UNHCR erläuterten Befunde aus der gemeinsamen Studie ‚No more excuses: Provide education to all forcibly displaced people‘, die im Mai 2016 anlässlich des Weltgipfels für humanitäre Hilfe in Istanbul publiziert wurde.


Weltweit besuchen nur 50 Prozent der Geflüchteten im Grundschulalter und 25 Prozent im Sekundarschulalter eine Schule. Somit besteht für geflüchtete Kinder und Jugendliche im globalen Vergleich ein fünfmal höheres Risiko, keine Schulbildung zu erhalten. Auch die Teilhabe an frühkindlicher Bildung ist in zahlreichen Ländern begrenzt. 

 

Mehr Geld für Bildung - „Education cannot wait“

Die Herausforderungen sind immens. 2,3 Milliarden US-Dollar werden laut UNESCO/UNHCR benötigt, um den Bildungsbedarf von geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Krisen- und Konfliktregionen decken zu können. Daher wurde beim Humanitären Weltgipfel in Istanbul der Fonds "Education Cannot Wait - Bildung kann nicht warten" eingerichtet. Durch ihn soll die Übergangshilfe und Entwicklungszusammenarbeit im Bildungsbereich enger verzahnt und die Koordinierung zwischen den Akteuren verbessert werden. Förderzusagen machten bislang die Niederlande, Norwegen, Großbritannien, die Vereinigten Staaten sowie im geringen Umfang auch die Europäische Union.

Die Globale Bildungskampagne, ein weltweites Bündnis von Nichtregierungsorganisationen und Bildungsgewerkschaften, in dem die GEW mitwirkt, hatte auch die deutsche Bundesregierung aufgefordert, den Fonds zu unterstützen. Bislang ist eine finanzielle Beteiligung jedoch ausgeblieben. Eine verpasste Chance, denn es muss dringend mehr Geld fließen, um ausreichend öffentliche Schulplätze, qualifizierte Lehrkräfte und Unterrichtsmaterial für die geflüchteten Kinder und Jugendliche bereitzustellen und Maßnahmen zu ihrer Integration in die nationalen Bildungssysteme zu koordinieren. Ohne ein entsprechendes Hilfspaket droht in der Türkei und in den anderen Nachbarländern Syriens eine ganze Generation ohne Schulbildung aufzuwachsen. 

Mögliche Wege, eine nachhaltige Finanzierung für gute Bildung in Krisenregionen sicherzustellen, diskutierte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe in einem der zahlreichen Workshops. Die von ihr moderierte Arbeitsgruppe kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass die BI und ihre Mitgliedsgewerkschaften in den Geberländern darauf pochen müssen, dass die Regierungen mehr Geld für die internationale Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung stellen. Bereits 1970 vereinbarten die Vereinten Nationen das Ziel, in den Industriestaaten 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens dafür vorzusehen. Dieses Ziel ist bis heute in den wenigsten Ländern verwirklicht.

Beispiele guter Praxis und inspirierende Persönlichkeiten

Obwohl die aktuelle Lage vielerorts bedrückend ist und provisorische Maßnahmen vorherrschen, waren die zahlreichen Vorträge, Diskussionen und Workshops geprägt von einem starken professionellen Selbstbewusstsein bezüglich der Entwicklung konkreter Handlungsperspektiven für die (gewerkschafts)politische und pädagogische Praxis. Insbesondere die Erfahrungsberichte aus der konkreten Bildungsarbeit mit Geflüchteten, der Austausch von Ideen und Konzepten sowie persönliche Erfolgsgeschichten vermittelten Zuversicht und bestärkten die Teilnehmenden in ihrem Engagement.


Besonders inspirierend wirkten die Beiträge derjenigen, die trotz eigener Fluchterfahrung und traumatischer Erlebnisse die Hoffnung auf eine bessere Zukunft durch Bildung nicht aufgegeben haben und diese weitertragen -  wie Hanan Al Hroub, Lehrerin aus Palästina, die 2016 mit dem ‚Global Teacher Prize‘ ausgezeichnet  wurde oder Aya Hamadeh aus Syrien und Mortaza Behboudi aus Afghanistan, die nun an der Pariser Sorbonne Universität studieren und als ‚Botschafter der Hoffnung‘ auftraten. 
Youtube: 
https://www.youtube.com/watch?v=vcinJ8cPaIE&feature=youtu.be

 

GEWerkschaftliches Engagement – „Yes, we can!“ und #stopthehate

Auch die Initiativen und Beiträge der GEW fanden guten Anklang. Neben Marlis Tepe brachten fünf weitere Kolleg*innen ihre Erfahrungen aus der gewerkschaftspolitischen Praxis und konkreten Bildungsarbeit mit geflüchteten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein. Unter ihnen die stellvertretende Vorsitzende des Landesverbands Schleswig-Holstein, Katja Coordes, sowie Martina Hilmer, Katharina Lenuck und Nick Strauss aus dem Landesverband Bremen, die das von der BI geförderte Projekt ‚Teachers Organising for Quality Education for Refugees‘ realisieren.

Martina Hilmer nahm an einer Podiumsdiskussion über gute Unterrichtspraxis teil und gab Einblicke in ihre Arbeit an einer Erwachsenenschule in Bremen, wo Geflüchtete ab 18 Jahren in Willkommensklassen unterrichtet und auf ihrem zweiten Bildungsweg begleitet werden. Sie schilderte, wie wichtig es den jungen Erwachsenen ist, nicht nur die deutsche Sprache zu erlernen, sondern auch alltagspraktisches Wissen, zum Beispiel über kulturelle Gepflogenheiten oder das Gesundheitssystem in Deutschland, zu erwerben. Lehrkräfte bräuchten mehr Zeit für kollegialen Austausch und Qualifizierungen sowie besseres Material für diversitätssensiblen Unterricht in allen Fächern. Sie betonte, wie bedeutsam gute Bildung und gute Pädagog*innen gerade für geflüchtete Menschen sind – sowohl für die psychosoziale Stabilisierung und Entwicklung als auch für die gesellschaftliche Integration. Dies bestätigten auch die anderen Lehrer*innen auf dem Podium, die in allen Altersgruppen und Kontexten eine enorme Lernbegierde von Geflüchteten erleben.

Auf die Frage, wie die GEW auf die Ankunft hunderttausender Geflüchteter in Deutschland und Angela Merkels ‚Wir schaffen das‘ reagiert habe, antwortete Marlis Tepe ohne Umschweife: „Yes, we can. Die GEW ist fest überzeugt, dass wir es schaffen und setzt sich dafür ein, dass alle Asylsuchenden – unabhängig von ihrem Status – angemessene Unterstützung zur Verwirklichung ihres Rechts auf gute Bildung und gesellschaftliche Teilhabe erhalten.“ Sie erklärte, dass das deutsche Bildungssystem zwar nicht optimal vorbereitet war, die GEW allerdings zeitig auf zusätzlichen Personalbedarf in den verschiedenen Bildungsbereichen aufmerksam gemacht und unter dem Motto ‚Bildung kann nicht warten‘ bildungspolitische (Sofort)Maßnahmen gefordert habe.

Die zentralen Herausforderungen für die Bildungseinrichtungen und Kolleg*innen in Deutschland diskutierte sie auch vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen und politischen Rechtsrucks. Die soziale Spaltung sowie die zunehmende Hetze und rassistisch motivierte Gewalt bereiten den Kolleg*innen in anderen Ländern ebenso große Sorge. Daher waren sich alle Diskutant*innen einig, dass die Bildungsgewerkschaften dieser Entwicklung etwas entgegensetzen müssen. Marlis Tepe betonte, dass auf nationaler wie auch internationaler Ebene sozioökonomische Ungleichheit abgebaut werden und Bildung im Sinne einer ‚global citizenship education‘ alle Menschen darin stärken müsse, für ihre Rechte einzutreten. Sie gab zu bedenken, dass sich hinter fremdenfeindlichen Ressentiments oft Abstiegsängste verbergen. Diese gelte es ernst zu nehmen, damit diejenigen, die sich als Globalisierungsverlierer*innen fühlten, nicht weiter in die Arme autoritär-nationalistischer Bewegungen und Parteien getrieben werden. Melissa Cropper, Vize-Präsidentin der American Federation of Teachers, sprach von einer „neuen Welle der Angst nach des US-Wahlen“ und stellte die Kampagne #stopthehate sowie die Plattform www.teachhumanrights.com vor.

Empfehlungen, Ausblick und Nachklänge

Der Austausch über professionelle Anforderungen und Ansätze guter Praxis für diversitäts- und vorurteilsbewusstes Lernen und Lehren wurde am Nachmittag des zweiten Tages in mehreren Arbeitsgruppen intensiv fortgesetzt. Die daraus resultierenden Empfehlungen richteten sich sowohl an die Politik als auch an die Zivilgesellschaft und die gewerkschaftliche Zusammenarbeit unter dem Dach der BI. Besonders hervorgehoben wurden die Notwendigkeit zu verstärkter Kooperation und Vernetzung auf regionaler und lokaler Ebene sowie das Erfordernis, die im Bildungsbereich Beschäftigten sowie ihre vielfältigen Erfahrungen und Kompetenzen bei der Entwicklung bildungs- und integrationspolitischer Konzepte einzubeziehen. Ihnen im Hinblick auf die Gewährleistung guter Bildung für geflüchtete Kinder und Jugendliche angemessene Unterstützung zu bieten, ist das Gebot der Stunde. Auch wenn vieles von der Verbesserung struktureller und materieller Rahmenbedingungen abhängt, so darf die ideelle Stärkung eines grundsätzlich auf Solidarität, Kooperation und Inklusion ausgerichteten professionellen Ethos – gerade in Krisenzeiten – nicht vernachlässigt werden.

In diesem Sinne verständigte sich die GEW-Delegierten im Hinblick auf die Verbesserung der Bildungssituation Geflüchteter in Deutschland auf drei gemeinsame Kernbotschaften, welche Marlis Tepe abschließend in der BI-‚pledge-box‘ hinterließ: 

  1. Wir werden weiterhin für das Recht auf Bildung für alle - ohne Ausnahme - eintreten.
  2. Wir werden den kollegialen Erfahrungs- und Informationsaustausch intensivieren und vermehrt Beispiele guter Praxis dokumentieren.
  3. Wir werden verstärkt mit geflüchteten Kolleg*innen zusammenarbeiten und ihre Partizipationsmöglichkeiten verbessern.

Die Bildungsinternationale stellte zum Abschluss der Konferenz folgendes in Aussicht:

  1. auf ein baldiges Treffen der EU-Premierminister bezüglich der Herausforderungen für die Bildung geflüchteter Kinder und Jugendliche hinzuwirken.
  2. im Jahr 2018 eine internationale Konferenz zu ‚democratic and social justice values‘ zu organisieren. Den afrikanischen Mitgliedsorganisationen versicherte sie zugleich, dass das Thema ‚refugee education‘ hoch oben auf der BI-Agenda bleiben werde – mit aller notwendigen Aufmerksamkeit gegenüber dem afrikanischen Kontinent.
  3. sich nachhaltig für ‚Global Citizenship Education‘ einzusetzen und ihre weltweiten Partner und Mitgliedsorganisationen weiterhin darin zu unterstützen, mit Beispielen guter Praxis voranzugehen sowie Erfahrungen und Informationen auszutauschen. 
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