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KlimawandelMehr, als nur Müll zu sammeln

Immer mehr Kitas bringen Kindern spielerisch Klimaschutz und Nachhaltigkeit näher, doch energieeffizient sind ihre Gebäude in der Regel nicht. Bei Solaranlagen & Co. haben die Einrichtungen kaum Mitsprachemöglichkeiten.

03.09.2021 - Kathrin Hedtke, freie Journalistin

Zwischen Haselnuss- und Holundersträuchern ragt auf dem Außengelände der Kita Zuckerrübe in Sulzbach im Taunus ein kleines Windrad hervor: Die silbernen Rotorblätter glänzen reglos in der Sonne. Davor steckt im Mulchboden eine Infotafel mit einem Smiley, in den Augen winzige Glühbirnen. „Wenn Wind kommt“, ruft ein kleines Mädchen, „dreht es sich.“ Ein Junge nickt: „Und wenn es sich ganz doll dreht, leuchten die Augen rot.“ Viel Energie produziert das Windrädchen nicht. Aber darum geht es auch nicht. In erster Linie sollen die Kinder mit eigenen Augen erleben, dass Strom mit der Kraft der Natur erzeugt werden kann. Die Kita Zuckerrübe im Rhein-Main-Gebiet gehört zu den wenigen klimaneutralen Einrichtungen bundesweit.

„Die Einrichtung erwirtschaftet selbst, was sie an Strom braucht.“ (Peter Becher)

Die Gemeinde hat beim Neubau vor einigen Jahren sehr viel Wert auf Energieeffizienz gelegt: Die Kita besteht aus sechs kleinen Holzbungalows mit Solarpanels auf den schrägen Dächern. Die Sonne geht über den Weizenfeldern auf und scheint nahezu den kompletten Tag über aufs Gebäude, in der Ferne sind die Hochhäuser von Frankfurt am Main zu sehen. „Die Einrichtung erwirtschaftet selbst, was sie an Strom braucht“, sagt Peter Becher von der Gemeindeverwaltung, zuständig für Bauen und Objektbetreuung, „mal mehr, mal weniger, je nachdem wie die Sonne scheint.“ Was an Strom übrig bleibt, wird ins örtliche Netz eingespeist. Die Photovoltaikanlage auf den Dächern versorgt auch die Luft-Wasser-Wärmepumpe, die mittels Fußbodenheizung die Räume im -Winter heizt und im Sommer kühlt. Und wenn es regnet, fließt das Wasser von den Dächern durch Rohre direkt in eine Zisterne unter der Erde. Der Regentank fasst rund 11.000 Liter. „Auch mit Wasser versorgt sich das Gebäude selbst.“

„Uns ist wichtig, dass die Kinder in einer natürlichen Umgebung aufwachsen.“ (Friederike Zech)

Für die Kinder spielt im Alltag kaum eine Rolle, dass die Kita klimaneutral ist. Die dunkelblauen Solarpanels auf den Dächern fallen kaum auf, und auch von der Zisterne ist von außen nicht viel zu sehen. Allerdings wissen die Kinder von klein auf, dass sie Wasser draußen aus dem Hahn nicht trinken, sondern damit nur die Kürbispflanzen oder Erdbeeren auf ihren Terrassen gießen dürfen. Wenn es stark geregnet hat, strömt braunes Wasser aus der Toilettenspülung. „Wir besprechen mit den Kindern, dass das Regenwasser ist“, sagt Kita-Leiterin Friederike Zech. „Darüber wundert sich niemand mehr.“ Für die knapp 100 Mädchen und Jungen zählt vor allem, dass sie im Garten viel Platz zum Spielen haben, dass sie mit ihren Füßen über Wiese und Erde flitzen, über Baumstämme balancieren, mit Wasser plantschen oder sich hinter Büschen verstecken können. „Uns ist wichtig, dass die Kinder in einer natürlichen Umgebung aufwachsen“, betont Zech.

Umdenken in Kitas

Auch im Alltag lege die Einrichtung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) viel Wert auf Umweltschutz, erklärt die Kita-Leiterin. So lernten schon die Kleinsten, Abfall zu trennen – und kürzlich stürmten alle los, um Müll in der Natur einzusammeln. Ein Koch bereitet täglich frisches Essen zu, achtet auf regionale und saisonale Produkte. Wenn die Kinder im Sommer draußen Johannisbeeren pflücken, wird daraus in der Küche leckerer Sirup für Pfannkuchen gekocht. Einmal pro Woche gibt es einen vegetarischen Tag. Die Pädagogin hat vorher in anderen Einrichtungen gearbeitet. „Der Unterschied ist enorm“, sagt Zech. Viele Kitas hätten noch nicht so ein Bewusstsein für Umweltschutz, da lande oft der gesamte Müll in einer Tonne, und zum Imbiss gebe es fertige Snacks, einzeln in Plastik eingepackt.

Doch in Kitas findet ein Umdenken statt. Susanne Schubert, Vorstand von Innowego – Forum Bildung & Nachhaltigkeit eG und Leiterin des Klima-Kita-Netzwerks, berichtet, dass immer mehr Träger nach Wegen suchten, in ihren Einrichtungen Klimaschutz zu fördern. Sie ist überzeugt: „Das Thema Nachhaltigkeit ist in den Kitas angekommen.“ Viele Einrichtungen nähmen ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag sehr ernst. „Die größte Herausforderung ist, das Thema größer zu ziehen“, sagt Schubert, „da besteht noch Handlungsbedarf.“ Aktionen wie Müllsammeln und Abfalltrennen bieten erste Ansatzpunkte. Ihrer Meinung nach kommt es jedoch darauf an, den Alltag im gesamten Kita-Betrieb nachhaltiger zu gestalten.

„Wichtig ist, dass die Kinder Handlungsalternativen kennenlernen.“ (Susanne Schubert)

Dabei spielt die Kinderbeteiligung eine große Rolle. In einer Einrichtung passen Kinder zum Beispiel als „Strom- und Wasserwächter“ auf, dass Energie und Trinkwasser nicht verschwendet werden. Sie sortieren altes Spielzeug aus, reparieren oder verschenken es – und nähern sich so dem Thema nachhaltiger Konsum an. Und sie setzen sich mit ihrer Ernährung auseinander: Was essen wir zum Frühstück? Wie viel Müll fällt dabei an? Und wie sieht es damit aus, wenn wir auf dem Markt oder im Unverpacktladen einkaufen? „Wichtig ist, dass die Kinder Handlungsalternativen kennenlernen“, betont die Expertin.

Leider gilt für viele Kitas: „Sie haben meist wenig Einfluss auf das Gebäude“, sagt Schubert vom Klima-Kita-Netzwerk. Ob das Dach begrünt oder die Außenwand gedämmt wird, können sie nicht selbst entscheiden. Ihre Kollegin Sabrina Ranke berichtet, eine Solaranlage auf dem Dach sei oft noch die Ausnahme. Laut Schubert gibt es bisher nur wenige klimaneutrale Kitas in Deutschland. Mitunter wüssten die Mitarbeitenden nach personellen Wechseln nicht einmal davon. „Hier gibt es Chancen, die noch stärker genutzt werden können.“ Auch auf den Betrieb hätten Kitas mitunter nur begrenzten Einfluss. Einige könnten nicht frei wählen, wie gekocht wird oder welche Speisen auf dem Tisch landen. Mehr Bio? Weniger Fleisch? „Das hängt zum Teil von den Beschaffungsvorgaben und vom Budget ab.“

Die Kita Zuckerrübe in Sulzbach im Taunus gehört zu den wenigen klimaneutralen Einrichtungen bundesweit. Die Photovoltaikanlage auf den Dächern produziert mehr Strom, als die Einrichtung selbst verbraucht und versorgt auch eine Luft-Wasser-Wärmepumpe, die mittels Fußbodenheizung die Räume im Winter heizt und im Sommer kühlt. Und wenn es regnet, fließt das Wasser von den Dächern durch Rohre direkt in eine Zisterne unter der Erde. Damit wird unter anderem die Toilettenspülung betrieben. (Foto: Christoph Boeckheler)

Eine Frage des Geldes

Am Ende ist alles eine Frage des Geldes. Und des politischen Willens. Möglich sei alles, betont Becher von der Sulzbacher Gemeindeverwaltung. Klar lasse sich Klimaschutz bei einem Neubau auf dem Feld einfacher umsetzen. Aber auch alte Gebäude könnten nachträglich mit Zisternen, Photovoltaikanlagen oder Luft-Wasser-Wärmepumpen ausgestattet werden. „Da spielt der Geldfaktor eine wichtige Rolle“, fügt der Bauexperte hinzu. Sulzbach befindet sich im sogenannten Speckgürtel von Frankfurt und steht finanziell besser da als manch andere Kommune.

„Wir sind auch bereit, mehr Geld in die Hand zu nehmen“, sagt Bürgermeister Elmar Bociek (CDU). Seit vielen Jahren würden Nachhaltigkeit und Klimaschutz in der Gemeinde großgeschrieben, quer durch alle Parteien. Seit den 1980er-Jahren sei zum Bespiel vorgeschrieben, dass Neubauten in Sulzbach mit einer Zisterne ausgestattet werden müssen. Und auf allen öffentlichen Gebäuden – Rathaus, Wasserwerk, Bauhof und Schützen-verein – hat die Gemeinde sogenannte Bürgersolaranlagen errichtet. Das Prinzip entspricht einer Genossenschaft: Die Bürgerinnen und Bürger beteiligen sich finanziell an der Anlage, profitieren dafür auch vom Ertrag. „Die Resonanz ist super“, sagt Bociek. „Es gibt sogar eine Warteliste.“

Auch den Bau der Kita hat die Gemeinde komplett selbst in die Hand genommen – und lediglich einen Betreiber gesucht. Schließlich wollten sie das Gebäude bei Bedarf für eine andere Nutzung umwandeln können, berichtet Becher. Zum Beispiel in eine Seniorenresidenz. Sollte es in Sulzbach irgendwann nicht mehr so viele Kinder geben, könnten alte Menschen in die Holzbungalows einziehen – und neben Johannisbeersträuchern ihren Tee trinken.