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Studierende in der CoronakriseKredit aufnehmen oder exmatrikulieren

Die Corona-Pandemie hat viele Studierende in finanzielle Not gebracht. Die Hilfen der Bundesregierung reichen nicht aus. Das trifft besonders Studierende, die nebenbei arbeiten müssen und jetzt ihren Job verloren haben.

17.07.2020 - Ralf Pauli, taz-Bildungsredakteur

So hatte sich Johannes Knoch das Studium nicht vorgestellt. Lange hat der ausgebildete Koch mit sich gerungen, ob er den sicheren Job in der Nürnberger Gastronomie für ein Psychologiestudium in Berlin hinschmeißen soll. Als sein Abischnitt nach 16 Wartesemestern dann endlich für den NC-Studiengang reichte, schrieb Knoch sich an der Humboldt-Universität ein. Acht Monate später muss er feststellen: So nah am finanziellen Abgrund war er zuletzt als Azubi. Die Jazzkneipe, in der der 37-Jährige jobbte, machte Mitte März wegen der Corona-Pandemie dicht. Für BAföG ist der Bachelorstudent zu alt. Seit drei Monaten ist Knoch nun ohne eigene Einkünfte: „Ohne die Hilfe meiner beiden Schwestern würde es nicht gehen“, sagt Knoch.

Mit seinen finanziellen Sorgen steht er nicht allein da. Nach einer repräsentativen Umfrage des Personaldienstleisters Zenjob haben bundesweit 40 Prozent der Studierenden in der Corona-Krise ihren Nebenjob verloren. Und das trifft besonders diejenigen, die keine Hilfe von ihren Familien erhalten. Denn wer studiert, hat kein Anrecht auf Grundsicherung. BAföG wiederum erhalten gerade mal 12 Prozent der Studierenden. Und selbst für die wird es nun – ohne eigenen Zuverdienst – knapp. Denn von der staatlichen Ausbildungsförderung allein können die wenigsten leben. Laut der Zenjob-Umfrage musste sich jeder fünfte Studierende bereits Geld bei Verwandten oder Freunden borgen. Bei 2,9 Millionen Studierenden in Deutschland heißt das, dass derzeit knapp 600.000 junge Menschen Probleme haben, ihre Miete oder ihr Essen zu berappen.

„Erst bei weniger als 500 Euro auf dem Konto die Bedürftigkeit anzuerkennen, ist ein klares Bekenntnis dazu, Studierenden keine Lebensgrundlage zuzugestehen.“ (Jacob Bühler)

Für diese Gruppe hat Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) Ende April schnelle und unbürokratische Unterstützung versprochen. „Mir ist wichtig, dass diese betroffenen Studierenden nun rasch eine Überbrückungshilfe erhalten können“, sagte Karliczek damals. Seit Anfang Mai nun können Studierende ein zunächst zinsloses Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) über bis zu 650 Euro beantragen. Studierende, die weniger als 500 Euro auf dem Konto haben, können seit Mitte Juni für drei Monate Zuschüsse aus Karliczeks Nothilfefonds erhalten; maximal 500 Euro im Monat sind pro Person vorgesehen. Ausbezahlt wird das Geld über die Studentenwerke vor Ort. Der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde, versicherte, die Studierenden könnten das Geld „zum Teil Ende Juni“ auf dem Konto haben.

Viele Betroffene jedoch sind von den Maßnahmen des Bundes enttäuscht. Der studentische Dachverband fzs spricht sarkastisch von „angeblichen Überbrückungshilfen“, die nicht nur zu spät kämen, sondern auch kaum jemandem wirklich weiterhelfen. „Erst bei weniger als 500 Euro auf dem Konto die Bedürftigkeit anzuerkennen, ist ein klares Bekenntnis dazu, Studierenden keine Lebensgrundlage zuzugestehen“, sagt fzs-Vorstandsmitglied Jacob Bühler. Die Realität sei, dass viele Studierende allein für ihre Miete über 500 Euro bezahlen müssten.

„Echte Studi-Nothilfe“ von mindestens einer Milliarde Euro gefordert

Schon zu Beginn des Corona-Lockdowns im März hatten der fzs und weitere Studierendenverbände in einer Online-Petition eine pauschale Soforthilfe über 3.000 Euro pro Person gefordert. Die Forderung blieb im CDU-Bildungsministerium genauso ungehört wie der Vorschlag der Opposition (und des Koalitionspartners SPD) sowie der GEW, das BAföG vorübergehend für Nichtempfängerinnen und -empfänger zu öffnen. Auch die Öffnung der Grundsicherung – also Hartz IV – für Studierende, eine Grünen-Forderung, lehnte die Große Koalition ab. Im Juni riefen Studierendenvertreterinnen und -vertreter deshalb zum bundesweiten Protest auf – zunächst in den Landeshauptstädten, am 20. Juni kamen dann rund 350 Studierende nach Berlin. Vor dem Hauptbahnhof wiederholten sie – unter ihnen auch die GEW-Studis – ihre Kernforderung: eine „echte Studi-Nothilfe“ von mindestens einer Milliarde Euro statt der bislang 100 Millionen Euro, die die Bundesregierung bereitstellt.

Kritik an Karliczek 

Auch die Opposition wirft der Bildungsministerin schwere Versäumnisse vor. „Statt die Studierenden als Zukunft von Bildung, Forschung und Wirtschaft unbürokratisch und schnell zu unterstützen, schließen Sie diese de facto von den Corona-Hilfen aus“, kritisiert die Linksfraktion im Bundestag in einem offenen Brief. Und selbst der Koalitionspartner SPD zeigt mit dem Finger auf Karliczek: „Hätten wir, wie von uns und nahezu der gesamten Fachwelt gefordert, das BAföG befristet geöffnet, gäbe es längst Hilfe für in Not geratene Studierende. Das hat die Bildungsministerin verhindert“, ätzt der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Oliver Kaczmarek.

Auch GEW-Vorstandsmitglied Andreas Keller ärgert sich über die unzureichende Nothilfe für Studierende. „Die Maßnahmen der Regierung greifen viel zu kurz“, sagt Keller. Eine simple Rechnung zeige, dass die 100 Millionen des Nothilfefonds nicht ausreichten, um alle Betroffenen angemessen zu unterstützen. Stattdessen biete die Regierung KfW-Studienkredite an, die es im Grunde schon längst gebe. Der einzige Unterschied: Die Corona-Kredite seien ein Jahr lang zinsfrei. „Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich die Studierenden verschulden müssen“, kritisiert Keller. „Und das, obwohl sie ohne jede Schuld in Not geraten sind.“

„Wie wenig sich die Bundesregierung für die prekären Lebensumstände vieler Studierender interessiert, hat schon die jüngste BAföG-Reform gezeigt.“ (Andreas Keller)

Dass die Große Koalition Selbstständige und Mittelständler gleichzeitig mit Milliardenbeträgen unterstützt, sage viel über ihre politischen Prioritäten aus – oder den Einfluss der jeweiligen Lobby. „Wie wenig sich die Bundesregierung für die prekären Lebensumstände vieler Studierender interessiert, hat schon die jüngste BAföG-Reform gezeigt“, so Keller. Im vergangenen Jahr haben Union und SPD die BAföG-Sätze erhöht. Wegen der stark steigenden Mieten könnten aber auch die neuen Höchstsätze nicht die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten decken, rechnete das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) vor.

Deshalb fordert GEW-Vize Keller die Bundesregierung auf, bei der Corona-Nothilfe dringend nachzubessern und statt der KfW-Kredite Vollzuschüsse zu gewähren, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Selbst viele Hochschulen haben die Probleme ihrer Studierenden erkannt und eigene Nothilfefonds eingerichtet, zum Teil auf Spendenbasis der Dozentinnen und Dozenten, wie an der Uni Marburg. Dennoch befürchtet Keller, dass sich die Untätigkeit der Politik bald in den Exmatrikulationszahlen widerspiegeln wird.

Auch Bachelorstudent Knoch war kurz davor, sein Studium zu schmeißen. Nicht allein wegen seiner finanziellen Sorgen. Auch weil die Hochschule wegen Corona weitgehend geschlossen blieb und sämtliche Kurse nur online stattfinden. „Ich wollte ja auch studieren, um die Stimmung an einer großen Universität zu erleben. Jetzt hocke ich in meinem WG-Zimmer und gucke Vorlesungen auf YouTube.“ Einen Trost hat Knoch allerdings: Die HU Berlin hat wie viele andere Hochschulen bereits angekündigt, das Sommersemester nicht als Fachsemester einzustufen. Ob er die Prüfungen nun mitschreibt oder nicht, ist seine Entscheidung. Nur beim Thema KfW-Kredit hat der Student keine Wahl. „Besser Schulden als zurück in die Gastro.“

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