GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Coronapandemie - eine ZwischenbilanzKein „Weiter so wie bisher“!

Die Corona-Pandemie hat verdrängte und verschleppte Probleme der Bildungspolitik gnadenlos zum Vorschein gebracht. Jede Krise birgt aber auch die Chance, Dinge neu zu denken, Fehler zu analysieren und aus diesen zu lernen.

06.04.2021 - Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule

In der Corona-Pandemie kann man den Eindruck gewinnen, das Wohl der Bildungsnation Deutschland hängt an „gerechten“ und „vergleichbaren“ Abiturnoten. Die Reifeprüfungen korrekt umzusetzen war so wichtig, dass man die Gesundheitsgefährdung der Lehrkräfte sowie der Abiturientinnen und Abiturienten billigend in Kauf genommen hat. Das Thema Bildungsbenachteiligung kam dagegen erst verstärkt auf, als es galt, die Unzufriedenheit der Beschäftigten mit dem unzureichenden Infektionsschutz an den Schulen abzuwehren. Strukturen, die zu einer Verfestigung sozialer Ungleichheit führen, wurden dagegen weiterhin nicht in Frage gestellt.

In vielen bildungspolitischen Feldern sind nun Neujustierungen notwendig, um die Bildung krisenfest zu machen:

1.  Digitalisierung

Den Digitalpakt und dessen Erweiterungen hat die GEW grundsätzlich begrüßt. Junge Menschen wachsen in einer digitalisierten Welt auf, digitale Medien spielen eine entscheidende Rolle in ihrer Sozialisation und in den Jugendkulturen. Die Schule steht in der Verantwortung, die Heranwachsenden zu unterstützen, die Entwicklungen mitzugestalten und verantwortungsbewusst mit digitalen Medien umzugehen. In der Pandemie hat sich allerdings gezeigt, dass in der Nutzung digitaler Medien und Tools nicht nur Chancen liegen, sondern dass auch die Gefahr neuer sozialer Gaps besteht. Die Politik hat auf die ungleiche Ausstattung der Lernenden mit digitalen Endgeräten mit einem Sonderprogramm reagiert. Das war gut und richtig. Allerdings war die Umsetzung des Programms wieder von Ausschlüssen und Diskriminierungen geprägt: Geflüchtete Kinder und Jugendliche waren nicht mitbedacht worden, ebenso die besonderen Bedürfnisse der Lernenden mit Behinderungen und Unterstützungsbedarf. Auch kamen nicht alle Endgeräte, die gebraucht wurden, an den Schulen an.

Insgesamt läuft die Umsetzung des -Digitalpaktes schleppend. Geteilte Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen führen zu erheblichen Reibungsverlusten. Schulen, die ohnehin abgehängt sind und in armen Kommunen liegen, drohen den Anschluss zu verlieren. Versprechen, dienstliche Endgeräte zu stellen, Fortbildungen anzubieten sowie Hard- und Software durch IT-Experten zu administrieren, werden meist nicht eingehalten. Hier muss die Kooperation zwischen den verschiedenen Entscheidungs- und Verwaltungsebenen dringend verbessert werden.

In der politischen Debatte wird dagegen häufig so getan, als könnte man alle Herausforderungen vom Lehrkräftemangel bis zur großen Heterogenität der Lerngruppen digital lösen.

Indes sind Tablets und digitale Lernprogramme natürlich kein Allheilmittel gegen die vielfältigen Probleme im System Schule. In der politischen Debatte wird dagegen häufig so getan, als könnte man alle Herausforderungen vom Lehrkräftemangel bis zur großen Heterogenität der Lerngruppen digital lösen. Ein massiv von der Digitalwirtschaft beworbenes Zauberwort heißt in diesem Zusammenhang „Learning Analytics“. Da die Aufgabenformate hier meist einem Richtig-Falsch-Schema folgen und die Programme auf Motivationskonzepte des Reiz-Reaktions-Lernens setzen, bewirken sie das Gegenteil dessen, was mit der Nutzung der kreativen Angebote und Kommunikationsformen des neuen, digitalen Zeitalters möglich wäre. Hinzu kommen Verhaltenskontrollen durch die Erfassung von Metadaten wie Bearbeitungsdauer und Aufmerksamkeitsspanne. Abgesehen von der Problematik einer solchen Datenerhebung geht es dabei wohl in erster Linie um die Kontrolle und Optimierung des „Humankapitals“ und nicht um die Bildung kritisch denkender und kreativer junger Menschen.

Viele Lehrkräfte haben in der Verschränkung digitaler und analoger Methoden kreative Unterrichtsideen entwickelt.

Die Gleichsetzung von Fernunterricht mit dem Lernen mit digitalen Mitteln ist ebenfalls sehr einseitig. Sie suggeriert, dass Lernen auf Distanz nur digital möglich sei. Dabei lernten und lernen Kinder und Jugendliche schon immer auch zu Hause mit analogen Mitteln wie Büchern, Papier, Bleistift und Anschauungsmaterial. Wesentliche Kennzeichen guten Unterrichts sind der Methodenmix und die Einbeziehung der Umwelt außerhalb der Schule. Wie viel biologisches und ökologisches Wissen kann man bei einem Waldspaziergang oder im Stadtpark erwerben? Gerade hierbei ist eine gute Mischung von analogem Erleben und dem Einsatz digitaler Hilfsmittel besonders fruchtbar. Mit dem Smartphone und entsprechenden Apps lassen sich Pflanzen und Tiere bestimmen, Sammlungen anlegen und Wissen recherchieren. Viele Lehrkräfte haben in der Verschränkung digitaler und analoger Methoden kreative Unterrichtsideen entwickelt. Der Austausch und die Förderung dieser Konzepte trägt wesentlich mehr zur Bildung der jungen Menschen bei als die kritiklose Übernahme der Tools aus der Digitalindustrie.

Zu überprüfen ist, ob die Angebote auf den diversen Lernplattformen barrierefrei sind, durchgängige Sprachbildung berücksichtigen und Differenzierungen beinhalten. Auch hier will die GEW zum Erfahrungsaustausch beitragen. In dem Bundesforum „Bildung in der digitalen Welt“ werden die Expertisen der GEW-Bundesausschüsse und -Landesverbände zusammengetragen und in die öffentliche Debatte eingebracht.

2.  Gemeinsames Lernen – Inklusion

Eine weitere Erfahrung aus der Pandemie ist, dass eine gute Qualität inklusiven Unterrichts hilfreich war, alle Kinder und Jugendlichen während der Schulschließungen im Distanzunterricht zu erreichen. Gründe dafür sind, dass inklusive Schulen Unterrichtskonzepte entwickelt haben, die einerseits auf die Selbstverantwortung und das selbstständige Lernen setzen und andererseits der Verschiedenheit der Lernenden Rechnung tragen. Hilfreich sind offene Aufgaben, die gemeinschaftlich und auf verschiedenen Niveaus bearbeitet werden können. Statt aber die schulische Inklusion massiv zu fördern, konnte es der Politik nicht schnell genug gehen, ihre althergebrachten Vorstellungen von Klassenarbeiten, Frontalunterricht und Stoffhuberei wiederherzustellen.

Es wurde sogar massiv versucht, den Eindruck zu erwecken als seien Bildungsbenachteiligungen erst mit der Pandemie entstanden. Wie wenig wirklich an alle Schülerinnen und Schüler gedacht wurde, wird allein daran deutlich, dass man Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf zunächst einmal komplett vergessen hatte. Auch an Kinder und Jugendliche, die dabei sind, die Zielsprache Deutsch zu erwerben, wurde nicht gedacht. Hier waren die Kinder im Vorteil, die an einer inklusiv arbeitenden Schule lernen. Sie gehören zu ihrer Klasse und werden selbstverständlich mitgedacht. Das Thema Schulstruktur und Inklusion muss deshalb nach der Pandemie unbedingt verstärkt in die politische Debatte eingebracht werden.

3.  Ausstattung der Schulen

Überdeutlich wurde, wie fatal sich das Sparen an der Bildung auswirkt. Zu Beginn der Pandemie konnten Hygienepläne nicht eingehalten werden, weil es in den Schulen an elementaren Dingen wie fließendem Wasser, Seife und Tüchern fehlte. Lüftungsvorgaben konnten aufgrund maroder Fenster nicht umgesetzt werden. Das Unterrichten in kleineren Gruppen scheiterte an fehlendem Personal und fehlenden Räumen. All diese Defizite mussten von Schulleitungen, Lehrkräften, Eltern sowie den Schülerinnen und Schülern kompensiert werden. Klar ist, auf allen Ebenen muss mehr Geld für die Schulen zur Verfügung gestellt werden. Ein Masterplan gegen den Fachkräftemangel ist ebenfalls überfällig.

4.  Kinderarmut und häusliche Gewalt

Das Leid von Kindern aus Armutsverhältnissen und aus psychosozial belasteten Familien wird während der Pandemie verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert. Die Politik nahm dieses Problem zum Anlass, auf Schulöffnungen ohne ausreichenden Infektionsschutz zu setzen. Ganz so, als sei das Problem, dass immer mehr Kinder familiärer Gewalt und Vernachlässigung ausgesetzt sind, erst mit der Pandemie entstanden und könnte durch Präsenzunterricht gelöst werden. Aber schon vorher gab es nur wenige Konzepte des umfassenden Kinderschutzes und der systemischen Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule. Die Jugendhilfe unterliegt seit Jahren den gleichen Sparzwängen wie die Bildungseinrichtungen. Die Mittel müssen aufgestockt und Konzepte einer besseren, systematischen Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe entwickelt werden.

Die Richtschnur für die Maßnahmen in der Schule sollen nach Ansicht der GEW die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sein. Dafür schlägt die GEW ein Fünf-Punkte-Programm vor:

5-Punkte-Programm zum Gesundheitsschutz an Schulen
Ab der 5. Klasse muss das gesellschaftliche Abstandsgebot von 1,5 Metern gelten. Dafür müssen Klassen geteilt und zusätzliche Räume beispielsweise in Jugendherbergen gemietet werden.
Um die Schulräume regelmäßig zu lüften, gilt das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes. Können die Vorgaben nicht umgesetzt werden, müssen sofort entsprechende Filteranlagen eingebaut werden.
Die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler muss endlich beschleunigt werden. Flächendeckend müssen eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur geschaffen und IT-Systemadministratoren eingestellt werden. Zudem müssen die Länder Sofortmaßnahmen zur digitalen Fortbildung der Lehrkräfte anbieten.
Für die Arbeitsplätze in den Schulen müssen Gefährdungsanalysen erstellt werden, um Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler besser zu schützen.
Transparenz schaffen: Kultusministerien und Kultusministerkonferenz müssen zügig ihre Planungen umsetzen, wöchentlich Statistiken auf Bundes-, Landes- und Schulebene über die Zahl der infizierten sowie der in Quarantäne geschickten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen. „Wir brauchen eine realistische Datenbasis, um vor Ort über konkrete Maßnahme zu entscheiden“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.

Nach der Pandemie sind in vielen bildungspolitischen Feldern Neujustierungen notwendig. (Foto: StockSnap)

Fazit

Lehrende und Lernende brauchen jetzt Zeit, Erfahrungen auszutauschen, Versäumtes nachzuarbeiten und miteinander über das Erlebte ins Gespräch zu kommen. Was sie nicht brauchen, sind Stoff- und Prüfungsdruck sowie das Lamento von der „verlorenen Corona-Generation“. Viele Kinder und Jugendliche haben Neues und Anderes gelernt. Sie waren und sind natürlich auch psychisch durch die Corona-Krise belastet. Sie brauchen Unterstützung und Empowerment – und keine Defizitorientierung. Das ständige Jammern vom „verpassten Stoff“ negiert die pädagogischen Anstrengungen der Lehrkräfte und stempelt eine ganze Generation Lernender zu „Losern“.

Jetzt ist entscheidend, dass sich die GEW als bildungspolitischer Profi anbietet und die berechtigten Forderungen mit konkreten pädagogischen und bildungspolitischen Ideen und Konzepten verbindet.

Nach der Pandemie werden der Verteilungskampf um Ressourcen sowie der Wunsch nach „Normalität“ eine neue Qualität erreichen. Hier ist die GEW gefragt, sich massiv einzumischen. Schon jetzt drängen Stiftungen und Unternehmen verstärkt in die Debatte. Sie werden gerne angehört, weil sie einfache und verständliche Lösungen anzubieten haben. Die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften wird von der Politik eher als anstrengend empfunden, weil diese Forderungen stellen, die Geld und Personal kosten.

Jetzt ist entscheidend, dass sich die GEW als bildungspolitischer Profi anbietet und die berechtigten Forderungen mit konkreten pädagogischen und bildungspolitischen Ideen und Konzepten verbindet. Dabei hilft das Alleinstellungsmerkmal der GEW: Sie organisiert Beschäftigte aus allen Bildungsbereichen und kann die verschiedenen Perspektiven optimal miteinander verbinden. Sie hat ein klares Konzept, was unter Bildung zu verstehen ist und wie eine strukturelle Veränderung des Schulsystems aussehen muss.