Sie sind hier:

"Jetzt weiß ich, dass man selber verarschen muss"

06.09.2017

Hamburg verzeichnet statistisch einen deutlichen Rückgang der Fallzahlen von Jugendkriminalität. Hört man sich bei Praktikern um, nehmen gefährliche Körperverletzungen an Hamburger Schulen jedoch zu.

Der Streit um ein HSV-Trikot war der Auslöser: Aron war zwölf Jahre alt, als er zum ersten Mal zuschlug. „Manchmal muss man das machen“, erklärt der heute 16-Jährige. „Als ich noch klein war, wurde ich immer verarscht. Jetzt weiß ich, dass man selber verarschen muss. Dann geht alles viel besser.“ Seine Ehre sei ihm wichtig, betont Aron, „sonst verliert man seinen Ruf“. Seine Eltern interessierten sich nicht für seine Probleme und verlangten, dass er funktioniere. „Überall nur Stress“, klagt der Teenager aus dem Hamburger Osten.

Jugendgewalt ist kein neues Phänomen. Mal wächst das Interesse wie in den 90er Jahren, als immer wieder Jugendgangs Schlagzeilen machten; dann wird es wieder stiller. Rund 22.600 tatverdächtige Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren weist das Statistische Bundesamt für 2016 aus. Das sind deutlich weniger als im Jahr des bisherigen Höchststandes 2007; damals waren es mit 46.000 mehr als doppelt so viele.

Wie es an Hamburger Schulen ausschaut, ist derweil schwierig zu sagen. Die Schulbehörde veränderte vor zwei Jahren die Melderichtlinie, welche die Schulen verpflichtet, über Gewaltvorfälle zu berichten. Seitdem sind nur noch „gravierende Straftaten“ meldepflichtig – gefährliche Körperverletzungen, Raub und Erpressung, Sexualdelikte sowie Straftaten gegen das Leben. Vergleiche zu früheren Jahren sind damit kaum möglich.

Die GEW Hamburg kritisiert die neue Melderichtlinie. Weil jetzt nur noch die vier schweren Kategorien gezählt werden, habe niemand mehr den Überblick, „was insgesamt und tatsächlich auf den Schulhöfen passiert“, sagt der Personalratsvorsitzende in der Schulbehörde, Roland Kasprzak. Er fordert die Rückkehr zu dem umfassenden alten Meldesystem; ebenso eine bessere Ausstattung mit Schulsozialarbeiterinnen und -sozialarbeitern.

Die Reportage von Peter Brandhorst ist in voller Länge in der Septemberausgabe der „E&W“ veröffentlicht.

Zurück