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Studie „Digitalisierung im Schulsystem 2021“ Eine Kluft mit Folgen

Mit der Coronapandemie gab es zwar einen Technikschub, die digitalen Unterschiede zwischen Schulen sind jedoch groß. Das verstärkt die ohnehin ungleichen Chancen von Kindern und Jugendlichen. Lehrkräfte machen derweil noch mehr Überstunden.

29.09.2021 - Nadine Emmerich, freie Journalistin

Die digitale Spaltung zwischen Deutschlands Schulen ist laut einer Studie der GEW so groß, dass sich die Chancenungleichheit von Schülerinnen und Schülern ohne Gegensteuern weiter verschlechtern wird. Zudem hinkt ein pädagogisch durchdachter Einsatz digitaler Technik und Medien im Unterricht nach wie vor vielerorts hinterher. Laut der repräsentativen Studie „Digitalisierung im Schulsystem 2021“, deren Abschlussbericht die Gewerkschaft am Mittwoch in Berlin vorstellte, gelten nur 12 Prozent der Schulen als digitale Vorreiter. Die meisten fallen mit 33 Prozent in die Kategorie digitale Nachzügler. 29 Prozent sind digitaler Durchschnitt, 26 Prozent digital orientiert.  

Studienleiter Frank Mußmann und Co-Autor Thomas Hardwig von der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Georg-August-Universität Göttingen nannten die Unterschiede zwischen den Schulen mit Blick auf Infrastruktur und Unterricht „gewaltig.“ Die Kluft sei „besorgniserregend“, weil sowohl Lernende als auch Lehrende nur mit praxistauglicher Technik und einer digitalen Schulstrategie die erforderlichen Medienkompetenzen entwickeln könnten.

Mehr Geräte und mehr Unterstützung

Besonders groß sind die Unterschiede bei den Räumlichkeiten der Schulen: Laut Studie arbeiten an Vorreiter-Schulen 72 Prozent der Lehrkräfte in einer Umgebung, die digitales Lehren und Lernen unterstützt, an den Nachzügler-Schulen sind es nur 5 Prozent. 94 Prozent der Lehrkräfte an Vorreiter-Schulen haben zum Unterrichten Zugang zum Internet, aber nur 37 Prozent an Nachzügler-Schulen.

Und während 87 Prozent der Pädagoginnen und Pädagogen an Vorreiter-Schulen digitale Geräte für den Unterricht zur Verfügung haben, sind es bei den Nachzüglern nur 29 Prozent. Mit Blick auf die digitalen Geräte für Schülerinnen und Schüler liegt das Verhältnis bei 89 zu 40 Prozent.

Eine Folge dieser Ungleichheiten zeigt sich beispielsweise, wenn es um das Erkennen von Fake News geht. An Vorreiter-Schulen gaben 62 Prozent der Lehrkräfte an, ihre Schülerinnen und Schüler lernten, wie sie Informationen im Internet prüfen könnten. An den Nachzügler-Schulen sind es dagegen nur 34 Prozent.

Lehrkräfte werden derweil sehr unterschiedlich unterstützt: An Vorreiter-Schulen können sich 90 Prozent an einer digitalen Schulstrategie orientieren, an Nachzügler-Schulen sind es nur 37 Prozent. Dabei zeigte die Studie auch: An Schulen, die sich aktiv mit der Digitalisierung beschäftigen, erleben Pädagoginnen und Pädagogen weniger digitalen Stress.

KMK-Ziel nicht erreicht

Zwar stellten die Wissenschaftler einen pandemiebedingten Digitalisierungsschub an allen Schulen fest, etwa eine bessere digitale Infrastruktur, mehr schuleigene Endgeräte für Schülerinnen und Schüler und eine häufigere Nutzung digitaler Medien für den Unterricht. Das 2016 in der Digitalstrategie der Kultusministerkonferenz (KMK) formulierte Ziel – eine digitale Lernumgebung für alle Schülerinnen und Schüler bis zum Jahr 2021 – sei in den meisten Schulen aber bis heute nicht erreicht.

Nach wie vor wenig verbreitet seien anspruchsvollere Lern- und Lehrformate. So nutzt nur eine Minderheit von 13 Prozent der Lehrkräfte öfters kollaborative Lernformen. Nur bei 10 Prozent der Befragten gehören digitale Klassenarbeiten und Tests zum Schulalltag. Vielmehr geraten 32 Prozent der Pädagoginnen und Pädagogen beim Einsatz digitaler Medien und Techniken an ihre Grenzen, weil sie nicht entsprechend ausgebildet wurden.

Mehr Fortbildungen – vor allem schulintern – gibt es erst seit der Pandemie, und auch hier haben die Vorreiter-Schulen die Nase vorn: 92 Prozent der Lehrkräfte dort sagen, sie würden von ihrer Schulleitung unterstützt, Erfahrungen zum digitalen Lehren und Lernen auszutauschen. An Nachzügler-Schulen liegt diese Zahl bei 49 Prozent. Der Austausch im Kollegium gilt indes als am effizientesten: 86 Prozent gaben zu Protokoll, sie lernten vor allem von anderen Lehrkräften an der eigenen Schule.

„Von einem Viertel sehr stark belasteter Lehrkräfte wird sogar die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden in der Woche überschritten.“ (Frank Mußmann)

Unterm Strich steht unterdessen mit Blick auf die Arbeitsbedingungen für alle Lehrerinnen und Lehrer ein Minus, weil sich ihr Pensum durch die pandemiebedingte Digitalisierung weiter erhöhte. Ihre wöchentliche Arbeitszeit stieg laut Studie um rund 30 bis 60 Minuten. „Von einem Viertel sehr stark belasteter Lehrkräfte wird sogar die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden in der Woche überschritten“, sagte Mußmann.

Einen erhöhten Arbeitsaufwand durch den digitalen Fernunterricht gaben mit 90 Prozent fast alle Lehrerinnen und Lehrer an. 75 Prozent sind auch in der Freizeit ständig in Kontakt mit ihrer Arbeit. Die Wissenschaftler warnten, Lehrkräfte mit sehr geringem digitalen Stress hätten einen Burnout-Wert von 38, Lehrkräfte mit sehr starkem hingegen von 63.  

Arbeitspolitische Empfehlungen

Am Ende ihrer rund 250 Seiten langen Analyse geben die Experten „arbeitspolitische Empfehlungen“. Schulleitungen müssen demnach gezielt Schulentwicklungsprozesse vorantreiben. Die bisherigen Erfahrungen mit dem digitalen Lehren und Lernen müssen ausgewertet und systematisch weiterentwickelt werden. Das selbstgesteuerte Lernen von Lehrkräften und der Austausch des Kollegiums müssen gefördert werden. Um für all das zeitliche Spielräume zu haben, braucht es unter anderem eine Reduktion der Pflichtstunden und den Wegfall von Zusatzaufgaben.

Offensive für mehr Medienkompetenz

GEW-Schulexpertin Anja Bensinger-Stolze forderte eine Strategie- und Qualitätsoffensive für Medienkompetenz an Schulen. Dazu benötigten Schulen mehr Zeit und mehr Fachkräfte. An einigen Schulen sei der Technikstress so hoch, dass die Entwicklung digitaler Kompetenzen sonst untergehe. Lehrkräfte dürften nicht mit zusätzlichen IT-Aufgaben belastet werden, sagte Ralf Becker, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung. Die Digitalpaktmittel für IT-Administratorinnen und -Administratoren müssten endlich an den Schulen ankommen.

Bensinger-Stolze betonte zudem: „Die digitale Spaltung zwischen Vorreiter- und Nachzügler Schulen muss überwunden werden.“ Ungleiche Bildungschancen der Schülerinnen und Schüler könnten die soziale Spaltung in der Gesellschaft vertiefen. „Medienkompetenz ist ein wesentlicher Schlüssel zu politischer, kultureller und gleichberechtigter Teilhabe der Menschen an der Gesellschaft“, fügte Becker hinzu. Mußmann verwies darauf, aus anderen Studien wisse man, dass soziale Unterschiede durch eine entsprechende Digitalstrategie verringert werden könnten.  

„Im Moment ist weitgehend unklar, was die digitale Spaltung verursacht.“ (aus dem Abschlussbericht)

Die Wissenschaftler plädierten darüber hinaus für mehr Forschung: „Im Moment ist weitgehend unklar, was die digitale Spaltung verursacht“ sowie warum manche Schulen erfolgreicher seien und andere weit hinterherhinkten, heißt es im Abschlussbericht. Ungleiche Rahmenbedingungen und schulinterne Haltungen zur Digitalisierung könnten eine Rolle spielen, aber auch praktische Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer digitalen Schulstrategie oder fehlende Förderprogramme. Diese Zusammenhänge seien aufzuklären, um künftig konkretere Handlungsempfehlungen zu geben.

Für die von der Max-Träger-Stiftung und der BGAG-Stiftung Walter Hesselbach geförderte, repräsentative Studie „Digitalisierung im Schulsystem 2021. Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen, Rahmenbedingungen und Perspektiven von Lehrkräften in Deutschland“ wurden im Januar und Februar 2021 insgesamt 2.750 Lehrkräfte der Sekundarstufen I und II in allen Bundesländern befragt. Die Analyse fiel mitten in die Pandemie, so dass der parallele Digitalisierungsschub mituntersucht werden konnte. Erste Ergebnisse waren im Juni in Frankfurt am Main vorgestellt worden.