GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Sinnsuche in der Coronazeit„Was uns eine Pandemie über das Lehren lehrt“

Unzählige Videokonferenzen, gefühlt eine Million Mails täglich - Corona krempelt den Schulalltag um. Eine Grundschullehrerin aus Santiago de Chile berichtet, wie sie gerade in der Krise ihren Beruf neu lieben lernt.

07.07.2020 - Sarah Schuh Douglas

Wie oft kommen wir in der Pause ins Lehrerzimmer und heulen uns bei den Kollegen aus. Was haben wir doch für einen anstrengenden, undankbaren Beruf!

Übermüdet eine Horde wildgewordener Kinder zu bändigen, sich manchmal vor Korrekturen und Elternmails nicht retten zu können und am Freitagabend zu nichts mehr im Stande zu sein, als sich in Jogginghose Netflix und eine Flasche Wein reinzuziehen, weil wir es uns nach dieser anstrengenden Woche ja wohl verdient haben.

Erste Reaktion: Geil, endlich mehr als sechs Stunden schlafen

Mitten in unserem Schimpfen und gelegentlichem Verfluchen unserer Berufswahl werden wir plötzlich von einer Pandemie unterbrochen. Und nichts ist wie vorher. Die Schulen bleiben geschlossen, Schüler und Lehrer in ihren Häusern.

Erste Reaktion: Geil, endlich mehr als sechs Stunden schlafen und im Pyjama ein bisschen Material von der Couch aus vorbereiten, das klingt fast schon zu schön um wahr zu sein!

Schnell wird diese Vorstellung entromantisiert, und es beginnt die Zeit des Covid-Unterrichts.

Unzählige Videokonferenzen mit Kollegen, die man jetzt auch noch bei sich zu Hause im Wohnzimmer ertragen muss und mit anderen, die man am liebsten durch den Bildschirm hindurch drücken würde, weil ihre aufmunternden Worte oder der gemeinsame Kaffee im Lehrerzimmer schon so fester Bestandteil des gewohnten Alltags sind, dass sie jetzt unheimlich fehlen.

Mit einem Witz ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern

Hinzu kommen eine Million tägliche Mails von besorgten Schülereltern oder von Lehrerkollegen, die den Unterschied zwischen „Antworten“ und „Allen antworten“ nicht zu kennen scheinen.

Es werden Aufgaben vorbereitet, Lösungsblätter erstellt, Lernvideos gedreht und dabei wird tief in der Methodikkiste gegraben, um den Lernfortschritt unserer Schüler sicherzustellen und meckernde Eltern zum Schweigen zu bringen.

Und dann sind da noch die Videokonferenzen mit den Schülern, die begeistert ihr selbstgebasteltes Muttertagsgeschenk in die Kamera halten, Anrufe von Kindern, die angeblich eine Frage zu einer Aufgabe haben, doch in Wirklichkeit nur deine Stimme hören wollen, Emails von Zweitklässlern, die doch vor ein paar Monaten erst schreiben gelernt haben und sich nun die Mühe machen, ihrer Lehrerin einen Witz zu schicken, um ihr ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern. Videos, Fotos und Sprachnachrichten von Schülern, die dir sagen, dass du ihnen fehlst und dass sie es gar nicht erwarten können, bis endlich die Schule wieder losgeht.

Und mit einem Mal scheinen die Sorgen und Probleme, denen wir damals in der Pause so dringend Luft machen mussten, nichtig und klein. Auf einmal öffnen sich unsere Augen für das groβe Ganze und uns wird bewusst, was wir wirklich vermissen.

Es sind die strahlenden Kinderaugen, die einen am Montagmorgen freudestrahlend und voller Zuneigung begrüβen, obwohl man doch am Freitag noch richtig schimpfen hatte müssen.

Es ist die Horde von Kindern, die mit ausgestreckten Armen über den Pausenhof auf einen zugerast kommt, als wären seit dem letzen Wiedersehen Monate vergangen, dabei war man nur für eine Unterrichtsstunde in einer anderen Klasse.

Etwas in den Herzen der Kinder verändern

Es sind jene magischen Momente, in denen man vor seiner Klasse steht, es mit einem Mal Klick macht und man sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort fühlt, weil man merkt, dass man nicht nur in den Köpfen dieser kleinen Personen etwas verändert hat, sondern auch in den Herzen.

Plötzlich merken wir, wie wir den Unterrichtsalltag, über den wir uns so oft beschweren, vermissen. Die vielen lustigen und bewegenden Erlebnisse mit den Kindern, die Kollegen, die mit der Zeit zu Freunden werden, das alte Schulgebäude, das man so oft schweren Fuβes betritt und das wohl doch ein Stück Heimat geworden ist.

Ja, vielleicht vermissen wir sogar ein kleines bisschen das laute Kindergeschrei auf dem Schulhof. Und uns wird klar, dass wir den schönsten Beruf der Welt haben.

Zurück