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DGB-HochschulreportBefristung, Teilzeit, unbezahlte Überstunden, Leistungsdruck

Die Hochschulen sind in Sachen Befristung und unfreiwilliger Teilzeitarbeit besonders schlechte Arbeitgeber. Das ist das neue Ergebnis des Hochschulreports, den der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vorgelegt hat.

17.11.2020

Die Beschäftigungsverhältnisse von wissenschaftlichen Beschäftigten an Hochschulen stellen das Normalarbeitsverhältnis insbesondere beim Befristungsanteil geradezu auf den Kopf. Dieser Befund wird nun erneut in zwei Studien, die am Montag als „DGB Hochschulreport“ erschienen sind, bestätigt. 78 Prozent der fast 11.000 befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gaben an, befristet beschäftigt zu sein.

Nach amtlicher Hochschulpersonalstatistik sind mehr als zwei Drittel aller wissenschaftlichen Beschäftigten inklusive der Professorinnen und Professoren befristet beschäftigt, während es bei allen abhängig Beschäftigten nach Zahlen des Betriebspanels des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nur acht Prozent sind. Auch die Beschäftigten in Technik und Verwaltung liegen mit fast einem Viertel Befristung deutlich darüber. Völlig unverständlich ist, dass selbst unter den Lehrkräften für besondere Aufgaben, die für Erledigung von Daueraufgaben in der Lehre beschäftigt werden, immer noch 38 Prozent angeben, befristet beschäftigt zu sein.

Teilzeitbeschäftigung ungewollt

39 Prozent der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und 38 Prozent der Beschäftigten in Technik und Verwaltung arbeiten in Teilzeit. Demgegenüber liegt der Durchschnitt bei allen Beschäftigten mit knapp 29 Prozent deutlich darunter. Dies betrifft in besonderem Maße die Frauen – an Hochschulen wie insgesamt bei allen Beschäftigten. Interessant gleichwohl, dass männliche Wissenschaftler an Hochschulen (ohne Professoren) drei Mal so häufig in Teilzeit arbeiten wie ihre Kollegen im bundesweiten Durchschnitt aller Beschäftigten.

An den Hochschulen ist die Teilzeitbeschäftigung im hohen Maße ungewollt. Unter den befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gaben jeweils mehr als die Hälfte an, dass ihnen keine Vollzeitstellen angeboten worden sind oder dass sie die Qualifizierungsstelle nur als Teilzeitstelle angeboten bekommen haben. Alarmierend sind die hohen Befristungs- und Teilzeitquoten an den Hochschulen im Zusammenhang mit dem überdurchschnittlich hohen Anteil an regelmäßig geleisteten Überstunden. Dies liegt vor allem daran, dass im Rahmen der vertraglichen Arbeitszeit nicht genügend Zeit für die eigene Forschung vorgesehen ist. Das geben 67 Prozent der Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren an und 53 Prozent aller wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erlaubt seit der Novelle von 2016 befristete Beschäftigung neben Drittmittelprojekten nur noch, wenn sie der Qualifizierung förderlich ist. Der DGB-Hochschulreport belegt, dass dies offensichtlich in der Realität der Hochschulen noch lange nicht angekommen ist. Die im Rahmen des DGB-Hochschulreports befragten Doktorandinnen und Doktoranden geben an, im Durchschnitt nur 40 Prozent ihrer Arbeit an der Promotion im Rahmen ihrer vertraglich geregelten Arbeitszeit erbringen zu können. Zehn Prozent geben an, dass sie im Rahmen ihres Arbeitsvertrages überhaupt nicht dazu kommen, zu promovieren.

Leistungsdruck und unbezahlte Überstunden

Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind in Sachen Befristung keineswegs „das Paradies nebenan“ – weder in Bezug auf Befristung noch in Bezug auf ungewollte Teilzeit. Das stellt Ulf Banscherus, einer der Autoren des Reports, fest. Beschäftigte an den Forschungseinrichtungen erleben den Leistungsdruck und die Erwartung, unbezahlt Überstunden leisten zu müssen, sogar als überdurchschnittlich belastend.

Für die GEW resümiert ihr stellvertretender Vorsitzende und Hochschulexperte Andreas Keller: „Der DGB-Hochschulreport zeigt deutlich, wie sehr die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen in Deutschland im Zuge der Expansion von Studierenden- und Beschäftigtenzahlen in den letzten 15 Jahren aus dem Ruder gelaufen sind. Von der GEW-Maxime ‚Dauerstellen für Daueraufgaben‘ sind die Hochschulen weit entfernt. Der Hochschulreport zeigt außerdem, wie sehr die Arbeit an Hochschulen in außertarifliche, scheinselbständige und unbezahlte Beschäftigungen ausgelagert wird, wie hoch der Leistungsdruck von den Beschäftigten erlebt wird und wie schlecht sie im Vergleich zu anderen Beschäftigten bezahlt werden. Als Bildungsgewerkschaft im DGB mit dem großen W für Wissenschaft im Namen wird die GEW weiter entschlossen die Interessen der Beschäftigten an Hochschulen und Forschungseinrichtungen vertreten.“

Am 25. November wird die GEW auf ihrer Jubiläumskonferenz „Der Kampf geht weiter – Zehn Jahre Templiner Manifest“ eine weitere Expertise veröffentlichen, die die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft seit 2006 unter die Lupe nimmt und die Wirksamkeit politischer Maßnahmen von Bund und Ländern, Hochschulen und Forschungseinrichtungen evaluiert.