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Coronapandemie - eine ZwischenbilanzAm Rande der Gesellschaft – und der Kräfte

Wer in der Jugendhilfe arbeitet, hat oft kaum eine Wahl: Benachteiligte Kinder, Jugendliche und Familien brauchen Unterstützung – gerade dann, wenn die Zeiten schwierig sind. Und das Arbeiten via Laptop oder Tablet stößt schnell an Grenzen.

12.04.2021 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Alle Welt geht ins Digitale, auch Harald Bischoff bietet für das Gespräch mit der E&W eine Videokonferenz an: „Dann können wir uns auch sehen“, sagt er. Der Sozialarbeiter, 62, drei Jahrzehnte Berufserfahrung, lehnt neue Medien nicht ab. Doch für seine Arbeit sei das „kaum vorstellbar“ – und zwar in allen drei Tätigkeiten: Bischoff begleitet schwer Drogenabhängige, ist ambulanter Betreuer psychisch instabiler Menschen und sozialpädagogischer Familienhelfer. „Was davon sollte ich aus der Distanz machen?“, fragt er, „je mehr Anlaufstellen schließen, desto mehr Gesprächsbedarf gibt es. Und wer ohnehin psychische Probleme hat, erlebt diese weit schlimmer als zuvor.“

Als sozialpädagogischer Familienhelfer ist Bischoff im Sinne des Kinderschutzes unterwegs; um vor Ort genau hinzuschauen, oder als Begleiter, der so lange kommt wie nötig. „Ohne Vertrauen und emotionale Nähe geht das nicht, von beidem geht in Videokonferenzen zu vieles verloren.“ Also setzt sich der 62-Jährige seine Maske auf und geht hinein in die meist nicht gerade großzügig geschnittenen Wohnungen: Er sei „nicht sehr ängstlich“, erklärt er dazu nur, und dass Lüften wichtig, im Winter aber schwierig sei. Ausführlich berichtet er von den Fortschritten, die er erlebt: Die Mutter, mit der er seit zwei Jahren bespricht, wie sie ihre eigenen Grenzen findet und zugleich ihren Kindern welche setzt, habe sich enorm entwickelt: „Zu Beginn war ich zweimal die Woche da, nun nur noch alle 14 Tage. Wenn alles gut geht, kommt sie bald ohne mich zurecht.“

Immense Belastung

Aus Sicht des Familienhelfers wie des Jugendhilfesystems wäre das ein großer Erfolg. Doch zur Wahrheit gehört auch: Bezahlt wird Bischoff für jede Stunde, die er bei der Mutter sitzt, nicht für die Hin- und Rückfahrt, nicht für Gespräche mit dem Jugendamt oder seinem Träger. Und auch nicht für die Zeit, in der er darauf wartet, dass ihm eine neue Familie vermittelt wird. Fragt man ihn, was er sich wünscht, sagt er: „Bessere Arbeitsbedingungen, ganz unabhängig von der Pandemie.“ Und: „Mehr Aufmerksamkeit dafür, was wir leisten.“

„Bei uns arbeitet ein Bereich an vorderster Front, der in den Debatten kaum vorkommt“, erklärt Wera Thomßen. Der Tübinger Träger KIT Jugendhilfe, bei dem sie arbeitet, bietet von Jugendwohngruppen über Schulsozialarbeit bis zur sozialpädagogischen Familienhilfe die ganze Bandbreite an Unterstützung für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Die Belastung sei immens, schildert Thomßen, zuvorderst für jene, die in den Wohngruppen arbeiten: „Die Kolleginnen und Kollegen können nicht aus der Ferne arbeiten. Und sie haben ja auch Angehörige, um die sie sich sorgen.“

„Die Kinder- und Jugendpsychiatrien in und um Tübingen sind voll.“ (Wera Thomßen)

Zugleich beobachten die nahezu 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie Kinder und Jugendliche verlorenzugehen drohen: „Wir hören von Depressionen, von Magersucht und vielem mehr“, sagt Thomßen, und: „Die Kinder- und Jugendpsychiatrien in und um Tübingen sind voll.“ Thomßen leitet den Bereich „Vermittlungs- und Beratungsdienst für Erziehungsstellen“ bei ihrem Träger; das sind pädagogisch ausgebildete Familien, die im Auftrag des Jugendamtes Kinder aufnehmen. „Auch die arbeiten längst an ihren Grenzen“, berichtet sie, „was sie leisten, ist schon ohne Homeschooling beachtlich.“ Deswegen werden sie eng begleitet, ebenso wie die Kinder, die auch in diesen Zeiten den Kontakt zu ihren leiblichen Eltern nicht verlieren sollen. „Das Elternrecht sticht sozusagen Corona“, sagt Thomßen.

„Also sorgen wir für Bedingungen, zu denen diese Treffen möglich sind“, erzählt die Sozialarbeiterin Iska Müller. Sie berät und begleitet bei der KIT Jugendhilfe Tübingen die Familien und ist stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Ihre Arbeit beschreibt sie als stetes Lavieren in dem Feld „So digital wie möglich, so präsent wie nötig“. Einige Erziehungsstellen, Kinder und Jugendliche hätten sich an lange Telefonate gewöhnt: „Manche öffnen sich sogar mehr, wenn sie mich nicht sehen“, erklärt sie. Es gebe aber auch jene, die sagen: „Du kommst gar nicht mehr!“ Da sie sich gegen Besuche in Innenräumen entschieden hat, unternimmt sie Spaziergänge mit Eltern wie Kindern. Kolleginnen und Kollegen, die mit Kinderschutz zu tun haben, hätten sich im ersten Lockdown sogar mit Smileys vor die Fenster der Kinder gestellt und gewunken.

„Es ist ein steter Kampf für Menschen, die unter dem Radar der Öffentlichkeit leben – im Grunde von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denen es ebenso geht.“ (Iska Müller)

All das zerrt an den Nerven: „Was ist kindgerecht, was ist elterngerecht, was mitarbeitergerecht? Seit einem Jahr sind wir im Gespräch: im Sinne der Kinder, unserer eigenen Grenzen, auf der Suche nach flexiblen Lösungen. Das ständige Austarieren ist das Anstrengendste“, so Müller. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KIT-Jugendhilfe wurden, wie die Grund- und Förderschullehrkräfte sowie die Erzieherinnen und Erzieher, in die zweite Priorisierungsgruppe für das Impfen aufgenommen. „Doch was ist mit den Erziehungsstellen und mit den Jugendlichen in den Wohngruppen?“, fragt Müller und sagt: „Im Grunde hätte auch längst ein Impfstoff für Kinder und Jugendliche umfassend getestet werden müssen. Normalität wäre so wichtig.“

Weil es die große Lösung nicht gibt, kämpfen Thomßen, Müller und all die anderen immerfort für Einzellösungen: dafür, dass Kinder in die Notbetreuung dürfen, ein niedrigschwelliger Zugang zum Jugendamt erhalten bleibt und vieles mehr. „Es ist ein steter Kampf für Menschen, die unter dem Radar der Öffentlichkeit leben – im Grunde von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denen es ebenso geht“, konstatiert Müller. Sie appelliert auch an ihre Kolleginnen und Kollegen, sich lauter zu Wort melden: „Sozialarbeiter helfen. Sie gehen zu selten an die Öffentlichkeit.“

Reformen überfällig

In der „Fachgruppe ambulante und stationäre Kinder- und Jugendhilfe“ der GEW Baden-Württemberg ist deswegen stete Herausforderung: Wie schafft man in Zeiten von Rationalisierung und Unsicherheit mehr Sichtbarkeit, bessere Bedingungen und damit gute Bildung, Erziehung und Betreuung für Kinder und Jugendliche, die diese am dringendsten benötigen? Bischoff, der Vorsitzende der Gruppe: „Orte, um gemeinsame Positionen zu entwickeln, sind enorm wichtig.“

Denn zur Realität gehört auch: Einen großen Teil der Arbeit mit denen, die wenig Stimme haben, leisten prekär Beschäftigte, die mit jedem Laut ihren Job riskieren könnten. Karla Gruber etwa äußert sich hier nicht mit ihrem richtigen Namen, weil sie sonst kaum die wenig professionelle Haltung ihres freien Trägers offen ansprechen kann. Sie ist Schulbegleiterin, was normalerweise im Wortsinne bedeutet, eine Schülerin oder einen Schüler mit Behinderung in den Unterricht zu begleiten.

Seit die Schulen für den Präsenzunterricht geschlossen sind, loggt sie sich mit der ganzen Klasse von zu Hause aus ein – sozusagen als eines von mehr als 20 Videokonferenz-Kästchen auf dem Bildschirm. „So kann ich aber nicht helfen“, sagt sie, „ich bin weder Schülerin noch Ersatzlehrerin. Meine Aufgabe ist, einem autistisch veranlagten Schüler zu helfen, sein Lernen zu strukturieren, ihn emotional zu stärken.“ In einem Schulsystem, fügt sie hinzu, das immer noch nicht auf Verschiedenheit ausgelegt ist, sei das umso schwieriger.

Gruber fordert: Ein Träger, der Schulbegleiter vermittelt, sollte in der derzeitigen Lage vernünftige Bedingungen schaffen, in denen Begleitung überhaupt möglich ist: „Im Grunde braucht es gut belüftete, große Räume, in denen wir mit den Schülerinnen und Schülern an verschiedenen Geräten arbeiten können.“ Dafür, fügt sie hinzu, wäre es auch gut, wenn Schulbegleiterinnen und -begleiter nicht – wie sie selbst – eher zufällig eine pädagogische Ausbildung haben: „Bisher gibt es nicht einmal ein professionelles Berufsbild. Gäbe es das, wäre es auch leichter, gegen eine stete Beschäftigung über Halbjahresverträge zu argumentieren.“ Gruber findet, so misslich das Leben in der Pandemie auch sei: „Sie sollte wenigstens als letzter Weckruf betrachtet werden, um ein ganzes Paket überfälliger Reformen anzupacken.“