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Pädagogik und Digitalisierung„Alle Kinder freuten sich“

Nach zwei Monaten Fernunterricht heißt es an einer Berliner Grundschule: „Bei der Planung des kommenden Schuljahres denken wir einen möglichen Lockdown mit und bestellen zum Beispiel Material, das die Kinder zu Hause selbstständig nutzen können."

02.07.2020 - Jürgen Amendt, Redakteur der „Erziehung und Wissenschaft“

Mitte März wurden bundesweit alle Schulen aufgrund der Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie geschlossen. E&W sprach damals mit der Berliner Lehrerin Franziska Böhmer darüber, wie sie und ihre Kolleginnen und Kollegen den Fernunterricht organisiert und mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Seit Mitte Mai findet an der Grundschule wieder Unterricht statt. E&W fragte nach, wie die Schule mit dem Lernen in Corona-Zeiten umgeht.

  • E&W: Wie ist der eingeschränkte Präsenzunterricht an Ihrer Schule angelaufen?

Franziska Böhmer: Als zuerst die 10. Klassen des Förderzentrums kamen, war das ein Testlauf, der gut klappte, sodass dann für die 6. Klassen eine Woche später das gesamte Schulgebäude mit den Hygieneregeln gekennzeichnet wurde. Es gibt einen Eingang, einen Ausgang, die Kinder stellen sich auf dem gekennzeichneten Schulhof auf, werden beaufsichtigt, bis die zuständige Lehrkraft sie abholt und durchs Schulhaus führt. Überall sind Laufrichtungspfeile und Abstandsstreifen, sodass wir uns alle gut orientieren können.

Als die Erstklässler dazu kamen, stellten wir fest, dass sie die Regeln noch viel disziplinierter einhalten können als die Großen. Das war eine Erleichterung. Alle Kinder freuten sich, wieder in die Schule zu dürfen, alle Lehrkräfte und Erzieherinnen freuten sich, die Kinder wiederzusehen. Als dann alle Klassen wieder in die Schule kamen, haben wir die Stundenpläne so organisiert, dass räumlich immer nur eine Klasse in einem Flur ist. Das bedeutet zwar, dass alle Kinder nur 90 Minuten wöchentlich in der Schule sein können, aber es ist zu spüren, dass schon das einen großen Unterschied für alle macht. Die Motivation fürs Homeschooling konnte erneuert werden.

  • E&W: Nur ein Teil der Schülerinnen und Schüler hatte im häuslichen Umfeld gute Bedingungen für digitales Lernen. Macht sich das in Lernrückständen bemerkbar, und wenn ja, wie versuchen Sie, diese Rückstände zu reduzieren?

Böhmer: Da ich von vorneherein nicht auf digitales Lernen gebaut habe, weil nur drei Kinder meiner Klasse dafür ausgestattet sind, sind die Rückstände eher da entstanden, wo die Eltern es nicht geschafft haben, eine Lernumgebung und Struktur zu gestalten. Ein Kind haben wir in der Notbetreuung unterbringen können. Und natürlich werden wir im nächsten Schuljahr daran arbeiten, die Rückstände aufzuholen.

  • E&W: Als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, sagten Sie, dass Sie sich vor allem um die Kinder aus Familien mit großer Schuldistanz Sorgen machen. Wie geht es diesen Kindern heute?

Böhmer: Bei drei Kindern ist eine große Distanz entstanden. Wir sind mit den Eltern in Kontakt. Wirklich einwirken können wir erst nach den Sommerferien. Da wir eine sehr aktive Schulsozialarbeit haben, bin ich optimistisch, dass die Distanz überwunden werden wird, sobald die Schule wieder regelmäßig stattfindet.

  • E&W: Wie haben die Kinder den Lockdown emotional und psychisch verarbeitet?

Böhmer: Die allermeisten Kinder meiner Klasse haben ihn gut verkraftet. In der Schule erlebe ich die Kinder als sehr ernst und konzentriert. Es fehlen ihnen die Freunde zum Spielen, es fehlt der Gruppenrahmen. Vielen ist zu Hause langweilig. Aber mein Eindruck ist, dass die meisten Familien das gut auffangen können.

  • E&W: Wie hat sich Ihre Schule auf einen möglichen neuerlichen Lockdown vorbereitet?

Böhmer: Im Gegensatz zum ersten Lockdown, kennen wir jetzt die Situation. Wir sind im bestmöglichen Kontakt mit den Eltern und Kindern. Wir haben, wenn möglich, digitale Strukturen und Know-how bei den Kindern geschaffen und bauen das weiter aus. Bei der Planung des kommenden Schuljahres denken wir einen möglichen Lockdown mit und bestellen zum Beispiel Material, das die Kinder zu Hause selbstständig nutzen können.

Wichtiger finde ich aber, dass von den Verantwortlichen Strategien und Pläne ausgearbeitet werden, die es uns erlauben, ohne kompletten zweiten Lockdown durch die Krise zu kommen. Wir können aufgrund unseres Konzepts bei einem Corona-Ausbruch punktuell sagen, mit wem die infizierten Kinder Kontakt hatten und sie in Quarantäne schicken, ohne die ganze Schule schließen zu müssen. Ich hoffe sehr, dass der Kultusministerkonferenz klar ist, dass ein normaler Schulunterricht in unnormalen Zeiten nicht möglich ist!

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