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DGB-Index „Gute Arbeit 2021“ Homeoffice – nicht für alle

Die Beschäftigtenbefragung zum DGB-Index „Gute Arbeit 2021“ hat sich mit den Folgen der Corona-Pandemie für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer befasst.

14.01.2022 - Rolf Schmucker, Leiter des Instituts für Gute Arbeit beim DGB

Für die repräsentative Studie wurden 6.400 zufällig ausgewählte abhängig Beschäftigte in Deutschland interviewt. Der Befragungszeitraum reichte von Januar bis Juni 2021, einer Phase die durch hohe Infektionszahlen charakterisiert war.

Der betriebliche Infektionsschutz soll dafür sorgen, dass persönliche Kontakte reduziert, Mindestabstände eingehalten und Schutzmaßnahmen sowie Hygieneregeln eingehalten werden. Aus Sicht der Beschäftigten waren die Maßnahmen, die ergriffen wurden, jedoch nicht immer geeignet, um die Sorge vor einer Ansteckung zu verringern. Knapp ein Viertel der Befragten (24 Prozent) gab an, sich bei der Arbeit gar nicht oder nur wenig vor einer Infektion geschützt zu fühlen.

Deutliche Unterschiede zeigen sich zwischen den Berufsgruppen (Abbildung 1). Am stärksten verbreitet waren Ansteckungssorgen bei Erzieherinnen und Erziehern. In dieser Gruppe fühlten sich 57 Prozent der Befragten schlecht geschützt. Auch bei Lehrkräften (49 Prozent) sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern (46 Prozent) lag dieser Anteil sehr hoch. Wenig überraschend wird das Infektionsrisiko bei solchen Tätigkeiten am höchsten eingeschätzt, bei denen interaktiv, das heißt mit anderen Menschen gearbeitet wird. In diesen Berufen sind persönliche Kontakte kaum zu vermeiden. Wesentlich sicherer fühlten sich Angehörige von Berufsgruppen, bei denen die Arbeit problemlos „auf Distanz“ und in den eigenen vier Wänden geleistet werden konnte. So sahen sich beispielsweise Hochschulkräfte (6 Prozent) deutlich besser vor einer Ansteckung geschützt.

Treiber für Digitalisierung

Wenn dies möglich war, wurden persönliche Kontakte durch digitale Kommunikationsformen ersetzt. Die Corona-Pandemie war ein starker Treiber für die Digitalisierung von Arbeit. Knapp die Hälfte aller Befragten (46 Prozent) berichtete, dass bei ihrer Arbeit während der Pandemie neue Software oder Apps eingesetzt worden seien. Die überwiegende Mehrheit (75 Prozent) gab an, dass die neue Software aufgrund der Pandemie angeschafft worden sei.

Auch bei der Digitalisierung zeigen sich große Unterschiede zwischen verschiedenen Beschäftigtengruppen. Besonders deutlich wird dies, wenn man das Qualifikationsniveau der Tätigkeit betrachtet. Bei Beschäftigten, die einer Hilfs- oder Anlerntätigkeit nachgingen, arbeiteten 21 Prozent mit neuer Software. Auf dem höchsten Qualifikationslevel („hochkomplexe Tätigkeiten“, für die in der Regel ein Hochschulabschluss nötig ist) waren es knapp vier von fünf Beschäftigten (78 Prozent). Neue digitale Arbeitsmittel wurden häufig eingesetzt, um das Arbeiten „auf Distanz“ zu ermöglichen. Wie konsequent dies umgesetzt wurde, hängt ebenfalls stark mit dem Anforderungsniveau zusammen. 17 Prozent der Beschäftigten in Hilfs- und Anlerntätigkeiten berichteten, dass sie die Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzten auf digitale Kommunikation umgestellt hätten. Bei den „hochkomplexen Tätigkeiten“ waren es 79 Prozent.

Arbeiten im Homeoffice nahm zu

Mit der Corona-Arbeitsschutzverordnung vom Januar 2021 wurden Arbeitgeber verpflichtet, den Beschäftigten anzubieten, in der eigenen Wohnung zu arbeiten, „wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen“. Das Ergebnis: Arbeiten im Homeoffice nahm stark zu. Ein knappes Drittel der Befragten (31 Prozent) war seit Beginn der Corona-Pandemie (sehr) häufig zu Hause tätig. Mehr als die Hälfte dieser Gruppe (54 Prozent) hatte vor Pandemiebeginn noch nicht in der eigenen Wohnung gearbeitet. Auch bei der Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, zeigen sich in Abhängigkeit von der beruflichen Tätigkeit große Unterschiede. Während Lehrerinnen und Lehrer (Sekundarstufe) zu 94 Prozent (sehr) häufig im Homeoffice arbeiteten, war es bei den Altenpflegerinnen und -pflegern 1 Prozent, bei Bau- und Verkaufsberufen waren es jeweils 5 Prozent.

Stärkere Arbeitsbelastung

Die Digitalisierung der Kommunikation und das Arbeiten im Homeoffice reduzierten die Ansteckungsgefahr. Sie sind jedoch nicht automatisch mit einer niedrigeren Arbeitsbelastung verbunden. Persönliche Kontakte durch digitale Kommunikation zu ersetzen, wurde von gut einem Drittel (35 Prozent) als zusätzliche Belastung empfunden. Lediglich 8 Prozent sahen sich durch diese Veränderung bei ihrer Arbeit entlastet.

Ähnlich sind die Bewertungen der Befragten beim Thema Homeoffice. Ein Drittel (32 Prozent) nahm im Homeoffice eine stärkere Arbeitsbelastung wahr, 15 Prozent erlebten weniger Stress. Die Belastungssituation hängt stark mit den Merkmalen der Arbeitssituation zusammen: Wenn Kinder zu betreuen sind, die Wohnung für die Arbeit nicht geeignet ist und es keine ausreichende Schulung und technische Unterstützung für die Verwendung neuer digitaler Arbeitsmittel gibt, war die Mehrbelastung noch deutlich stärker.

Große Ungleichheit

Der Digitalisierungsschub und die Ausbreitung des Homeoffice während der Pandemie werden häufig als Vorboten einer neuen Arbeitswelt verstanden. Die Corona-Zeit wird als Experimentierphase für neue Formen der Zusammenarbeit gesehen, die nach Ende der Pandemie in ein „neues Normal“ der Arbeit münden soll. Mobiles, flexibles Arbeiten und eine größere Selbstbestimmung der Beschäftigten sollen wesentliche Merkmale der neuen Arbeitswelt sein.

Die Ergebnisse des DGB-Index „Gute Arbeit“ machen zweierlei deutlich. Zum einen zeigen sie, dass neue digitale Technik nicht automatisch zu besseren Arbeitsbedingungen führt. Entscheidend sind die Rahmenbedingungen, unter denen die Technik genutzt wird. Diese wurden während der Pandemie nur nachrangig behandelt. Wenn das „neue Normal“ zu guten Arbeitsbedingungen führen soll, wird es darauf ankommen, die Interessen der Beschäftigten frühzeitig in die Arbeitsgestaltung einzubeziehen. Neben der technischen und ergonomischen Ausstattung geht es vor allem um die Stärkung der Beschäftigten bei der Selbstbestimmung in ihrer Arbeit und den Schutz vor einer Entgrenzung der Arbeitszeiten.

Die große Ungleichheit in der Arbeitswelt, die während der Pandemie verstärkt zutage getreten ist, macht zum anderen darauf aufmerksam, dass es neben einer möglichen neuen Normalität auch künftig weiterhin eine „alte Normalität“ geben wird, in der mobile Arbeit keine große Rolle spielt. Auch während der Pandemie waren mehr als 60 Prozent der Beschäftigten ausschließlich an ihrem betrieblichen Arbeitsplatz tätig. Ein einseitiger Fokus auf die Gruppe der mobilen, meist höherqualifizierten Beschäftigten birgt die Gefahr, dass Belegschaften fragmentiert werden. Das Ziel, mehr Flexibilität, Selbstbestimmung und Arbeitszeitsouveränität zu erreichen, gilt für alle – auch und gerade für Beschäftigtengruppen, denen es nicht möglich ist, ihre Arbeit zu Hause zu erledigen.