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Reform der Lehrkräfteausbildung

Es ist kompliziert

Die Lehrkräfteausbildung hinkt inhaltlich gesellschaftlichen Veränderungen hinterher. Auch angesichts des Fachkräftemangels sind Reformen dringend notwendig.

Die Ausbildung zur Lehrerin oder zum Lehrer ist in jedem Bundesland anders strukturiert. Diese Unübersichtlichkeit behindert die Qualitätsentwicklung im Lehrberuf. (Foto: IMAGO/H. Tschanz-Hofmann)

Inklusion, Integration Geflüchteter, Ganztagsbeschulung, Digitalisierung und Medienbildung – die Stichwortliste ist lang: Jedes Jahr werden die Herausforderungen an Schulen größer, während zugleich Zehntausende Lehrkräfte fehlen. Das macht die von vielen Seiten erhobene und mehrheitlich konsensfähige Forderung, die zweiphasige Ausbildung zu reformieren, immer dringlicher. Zum einen muss diese inhaltlich an veränderte Bedingungen angepasst werden, zum anderen müssen mehr Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden.

Lehrkräftemangel und Lehrkräftebildung hängen unmittelbar zusammen: „Die Bundesländer haben es versäumt, die Zahl der Studienplätze ausreichend zu erhöhen. Zugleich ist der Numerus clausus (NC) in einigen Ländern so hoch, dass viele Interessierte keinen Studienplatz bekommen“, sagt GEW-Vorstandsmitglied und Schulexpertin Anja Bensinger-Stolze.

„Das Studium selbst ist nicht ausreichend an gesellschaftlichen Anforderungen orientiert.“ (Maik Walm)

„Das Studium selbst ist nicht ausreichend an gesellschaftlichen Anforderungen orientiert“, ergänzt Maik Walm vom Institut für Schulpädagogik und Bildungsforschung der Universität Rostock. Der frühere GEW-Co-Vorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern und die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Doris Wittek von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg arbeiten und forschen seit langem gemeinsam zur Lehramtsausbildung. Eine aktualisierte Fassung ihrer von der Max-Traeger-Stiftung geförderten Studie „Lehrer_innenbildung in Deutschland“ (2014) erscheint im Herbst.

„Einzelinteressen der Länder behindern die Qualitätsentwicklung.“

Schon seit Jahren wird über Veränderungen der Ausbildung diskutiert – die in den Bundesländern unterschiedlich lang ist, zahlreiche Studiengänge und Abschlüsse umfasst und zig Fächerkombinationen zulässt. Seit 2015 fördern Bund und Länder Reformen daher mit der millionenschweren „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“. Doch es ist kompliziert. Jedes Land regelt den Weg zum Lehrberuf selbst, meist sind zwei Ministerien zuständig, da es um Schulen und Hochschulen geht. Und auch letztere reden mit. Walm weiß: „Einzelinteressen der Länder behindern die Qualitätsentwicklung.“

Trotz grundsätzlichen Konsenses sei vieles strittig, erklärt Bensinger-Stolze. Ein Beispiel: Während die GEW im Kontext einer „Schule für alle“ die Ausbildung für verschiedene Lehramtstypen stärker zusammenfassen und nicht mehr an Schulformen, sondern Klassenstufen orientieren will, halten einige Länder und Verbände etwa an der gymnasialen Lehramtsausbildung fest.

Studierende besser begleiten

Reformvorschläge gibt es viele. Während ihres Gewerkschaftstages 2017 in Freiburg im Breisgau verabschiedete die GEW 13 Seiten umfassende Leitlinien. Weitere Forderungen formuliert die Gewerkschaft in ihrem „15-Punkte-Programm gegen den Lehrkräftemangel“, von der Steigerung der Attraktivität des Lehrberufes über eine bessere Begleitung der Studierenden bis zur Stärkung des Vorbereitungsdienstes 

Die Standardklage, das Studium sei zu praxisfern und bereite zu wenig auf den Beruf vor, weist Walm indes zurück. „Das ist ein Missverständnis, das Studium dient der wissenschaftlichen Grundlegung.“ In der ersten Phase würden theoretisches Wissen vermittelt und Praxiserfahrungen reflektiert. Erst im Vorbereitungsdienst, der zweiten Phase, gehe es hauptsächlich darum, wissenschaftsbasiertes Unterrichten praktisch zu entwickeln. „Man kann aber hinterfragen, ob alle Fachinhalte ins Studium gedrückt werden müssen.“

Auch der Rostocker Erziehungswissenschaftler fordert jedoch, Studierende kontinuierlich und qualifizierter in ihren Praxisphasen zu begleiten. „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen die Gelegenheit und Bereitschaft haben, die Erfahrungen der Studierenden mit diesen ausführlich zu reflektieren. Davon sind wir meilenweit entfernt.“

Zwar wurden in den vergangenen Jahren die Schools of Education eingeführt. Die meist an den Universitäten angesiedelten Einrichtungen sollen die Zusammenarbeit mit Schulen sowie die Betreuung der Studiengänge verbessern. Allerdings gilt auch hier: Umsetzung und Organisation variieren von Land zu Land.

Debatte um Ein-Fach-Lehrkräfte

Unterdessen rückt mit dem Fachkräftemangel der Vorstoß zur Abkehr von der Zwei-Fach-Lehrkraft wieder in den Fokus. Deutschland ist mit diesem Modell international eine Ausnahme, in vielen Ländern werden Sekundarlehrkräfte nur für ein Fach ausgebildet. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz (KMK) empfahl im Januar dieses Jahres angesichts der immer zahlreicheren Quer- und Seiteneinsteigenden, den verstärkten Einsatz von Ein-Fach-Lehrkräften zu prüfen.

Kritikerinnen und Kritiker geben indes zu bedenken: Da Schulen bisher auf Lehrkräfte mit zwei Fächern ausgerichtet seien, könne dies organisatorisch kompliziert werden. Zudem stellten sich tarifliche Fragen der Gleichbehandlung: Bundesländer könnten Ein-Fach-Lehrkräfte möglicherweise schlechter bezahlen. Einen GEW-Beschluss zu dem Thema gibt es noch nicht. Bensinger-Stolze lehnt Quer- und Seiteneinsteigende mit nur einem Fach nicht ab, plädiert aber für die Möglichkeit, sich mit einem zweiten Fach weiter zu qualifizieren. „Man hat pädagogisch mehr Möglichkeiten und ist flexibler einsetzbar.“

„Was die KMK beschließt, ist in den Ländern oft nicht finanzierbar oder passt nicht zu den bestehenden Strukturen.“

Allmählich kommt auch Bewegung in die KMK. Im März verabredeten die Länder als Reaktion auf den Mangel zwölf – teils vage – Maßnahmen. Unter anderem sollen die Lehramtsstudiengänge gemeinsam mit den Hochschulen bedarfsbezogen weiterentwickelt werden. Für die Qualifizierung der Quer- und Seiteneinsteigenden sind bundesweite Standards geplant. Was wann umgesetzt wird, ist offen. „Was die KMK beschließt, ist in den Ländern oft nicht finanzierbar oder passt nicht zu den bestehenden Strukturen“, sagt Walm.

Wie starr das System ist, zeigt auch seine aktualisierte Dokumentation für die GEW. Der Aspekt Quer- und Seiteneinstieg sei voraussichtlich der einzige, bei dem sich in den vergangenen neun Jahren etwas geändert habe, sagt Walm – und auch nur insofern, dass das Thema „politisch mehr Priorität bekommen hat“.