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Zusätzliche Ressourcen für zusätzliche Aufgaben

Die Situation an den hessischen Schulen stand im Mittelpunkt des GEW-Bildungskongresses "Gute Bildung! Positionen, Konzepte, Forderungen" in Frankfurt. Dabei wurde deutlich: An einer besseren finanziellen Ausstattung führt kein Weg vorbei.

06.06.2017 - Norbert Glaser

Wie kann die Ganztagsschule ihren Anspruch erfüllen? Welche pädagogische Ausbildung setzt die inklusive Schule voraus? Was benötigen Lehrerinnen und Lehrer an interkulturellen Kompetenzen, um Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft zu fördern? Etwa 170 Pädagoginnen und Pädagogen – unter ihnen die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe – berieten am 31. Mai im Haus Gallus und der benachbarten Paul-Hindemith-Schule ihre Forderungen an die Landesregierung. So verschieden die Antworten, in einem bestand Einigkeit: Zu der 2008 von Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgerufenen "Bildungsrepublik" ist es noch ein weiter Weg.

"Von gleichen Bildungschancen für alle sind wir in Hessen noch weit entfernt", sagte die hessische GEW-Landesvorsitzende, Birgit Koch. "Es gibt in Hessen keine Ganztagsschulen, die diesen Namen verdienen. Der Mangel an Lehrerinnen und Lehrern ist eklatant. Bei den Pflichtstunden liegen die hessischen Lehrkräfte bundesweit ganz vorne. Wir bekommen immer mehr Aufgaben aufgebürdet, ohne dass die entsprechenden Ressourcen bereitgestellt werden." Das Ergebnis seien Krankheit und Resignation bei vielen Pädagoginnen und Pädagogen: "Überall fehlt uns die Zeit. Wir können den Schülerinnen und Schülern oft nicht die Aufmerksamkeit geben, die nötig wäre, um sie bestmöglich zu fördern."

 

"Jede Aufwertung der Arbeit im Bildungssektor kostet Geld. Dafür gilt es bei der kommenden Bundestagwahl zu kämpfen." (GEW-Vorsitzende Marlis Tepe)

 

 

Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe rollte das Thema von der anderen Seite auf: "Wie stellen wir uns gute Bildung vor? Wie muss die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer verbessert werden, damit Bildung optimal gelingt." Was heißt das mit Blick auf die Schulgebäude? Sie sah die Lehrkräfte in einem "Umsetzungsdilemma" gefangen: "Die meisten Pädagoginnen und Pädagogen haben sehr hohe Ansprüche an ihre Arbeit. Nur sind die Rahmenbedingungen leider nicht so, dass sich diese in ihrem Schulalltag auch realisieren lassen." Mehr Qualität in der Bildung bedeute deshalb vor allem auch gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. "Jede Aufwertung der Arbeit im Bildungssektor kostet Geld. Dafür gilt es bei der kommenden Bundestagwahl zu kämpfen."

Die GEW fordert nichts weniger als einen Kurswechsel in der Bildungspolitik. Dazu hat sie detaillierte Vorschläge unterbreitet, wie sich höhere Bildungsausgaben finanzieren lassen. Der Staat müsse sich steuerpolitisch so aufstellen, dass er seine Aufgaben auch erfüllen kann. Bildung sei der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Dazu hat die GEW ein Finanzierungskonzept und Berechnungsgrundlagen für jedes Bundesland vorgelegt. In der Vergangenheit sei manche Verbesserung gelungen, doch das reiche nicht aus.

Kooperationsverbot muss fallen!

Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern müsse fallen, verlangte Tepe. Sie forderte ein vom Bund finanziertes Programm im Umfang von 3,5 Milliarden Euro pro Jahr für die Dauer von einer Dekade, um den Sanierungsstau bei den Schulen abzubauen. "Die bildungspolitischen Inhalte müssen sich in den Gebäuden widerspiegeln", betonte auch Koch. "Container dürfen nicht die Dauerlösung sein, um fehlende Schulgebäude zu kompensieren, Inklusion nicht an fehlenden Aufzügen scheitern oder an fehlenden Räumen für die Kleingruppenarbeit." Schulgebäude müssten so beschaffen sein, dass Bildung optimal gelinge.

Vor allem müssten sie in öffentlicher Hand bleiben, betonte der Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Tim Engartner von der Goethe-Universität Frankfurt. Die Ökonomisierung der Bildung nannte er einen Irrweg. Kinder würden zu Kunden gemacht. Betriebswirtschaftliches Denken dominiere, wo es doch eigentlich um ein öffentliches Gut gehe. Privatfirmen übernähmen - siehe Landkreis Offenbach - im Rahmen von Public Private Partnerships die Schulgebäude. Und in den Klassenzimmern finde ein Kampf um die Köpfe der Kinder statt. Die Digitalisierung sei hier das zentrale Einfallstor. Alle großen Konzerne gingen inzwischen mit eigenen Unterrichtsmaterialien hausieren. Hinzu kämen scheinbar neutrale, aber wirtschaftsnahe Lobbygruppen wie die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", die in ihren Handreichungen offen gegen das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes opponieren.

Soziale Spaltung verhindern

Engartner sprach von hochgradig bedenklichen Prozessen. Es sei ein Alarmsignal, wenn Schülerinnen und Schüler Wissen nur noch unter dem Primat der Verwertbarkeit sähen. Engartner verwies auf die steigende Zahl von Privatschulen, in der mittlerweile jeder zehnte Schüler unterrichtet werde. Diese verringerten die soziale Spaltung in der Bildung nicht. Wohin die ungehemmte Privatisierung führe, zeige Großbritannien. Dort würden Privatfirmen vielerorts nicht mehr nur die Gebäude betreiben, sondern auch administrative Aufgaben übernehmen.

Die Paul-Hindemith-Schule beweist, dass Pädagoginnen und Pädagogen auch in einem schwierigen Umfeld ihren Bildungsauftrag realisieren. Das zeigen für Schulleiter Matthew George die steigenden Anmeldezahlen. Aber: "Schule darf nicht zum Auffangbecken für alles werden, was in der Bildung angeschwemmt wird." Gerne wäre die hessische GEW darüber auch mit den Bildungspolitikern der schwarz-grünen Landesregierung ins Gespräch gekommen. Doch der Minister konnte nicht und sein Staatsekretär sagt kurzfristig ab, bedauerte Hessens stellvertretende Landesvorsitzende, Maike Wiewald. Auf die als Ersatz angebotene Abteilungsleiterin habe man verzichtet.

Wohin die Reise geht, zeigten die Anwesenheit von Jan Voß (Elternbund Hessen) und Fabian Pflume (Stellvertretender Landesschulsprecher) bei der Tagung. Auf Landes- wie auf Bundesebene arbeitet die GEW am Aufbau von bildungspolitischen Bündnissen, mit deren Hilfe das Thema Bildung bei den kommenden Wahlen nach vorne gebracht werden soll. Denn der Kampf ums Geld wird angesichts stets knapper Finanztöpfe hart werden. Schließlich verlangen auch Infrastruktur und Renten nach mehr Geld.

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