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GastkommentarWissenschaft als Profession

Nur wenige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können oder wollen ihre wöchentliche Arbeitszeit beziffern. Es ist für sie normal, nach dem Aufstehen mit dem Denken, Lesen, Organisieren zu beginnen und erst aufzuhören, wenn sie im Bett sind.

03.04.2020 - Claudia C. Gatzka, Akademische Rätin a. Z. am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Als junger Mensch wissenschaftlich tätig zu sein, ist ein großes Privileg. Wer eine der begehrten Doktoranden- oder Postdoc-Stellen ergattert, wird dafür bezahlt, Dinge herauszufinden, die vorher noch niemand wusste. Es ist das höchste Vergnügen, fürs Nachdenken, Experimentieren, Sezieren und Lesen bezahlt zu werden, ein Forschungsprojekt entwerfen und durchführen zu können, Bücher schreiben und eigene Ergebnisse präsentieren zu dürfen. Wissenschaft ist ein Beruf, der zur Selbstausbeutung verführt, weil die Freiheit, die Erkenntnis und die Aufmerksamkeit, die er gewährt, durchaus glücklich machen.

Als Geschichtswissenschaftlerin bin ich nur sehr begrenzt an Lehrpläne oder akademische Curricula gebunden. Ich kann lehren, was mir beliebt und was ich für bedeutsam halte, um meine Studierenden zum Denken anzuregen. Ich lerne von den Studierenden wie sie von mir. Wie die Themen meiner Lehrveranstaltungen kann ich auch meine Forschungsthemen eigenständig wählen und muss lediglich plausibel darlegen, warum das Problem, das ich erforschen will, von größerer Relevanz ist. Ich kann mir kaum vorstellen, welcher Beruf mehr Selbstbestimmung bietet. Leistung wird in der Wissenschaft durchaus honoriert, indem sie erlaubt, den eigenen Interessen zu folgen und weitgehend selbstständig zu arbeiten. All das sind Gründe, warum so viele die Unsicherheit in Kauf nehmen, die dieser Beruf mit sich bringt.

Da ich mich außerstande fühle, zu steuern, wie sehr mein Beruf von mir Besitz ergreift, bin ich dankbar für die gewerkschaftliche Unterstützung, die mich daran erinnert, dass ich mich in einem Arbeitsverhältnis befinde, das Grenzen kennen muss.

Es ist deshalb nicht immer einfach, Wissenschaft als Arbeit zu begreifen. Ich kenne wenige Kolleginnen und Kollegen, die ihre wöchentliche Arbeitszeit beziffern können oder wollen. Es ist für sie ganz normal, nach dem Aufstehen mit dem Denken, Lesen, Organisieren zu beginnen und erst aufzuhören, wenn sie abends im Bett die Augen schließen. Vielleicht kam der richtige Gedanke, die grandiose Idee, erst kurz vor dem Einschlafen. Die Arbeit verlässt einen nicht, wenn man Wissenschaft als Beruf versteht, sie verfolgt einen auch im Urlaub und im Traum. Da ich mich außerstande fühle, zu steuern, wie sehr mein Beruf von mir Besitz ergreift, bin ich dankbar für die gewerkschaftliche Unterstützung, die mich daran erinnert, dass ich mich in einem Arbeitsverhältnis befinde, das Grenzen kennen muss.

Solche Grenzen sind natürlich in der Praxis fließend. Denn der Vorzug der Universität Humboldtscher Prägung, die Forschung und Lehre vereint, bringt es mit sich, dass Lehre immer ein Stück weit Forschung ist: die Präsentation eigener Forschung vor den Studierenden, aber auch die Anleitung der Studierenden zu eigener Forschung. Wer vom Forschergeist durchdrungen ist und ihn auch bei Studierenden wecken will, kann schlecht am Wochenende keine E-Mails beantworten, wenn die Seminarteilnehmer gerade über ihren Forschungsprojekten brüten und Fragen haben, die schnell beantwortet sein wollen. Daneben dauern die eigenen Experimente, Rechenvorgänge, Niederschriften, Tagungen oder Korrekturlesungen oft länger als acht Stunden am Stück.

Solche Impressionen aus dem Arbeitsalltag in der Wissenschaft betreffen den akademischen Mittelbau heute ebenso wie Professorinnen und Professoren. Seitdem sich die deutschen Universitäten, mit dem Segen und dem Anreiz der Politik, zu Forschungs- und Massenuniversitäten entwickelten, liegen Forschung und Lehre wesentlich in der Hand von Doktoranden und Postdoktoranden. Sie sind vom selben Berufsethos ergriffen wie die verbeamteten Hochschullehrer – weil die Wissenschaft dieses Ethos erfordert. Es ist an der Zeit, sie für ihren Esprit und ihre Aufopferung zu honorieren – auch und gerade, wenn sie schon länger als zwölf Jahre ihre Überstunden nicht gezählt haben.