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„Wie kann man freiwillig in so ein Land gehen?“

Über fünf Jahre hat Christine Reinholtz in Saudi-Arabien gelebt. Ihre Arbeit an der Deutschen Schule Riad als Ortslehrkraft für Mathematik, Physik und Kunst hat sie nach einem Jahr beendet – Ein Rückkehrerbericht.

20.02.2017 - Christine Reinholtz

Zum 1. Februar 2011 erhielt mein Mann eine Stelle als Lecturer an einem von der GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) geleiteten College in Riyadh, KSA (Kingdom of Saudi Arabia). Er sollte junge saudische Männer zu Berufsschullehrern ausbilden. Als ich seinerzeit in meinem Kollegium in Schleswig-Holstein verkündete, ich würde meinen Mann nach Saudi-Arabien begleiten, traf ich nur auf Unverständnis. „Wie kannst du nur? Frauen werden dort unterdrückt. Du musst da eine Abaya und ein Kopftuch tragen. Frauen dürfen nicht Auto fahren. Es gibt öffentliche Hinrichtungen. Das ist keine Demokratie. Wie kann man freiwillig in so ein Land gehen?“ Mein Mann und ich wussten damals beide wenig über Saudi-Arabien, aber wollten noch einmal etwas ganz anderes machen. Der Vertrag ging zunächst über drei Jahre. Wir haben zweimal verlängert. Nach fünfeinhalb Jahren mussten wir aber leider das Land verlassen, weil der saudische Auftraggeber den Vertrag mit der GIZ gekündigt hat.

 

Die Deutsche Schule Riad

Als ausgebildete Realschullehrerin für Mathematik und Physik bemühte ich mich in Riyadh um eine Stelle an der dortigen Deutschen Schule. Das Gehalt als OLK war sehr gering, aber ich wollte meine Pensionsansprüche während der Zeit in KSA nicht verlieren. Die Schule war erfreut, gibt es doch nicht viele ausgebildete Lehrer, die zufällig in Riyadh leben. Die Deutsche Schule bestand damals aus ca. 20 Lehrkräften, darunter 3 ADLKs. Die Hälfte der Lehrkräfte hatte keine Lehrerausbildung, sondern war eigentlich Bauingenieur, Büchereiangestellte, Mutter. Von den knapp 110 Schülern gingen 50 in Kindergarten und Vorschule, die restlichen verteilten sich zur Hälfte auf die Grundschule und zur anderen Hälfte auf die Sekundarstufe, also 5. bis 10. Klasse. In den Abschlussklassen gab es normalerweise einen oder zwei Schüler. Seit es 2003 in Riyadh Anschläge auf Expats gegeben hatte, war die Deutsche Schule aus Sicherheitsgründen auf dem Schulgelände der Französischen Schule mit ca. 1000 Schülern in einem Teilgebäude und Containern untergebracht. Ich unterrichtete dort Mathematik, Physik und Kunst. Als Physiklehrerin interessierten mich natürlich die Versuchsgeräte. Es waren wenige vorhanden. Erst nach einigen Monaten fand ich den Rest in einem Container am anderen Ende der Französischen Schule. Dort hatten sie seit 2003 bei im Sommer bis zu 70°C gestanden und waren größtenteils nicht mehr zu gebrauchen.

 

Wenig Geld und fehlende Pensionsansprüche

Leider stellte sich nach einigen Monaten heraus, dass meine Hoffnungen auf die Pensionsansprüche nicht zutrafen. Außer Berlin und Schleswig-Holstein zahlten alle Bundesländer weiter, nur diese beiden eben nicht. Für das bisschen Gehalt lohnte sich der Aufwand nicht: Morgens mit dem Schulbus zur Schule, Freistunden im überfüllten Lehrerzimmer, in dem konzentriertes Arbeiten nicht möglich war, dann warten auf den Schulbus und zusammen mit lärmenden Kindern aus der französischen Schule wieder nach Hause. Und wenn die Ferien der Französischen Schule nicht mit den Ferien der Deutschen Schule übereinstimmten, musste ich auch noch das Taxi bezahlen. Taxis sind in Riyadh für westliche Frauen nicht billig. Weiß doch jeder, dass die Frauen auf die Taxis angewiesen sind!  Und es kann schon mal passieren, dass man eine viertel bis halbe Stunde draußen in der Sonne steht und auf das Taxi wartet. Nach einem Jahr hörte ich deswegen auf zu arbeiten und kümmerte mich von da ab um meine Hobbys und unsere Reisen in diesem schönen Land.

 

Leben in Riyadh und Saudi-Arabien

Riyadh ist eine moderne Stadt mit mehr als 5 Millionen Einwohnern. Die meisten westlichen Expats wohnen in Saudi-Arabien in Compounds. Das sind von Mauern umgebene Wohnsiedlungen mit teilweise sehr großen Villen. Bewacht werden die Compounds seit den Anschlägen von 2003 von Soldaten. Die Einfahrten sind gesichert wie bei einem Hochsicherheitstrakt mit verschiebbaren Betonwänden, häufig werden die Autos mit Spiegeln von unten betrachtet, Motorraum und Kofferraum müssen immer geöffnet werden. Wenn man so etwas zum ersten Mal erlebt, ist es etwas bizarr, aber man gewöhnt sich daran. In den Compounds kann man sich dafür frei bewegen und sogar im Bikini am Swimmingpool liegen. Meistens gibt es einen kleinen Supermarkt, in größeren Compounds auch Restaurants, Friseursalons und andere spezielle Läden. Wenn man als Frau allerdings den Compound verlässt, muss man eine schwarze Abaya tragen. Sie besteht aus sehr dünnem, undurchsichtigem Stoff. In der richtig warmen Jahreszeit fand ich das Tragen der Abaya angenehm, denn im Gegensatz zu den Männern, die auch bei 40 oder 50°C eine lange Hose tragen mussten, hatte ich unter meiner Abaya eher nicht so viel an.

 

Hervorragende Versorgung

Die Haare bedecken musste ich nur in der Innenstadt und wenn die Religionspolizei unterwegs war. Ich tat es aber freiwillig, wenn ich mich in nur saudischer Umgebung aufhielt. Es war kein Problem für mich, alleine irgendwo in der Stadt einkaufen oder spazieren zu gehen. Von unserem Compound fuhr zweimal am Tag der kostenlose Shoppingbus zu einer großen Mall und man hatte dann dort ca. 2 Stunden Aufenthalt. In Riyadh gibt es riesige Shoppingmalls. Die großen Supermärkte, wie z. B. die französische Kette Carrefour, liegen meistens mit in den Malls. Wenn ich also alle zwei Wochen meinen Großeinkauf an Lebensmitteln getätigt hatte, fuhr mich der Shoppingbus zum Ausladen bis vor unsere Villa. Auch die ärztliche Versorgung war in Riyadh ausgezeichnet. Es gibt große private Krankenhäuser mit internationalen Standards und angestellten Ärzten aus Europa und USA.

Und was macht man so in der Freizeit?

Auf den ersten Blick gibt es da nicht viel: keine Kinos, keine Kneipen, kein Alkohol, keine Sportveranstaltungen, keine Musikveranstaltungen, kein Tanzen – tanzen dürfen nämlich nur Männer. Restaurants mit getrennten Eingängen für „Singles“ (Männer) und „Families“ (Frauen oder Frauen mit Männern). Und wenn das Restaurant zu klein ist und nur einen Eingang hat, dann müssen Frauen eben draußen bleiben. Aber auf den zweiten Blick gibt es in Saudi-Arabien alles, was es nicht gibt. Und sei es ein „Bikini-Beach“ am Roten Meer nördlich von Yanbu. Dieser Strand ist nur Expats vorbehalten. Saudische Staatsbürger dürfen dagegen hier nicht hin. Normalerweise dürfen Frauen in Saudi-Arabien nur in Abaya und auch nur im Meer baden. Die Swimmingpools in den Hotels dürfen nur Männer benutzen. Aber hier dürfen Frauen unter Aufsicht der saudischen Küstenwache tatsächlich im Bikini baden.

 

Kulturelle Angebote ausländischer Botschaften

Die europäischen Botschaften veranstalten jedes Jahr Europäische Filmtage und mit etwas Glück bekommt man hinterher nicht nur ein Glas Wein oder Bier sondern auch noch ein paar Snacks. Umsonst, versteht sich. Die Deutsche Botschaft - und viele andere Botschaften ebenso - veranstaltet regelmäßig Kinoabende, kulturelle Veranstaltungen und „Public Viewings“ auf dem Botschaftsgelände, wenn es mal wieder wichtige Fußballübertragungen gab. In den ersten Jahren gingen wir am Wochenende regelmäßig mit den „Hash House Harriers“ in der Wüste wandern. Alle paar Wochen veranstalten sie auch Übernachtungen in der Wüste. Dann werden Teppiche ausgerollt, Lampen und Lautsprecher aufgestellt und es wird bis spät in die Nacht getanzt. Zeitweise floss bei diesen Veranstaltungen der Alkohol in Strömen, denn viele fangen nach einigen Monaten in diesem trockenen Land mit der Eigenproduktion von Bier und Wein an.

 

Ausflüge in die Wüste

Saudi-Arabien ist ein geschlossenes Land. Touristenvisa gibt es nicht. Es kommt nur rein, wer dort auch arbeitet. Besuchervisa kann man nur für die allernächsten Familienmitglieder beantragen. Auf der anderen Seite, kommt man aber auch nicht so schnell wieder raus. Einfach einen Flug buchen und in den nächsten Flieger steigen, geht nicht. Man braucht ein Ausreisevisum. Wer etwas länger im Land lebt, lässt sich aber normalerweise ein Exit-Reentry-Visum ausstellen und kann dann für 6 Monate beliebig rein und raus. Wenn man aber erst einmal im Land ist, kann man sich dort frei bewegen. Autos sind billig, Benzin auch. Bis 2014 kostete der Liter umgerechnet 12 Cent. Wir hatten uns 2011 einen Ford mit Vierradantrieb gekauft und fuhren häufig am Wochenende in die Wüste. In die Sandwüste natürlich nur mit mehreren Autos, denn wir blieben regelmäßig stecken. Aber in die Steinwüste fuhren wir zunehmend öfter auch alleine, manchmal mit Übernachtung, mehrmals auch eine oder zwei Wochen. Dann suchten wir uns abends ein abgelegenes Wadi zum Campen und genossen die Ruhe und den Sternenhimmel. Oder wir besuchten die archäologischen Attraktionen, wie z. B. Madain Saleh, das Pendant zum jordanischen Petra. Sicherheitsprobleme hatten wir nicht. Wenn Beduinen zufällig in die Nähe kamen, hielten sie immer Abstand.

 

Langsame Öffnung der Gesellschaft

Kontakt zu der saudischen Bevölkerung zu bekommen ist schwierig. Nicht nur die Mauern um die saudischen Häuser sind sehr hoch. Wenn es aber gelingt, trifft man auf sehr freundliche, höfliche und ausgesprochen hilfsbereite Menschen. Wir waren bei drei verschiedenen Familien eingeladen. Grundsätzlich gibt es für Männer und Frauen getrennte Räume. Das bedeutet nicht, dass ein Mann nicht mal schnell im Frauenraum vorbeigucken darf. Aber in so einem Fall müssen sich die Frauen verschleiern. Nur der Vater und die eigenen Brüder dürfen eine Frau unverschleiert sehen. Der Bruder des Ehemannes darf es z. B. nicht. In diesem Fall waren wir natürlich in einer sehr konservativen Familie. Die jungen saudischen Frauen in dieser Familie konnten auch gar nicht verstehen, dass ich das Autofahren vermisste. Sie hätten doch einen eigenen Fahrer. Das wäre doch viel bequemer. Ansonsten konnten wir aber jedes Jahr mitverfolgen, wie sich Saudi-Arabien in Minischritten öffnete. Während 2011 auf dem jährlich veranstalteten Janadriyah-Festival noch alle Frauen verschleiert waren, sah man auf dem Festival von Jahr zu Jahr mehr, meistens junge Saudinnen, die nicht mehr verschleiert waren und seit 2015 sah man sie auch unverschleiert in einigen Malls. Inzwischen arbeiten Frauen auch zunehmend in Geschäften und Supermärkten und auf Messen und Ausstellungen.

 

Ausländer erster und zweiter Klasse

Als westliche Expats hatten wir natürlich eine Menge Privilegien. Wir konnten uns eine große Villa mieten und zwischendurch mal schnell am Wochenende in die umliegenden arabischen Länder fahren oder fliegen. Den schlecht ausgebildeten asiatischen Expats von den Philippinen, aus Bangladesch und Pakistan, geht es dagegen häufig sehr schlecht. Ihre Situation ist geprägt durch lange Arbeitsstunden, wenig Geld, teilweise unzumutbare Wohnbedingungen in Containern weit ab in der Wüste oder als Fahrer für saudische Familien in kleinen 2x2 m großen Kabuffs in den Außenmauern um die Häuser nur mit Zugang von außen. Drinnen wohnen die weiblichen Angestellten, denn sonst müssten sich die Frauen des Hauses ja auch zu Hause verschleiern. Die asiatischen Arbeiter müssen nicht nur ihre ersten Monatslöhne an ihre saudischen Sponsoren abgeben, sondern bei der Einreise auch ihre Pässe. Der Sponsor entscheidet von da an ob, wann und wie lange sie irgendwann einmal nach Hause fliegen dürfen.

 

Holprige Wiedereingliederung in Deutschland

Fazit: Wir sind glücklich, dass wir fünfeinhalb Jahre in diesem interessanten Land leben durften. Meinem Mann war die Arbeit mit seinen saudischen Studenten besonders wichtig. Die Rückkehr nach Deutschland erwies sich als schwierig, die Wiedereingliederung als mehr als holprig und ist bis jetzt – ein dreiviertel Jahr nach unserer Rückkehr – noch nicht ganz gelungen. An unseren zusätzlichen Kompetenzen und Erfahrungen ist niemand interessiert. Wir vermissen die Freiheit, will sagen die Abwesenheit von bürokratischen Hürden.

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