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UNESCO Weltbildungsbericht 2015 in Bonn vorgestellt

Viel Bildungsprominenz versammelte sich auf Einladung der deutschen UNESCO Kommission und des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) am 21. April in Bonn zur Vorstellung des Weltbildungsberichts 2015 der UNESCO.

23.04.2015 - Barbara Geier

Fotos: © DUK

Der zwölfte Bericht zur Lage von Bildung weltweit, der jährlich von der UNESCO herausgegeben wird, wurde mit Spannung erwartet, stellt er doch ein Resümee zur Umsetzung der ‚Bildung für alle' - Ziele (EFA) und der Millenniumsentwicklungsziele (MDG) zur Halbierung von Armut, die seit dem Jahr 2000 für die ersten fünfzehn Jahre dieses Jahrtausends angestrebt wurden. Um dies zu erreichen wurden unter dem Motto 'Education For All' sechs Bildungsziele formuliert. Inwieweit wurden diese Ziele erreicht?

Einige Fortschritte

Roland Lindenthal, Referatsleiter Bildung im BMZ, hob den jährlichen UNESCO-Bericht als unverzichtbare Daten- und Referenzquelle für das Fokusthema Bildung seines Ministeriums hervor und sicherte auch weiterhin die finanzielle Unterstützung seines Hauses für die Erstellung des Berichtes zu. Prof. Dr Aaron Benevot, Projektleiter des Weltbildungsberichts, stellte den diesjährigen Bericht vor, der sich in seinen Themen von den Vorgängerberichten grundlegend unterscheidet, da er das in fünfzehn Jahren Erreichte und die anstehenden Herausforderungen beschreibt.

Einige Zahlen belegen durchaus Fortschritte: so sind heute 84 Millionen weniger Kinder vom Schulbesuch ausgeschlossen, es gibt zwölf Millionen mehr Lehrerinnen und Lehrer, 52 Millionen mehr Mädchen besuchen die Schule, bei Schülerinnen und Schülern im Primarbereich ist weitgehend Geschlechtergleichheit erreicht, zwei Drittel mehr Kinder besuchen Einrichtungen der frühkindlichen Bildung. Zahlen sagen jedoch weder etwas über die Qualität von Bildung aus noch über die Verweildauer in den Bildungseinrichtungen. Hervorzuheben ist, dass Länder wie Brasilien, in denen staatliche Hilfsprogramme arme Familien beim Schulbesuch ihrer Kinder unterstützen, sichtbare Erfolge erzielen.

Negative internationale Trends

Besorgniserregend sind neuere internationale Trends in der Bildung. Bis 2009 wurden sowohl die Einschulungsraten wie auch die Finanzierung von Bildung in vielen Ländern gesteigert. Seither verzeichnet man jedoch teilweise einen Stillstand oder gar Rückschritt. So fiel die internationale finanzielle Hilfe für Bildung in der Entwicklungszusammenarbeit zwischen 2010 und 2012 um 1,3 Milliarde US$. Dies macht sich etwa in der Sekundarbildung in Afrika bemerkbar, wo in den Ländern südlich der Sahara insbesondere Mädchen durch ökonomische und kulturelle Bedingungen am weiteren Schulbesuch gehindert werden. Auch ist in vielen Ländern die Schule kein sicherer Ort für Mädchen oder weibliche Lehrkräfte.

Alphabetisierung Erwachsener kommt kaum voran

Dr. Benevot forderte die Abschaffung von Prüfungen für den Übergang von der Primar- zur Sekundarbildung, die Einführung eines Mindestalters für die Kinderarbeit, sowie kreative Bildungsmöglichkeiten wie die zweite Chance für Schulabbrecherinnen und –abbrecher, die in Bangladesh erfolgreich praktiziert wird. Am langsamsten von allen MDGs wurde die Analphabetenrate bei Erwachsenen reduziert. Hier klafft auch die Geschlechtergleichheit am weitesten auseinander. Von den 781 Millionen Menschen, die nicht Lesen und Schreiben können, sind zwei Drittel Frauen. Bei diesen Zahlen sollte man besonders die demographische Entwicklung beachten. Mehr und mehr Menschen treten alphabetisiert ins Erwachsenenalter. Die Alphabetisierung älterer Erwachsener ist jedoch nach wie vor prekär.

Zu wenig Geld für Bildung

Ein immer akuteres Problem stellt die Bildung in Konflikt- und Krisengebieten dar. Dies wird von der internationalen Gemeinschaft viel zu wenig beachtet. So betragen die Ausgaben für Bildung nur zwei Prozent der humanitären Hilfe in diesen Gebieten. Hier ist eine enge Koordinierung der Aufgaben dringend erforderlich. Die Diskrepanz zwischen Bildungsausgaben und anderen Ausgaben der Staatshaushalte zeigte Dr. Benevot besonders eindrücklich bei dem graphischen Vergleich von den Ausgaben, die erforderlich sind, um bis 2030 jedem Kind in einem ‚Low Income Country‘ den Schulbesuch zu ermöglichen. Hierfür wären jährlich 22 Milliarden US$ notwendig, was den weltweiten Militärausgaben von nur 4,5 Tagen entspricht. Er regte an, dies auch in Kugeln von Speiseeis oder anderen Alltagsgenussmitteln umzurechnen, um es noch anschaulicher zu machen.

‚Bildung für alle‘ – Ziele noch nicht verwirklicht

Die gesetzten ‚Bildung für alle‘ - Ziele in den Millenniumentwicklungszielen sind nicht erreicht worden. Dies wurde auf der Veranstaltung deutlich. Es bleibt aber keine Zeit, im Konstatieren zu verharren. Alle Bildungsverantwortlichen müssen weltweit vereint darauf hinwirken, dass in den zahlreichen dieses Jahr anstehenden internationalen Gipfeln und Verhandlungen, wie beim Weltbildungsgipfel in Korea, dem G7 Gipfel in Deutschland, dem Ministertreffen in Oslo und der UN Vollversammlung in New York Bildung als eigenständiges Ziel für die Agenda bis 2030, aber auch als Grundvoraussetzung für die Nachhaltige Entwicklung festgelegt wird.

Die Dänin Helle Gudmandsen, Vertreterin der Nordkoalition im Vorstand der Globalen Bildungskampagne, sah das Glas für die ‚Education for all‘ -Ziele halb leer und wies vor allem auf die wachsende Ungleichheit weltweit hin. Die Ausbreitung von ‚low-fee schools‘ in Entwicklungsländern, die Zunahme privater kommerzieller Anbieter im Bildungsbereich, die unzureichende staatliche Finanzierung, die mangelnde Qualität der Ausbildung der Lehrkräfte, deren schlechte Bezahlung, katastrophale Rahmenbedingungen wie fehlendes Unterrichtsmaterial, Unterrichtsräume, hohe Schüler/innen-Lehrer Relation, verlangen ein klares Bekenntnis des Staates zu seiner Verantwortung.

Durst nach Bildung erlischt nicht

Helle Gudmandsen hielt ein sehr eindringliches Plädoyer für die faire Besteuerung von multinationalen Konzernen, die die Ressourcen der ärmsten Länder plündern, ohne Steuern zu bezahlen. Mit gerechten Steuereinnahmen könnten diese Länder, besonders in Afrika südlich der Sahara, aus eigenen Mitteln ihre Bildungs- Gesundheits- und Infrastrukturausgaben bestreiten. Im Vergleich zu Großprojekten wie etwa die Brücke über die Ostsee zwischen Dänemark und Deutschland seien die von der UNESCO genannten 22 Milliarden US$ für Bildung ‚Peanuts‘.

Walter Hirche, Grandseigneur im Bildungsbereich, ehemaliger Minister und u.a. Vorsitzender des Fachausschusses Bildun der deutschen UNESCO Kommission, lehnte in seiner leidenschaftlichen Rede für Bildung das gängige Bild von dem halb vollen, halb leeren Glas ab: "Das Glas muss ständig gefüllt werden; der Durst nach Bildung erlischt nie." In den kommenden Monaten wird darüber entschieden, wie Bildung in den Zielen für Nachhaltige Entwicklung bis 2030 positioniert sein wird? Wir sind gespannt auf den nächsten Bildungsbericht.

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