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Schuldenbremse statt Bildungsvorsorge

07.06.2018 - Eckhard Stengel, freier Journalist

Bremen ist Spitzenreiter bei der Staatsverschuldung, aber auch bei der Inklusion. Personalmangel herrscht in Inklusionsklassen, Brennpunktschulen und Kitas. Aus Sicht der GEW hat der rot-grüne Senat die Weichen lange nicht richtig gestellt.

Noch nicht fertig ausgebildet – aber schon als Klassenlehrerin eingesetzt: eigentlich unvorstellbar. Eine Bremer Masterstudentin hat jedoch genau diese Erfahrung gemacht. Weil an einer Oberschule in Bremerhaven Personalnot herrschte, habe sie dort einen Vertrag über 14 Wochenstunden für rund 1.200 Euro im Monat erhalten, berichtet sie. Schon nach einem halben Jahr sei sie einem Klassenleitungsteam zugewiesen worden, mit gerade mal 24 Jahren. Von vornherein habe sie allein unterrichtet, nur gelegentlich von einer Sonderpädagogin unterstützt, erinnert sich die inzwischen 27-Jährige, die nicht mit Namen genannt werden möchte und inzwischen ihr Referendariat macht. „Die Kollegen haben mich gut unterstützt“, sagt sie. Trotzdem fühlte sie sich „heillos überfordert“. „Es war wie ein freiwilliger Sprung ins eiskalte Wasser.“

Dass Studierende in der Klassenleitung eingesetzt werden, ist im Zwei-Städte-Staat Bremen mit seinen gut 6.400 Lehrkräften die Ausnahme. „Wir haben mit dem Personalrat reguliert, dass das nicht sein darf“, sagt Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). Aber für den normalen Unterricht scheinen die Nachwuchskräfte unverzichtbar zu sein. Allein in der Stadt Bremen sind laut Bildungsbehörde fast 230 junge Männer und Frauen im Einsatz – „alles Masterstudentinnen und -studenten nah am Abschluss“, wie Bogedan sagt. Beschäftigt sind sie beim Verein „Stadtteil-Schule“, der sie nach dem Tarifvertrag der Länder (TV-L) bezahlt und quasi an die Schulen ausleiht.

Trotz solcher Zustände findet Senatorin Bogedan, „dass wir in Bremen noch keine so große Not haben wie andernorts“. Es gebe durchaus Schulen mit guter Versorgung – allerdings auch solche mit größeren Schwierigkeiten. Zwei Problemlagen spielen dabei laut Bogedan eine Rolle. Zum einen die fachbezogene: Es gebe große Engpässe bei Musiklehrkräften, in den naturwissenschaftlichen Fächern und bei den Sonderpädagoginnen und -pädagogen. Letztere sind an der Weser besonders gefragt, weil Bremen Vorreiter bei der Inklusion ist. Aber der Markt ist leergefegt. Der zweite Problembereich ist aus Bogedans Sicht der regionale: „Wir haben ein innerbremisches Verteilungsproblem.“ Engpässe gebe es in abseits liegenden Stadtteilen, vor allem solchen in einer „sozial herausfordernden Situation“.

„Fürs nächste Schuljahr brauchen wir ungefähr acht neue Lehrkräfte. Bisher haben wir nur vier gefunden.“ (Silke Reinders)

Eines der schwierigeren Quartiere heißt Gröpelingen. Im einstigen Werft- und Hafenarbeiterstadtteil leben heute viele Menschen mit Migrationshintergrund und Hartz-IV-Bezug. Am Rande von Gröpelingen hat Bremen 2012 eine neue Gesamtschule eröffnet, die Oberschule Ohlenhof, zunächst mit zwei 5. Klassen. Inzwischen lernen hier 226 Schülerinnen und Schüler, unterrichtet von 29 Lehrkräften, darunter fünf Studierende. Weil jedes Jahr weitere Klassen hinzukommen, sucht die Oberschule ständig nach neuem Personal.

In einem großen Büro voller Schreibtische und Akten sitzen Schulleiterin Silke Reinders und ihre Vertreterin Irmgard Körner. „Fürs nächste Schuljahr brauchen wir ungefähr acht neue Lehrkräfte“, erzählt Reinders. „Bisher haben wir nur vier gefunden.“ Eine Physiklehrkraft ist nicht dabei. „Natürlich wäre es toll, wenn wir mal einen Physiklehrer an der Schule hätten“, findet die Leiterin. In vier von elf Klassen sitzen Kinder mit attestiertem Förderbedarf. Doch die Inklusion findet weitgehend ohne Fachpersonal statt. „Gestern haben wir unsere einzige Sonderpädagogin verloren“, bedauert Reinders. Ersatz ist nicht in Sicht. Allem Personalmangel zum Trotz schafft es die Schulleitung, bei der Stundenplangestaltung Doppelbesetzungen einzubauen: mindestens 15 Wochenstunden in Inklusionsklassen, fünf Stunden in den anderen. Aber wehe, wenn die Grippe grassiert oder eine Lehrerin schwanger wird. Dann bleibt das Team-Teaching auf der Strecke. Vertretungskräfte fehlen.

Gar nicht aufrechtzuerhalten wäre die Unterrichtsversorgung ohne die fünf Masterstudierenden. „Das sind alles unheimlich engagierte Kräfte“, lobt Reinders. Auch die 24-jährige Master-Absolventin Elif Kavadar unterrichtet stundenweise in Gröpelingen. „In den ersten Wochen war das schon sehr schwierig“, erzählt die angehende Deutsch- und Geschichtslehrerin. „Man muss von 0 auf 100 Unterricht machen.“ Was lässt sich gegen die Personalnot tun? Bei Studienanfängern müssten die Mangelfächer „offensiver beworben werden“, schlägt Reinders vor. Und Körner wünscht sich finanzielle Anreize für den Lehrerberuf: „A13 für alle!“

„Jahrzehntelang wurde immer behauptet: Deutschland stirbt aus. Inzwischen haben wir eine komplette Schubumkehr – durch die Zuwanderung und den Anstieg der Geburtenraten.“  (Claudia Bogedan)

Besonders verzweifelt sind einige Grundschulen. In Blumenthal, einem sozial belasteten Stadtteil am Nordrand Bremens, schrieben Lehrkräfte sogar schon Gefährdungsanzeigen. „Basteln und Aufräumen statt Unterricht“, betitelte der „Weser-Kurier“ einen Bericht über die Folgen des Fachkräftemangels dort. „Alle Bundesländer haben zu wenig ausgebildet“, diagnostiziert die seit 2015 amtierende Senatorin Bogedan. Allerdings habe man nicht wissen können, dass der Bedarf so steigen würde. „Jahrzehntelang wurde immer behauptet: Deutschland stirbt aus. Inzwischen haben wir eine komplette Schubumkehr – durch die Zuwanderung und den Anstieg der Geburtenraten.“ Das Wachstum werde weitergehen, auch durch Geflüchtete: „Monat für Monat stehen hier 50 Kinder jeden Alters vor der Tür.“

Trotz extremer Haushaltsnotlage investiert das kleinste Bundesland jetzt verstärkt in die Ausbildung: Die Zahl der Referendariatsplätze wurde von 450 auf 600 aufgestockt. „Die eigene Ausbildung ist der Königsweg“, findet die Senatorin. Deshalb startet die Bremer Universität ab Herbst auch wieder einen Studiengang für Sonderpädagogik an Oberschulen und Gymnasien, nachdem sie ein ähnliches Angebot erst vor wenigen Jahren weggespart hatte. Das sei damals ein Fehler gewesen, so Bogedan. „Hinterher ist man immer schlauer.“

Neben Neulingen sollen auch alte Hasen die Personallücken schließen: Im März schrieb die Bildungsbehörde 550 Lehrkräfte an, die in den vergangenen drei Jahren in Pension gegangen waren. Neun von ihnen kehrten daraufhin zumindest stundenweise in den Schuldienst zurück. 69 weitere Ruheständler hatten sich schon in den Monaten zuvor als Nothelfer zur Verfügung gestellt, 15 Lehrkräfte schieben ihren Ruhestand freiwillig hinaus. Seiteneinsteiger wie etwa Diplom-Mathematiker sollen ebenfalls an die Bremer Schulen gelockt werden: 30 von ihnen dürfen künftig vor die Klassen treten, wenn sie sich berufsbegleitend zur Lehrkraft weiterbilden.

Auch in Kitas fehlt Personal

Schon bestehende Lücken zu füllen, ist eine Herausforderung. Darüber hinaus möchte die rot-grüne Koalition aber auch die Standards anheben und eine durchgängige Doppelbesetzung in Inklusionsklassen einführen. Bogedan wagt keine Prognose, wann dafür genügend Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Die GEW schätzt den Mehrbedarf auf mehrere Hundert Stellen.

Auch die Kitas suchen händeringend nach Personal. Angesichts stark steigender Kinderzahlen rechnet die Bildungsbehörde damit, dass die städtischen und privaten Einrichtungen bis 2020 etwa 600 bis 750 zusätzliche pädagogische Fachkräfte brauchen. Eine gerade angelaufene Werbekampagne „Komm ins Team“ soll Lust auf den Beruf machen. Außerdem startet im August die „Praxisintegrierte Ausbildung“ („PiA“) – eine Kombination aus Fachschulbesuch und bezahltem Kita-Einsatz – mit Platz für 50 Nachwuchskräfte.

Und was macht die studentische Klassenlehrerin aus Bremerhaven? Sie lebt inzwischen als Referendarin in Berlin. Im Nachhinein fühlt sie sich „schon sehr ausgenutzt“. Andererseits, sagt sie, habe sie viele wertvolle Erfahrungen gewonnen. Von ihrem Berufswunsch ließ sie sich jedenfalls nicht abbringen: „Abgeschreckt hat es mich nicht, abgehärtet wohl eher.“

Bremen in Zahlen

Die Städte Bremen und Bremerhaven, die gemeinsam das kleinste Bundesland bilden, unterhalten 155 allgemeinbildende Schulen. Gut 6.400 Teil- und Vollzeitkräfte unterrichten rund 60.000 Schülerinnen und Schüler. Knapp 40 Vollzeitstellen sind derzeit nicht besetzt. Die Schülerzahl dürfte bis 2024 auf 66.600 steigen. Allein für die Stadt Bremen rechnet die Bildungsbehörde mit einem Mehrbedarf von über 270 Grundschul- und Sek-I-Vollzeitstellen bis 2025, zusätzlich zu den 400 Stellen, die hier nach Pensionierungen neu besetzt werden müssen. Die 98 kommunalen Krippen, Kitas und Horte in beiden Städten betreuen fast 11.000 Kinder. Im kommenden Kita-Jahr kommen 1.600 Plätze hinzu. Der kommunale Träger „Kita Bremen“ hat fast 1.400 pädagogische Kräfte im Einsatz, in Bremerhaven arbeiten gut 450. Allein bei „Kita Bremen“ sind zurzeit 70 Stellen nicht besetzt. (Quelle: Bremer Bildungsbehörde und „Kita Bremen“)

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