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Mehr als ein Label: „Profession braucht Inklusion“

Auf der GEW-Tagung „Profession braucht Inklusion“ debattierten Ende Oktober rund 40 Pädagoginnen und Pädagogen, viele in der Erzieherausbildung tätig, in Fulda über ihr professionelles Selbstverständnis. Die Experten fassten zusammen, wie Inklusion in der pädagogischen Ausbildung verankert ist. Ergebnis: fast gar nicht – außer in Bildungsgängen, die „Inklusion“ im Titel tragen.

06.12.2010 - Jeannette Goddar

Im 13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung steht ein Satz, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: „Die Bundesregierung unterstützt den inklusiven Ansatz (...) nachdrücklich.“ Dass die Realität an Schulen von einer „Perspektive, die keine Aussonderung akzeptiert“ weit entfernt ist, ist bekannt. Der frühkindlichen Bildung stellt die Kommission, die den Bericht erstellt hat, ein besseres Zeugnis aus. „Wenn überhaupt irgendwo Inklusion umgesetzt ist“, sagte ihr Vorsitzender Heiner Keupp, „dann bei den Kitas.“ Dabei ist auch das noch optimistisch.

Denn obwohl acht von 16 Ländern ihre Curricula für die Erzieherausbildung seit 2005 überarbeitet haben, sprechen nur Berlin und Brandenburg von „Inklusion“. In allen anderen Ländern, erklärte Rolf Janssen, der für die Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WIFF) Rahmenpläne verglich, ist von „Integration“ die Rede. Schwerer noch mag wiegen, dass „Interkulturalität“ und „Leben mit Behinderung“ nur in Hamburg, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg als Querschnittsthemen behandelt werden. In manchen Ländern ist Integration bloß Wahlpflichtfach – oder nicht einmal das. In Nordrhein-Westfalen (NRW), das bundesweit jede vierte Erzieherin ausbildet, wird der Umgang mit Kindern mit Besonderheiten laut Janssens Synopse in der allgemeinen Ausbildung schlicht abgelehnt. Integratives Erziehen wird den Heilpädagogen in „multiprofessionellen Teams“ überlassen. Wie weit die Annahme, dass es von diesen genug gäbe, von der Realität entfernt ist, machte die stellvertretende baden-württembergische GEW-Vorsitzende Petra Kilian deutlich: „Es fehlt nicht nur an Ausbildung. Es fehlt auch an personellen Ressourcen.“

Wie eine andere Ausbildung aussehen könnte, machen einige Hochschulen vor. In Fulda bereitet der berufsbegleitende Studiengang „Frühkindliche Inklusive Bildung“ die Studierenden acht Semester auf die Vielfalt in einer inklusiven Einrichtung vor. Bunt gemischt werden dabei bereits die Kommilitoninnen und Kommilitonen: Abiturienten, Erzieherinnen mit Berufserfahrung sowie Quereinsteiger studieren gemeinsam. Schon die Mischung, erläuterte Studiengangs-Leiterin Sabine Lingenauber, habe auch ein pädagogisches Ziel: „Wer in heterogenen Gruppen studiert, wird auch im Beruf besser damit umgehen können.“

„Radikaler Umbau nötig“

In Darmstadt gibt es das grundständige Vollstudium „Integrative Heilpädagogik/Inclusive Education“. In einem zehnsemestrigen Master-Studiengang – acht bis zum Bachelor – erörtern die Studierenden Grundlagen etwa von Theodor W. Adornos „Erziehung nach Auschwitz“ bis zu Theorien über aussondernde Strukturen in der Gesellschaft. Praktisches Highlight: Die Studierenden müssen in einem obligatorischen Auslandssemester in einer fremden Sprache ein inklusives Projekt umsetzen. Anne Dore Stein, Gründerin des Studiengangs: „In einer ungewohnten Umgebung, ganz konkret und im Detail zu sagen, warum z. B. alle gemeinsam lernen sollen, übt für die spätere Praxis in Deutschland ungemein.“ Die Absolventen des Studiengangs sollen Inklusion als „Wegbereiter, Brückenbauer, Katalysatoren“ in den Einrichtungen vo­rantreiben. Allerdings, schränkt Stein sogleich ein: „Weit mehr als das Label ‚Inklusion‘ benötigt das deutsche Bildungssystem einen radikalen Umbau.“ Der ist, darauf wurde in Fulda immer wieder verwiesen, jedoch noch in weiter Ferne.

GEW-Schulexpertin Marianne Demmer stellte klar, warum Profession nicht nur Inklusion braucht – sondern Inklusion auch Profession. Nur eine gute Ausbildung könne die Sorgen der Pädagoginnen und Pädagogen zerstreuen, mit „Anderen“ – ob Kinder mit Behinderungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Migrationshintergrund – nicht angemessen umgehen zu können. Erst dann, so Demmer, ließe sich „wissenschaftlich längst widerlegten Mythen“ der Nährboden entziehen: „Inklusion bremst nicht die Leistungsstärkeren. Und in homogenen Gruppen lernt man nicht besser.“

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