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Digitalisierung„Masterplan Senioren ans Netz“

Rund zehn Millionen Menschen über 70 leben offline. Ob Einkaufen, Onlinebanking, Kommunikation oder Telemedizin: Viele Ältere nutzen also gerade jene Onlineangebote nicht, die ihre Handlungsspielräume im Alltag erweitern könnten.

11.02.2019 - Anja Dilk, freie Journalistin

Es ist ein nasser, kalter Wintertag auf der Fischerinsel Berlin, doch die zehn Männer und Frauen haben es sich gemütlich gemacht. Es duftet nach frischem Kaffee und Keksen. Die acht Computer am Ende des Raums sind ausgeschaltet, heute wird das Jubiläum geplant. Zehn Jahre SeniorenComputerClub (SCC) Berlin-Mitte. Ein- bis zweimal die Woche kommen viele aus der Runde hierher, manche noch häufiger. Ihr Thema: Computer und Internet. Wie installiere ich eine App auf dem Smartphone? Was tun, wenn nach einer Neuinstallation die alten Systemeinstellungen verloren sind?

Der SCC ist eine Initiative von Seniorinnen und Senioren für Seniorinnen und Senioren. Ihr Ziel: „Älteren Menschen den Zugang zu digitalen Medien erleichtern“, sagt Koordinator und Dozent Günter Voß, 68 Jahre alt. Es gibt Kurse zu Windows, Tabletnutzung oder Bildbearbeitung, genauso wie eine offene Themenreihe „Vortrag und Kaffeeklatsch“. „Wir greifen auf, was unsere Mitglieder beschäftigt.“

Menschen wie Dieter, 83, dessen Arzt ihn vor zehn Jahren nach seiner Mail-Adresse fragte. „Hatte ich nicht“, erinnert sich Dieter. „Da habe ich zu meiner Frau gesagt, Mensch, wenn wir nicht abgehängt werden wollen, müssen wir was tun.“ Wenn Dieter heute nachts ein Gedanke durch den Kopf geht, schleicht er sich an den Rechner und googelt mal schnell. Oder Menschen wie Christa, 81, die den Umgang mit Digitalfotos am Computer lernen wollte. Lange hat sich ihr Mann gegen Internet zu Hause gesträubt, jetzt ist sie „connected“. Und immer geht es im SCC nicht nur um technische Praxis, sondern auch um Medienkompetenz. Welche Alternativen gibt es zu Google? Was bedeutet Telemedizin für unseren Alltag? Wie viel Digitalisierung wollen wir? Voß: „Bei uns gibt es kein Schwarz-Weiß. Wir wollen die analoge und die digitale Welt verbinden.“

„Viele Ältere fühlen sich überrollt.“ (Herbert Kubicek)

Deutschland 2019. Die Digitalisierung dringt zunehmend in alle Lebensbereiche ein. Längst prägt sie Kommunikation und Arbeitswelt, ist Grundlage für viele Abläufe in unserem Alltag. Eine Fahrkarte am Automaten ziehen, Behördentermine machen, sich Röntgenbilder schicken lassen, die Steuererklärung abgeben – vieles ist nur noch online möglich. Besonders im ländlichen Raum, wo Bankfilialen wegrationalisiert, Arztpraxen und Supermärkte eingespart werden, wird digitales Know-how zum Schlüssel für Alltagsbewältigung und Teilhabe. Wer sich nicht auskennt, droht abgehängt zu werden.

Das betrifft besonders ältere Menschen. Laut Statistischem Bundesamt sind etwa 61 Prozent der Menschen über 70 Jahren offline. „Viele Ältere fühlen sich überrollt“, sagt Herbert Kubicek, Direktor der Stiftung Digitale Chancen in Berlin. Seit Jahren erforscht er die Folgen der Digitalisierung für Senioren. 2018 veröffentlichte er das Ergebnis seiner empirischen Studie „Nutzung und Nutzen des Internets im Alter“: Zehn Millionen der über 70-Jährigen sind nie im Netz. Weitere zehn Millionen ab 60 Jahren kaufen weder online ein, noch erledigen sie Bankgeschäfte.

Fazit: „Viele Ältere nutzen also gerade jene Onlineangebote nicht, die ihre Handlungsspielräume im Alltag erweitern könnten.“ Möglichkeiten gibt es weit über Einkaufen und Banking hinaus: Rezepte online verlängern, Arztgespräche führen, sich mit Familie und Freunden austauschen, Fahrkarten buchen, Kultur- und Bildungsangebote online nutzen oder Tickets kaufen – bis zur Notfallüberwachung in der Pflege über Videokonferenzformate.

„Wir brauchen Angebote, die auf die Bedürfnisse Älterer zugeschnitten sind.“ (Michaela Evans)

„Doch Ältere erwarten oft keinen großen Nutzen von Onlinediensten oder glauben, dass diese zu kompliziert seien – oft ohne es ausprobiert zu haben“, sagt Forscher Kubicek, der mehr als 300 ältere Menschen in Seniorentreffs und Altenheimen nach ihren Erwartungen befragt hat. „Andere haben Sicherheitsbedenken oder Angst vor finanziellem Schaden.“ Die Folge: Die Motivation, sich damit zu beschäftigen und in Geräte zu investieren, sinkt. „Investitionsdilemma“, nennt das Kubicek, denn um den Nutzen zu erkennen, braucht es ein Gerät.

Dabei beobachten Expertinnen und Experten immer wieder, dass Ältere der Technik nicht grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen. „Viele wollen durchaus Kompetenzen erwerben“, sagt Michaela Evans vom Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen. Prinzipiell steht dem nichts im Wege. Hirnforscher wissen seit langem: Das Gehirn ist bis ins hohe Alter darauf programmiert, dazuzulernen. Doch die Scheu sitzt bei vielen tief. „Vielen Älteren fehlt der Glaube an ihre Selbstwirksamkeit“, sagt Kubicek. Die Zuversicht also, aufkommende Probleme aus eigener Kraft lösen zu können.

„Wir brauchen Angebote, die auf die Bedürfnisse Älterer zugeschnitten sind“, fordert IAT-Frau Evans. Niedrigschwellig, mit viel Übungszeiten und Wiederholungen, ohne Lerndruck und in einem Rahmen, der Seniorinnen und Senioren anspricht. „Denn die meisten suchen zweierlei“, so Evans, „auf der Vorderbühne digitale Technik lernen, backstage einen Ort der Begegnung finden.“

„Einzelmaßnahmen greifen nicht. Heute sind kaum mehr Menschen über 70 online als vor 15 Jahren.“

Dagmar Hirche weiß das. Als sie vor sechs Jahren in ihrem Verein „Wege aus der Einsamkeit“ Computerkurse für Menschen 65+ anbot, wurde sie „nahezu überrannt“. Auf ihre Anzeige im Hamburger Abendblatt meldeten sich 700 Interessentinnen und Interessenten. Inzwischen hat Hirche 4.000 Senioren geschult, die meisten zwischen 72 und 87 Jahren alt. Die „Versilbererkaffees“ sind gratis, um niemanden auszuschließen; sie finden immer vormittags statt, damit die Teilnehmenden im Hellen kommen und gehen können; sie nennen sich Gesprächsrunden statt Workshops, um nicht nach Business und Bildungsstress zu klingen.

Die Grundregel: Jeder kann Fragen stellen, alle müssen alles mitlernen. Schnell hat Hirche gemerkt: „Wichtig ist: nichts voraussetzen, einfache Worte wählen, viele Beispiele geben, die Angst nehmen und den Spaß nach vorne stellen.“ Die Neulinge haben noch nie von Browser, App oder WLAN gehört? „Na und?“, sagt Hirche dann, „dafür haben Zwölftklässler keine Ahnung von Kassettenrecordern.“

Mittlerweile gibt es zwar in vielen Regionen Angebote für sogenannte Silversurfer. Doch es fehlt an einem systematischen, flächendeckenden Angebot. „Einzelmaßnahmen greifen nicht. Heute sind kaum mehr Menschen über 70 online als vor 15 Jahren“, kritisiert Kubicek. Es brauche einen „Masterplan Senioren ans Netz“: Leihtablets und Gratisschulungen in Alten- und Pflegeheimen; Digitalhilfe in Nachbarschaftsinitiativen und Seniorentreffs; Digitalassistenten, die Ältere zu Hause besuchen. Kostenpunkt: 50 Millionen Euro in den nächsten drei Jahren, kalkuliert Kubicek.

Experten wie IAT-Frau Evans fordern Beratungsstellen der Kommunen, mehr Angebote von Universitäten, Volkshochschulen, Wohlfahrtsverbänden. Evans: „Wir brauchen einen Digitalpakt vieler Akteure.“ Allerdings: Wer offline bleiben will, darf nicht ausgeschlossen werden. „Wir müssen Angebote vor Ort erhalten.“

Kommentar: „Lasst uns Brücken bauen“

Wir spüren es an allen Ecken des Alltags: Die Digitalisierung durchdringt unser Leben. Wer teilhaben will, muss online sein. Ja, selbst für einfache Alltagserledigungen geht es kaum noch ohne digitales Grundverständnis. Eine Fahrkarte am Automaten kaufen, eine Konzertkarte online ordern, einen Termin im Bürgerbüro reservieren. Was aber ist mit jenen, die sich nicht auskennen in der digitalen Welt?

Zehn Millionen Menschen über 70 Jahre sind offline, 61 Prozent der Generation 60+ nutzen digitale Medien nur rudimentär. Sicher ist: Es wird ihnen nichts anderes übrig bleiben als dazuzulernen. Lebenslanges Lernen bekommt in der digitalen Gesellschaft eine neue Bedeutung: Über die Horizonterweiterung oder die Anpassung an neue Anforderungen im Beruf hinaus bleibt es für jede und jeden elementar, um den Alltag zu bewältigen und zu verstehen, was in der Welt um einen herum passiert.

Es darf nicht sein, dass jene ausgeschlossen werden, die nicht mehr dazulernen wollen oder können.

Umso wichtiger ist es, die Menschen zur Teilnahme zu befähigen. Es ist Sache der Kommunen, der Wohlfahrtsverbände, ganz besonders der Gewerkschaften, dafür Angebote zu machen. Niedrigschwellig, wohnortnah, kostenlos. Denn wir dürfen nicht nur von den Älteren Anpassung erwarten, wir müssen auch auf sie zugehen. Als Gewerkschaft treiben wir die Diskussion aktiv voran: Wie soll die Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung aussehen? Wie viel digital, wie viel analog soll sein? Es darf nicht sein, dass jene ausgeschlossen werden, die nicht mehr dazulernen wollen oder können. Die es sich nicht leisten können oder dort leben, wo auch die beste Onlinekompetenz nur bedingt nutzt, weil es immer noch kein gut funktionierendes WLAN gibt – wie vielerorts auf dem Land.

Es ist eine Gratwanderung. Denn zur menschlichen Gesellschaft der Zukunft gehört beides: Analoges und Digitales. Wir brauchen Brücken zwischen beiden Welten. Die Maschinen zu stürmen wäre ebenso falsch wie jene auszugrenzen, die lieber offline sind. Wir dürfen analoge Angebote nicht abschaffen. Nicht nur um Technikmuffeln, Skeptikerinnen und Skeptikern Teilhabe zu sichern, sondern auch um das Menschliche in unserer Gesellschaft zu bewahren. Das persönliche Miteinander jenseits des Klicks. Das brauchen alle Menschen. Egal wie alt sie sind.

Frauke Gützkow, GEW-Vorstandsmitglied Frauen und Senioren

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