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PolenLehrkräfte fordern Anerkennung für ihre Arbeit

Respekt war das am häufigsten zu hörende Wort beim Kongress der größten polnischen Lehrergewerkschaft ZNP, der vom 21. – 23. November in Warschau stattfand. Die Lehrkräfte in Polen fühlen sich von der Regierung schlecht behandelt.

 

23.11.2019 - Manfred Brinkmann

Mit rund 600 Euro Anfangsgehalt im Monat gehören polnische Lehrkräfte zu den am schlechtesten bezahlten in Europa. Kein Wunder, dass der Lehrberuf für junge Menschen nicht attraktiv ist. Das Durchschnittsalter der polnischen Lehrer liegt heute bei 45 Jahren. Immer mehr Pädagoginnen und Pädagogen verabschieden sich aus dem Schuldienst, um andere Jobs zu suchen, wo sie besser verdienen. Die Folge ist, dass viele polnische Schulen heute unter Lehrermangel leiden. Drei Wochen hatten die Mitglieder der ZNP im April 2019 deshalb für eine Gehaltserhöhung gestreikt – ohne Erfolg. Die rechte PiS-Regierung blieb beinhart und ließ sich auf keine Verhandlungen mit der Gewerkschaft ein. Unterstützung erhielt sie von der katholischen Kirche, die Nonnen und Priester als Streikbrecher einsetzte, um den Unterricht aufrecht zu erhalten. Schwule, Lesben und Lehrer seien das größte Problem in Polen ließ einer ihrer Bischöfe während des Streiks verlauten.

Drohende Marginalisierung des Lehrerberufs

Keine einfache Situation für den langjährigen ZNP-Vorsitzenden Sławomir Broniarz, der bereits zum sechsten Mal für dieses Amt kandidierte. Mit Dreiviertel der Delegiertenstimmen setzte er sich dennoch gegen einen konservativen Gegenkandidaten durch, der ein besseres Verhältnis zur Regierung, den Verzicht auf kontroverse Themen und effizientere Arbeit versprach. In seiner Rede unterstrich der wiedergewählte Broniarz, dass es Aufgabe von Lehrerinnen und Lehrern sei, für eine bessere Welt zu kämpfen: „Wir haben die Stärke und die Kraft dafür.“ Der Streik sei nicht nur um mehr Gehalt geführt worden, sondern auch für bessere Bildung und gegen die Marginalisierung der Profession. Nur wenige Streiks hätten unmittelbar Erfolg. Die Teilnahme am Arbeitskampf sei eine prägende Erfahrung für viele tausende Lehrerinnen und Lehrer gewesen.

 

Einschusslöcher in der Außenmauer des Gebäudes der ZNP im Zentrum von Warschau (Foto: Manfred Brinkmann).

Wie präsent die Erinnerung an Terror und Zerstörungen der Nazis in Polen auch fast 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch immer ist, war nicht nur an den zahlreichen Einschusslöchern in der Außenmauer des Gebäudes der ZNP im Zentrum von Warschau erkennbar. Absolute Stille herrschte beim Kongress während der Rede der 93-jährigen Lehrerin und Überlebenden des Warschauer Aufstands, Wanda Traczyk-Stawska, als sie über ihre Erfahrungen im Widerstand gegen die Besatzer berichtete.

Seid glücklich, dass ihr in Frieden leben könnt“ (Wanda Traczyk-Stawska)

Traczyk-Stawska war Augenzeugin von Massenerschießungen in der polnischen Hauptstadt: „Von 8:30 bis 12:30 Uhr ging das Morden. Mehr als 150 Menschen haben die Deutschen an dem Tag umgebracht. Überall lagen Leichen auf der Straße und alles war voll mit Blut. Seid glücklich, dass ihr heute in Frieden leben könnt“. Die rüstige alte Dame hatte den Streik der polnischen Lehrkräfte im Frühjahr aktiv unterstützt.  Auch für die Delegierten des ZNP-Kongresses hatte Wanda Traczyk-Stawska klare Botschaften: „Ein Lehrer, der keinen Respekt erfährt, kann nicht unterrichten. Lehrer brauchen gute Arbeitsbedingungen und eine anständige Bezahlung, damit sie nicht nebenbei noch einen zweiten Job machen müssen. Und sie benötigen Zeit, um den Unterricht gut vorzubereiten. Die Klassen dürfen nicht zu groß sein. 22 Schüler sind genug.“

Empfehlungen für Bildung und Demokratie

Am Kongress nahmen auch 15 internationale Gäste von Bildungsgewerkschaften aus Bulgarien, Rumänien, der Ukraine, der Tschechischen Republik, der Slowakei, Polen, Irland, Israel und Deutschland teil. Vor dessen Beginn hatten sie sich in einem von der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützten Seminar über die Situation der Lehrkräfte in ihren Ländern ausgetauscht. Der ehemalige Generalsekretär der Bildungsinternationale, Fred van Leeuwen, stellte den Gästen sein neues Buch zu Bildung und Demokratie vor, das 25 Empfehlungen für Lehrkräfte enthält, wie z.B. „Sei stolz auf deinen Beruf“, „Fördere kritisches Denken“, „Achte auf den schmalen Grad zwischen Patriotismus und Nationalismus“, „Sei nicht der gehorsame Diener des Staates“, „Schütze Bildung als öffentliches Gut“ und „Verweigere keinen Kindern ohne Papiere den Schulbesuch“. Die polnische Lehrergewerkschaft ZNP gehörte zu den ersten, die das Buch in ihre Sprache übersetzt hatte. Eine deutsche Version wird Anfang 2020 verfügbar sein.

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