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TIMSS-Studie 2019 Im Mittelmaß eingerichtet

Deutschland bleibt in Mathematik und den Naturwissenschaften im internationalen Vergleich Mittelmaß, der Abstand zur Weltspitze ist groß. Seit 2007 gibt es keine Verbesserungen – auch nicht bei der Chancengerechtigkeit.

08.12.2020 - Nadine Emmerich, freie Journalistin

Deutsche Viertklässlerinnen und Viertklässler haben es bei der Studie „Trends in International Mathematics and Science Study“ (TIMSS) erneut nur ins Mittelfeld geschafft. Jedes vierte Kind (25,4 Prozent) verfügt sogar lediglich über elementares mathematisches Wissen. 27,6 Prozent haben nur geringe naturwissenschaftliche Kompetenzen. „Das beunruhigt“, sagte der nationale Studienleiter und Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, Knut Schwippert, bei der Vorstellung des internationalen Vergleichs am Dienstag in Berlin. In weiterführenden Schulen bekämen diese Kinder erhebliche Schwierigkeiten, mitzuhalten.

„Wir müssen für mehr Chancengerechtigkeit sorgen.“ (Stefanie Hubig)

Herkunft und Bildungserfolg bleiben zudem weiter eng verknüpft: Die sogenannten sozial bedingten Leistungsdisparitäten sind in Deutschland seit dem Jahr 2007 unverändert. „Wir müssen für mehr Chancengerechtigkeit sorgen“, räumte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und rheinland-pfälzische Bildungsministerin, Stefanie Hubig (SPD), ein.

Abstand zur Kompetenzspitze in Mathematik groß

In Mathematik erreichten die deutschen Grundschülerinnen und -schüler einen Kompetenzmittelwert von 521 Punkten (2015: 522, 2011: 528 und 2007: 525). Damit liegen sie zwar im Schnitt aller teilnehmenden Staaten, aber signifikant unter den Mittelwerten der EU- und OECD-Staaten. In den Naturwissenschaften schafften die Kinder einen Mittelwert von 518 Punkten (2015: 528, 2011: 528 und 2007: 528); das bedeutet zwar ein vergleichbares Niveau zu den EU-Staaten, aber schlechtere Leistungen als die OECD-Länder.

In Mathematik erzielten zudem nur sechs Prozent der Schülerinnen und Schüler Ergebnisse auf der höchsten Kompetenzstufe, in den EU-Staaten waren es 9,4 Prozent und in den OECD-Staaten 11,5 Prozent. In den Naturwissenschaften ist der Abstand zur internationalen Spitze nicht ganz so groß: Während hierzulande 6,9 Prozent der Kinder das höchste Level erreichten, waren es in den EU-Ländern 7,1 Prozent und in den OECD-Ländern 8,6 Prozent.

Deutsche Lehrkräfte machen weniger Fortbildungen

Auch Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen bleiben in Mathematik weiter bestehen, in den Naturwissenschaften waren die Kompetenzwerte 2019 ähnlich – aber nicht, weil Mädchen aufholten, sondern weil sich Jungen verschlechterten.

Weiteres interessantes Ergebnis: Deutsche Grundschullehrkräfte nehmen zwar regelmäßig an Fortbildungen teil, allerdings weniger als ihre europäischen und internationalen Kolleginnen und Kollegen. Pädagoginnen und Pädagogen hierzulande entscheiden sich zudem eher für fachliche und didaktische Angebote als für Fortbildungen zum Einsatz digitaler Medien.

Schwierigere Rahmenbedingungen

Hubig sprach ungeachtet der teils ernüchternden Analysen von „stabilen Leistungen“ seit 2007. „Das ist ein gutes Ergebnis, insbesondere vor dem Hintergrund einer heterogener werdenden Schülerschaft.“ Außerdem bescheinige die Studie einem großen Anteil der Viertklässlerinnen und Viertklässler „positive Einstellungen“ zu Mathematik und Naturwissenschaften: „Das zeigt auch, welche gute Arbeit in den Grundschulen geleistet wird.“

Auch der Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Christian Luft, betonte: „Die Rahmenbedingungen sind schwieriger geworden.“ Allerdings sei dies im Nachbarland Österreich ähnlich, „und die konnten sich verbessern“.

Ostasiatische Länder liegen an der Spitze

Spitzenreiter der Studie sind fast ausschließlich Länder aus Ostasien – etwa Singapur, Hongkong und Südkorea. Die aktuelle TIMSS-Studie habe jedoch nicht herausgefunden, inwiefern der Unterricht in diesen Ländern als „Blaupause für Deutschland“ dienen könne, sagte Schwippert. „Dafür müsste man stärker in die Schulen dort gehen und sich Prozesse anschauen.“

„Wir müssen verstärkt digitale Medien nutzen.“  (Christian Luft)

Dennoch ist auch der deutschen Bildungspolitik klar: „Deutschland kann sich nicht ausruhen“, sagte Hubig - auch, weil sich bestehende Leistungsunterschiede durch die Coronapandemie vermutlich weiter vergrößerten. „Neben der Förderung der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler, müssen wir uns aber auch um die Leistungsstarken kümmern.“

Luft betonte darüber hinaus: „Wir müssen verstärkt digitale Medien nutzen.“ Lehrkräfte müssten so aus- und fortgebildet werden, dass sie digitale Tools und Methoden zur Diagnostik und individuellen Förderung einsetzen könnten.  

An TIMSS 2019 nahmen weltweit 58 Staaten mit mehr als 300.000 Schülerinnen und Schülern teil. In Deutschland wurden für den internationalen Vergleich 4.900 Schülerinnen und Schüler aus 203 Schulen in die Untersuchung einbezogen. Die Studie wird in vierjährigem Rhythmus durchgeführt. Alle Ergebnisse und mehr Informationen gibt es hier.