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Genderpolitik und DigitalisierungHundeklappen, Mottenmaden und eine Hightech-Basecap

Die Digitalisierung verändert die Gesellschaft - und trifft dabei auf Verhältnisse, in denen Mädchen und Frauen noch immer benachteiligt sind. Das Schülerforschungszentrum an der Lise-Meitner-Schule in Berlin-Rudow will das ändern.

04.03.2020 - Anja Dilk, freie Journalistin

Im Labor ist High-Time. Vorsichtig pipettieren Thanaa und Haya Inhaltsstoffe für ihr Gesichtsgel in sauber beschriftete Petrischalen. Welche Mischung ist gut verträglich? Wie verändern die Zutaten die Eigenschaften der Crème? Einen weißen Kittel übergestreift, steht Markus über eine Glasschale mit Kresse gebeugt und schüttelt den Kopf. „Hm, das Zuluftrohr hat zu viel CO2 in das Gefäß gepumpt, jetzt wächst die Pflanze schlechter.“ Zwei Mädchen aus dem Nebenraum stürmen herein. „Kannst du mal schauen, Dimitri?“, fragen sie den jungen Mann, der einen Wassereimer voller Algen, Pflanzenreste und seltsam verdrehter Schläuche auf die Fensterbank hebt. „Komme schon.“ Das Neonlicht im Labor flackert leicht, der Blick aus dem vierten Stock reicht über den Sportplatz bis zu den Hochhäusern der Gropiusstadt im Süden Berlins.

41 Prozent Mädchen

Es ist bald 15 Uhr, im Labortrakt der Lise-Meitner-Schule brummt es geschäftig wie zur Stoßzeit auf einem Großstadtbahnhof. Gut zwei Dutzend Schülerinnen und Schüler experimentieren an Reagenzgläsern und Mikroskopen, füttern Zellkulturen an der sterilen Werkbank, tippen Forschungsergebnisse in ihre Laptops, diskutieren über die neuesten Ergebnisse. Veronika und Marina werten die Daten ihres Regenprojekts aus – welche Faktoren beeinflussen die Niederschlagsmenge? Eine Gruppe Mädchen und Jungen beobachtet laut diskutierend die trägen Bewegungen der Wassersäule, die in einem gläsernen Wellensimulator auf dem Tisch hin- und herschwappt.

Schule? Unterricht? Daran erinnert hier fast nichts. Im Labor stehen programmierbare Hightech-Roboterarme mit integrierten Kameras bereit, eine Kappsäge und ein Dampfsterilisator, mannshohe Klimaschränke und ein Fluoreszenzmikroskop, graue Kisten voller fabrikneuer Petrischalen, dazu Messröhrchen und bewegliche Abzugshauben mit langen, knautschigen Abluftschläuchen über den Schülertischen. Erwachsene eilen durch die Reihen, klären Fragen, -laden zum Austausch. Per Du und auf Augenhöhe. Es ist wie im Forschungslabor eines Max-Planck-Instituts. Aber Schule? Dimitri Podkaminski lacht. „Eben.“

Seit sieben Jahren gibt es das Schülerforschungszentrum (SFZ) an der Lise-Meitner-Schule in Berlin-Rudow. Nicht nur Schülerinnen und Schüler des Oberstufenzentrums können hier experimentieren und knobeln, auch Kids ab Klasse 7 aus ganz Berlin sind willkommen, zum Beispiel an Donnerstagen wie diesem von 14 bis 18 Uhr. Und sie kommen, aus allen Winkeln der Stadt. Viele aus der nahen Siedlung Gropiusstadt, andere aus Spandau, Kreuzberg oder Moabit, einige auch aus dem benachbarten Brandenburg. Das Bemerkenswerte: Es ist nicht wie so oft in den Naturwissenschaften- und Informatik-Trakten von Schulen und Universitäten der Republik – boys nearly only. Hier sind 41 Prozent Mädchen. Woran liegt das?

„Im SFZ herrscht keine Nerds-Atmosphäre für Tech-Jungs.“ (Dimitri Podkaminski)

SFZ-Leiter Podkaminski vermutet: Erstens an dem offenen Forschungsangebot. „Die Kinder bestimmen selbst, was sie erforschen.“ Es gibt keine Noten, keine Unterrichtseinheiten, keine Vorschriften. Zweitens: Nicht Männer, sondern vor allem Frauen begleiten die Kids an den Nachmittagen, studentische Hilfskräfte oder Fachlehrerinnen der Schule, die hierfür Freistellungsstunden haben. Das signalisiert den Mädchen: Frauen gehören hier hin. „Im SFZ herrscht keine Nerds-Atmosphäre für Tech-Jungs.“ Drittens: Großartige Arbeitsbedingungen und ein top Betreuungsverhältnis von 1:3. „Das macht einfach Lust auf Forschung.“

Als Podkaminski 2013 die Leitung des SFZ übernahm, waren viele Vorarbeiten gemacht. Fünf Jahre lang hatten Pädagogen der Lise-Meitner-Schule an dem Konzept getüftelt, Anträge geschrieben, Unterstützer in Verwaltung und Wirtschaft gesucht. Die Idee: dem Nachwuchs in ganz Berlin die Freude an naturwissenschaftlicher Forschung nahebringen und dabei Mädchen genauso gewinnen wie Jungen. Nicht zufällig wurde die Idee an der Lise-Meitner-Schule geboren. Das Oberstufenzentrum, benannt nach der österreichischen Kernphysikerin Lise Meitner, ist auf Naturwissenschaften, Technik und Informatik spezialisiert. Schülerinnen und Schüler ab Klasse 11 können hier das Abitur, die Fachhochschulreife und verschiedene berufliche Bildungsabschlüsse machen. Seit 2002 gibt es in den Laboren, den Lise-Labs, auch -Experimentierkurse für externe Schulklassen. Ende 2019 wurde der Neubau der Schule eröffnet.

Wie das stählerne Zentrum einer Campusuniversität ragt das Hauptgebäude in den Berliner Januarhimmel. „Diese Schule erfindet sich immer wieder neu“, sagt Podkaminski. Er hat hier selbst seinen Abschluss gemacht, später studierte er Biochemie, arbeitete an einem Max-Planck-Institut. Doch die Erinnerung an die Schule blieb. Bis sich Podkaminski sagte: Kannst du in der Arbeit mit Schülern nicht viel mehr bewirken als in hochdotierten Forschungsgruppen? Gerade für Mädchen? Schließlich hatte er sich schon in Hochschulzeiten als Gleichstellungsbeauftragter für das Thema stark gemacht. 2013 bewarb sich Podkaminski als Quereinsteiger, wurde Lehrer und übernahm das SFZ.

„Wir wollen Mädchen ermuntern, genau hinzuschauen: Was verbirgt sich hinter diesem Beruf oder Studium wirklich, was könnte interessant sein für mich?“ (Christina Haaf)

Heute gehört das Schülerforschungszentrum zum Netzwerk Komm mach MINT, einem Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen und -Studiengängen (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), den die Bundesregierung 2008 auf den Weg gebracht hat. Mehr als 330 Partner beteiligen sich, die Datenbank der Initiative gibt einen Überblick über gut 1.000 Projekte bundesweit. „Wir wollen kein Marketing für MINT machen, sondern schlicht zeigen, was es in diesen interessanten Berufsfeldern gibt“, sagt Sprecherin Christina Haaf. Denn bei der Studien- und Berufswahl entscheiden sich Mädchen nach wie vor klassisch, der Frauenanteil in den MINT-Studiengängen liegt bei 33 Prozent. Zu tief sitzen Geschlechterklischees und Selbstbilder.

So stehen bei Mädchen BWL, Jura, Sozialwissenschaften und Medizin ganz oben auf der Wunschliste; Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik rangieren am Ende. Haaf: „Es fehlt an Selbstvertrauen und Information.“ Wer Maschinenbau studiere, müsse aber kein Mathecrack sein, und eine Informatikkarriere sei auch möglich, wenn man kein MINT-Fach als Leistungskurs gewählt habe. Viele Universitäten bieten inzwischen Vorbereitungskurse an. „Wir wollen Mädchen ermuntern, genau hinzuschauen: Was verbirgt sich hinter diesem Beruf oder Studium wirklich, was könnte interessant sein für mich? Mädchen empowern“, nennt Haaf das.

Wie gut das Empowerment über das Schülerforschungszentrum ankam, hat SFZ-Leiter Podkaminski selbst überrascht. Schüler, Lehrkräfte, Eltern, Hochschulen, Quartiersmanager klopften an – sind noch Plätze frei? Innerhalb kurzer Zeit wurden aus einem Nachmittag drei in der Woche. 100 Schülerinnen und Schüler sind derzeit dabei, 50 Forschungsprojekte laufen. Gerade Mädchen packt die Praxisnähe, der Anwendungsbezug. Mädchen wie Haya, die stolz eine Gel-Probe aus der Tasche zieht: „Ist super, dass wir uns hier selbst ausprobieren können.“ Oder wie Thanaa, die früher an Akne litt und Hautpflege besser verstehen wollte. „Dass wir hier zusammen mit Jungs forschen, finde ich auch gut.“ Oder Tala, die Konservierungsstoffe in Apfelsaft erforscht. „Im Labor wird mir Chemie leichter klar.“ Vielleicht will sie mal Chemie oder Physik studieren.

„Gerade die schüchternen Mädchen kommen gern auf mich zu“, sagt sie. „Sie fühlen sich bei einer weiblichen Ansprechpartnerin besser aufgehoben.“ (Clara Herbertz)

Mittwochnachmittag, Straße des 17. Juni. Vor dem ochsenblutroten Mathegebäude der Technischen Universität Berlin (TU) sitzen Studierende beim Pausentalk. Rechts führt ein kleiner Weg zum Elektronik-Neubau vorbei vorbei an Fahrradknäueln, Sitzecken, Blumenrabatten. Zwei Stockwerke hoch, um die Ecke links. Ein Schild mit bunten Farbkleksen begrüßt die Besucher: „dEIn Labor“ (das Elektrotechnik- und Informatik-Schülerlabor). Das Röhren einer Kaffeemaschine dringt aus einem Raum gefüllt mit Plastikbechern, Keksschalen, Elektrozangen, Lötkolben, Spannungsmessern, Laptops und gut drei Dutzend Jugendlichen von Klasse 7 bis 12. Die Atmosphäre ist hochkonzentriert. Bald ist Abgabeschluss für den Wettbewerb „Jugend forscht“, der Großteil der Kids reicht Arbeiten ein. Pflicht ist das nicht. Einmal die Woche lädt das SFZ auch an der TU zu Forschungsrunden. Podkaminski: „Um mehr Kids zu erreichen, brauchten wir einen zweiten Standort. Er ist zentral, und wir finden hier leicht hervor-ragend qualifizierte studentische Betreuerinnen.“

Menschen wie Clara Herbertz zum Beispiel. „Gerade die schüchternen Mädchen kommen gern auf mich zu“, sagt sie. „Sie fühlen sich bei einer weiblichen Ansprechpartnerin besser aufgehoben.“ Und sehen ein Rollenbild jenseits des Mainstreams: Eine Frau interessiert sich für Informatik und bleibt trotzdem weiblich. Herbertz hat dieser scheinbare Widerspruch selbst lange umgetrieben. Als Jugendliche fühlte sie sich „irgendwie falsch“, weil sie nicht zu den „Ponyhofmädchen gehörte, sondern lieber ins Naturkundemuseum ging“. Weil sie sich mehr für Physik als für Make-up interessierte, ein „Stigma“, so hat sie es empfunden. Bestärkt von den Eltern blieb sie trotzdem dabei. Heute studiert die 24-Jährige technischen Umweltschutz. „Mich haben die breitere Perspektive und der Anwendungsbezug digitaler Tools in den ‚Bindestrichfächern‘ angezogen, wie viele Mädchen.“ Medizininformatik, Umweltinformatik, Bioinformatik – tatsächlich liegt der Frauenanteil hier bei 40 bis 50 Prozent.

Science of Cosmetics

Seit April gibt Herbertz auch achtwöchige Spezial-Workshops: „Girls only.“ 2014 aus Gleichstellungsmitteln der Universität auf die Beine gestellt, gehören sie zweimal im Jahr zum SFZ-Repertoire. Allerdings: Die Themen der ersten Kurse – Popcornmaschine bauen, Umwelt erkunden – zogen nicht. Dann fragte Podkaminski die Mädchen im SFZ selbst: Was würde euch gefallen? Die Antwort: „Science of Cosmetics“ – die Workshops sind seitdem voll. Podkaminski lacht. „Wir wollten Geschlechterstereotype gerade vermeiden. Aber wir haben gelernt: Vielen Mädchen eröffnet das einen Zugang, dann wird es zum Selbstläufer.“

„Die Kids lernen hier digitale Tools als Arbeitsgeräte zu nutzen, nicht nur zum Spielen, Chatten, Wischen auf dem Handy.“

17 Uhr. „Verflixt, unsere Klappe hakt“, schimpft Jennifer und tippt energisch auf ihr Handy. Vor ihr steht ein DIN-A4-großer Rahmen aus Lego, mit zwei Scharnieren ist daran ein Pappdeckel befestigt. Ruckelnd hebt das Scharnier die Pappe nach oben. „Die Motorkraft reicht nicht ganz“, seufzt ihre Projektpartnerin Emine und öffnet den „App-Inventor“ auf dem Computermonitor. Anmelden, drei Klicks, langsam die Motorleistung hochziehen, geht´s jetzt? Seit Ende November basteln die beiden an einer App-gesteuerten Hundeklappe, die Jennifer aus der Ferne mit ihrem Handy öffnen will, um ihre Hündin Luna, wenn diese an langen Tagen allein zu Haus ist, in den Garten lassen zu können. Möchte Luna zurück, soll eine Kamera an der Klappe den Hund erkennen und den Impuls zum Öffnen geben.

Wochenlang haben Jennifer und Emine nach einer passenden Software gesucht, sich mit englischsprachigen YouTube-Tutorials ins Programmieren eingearbeitet, nach einer geeigneten Kamera gesucht, das erste Modell gebaut. Jennifer: „Wir dachten, es geht mehr um Tiertraining, als wir mit unserer Idee hierherkamen.“ Emine: „Aber es war wahnsinnig viel digitale Technik.“ Ja, manchmal nervt‘s. Fummeln, nachjustieren, neue Lösungen finden, überprüfen. Sie haben sich durchgebissen. Emine: „Jetzt wollen wir bei Jugend forscht auch gewinnen.“

Sich auf Neues, Unerwartetes einlassen, durchhalten – für SFZ-Leiter Podkaminski gehört das zu den wichtigsten Erfahrungen beim Forschen. Manchmal entsteht ein richtiger Sog, wie bei Emine und Jennifer. „Und die Kids lernen hier digitale Tools als Arbeitsgeräte zu nutzen, nicht nur zum Spielen, Chatten, Wischen auf dem Handy.“ Sondern auch: Präsentationsposter am Computer bauen, Projektdaten in der Cloud ablegen, damit die Projektgruppe jederzeit damit arbeiten kann, Termine online koordinieren, in wissenschaftlichen Datenbanken recherchieren.

„Jungen interessieren sich nur mehr für Spiele und Roboter, Mädchen eher für die Interaktion von Technik und Mensch. Aber gerade, wenn alle zusammen forschen, bereichern sie sich gegenseitig.“

Das Interesse, so Podkaminski, sei bei Mädchen nicht geringer als bei Jungen. „Jungen interessieren sich nur mehr für Spiele und Roboter, Mädchen eher für die Interaktion von Technik und Mensch. Aber gerade, wenn alle zusammen forschen, bereichern sie sich gegenseitig.“ MINT ist kein Geschlechterding mehr, sondern schlicht: normal. „Komm mach MINT“-Sprecherin Haaf ergänzt: „Andere Pädagogen in unserer Community sagen: Wir brauchen erst eine Phase der Monoedukation, damit Mädchen erleben, dass man ihnen etwas zutraut und sie sich von den Geschlechterstereotypen lösen. Ein Patentrezept gibt es letztlich nicht.“

18 Uhr. Emine und Jennifer sind schon weg, Clara winkt zum Abschied Podkaminski zu. Entmutigt es, dass trotz aller Initiativen für mehr Mädchen in MINT-Fächern der Turnaround auf sich warten lässt? Seit 2008 ist der Frauenanteil in den MINT-Studiengängen gerade mal um drei Prozentpunkte gestiegen. Ein bescheidenes Ergebnis? Podkaminski schüttelt den Kopf. Er spürt die Begeisterung, wenn er mit Schülerinnen arbeitet. Oder wenn Lehrkräfte von anderen Schulen anrufen: „Seit Mobina im SFZ ist, hat sie einen Selbstbewusstseinssprung gemacht wie zuvor lange nicht.“ Also trommelt der 34-Jährige weiter für sein Forschungslabor, erzählt auf Kongressen von seinen Erfahrungen, erinnert auf Fortbildungen die Lehrkräfte: Ermutigt die Mädchen, lasst die Schere im Kopf nicht zu. Podkaminski schnappt seine Tasche, schließt die Tür ab und lacht. „Nächste Woche geht es weiter.“

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