GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Der Brexit und seine FolgenHeimweh nach Cornwall

Die Biologin Prof. Lena Wilfert hat jahrelang in Großbritannien geforscht und arbeitet immer noch eng mit britischen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Im Interview mit E&W berichtet sie, welche Folgen der Brexit für die Kooperation hat.

21.04.2021 - Anna Lehmann, taz-Redakteurin

  • E&W: Frau Wilfert, Sie haben elf Jahre in Großbritannien gelebt und sind 2018 nach Deutschland zurückgekehrt. Was war ausschlaggebend dafür?

Lena Wilfert: Ich habe in Ulm eine Professur bekommen, die perfekt zu meinem Forschungsschwerpunkt passt. Aber nur deshalb, weil ich nach dem Brexit-Referendum intensiv nach Stellen in Deutschland gesucht habe.

  • E&W: Weshalb? Was haben Sie nach dem Ja zum Brexit befürchtet?

Wilfert: Ich habe genau das Chaos befürchtet, das jetzt auch ausgebrochen ist und welches sich auf unsere Lebenssituation und die Lage in der Forschung auswirkt. Ein wichtiger Grund war auch, dass wir das Land nicht mehr wiedererkannt haben. Wir sind überzeugte Europäerinnen und Europäer und uns ist klar, dass wir globale Probleme nur international lösen können. Nationalismus und Populismus waren uns zuwider.

  • E&W: Für Forscherinnen und Forscher in Großbritannien ändert sich doch kaum etwas. Das Forschungsprogramm Horizon der Europäischen Union (EU) läuft weiter. Ihre -Forschungsprojekte hätten also auch in Großbritannien finanziert werden können, oder?

Wilfert: Das stimmt. Es ist schön, dass es mit der Forschungsförderung doch noch geklappt hat. Aber bis Weihnachten 2020 war das nicht klar. Nach wie vor gibt es Unsicherheit, ob und wie lange die EU-Programme so laufen werden. Und die eingeschränkte Personenfrei-zügigkeit, das macht gewaltig etwas aus.

  • E&W: Was genau meinen Sie?

Wilfert: Die kleine, informelle Zusammenarbeit. Schnell mal jemanden nach Großbritannien zu schicken, der drei Wochen nur eine Methode lernen soll, das wird jetzt schwieriger. Denn es wäre sehr aufwändig, dafür extra ein Arbeitsvisum zu beantragen. Aber wirklich gravierend ist es für die Studierenden ...

  • E&W: … Großbritannien ist aus dem Austauschprogramm Erasmus Plus ausgestiegen.

Wilfert: Das ist wirklich ein großer Rückschritt. Viele britische Studentinnen und Studenten haben über das Erasmus-Plus-Programm an europäischen Forschungsprojekten mitgearbeitet. Für sie ist es sehr, sehr wichtig, Arbeitserfahrungen zu sammeln, und da war Erasmus Plus sehr beliebt. Kolleginnen und Kollegen hatten beispielsweise ein Forschungsprojekt auf Zypern, da ging es um Schildkröten. Dorthin hat die Universität Exeter sonst Dutzende Studierende geschickt, finanziert über Erasmus Plus. So konnten sie Forschungserfahrungen im Ausland sammeln, gerade auch Leute, deren Eltern sich das sonst nicht hätten leisten können. Wenn die britische Regierung heute sagt, Erasmus, das war eh nur für die Reichen, die ins Ausland gingen, um Ski zu fahren, dann stimmt das einfach nicht.

  • E&W: Und an solchen Projekten wie dem auf Zypern können Studierende nun nicht mehr teilnehmen?

Wilfert: Zurzeit sind derartige Projekte wegen Covid sowieso ausgesetzt. Aber ich weiß nicht, welchen Weg die Unis finden werden. Der Weg über Erasmus Plus ist erst einmal versperrt.

  • E&W: An welchen gemeinsamen Projekten forschen Sie derzeit zusammen mit britischen Kolleginnen und Kollegen?

Wilfert: Ich habe ein großes Projekt, finanziert vom European Research Council, in dem wir mit britischen und US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Ich forsche zu Infektionskrankheiten bei Bestäubern, nämlich Bienen und Hummeln. In dem Projekt geht es speziell darum, was in einem Ökosystem passiert, wenn ein Krankheitsüberträger hinzukommt. Das ist zufällig bei Honigbienen passiert, dort überträgt eine Milbe ein Virus. Generell wollen wir uns der Frage nähern, welche ökologischen und genetischen Risikofaktoren die Ausbreitung neuer Krankheiten begünstigen.

  • E&W: Leidet die Zusammenarbeit mit den britischen Kolleginnen und Kollegen unter dem Brexit?

Wilfert: Momentan nicht. Aber es sind diese kleinen Hürden, die uns ein wenig Sorgen machen. Beispielsweise werden wir irgendwann Ribonukleinsäure (RNS) nach Großbritannien schicken müssen. Davor habe ich momentan ein wenig Angst. Wenn die Proben eine Weile beim Zoll hängen, sind sie hinüber.

  • E&W: Wie sehr ist man auf Ihrem Gebiet generell auf internationale Kooperation angewiesen, wie gut sind Sie gerade auch mit Großbritannien vernetzt?

Wilfert: Ich bin Evolutionsökologin, da arbeiten wir häufig sehr international. Ich betreibe oft Feldforschung in Großbritannien, unter anderem auf den Inseln in der Irischen See. Die internationale Zusammenarbeit ist sehr wichtig für uns.

  • E&W: Wie nehmen Sie die Stimmung unter Ihren britischen Kolleginnen und Kollegen wahr?

Wilfert: Ganz viele waren nach dem Brexit einfach nur frustriert und wollten darüber am liebsten nicht mehr nachdenken. Resignation ist vielleicht der Begriff, der es am besten trifft.

  • E&W: Wie wichtig sind Auslandserfahrungen für Biologiestudierende in Deutschland, gerade wenn sie später in die Forschung gehen wollen?

Wilfert: Ich finde es generell wichtig, ins Ausland zu gehen – gerade um auch mal über den eigenen Tellerrand zu schauen. Dann sieht man viele Sachen aus einer anderen Perspektive: Was läuft in Deutschland gut, und worauf bilden wir uns vielleicht zu viel ein, sind aber nur mittelmäßig. Wenn man in die Forschung gehen will, ist es natürlich ganz wichtig, internationale Erfahrungen zu sammeln und Netzwerke aufzubauen. Für Studierende in Deutschland ist es nun insbesondere problematisch, dass sie in Großbritannien nicht mehr die niedrigeren Studiengebühren bezahlen. Die Gebühren für ausländische Studierende sind exorbitant.

  • E&W: Sie waren selbst nach dem Studium als Postdoc in Großbritannien: in Edinburgh, Cambridge und Exeter. Wäre das heute für deutsche Postdocs so noch möglich?

Wilfert: Ja, das glaube ich schon. Aber es wäre mit größerem Aufwand verbunden. Man braucht ein Arbeitsvisum. Ich kenne das aus der Schweiz, wo ich promoviert habe. Man muss halt immer schauen, dass das Visum passt, dass man sich registriert. Man hat nicht mehr den Vorteil, dass man dort irgendwann normal leben kann.

  • E&W: Sie sind damals in Großbritannien geblieben.

Wilfert: Ja, ich habe ein Stipendium der Royal Society bekommen. Damit konnte ich anfangen, meine eigene Arbeitsgruppe aufzubauen. Das ist der goldene Weg in Großbritannien, um eigenständig forschen zu können, denn dort wird man ja nicht berufen. Die Universität Exeter hat mich mit dem Stipendium abgeworben und mir eine feste Stelle gegeben.

  • E&W: Haben Sie Ihre Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren, zwischenzeitlich bereut?

Wilfert: Aus professioneller Sicht nicht. Die Stelle in Ulm passt hervorragend für mich, ich arbeite sehr gut mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammen. In Deutschland haben wir auch den Vorteil, dass wir Forschung längerfristig betreiben können, was in der britischen Forschungslandschaft so nicht geht. Es gibt zwar auch einige sehr gute Langzeitprojekte, aber es ist recht schwierig. Ich habe im Februar an der Vollversammlung der Biodiversitätsexploratorien teilgenommen. Das ist ein Langzeitprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das seit Mitte der Nullerjahre in drei Gebieten in Deutschland Biodiversität in ganz verschiedenen Dimensionen untersucht – vom Klima bis zum Boden. Diese langfristige Forschung, das ist etwas, was in Deutschland doch recht gut läuft. Emotional haben wir natürlich immer noch sehr großes Heimweh nach Cornwall. Der Austausch mit meinen britischen Kolleginnen und Kollegen ist eben nicht mehr der gleiche. Es ist etwas anderes, wenn man sich nicht mehr beim Tee oder Bier trifft. Aber darunter leiden wir ja jetzt alle.