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IQB-Bildungstrend 2018Stabil verbesserungswürdige Leistungen

Trotz insgesamt stabiler Ergebnisse schafft ein Viertel der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler in Mathematik nicht die Regelstandards der Kultusministerkonferenz (KMK). Die GEW schlägt ein „Bund-Länderprogramm gegen Bildungsarmut“ vor.

21.10.2019

Knapp ein Viertel der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler scheitert im Fach Mathematik an den Mindeststandards für den Mittleren Schulabschluss. Das ist ein Ergebnis des Mitte Oktober in Berlin vorgestellten Bildungstrends 2018 des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Rund 45 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichen diese Regelstandards in der 9. Jahrgangsstufe. Damit blieben die Ergebnisse im Vergleich zur ersten Untersuchung im Jahr 2012 „insgesamt stabil“. Allerdings zeigten sich an den Gymnasien in fast allen betrachteten Kompetenzbereichen schwächere Leistungen.

Im IQB-Bildungstrend wird analysiert, inwieweit Neuntklässlerinnen und Neuntklässler die länderübergreifend geltenden Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) in den Fächern Mathematik, Biologie, Chemie und Physik in der Sekundarstufe I erreichen. 2018 nahmen 44.941 Schülerinnen und Schüler in 1.462 Schulen aus allen 16 Bundesländern teil.

Weitere Ergebnisse: In Biologie, Physik und Chemie schnitten die Jugendlichen etwas besser ab als in Mathematik. Aber auch dort erreichten zwischen rund 5 (Biologie) und knapp 17 Prozent (Chemie) die Mindestanforderungen nicht. Jungen wiesen nur in Mathematik bessere Leistungen auf als Mädchen. Der Zusammenhang von sozialem Hintergrund und erreichten Kompetenzen verstärkte sich nicht. Schülerinnen und Schüler aus zugewanderten Familien hatten in den naturwissenschaftlichen Fächern mehr Nachteile als in Mathematik. Für Jugendliche der zweiten Zuwanderergeneration verringerten sich diese Differenzen teils.

„Aufrütteln sollten uns die ungünstigen Entwicklungen in einzelnen Ländern.“ (Alexander Lorz)

Die erreichten Werte unterscheiden sich derweil zwischen den einzelnen Bundesländern deutlich. Während in Bremen mehr als 40 Prozent der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler an den Mindeststandards in Mathematik scheitern, sind es in Sachsen nur 14 Prozent. In Biologie, Physik und Chemie landet Berlin auf dem letzten Platz, auch der Stadtstaat Hamburg und der Zweistädtestaat Bremen sind auf untersten Plätzen. Den ersten Platz im Ländervergleich sicherte sich Bayern knapp vor Sachsen.

Der KMK-Präsident und hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sagte: „Aufrütteln sollten uns die ungünstigen Entwicklungen in einzelnen Ländern. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den negativen Tendenzen bei den Jungen.“ Deutschland müsse „noch mehr unternehmen, um die Begeisterung unserer Schülerinnen und Schüler für die Naturwissenschaften zu wecken“. 

„Die Armut von Kindern ist insbesondere in den Stadtstaaten ein großes Problem. Sie wirkt sich negativ auf den Lernerfolg aus.“ (Ilka Hoffmann)

Die GEW forderte ein „Bund-Länderprogramm gegen Bildungsarmut“. „Die Armut von Kindern ist insbesondere in den Stadtstaaten ein großes Problem. Sie wirkt sich negativ auf den Lernerfolg aus. Wir haben kein Erkenntnisproblem: Politik muss die Konsequenzen aus den Daten ziehen und endlich handeln“, sagte Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule. Der dramatische Lehrkräftemangel spiegele sich schon jetzt in den Ergebnissen der Studie wider. Dieser Trend werde sich in den nächsten Jahren verstärken, wenn Politik nicht gegensteuert. Hoffmann mahnte eine Offensive in der Lehrkräfteausbildung und Qualitätsstandards in der Fort- und Weiterbildung von Quer- und Seiteneinsteigern an.

„Eine höhere Qualität von Bildung wird durch Standards bei den Lernbedingungen, die Unterstützung der Unterrichtsentwicklung und massive Investitionen in eine gute Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer erreicht. Bildungsmonitoring darauf zu reduzieren, ob Bildungsstandards erreicht werden, reicht nicht“, betonte die GEW-Schulexpertin. „Die quantitative Forschung muss durch qualitative Methoden der Unterrichtsforschung ergänzt werden, bei Problemen sind gut evaluierte Unterstützungsmaßnahmen einzusetzen.“ So hätten etwa Bremen und Berlin, die im Bildungstrend nicht gut abschneiden, mit besonders großen sozialen und pädagogischen Herausforderungen an den Schulen zu kämpfen.

Hoffmann zweifelte an, dass ein Ländervergleich eine Verbesserung der Bildungsqualität anstoßen könne: „Die einzelnen Schulen sind mit Blick auf ihre pädagogische Ausrichtung und die Zusammensetzung der Lerngruppen sehr unterschiedlich. Insofern gibt es kein länderspezifisches Gesamtsystem mit einem einheitlichen Unterrichtskonzept, das man anpassen kann. Ein Rückschluss auf die Schulstrukturen in den Ländern ist daher unredlich.“ Darüber hinaus würden in der Studie grundsätzlich unterschiedliche Stichproben miteinander verglichen. Diese könnten sich durch gesellschaftliche Entwicklungen in ihren Lernvoraussetzungen ändern. „Es ist also nicht klar, welche Entwicklung genau gemessen werden kann und welche Parameter ausschlaggebend sind.“

Jungen und Mädchen gezielter fördern

Die Autorinnen und Autoren der Studie bilanzieren in ihrem Fazit: „Wie die Ergebnismuster jeweils einzuschätzen und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, muss innerhalb der Länder unter Berücksichtigung zusätzlicher Informationen über das jeweilige Bildungssystem und dessen Veränderungen im Untersuchungszeitraum diskutiert werden.“

Analysiert werden sollte dabei aber auch die Frage, wie Schülerinnen und Schüler jeweils noch gezielter unterstützt werden können, um zum einen der ungünstigen Entwicklung bei den Jungen entgegenzuwirken und zum anderen Mädchen von ihrem Leistungspotenzial im MINT-Bereich zu überzeugen.

Außerdem stellten die Expertinnen und Experten klar: Zwar habe sich zwischen 2012 und 2018 die Heterogenität der Schülerschaft durch mehr Kinder aus zugewanderten Familien und mehr Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an allgemeinen Schulen erhöht. „Diese Veränderungen sind jedoch nicht verstärkt in Ländern aufgetreten, in denen besonders ungünstige Entwicklungen in den erreichten Kompetenzen zu verzeichnen sind, so dass sie kaum zur Erklärung der negativen Trends beitragen dürften.“

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