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„Für Daueraufgaben muss es auch feste Stellen geben“

Dr. Andreas Keller im Gespräch mit Dr. Linda Guzzetti, Lehrbeauftragte an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und an der Freien Universität Berlin

13.10.2015

Andreas Keller: Linda, bist du zufrieden mit deiner Arbeit?

Linda Guzzetti: Ich liebe meine Arbeit - aber die Bedingungen sind eigentlich unzumutbar. Ich kann gar nicht sagen, wie viele Lehraufträge ich schon hatte. Seit 1996 arbeite ich als Lehrbeauftragte für verschiedene Hochschulen, jedes Semester habe ich an jeder Uni bis zu vier Kurse und für jeden gibt es einen extra Vertrag. Und ich habe für meine Lehraufträge keinerlei Sicherheit. Die Unis müssen nicht begründen, wenn sie einem keine weiteren Kurse geben. So wie mir geht es den meisten Dozentinnen und Dozenten an den Sprachenzentren der Hochschulen.

Du hangelst dich also von einem Semester zum nächsten, in einem permanenten Zustand der Unsicherheit. Was ist, wenn Du mal krank wirst?

Eine Absicherung im Krankheitsfall habe ich nicht. Wenn ich eine Stunde ausfallen lassen muss und nicht nachholen kann, verdiene ich nichts. Zudem wird nur die Präsenzlehre entlohnt. Aber Lehren beinhaltet ja auch Vorbereitung, Betreuung der Studierenden, Online-Unterstützung, Absprachen mit Kolleginnen und Kollegen. Das kommt alles unbezahlt obendrauf.

Und das machen die Lehrbeauftragten alles mit?

Die Hochschulen nutzen aus, dass die Lehrbeauftragten ihre Arbeit gerne machen und sich daher auf diese schlechten Bedingungen einlassen. Man braucht auch Mut, um sich zu wehren, da man sofort das Risiko eingeht, keine weiteren Lehraufträge zu bekommen. Es ist schwer, Leute zu organisieren, die keinen festen Arbeitsplatz haben. Ich persönlich komme mit der Situation relativ gut klar. Aber manche von uns macht diese permanente Unsicherheit regelrecht krank.

Was kann, was muss sich ändern?

Zum Glück tut sich schon ein bisschen etwas. Das Thema ist in der öffentlichen Diskussion und die Anerkennung der Lehrbeauftragten hat sich verbessert. In einigen Bundesländern spiegeln sich die Tariferhöhungen auch in einer Erhöhung der Honorare wider - nur graduell, aber besser als nichts. Doch die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen müssen sich generell verbessern. Die Unis müssen mehr Geld in die Lehre investieren und für fortdauernde Aufgaben feste Stellen schaffen. Der Bedarf an Lehrkräften an den Sprachenzentren ist schließlich gut planbar. Man nimmt trotzdem lieber Lehrbeauftragte, da das für die Unis natürlich günstiger ist.

Was können die Betroffenen selbst tun?

Mitmachen in der Gewerkschaft! Ideen entwickeln, Leute finden, sich vernetzen. Und beispielsweise mit Kampagnen wie die für den Traumjob Wissenschaft auch den politischen Druck erhöhen.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Was wünschst du dir?

Ich wünsche mir eine Festanstellung aller Dozentinnen und Dozenten an den Sprachenzentren der Unis. Für Daueraufgaben wie die Sprachenbildung muss es auch Dauerstellen geben!

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