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Studie zu MINT-FächernFünf nach zwölf

Der Lehrkräftemangel in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) wird in den kommenden Jahren zunehmen. Das zeigt eine aktuelle Studie.

21.04.2021 - Klaus Klemm, Bildungsforscher, Professor i. R. an der Uni Duisburg-Essen

Schon heute beeinträchtigt der Lehrkräftemangel in den naturwissenschaftlichen Fächern deutschlandweit den Unterrichtsalltag der weiterführenden Schulen. Ausweislich des IQB-Bildungstrends 2018 wurde im neunten Jahrgang zum Beispiel der Mathematik-Unterricht an den Gymnasien zu 10 und an den nichtgymnasialen Schularten zu 13 Prozent fachfremd erteilt.

Um abzuschätzen, wie sich dies in den kommenden Jahren bei den MINT-Fächern entwickelt, müssen die folgenden Faktoren betrachtet werden: Die Zahl der MINT-Lehrkräfte, die in den nächsten Jahren altersbedingt aus dem Schuldienst ausscheiden und daher ersetzt werden müssen (Ersatzbedarf), die Entwicklung der Schülerinnen- und Schülerzahlen, für die, sofern sie steigen, weitere Stellen besetzt werden müssen (Ergänzungsbedarf), sowie die Zahl derer, die die lehrkräfteausbildenden Hochschulen mit einer MINT-Lehrbefähigung verlassen werden (Neuangebot von Lehrkräften). Diese drei Bereiche wurden in einer im Auftrag der Telekom Stiftung durch den Autor dieses Beitrages am Beispiel nordrhein-westfälischer Daten für die Jahre bis 2030 untersucht*.

Das Ergebnis ist niederschmetternd. Die Zusammenschau der Daten zum Ersatzbedarf, Zusatzbedarf und Neuangebot ausgebildeter MINT-Lehrkräfte ergab: Dem bis 2030 in den MINT-Fächern entstehenden Einstellungsbedarf in Höhe von 39.000 wird nur ein Angebot von etwa 13.000 gegenüberstehen. Die Bedarfsdeckungsquote, die damit über alle MINT-Fächer hinweg auf 33 Prozent geschätzt wird, liegt in Technik bei 4, in Informatik bei 6, in Physik bei 17, in Chemie bei 29, in Mathematik bei 43 und in Biologie bei 44 Prozent. Dazu, ob diese Ergebnisse aus Nordrhein-Westfalen (NRW) auf die Entwicklung in den anderen Bundesländern tendenziell übertragbar sind, soll im Folgenden eine Einschätzung versucht werden.

Hoher Ersatzbedarf im Osten

34 Prozent aller nordrhein-westfälischen Lehrkräfte waren 2018/19 älter als 50 Jahre. Diese werden in den Jahren bis 2030 zumeist den Schuldienst verlassen. Damit lag NRW genau bei dem Durchschnittswert der westlichen (34 Prozent), aber deutlich unter dem der östlichen Bundesländer (61 Prozent). Der Berliner Wert lag mit 45 Prozent dazwischen. Das bedeutet, der Ersatzbedarf in den östlichen Ländern und auch in Berlin wird erheblich höher sein als in NRW und auch als in den westlichen Ländern.

In NRW steigt die Zahl der Schülerinnen und Schüler von 2018 bis 2030 ausweislich der aktuellen Prognose der Kultusministerkonferenz auf 119 Prozent an. Im Durchschnitt der westlichen Länder liegt dieser Anstieg mit 115 Prozent etwas, in dem der östlichen Länder mit 111 Prozent dagegen deutlich niedriger. Berlin übersteigt mit seinem Zuwachs der Schülerinnen- und Schülerzahl auf 124 Prozent alle anderen Länder.

Beim Vergleich der NRW-Daten mit denen der anderen Bundesländer lässt sich daher zusammenfassend feststellen: In den ostdeutschen Ländern ist aufgrund des dort höheren Durchschnittsalters der Lehrerkollegien mit im Vergleich zu NRW größeren Zahlen der altersbedingt ausscheidenden Lehrkräfte zu rechnen. Der stärkere Ersatzbedarf geht aber einher mit einem im Vergleich zu NRW schwächeren Anstieg der Zahl der Schülerinnen und Schüler und daher einem geringeren Ergänzungsbedarf. Das Zusammenwirken dieser beiden Faktoren erlaubt die Annahme, dass die nordrhein-westfälischen Werte tendenziell auf die anderen Bundesländer übertragbar sind. Lediglich für Berlin ist zu erwarten, dass der dortige Einstellungsbedarf deutlich höher als in NRW liegen wird: Dort gehen hohe Zahlen ausscheidender Lehrkräfte einher mit einem überdurchschnittlichen Anstieg der Schülerinnen- und Schülerzahlen.

Weniger Lehrkräfte

Es besteht Grund zu der Annahme, dass die in NRW zu erwartenden großen Probleme sich auch bundesweit entwickeln. Während gegenüber 2013 die Zahl der Hochschulabsolventinnen und -absolventen mit einer Lehramtsprüfung in NRW im Jahr 2019 nur auf 99 Prozent gesunken ist, gibt es in den östlichen Bundesländern einen Rückgang auf 90 und in den westlichen Bundesländern auf 93 Prozent. In Berlin, wo der Bedarf auch besonders stark wachsen wird, sind die Absolventenzahlen in diesem Zeitraum immerhin auf 110 Prozent gestiegen. Da über die einzelnen Bundesländer keine fachspezifischen Daten zu den Hochschulabsolventinnen und -absolventen vorliegen, lässt sich nicht feststellen, ob der in NRW beobachtete Rückgang der Absolventinnen und Absolventen mit einem MINT-Unterrichtsfach von 2013 bis 2019 auf 64 Prozent bundesweit gilt.

Es spricht aber wenig dafür, dass es in der Mehrzahl der Bundesländer bei den MINT-Fächern einen im Vergleich zum größten Bundesland gegenläufigen Trend gegeben hat und die Entwicklung etwa im Fach Informatik, die in NRW durch einen Rückgang von 50 Absolventen in 2013 auf nur 15 (!) in 2019 gekennzeichnet ist, in den anderen Bundesländern besser war.

Fazit: Angesichts dieser Perspektive ist es schwer vorstellbar, wie die heranwachsende Generation im Feld Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften auf die Herausforderungen ihrer Zukunft gut vorbereitet werden kann, einer Zukunft, die in nahezu allen Arbeits- und Lebensbereichen durch Digitalisierung geprägt sein wird. Thomas de Maizière, der Vorsitzende der Deutschen Telekom Stiftung, der Auftraggeberin der Untersuchung, stellte dazu fest: „Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass es nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf ist.“

*Klaus Klemm: Lehrkräftemangel in den MINT-Fächern: Kein Ende in Sicht. Gutachten im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung, 2021.