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Musikalische SchulpausenEntspannung zum Nulltarif

An der Rolandschule, einer Grundschule in Oberhausen, rennen die Kinder mittwochs nicht einfach in die große Pause, voll Freude, dass sie eine Weile nicht büffeln müssen. Sie freuen sich aus einem besonderen Grund, denn nun heißt es: Musik ab.

13.10.2020 - Stephan Lüke, freier Journalist

Der Vater der Idee heißt Marcel Weyer. Er bezeichnet sich als jemanden, der Musik („nicht das Fach“) zwar mag, aber kein Instrument spiele und überhaupt nicht singen könne. Doch das, was er mit seiner ehemaligen Kollegin Catharina Hölter an seiner früheren Schule, der Ruhrschule in Oberhausen-Alstaden, eher zufällig entdeckte, fasziniert ihn bis heute. Bei der Vorbereitung eines Schulfestes studierten die beiden mit ihren Schülerinnen und Schülern auf dem Schulhof einen Tanz ein. Das Pausenklingeln riss sie aus der Spannung. Dutzende Kinder strömten nach draußen, schauten ob der lauten Musik kurz verwirrt und begannen dann zu tanzen. Andere sangen mit, wieder andere beobachteten parallel zum eigenen Spiel das sonderbare Geschehen. Von sonst eher üblichen Streitereien keine Spur.

Weyer und Hölter waren begeistert. „Wir schilderten dem Kollegium unsere Eindrücke und schlugen vor, Musikpausen einzuführen“, erinnert sich der gelernte Deutsch- und Religionslehrer Weyer. Gesagt, getan. Einmal wöchentlich rollte fortan der Hausmeister eine Box auf den Schulhof. Er tat es nicht häufiger, um den Reiz zu erhalten. Zunächst wählten Erwachsene Lieder aus. Später übernahmen das die Mädchen und Jungen. Sie erstellten Playlisten in ihren Klassen – von Kinderliedern über Charts bis hin zu Schlagern. „Uns war damals schon klar, dass das mehr als eine lustige Abwechslung sein würde“, erinnert sich Weyer. Er fügt hinzu: „Allein die gemeinsame Auswahl der Musik fördert Partizipation und Demokratieverständnis. Man muss auch schon einmal ein Lied ertragen, das man selbst nicht favorisiert.“

Das Laune-Barometer stieg bei den Grundschülerinnen und -schülern, aber auch der gesamten Schulgemeinde. Frohgemut rannten die Kinder in die Pause und kehrten entspannt aus ihr zurück. Streitereien und Raufereien blieben wie von Zauberhand verschwunden. Weyer leicht amüsiert: „Die Kolleginnen und Kollegen rissen sich förmlich darum, ihre Aufsicht in den Musikpausen führen zu dürfen.“ Nicht nur, weil sie weniger Konflikte zu lösen hatten. Musik entspannt auch ältere Semester.

„Außerdem merken wir, dass die Kleinen deutlich konzentrierter und mit mehr Spaß bei der Sache sind.“ (Marcel Weyer)

Nur ein Jahr nach der wundersamen Entdeckung der musikalischen Unterrichtsunterbrechung wechselte Weyer den Arbeitsplatz. Seine neue Heimat fand er in der Rolandschule. Rund 220 Kinder besuchen die offene Ganztagsgrundschule. Sie liegt in einem sozial schwierigeren Umfeld Oberhausens, im Stadtteil Schlad. Schon nach seinen ersten Pausenbeobachtungen stand für den 35-Jährigen fest: Hier muss die Musikpause her. Kinder beleidigten oder schlugen sich. Kräfte messen und Positionen abstecken prägten den Alltag der Kleinen.

Weyer zögerte ein wenig, seinen Vorschlag zu unterbreiten: „Als Neuer direkt tolle Konzepte vorzuschlagen, kommt meistens nicht besonders gut an.“ Lange aber hielt er sein selbst auferlegtes Schweigen nicht durch. Nach einigen Wochen stellte er das Konzept vor. Es stieß auf ein durchweg positives Echo. Seither heißt es immer wieder mittwochs in den Hofpausen: Die Musik kann beginnen.

Kinder und Eltern, die ursprünglich ein wenig verdutzt reagiert hatten, sind längst begeistert. Zumal sie bei Elternsprechtagen erfahren, dass es nicht nur in den Pausen, sondern auch im Unterricht friedlicher zugeht. „Außerdem merken wir, dass die Kleinen deutlich konzentrierter und mit mehr Spaß bei der Sache sind“, bilanziert der junge Lehrer.

„Vielmehr ist es so, dass Denken und Lernen dann gut funktionieren können, wenn der Körper wach und lebendig ist, und wenn wir vor allem – aber nicht nur – im Kindesalter viele und vielfältige körperliche Erfahrungen machen dürfen.“ (Bettina Leuckert)

Die Bedeutung von Bewegung und Musik für die Entwicklung und Lernfähigkeit betont nicht nur der Neurobiologe Professor Gerald Hüther regelmäßig. Auch die Berliner Musik- und Bewegungspädagogin Bettina Leuckert unterstreicht dies: „So wie ich die Neurobiologie heute verstehe, ist es ein Holzweg zu meinen, dass das Denken und die mentalen Fähigkeiten nur den Kopf brauchen und abgekoppelt vom Körper existieren. Vielmehr ist es so, dass Denken und Lernen dann gut funktionieren können, wenn der Körper wach und lebendig ist, und wenn wir vor allem – aber nicht nur – im Kindesalter viele und vielfältige körperliche Erfahrungen machen dürfen.“ Zudem würden das Selbstbewusstsein, die emotionale Intelligenz und die Fähigkeit zur Empathie gestärkt, wenn man miteinander in Bewegung sei.

Weyer und seine Mitstreiter an der Rolandschule können das bestätigen. Auch während der Corona-Zeit finden die Musikpausen regelmäßig statt. Allerdings mit versetzten Pausenzeiten und geschlossenen Gruppen. „Gerade in diesen Zeiten“, so Weyer, „sind die Musikpausen wichtiger denn je.“

Tipps für Nachahmer

Für alle, die vielleicht Ähnliches planen, hält der Grundschulpädagoge zwei Tipps parat. „Ganz wichtig ist, die Nachbarschaft der Schule einzubeziehen“, betont er. In seiner vorherigen Schule sei dies zunächst nicht geschehen. Mit der Folge, dass sich Anwohner gegen den „Lärm“ wehrten. Die Schule stoppte das Projekt. Weyer aber weiß: „Dabei haben Messungen ergeben, dass unsere Musikpausen nicht lauter als normale Pausen sind.“ Das aber müsse man auch kommunizieren.

Sein zweiter Hinweis: Auch rechtlich ist das Abspielen von Musik außerhalb des Unterrichts kein Problem. Sprich, es werden keine Gebühren fällig. Das Schulministerium des Landes Nordrhein-Westfalen hat einen Gesamtvertrag mit der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) geschlossen, mit dem ein zwischen der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände und der GEMA geschlossener Pauschalvertrag umgesetzt wurde. Dieser sieht vor, dass für „Schulveranstaltungen“ ohne oder bis maximal 2,60 Euro Eintritt keine Vergütungen zu zahlen sind.

Den Musikpausen steht also nichts im Wege. Und mit ihnen ein wertvoller und sehr einfacher Schritt hin zu Gewaltprävention, Partizipation, Integration, Demokratie und besserem Lern- und Schulklima.