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Einfluss von Stiftungen: Genau hinsehen

Stiftungen haben im Bildungsbereich stark an Bedeutung gewonnen. Ihre Aktivitäten erfahren in Öffentlichkeit und (Fach-)Literatur positive Rückmeldungen, ihr Einfluss auf Bildungspolitik, Schule und Unterricht allerdings wird mitunter als zu stark kritisiert.

02.06.2016 - Kathrin Dedering, Professorin für Bildungsinstitutionen und Schulentwicklung an der Universität Erfurt

Unterzieht man ausgewählte Stiftungsaktivitäten einer systematischen Analyse, so lässt sich nachweisen, dass schon in der Art der Konzeption und der Durchführung einiger Stiftungsaktivitäten eine potenzielle Einflussnahme auf den bildungspolitischen sowie schul- und unterrichtspraktischen Bereich angelegt ist. Dies zeigt sich zum einen hinsichtlich des sogenannten Agenda Settings: Durch die Stiftungsaktivitäten werden bestimmte Themen in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt und als wichtig und beachtenswert herausgestellt.

Beim Evaluationsinstrument SEIS der Bertelsmann Stiftung und dem Wettbewerb „Der Deutsche Schulpreis“ der Robert Bosch Stiftung z. B. ist Schulqualität ein solches Thema. Zum anderen ist eine Normsetzung zu erkennen: Vertreten werden bestimmte inhaltliche Vorstellungen, die die beteiligten Schulen übernehmen sollen – auch wenn sie ggf. andere Vorstellungen haben. Bei SEIS und dem Deutschen Schulpreis beziehen sich diese auf das Verständnis von Schulqualität, auf die Idee der „Vermessung“ von Bildung sowie auf die Vorstellung von Schule als lernender Organisation und Schulentwicklung als kontinuierlichem, in verschiedenen Phasen ablaufendem Prozess. Beim Projekt „Schulen im Team“ der Stiftung Mercator wird zudem eine bestimmte Organisationsform als erfolgreiche Schulentwicklungsstrategie postuliert: die lokale, schulübergreifende Netzwerkbildung.

Zusammenarbeit von Stiftungswesen und Politik beobachten

Die Tragweite der potenziellen Einflussnahme von Wettbewerben oder Projekten kann aber als überschaubar gelten, da die Teilnahme für die Schulen an den Stiftungsaktivitäten – und damit die Übernahme der Vorstellungen –  zumeist freiwillig ist. Etwas anders verhält es sich bei SEIS: Einige kritische Stimmen in der Literatur gehen davon aus, dass das Instrument in vielen Bundesländern eine Orientierungsgrundlage bei der Entwicklung jener länderspezifischen Qualitätsrahmen gewesen ist, auf denen die Schulinspektionen basieren – die für die Schulen in den meisten Bundesländern gesetzlich verpflichtend sind. Wenn man dieser Sichtweise folgt, muss der Einfluss der Bertelsmann Stiftung hier – wenngleich indirekt – als weitreichend gelten.

Das Ausmaß der Einflussnahme von Stiftungen auf den Bildungsbereich ist abhängig vom Stiftungstyp: Stiftungen, die a) von anderen entwickelte Initiativen finanzieren oder b) Initiativen selbst entwickeln und finanzieren. Darüber hinaus spielt auch die Stiftungsphilosophie eine Rolle. So versteht sich etwa die Bertelsmann Stiftung als Think Tank, der das Schulsystem explizit nach eigenen (betriebswirtschaftlich ausgerichteten) Vorstellungen verändern will.

Will man Veränderungen im Bildungsbereich erzielen, so funktioniert das nicht ohne eine Vorstellung davon, in welche Richtung diese gehen sollen. Damit ist das Vorgehen der Akteure von vornherein normativ ausgerichtet. Auch den Stiftungen als privaten Akteuren im staatlich verantworteten Bildungsbereich sollten Vorstellungen davon, welche Ziele angestrebt und welche Maßnahmen gut und förderungswürdig sind, nicht generell abgesprochen werden. Sie sollten diese aber offenlegen, sodass eine kritische gesellschaftliche Diskussion über die (expliziten oder impliziten) Werte, die sich hinter den Aktivitäten von Stiftungen verbergen, möglich ist. Außerdem bedarf es in der Gesellschaft einer sensiblen Beobachtung der Zusammenarbeit von Stiftungswesen und Politik.

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