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Fach Wirtschaft

Einseitig und unwissenschaftlich

Befragungen und Studien liefern angeblich Argumente für, dass ein eigenständiges Fach Wirtschaft an Schulen. Soziologen der Uni Bielefeld haben 31 dieser Studien untersucht – und üben Kritik. Interview mit Prof. (em.) Reinhold Hedtke.

Studien, die für ein Fach Wirtschaft an Schulen plädieren, spiegeln das Interesse von Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften wider. (Foto: IMAGO/imagebroker/begsteiger)
  • E&W: Herr Hedtke, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Studien aus Deutschland und Österreich zum Wirtschafts- und Finanzwissen junger Leute und Erwachsener zu durchleuchten?  

Prof. Reinhold Hedtke: Wir hören und lesen seit Jahren, dass Kinder und junge Erwachsene zu wenig über Wirtschaft und Finanzen wüssten. Wir haben uns gefragt, woher kommt dieser Eindruck in der Öffentlichkeit? Also haben wir in einer Pressedatenbank recherchiert: Welche Studien werden in den Medien zitiert und prägen das öffentliche Bewusstsein? Bei unserer Suche haben wir 31 Studien gefunden.

  • E&W: Wer hat diese Studien in Auftrag gegeben?

Hedtke: 27 Untersuchungen wurden von Akteuren der Finanzbranche initiiert und veröffentlicht. Dazu gehören der Bundesverband Deutscher Banken, der Versicherungskonzern Allianz, österreichische Wirtschaftsverbände, auch einzelne Banken wie ING oder comdirect. Die anderen vier Studien stammen von Unternehmen oder Stiftungen außerhalb der Finanzbranche.

  • E&W: Sie kritisieren, dass die Studien zumeist wissenschaftlichen Kriterien nicht genügen. Warum?

Hedtke: Fast alle Untersuchungen kommen zu dem Schluss, das Finanz- und Wirtschaftswissen der Befragten sei schlecht oder defizitär. Doch sie legen keinen Vergleichsmaßstab an, mit dem man sagen könnte, welches Wissen gut genug ist und wozu man es braucht. Zweitens fehlt den Studien die nötige Offenheit. Sie stellen geschlossene Fragen wie: Sollte ein eigenes Schulfach Wirtschaft eingeführt werden? Keine Studie erlaubt den Befragten zu sagen, welche neuen Schulfächer sie gerne hätten – und welche sie dafür opfern würden. Drittens ist völlig unklar, was die Befragten unter Wirtschafts- oder Finanzbildung verstehen. So bleibt das eine Leerformel, hinter der sich ganz unterschiedliche Ziele und Inhalte verbergen.

Prof. Reinhold Hedtke, Soziologe und Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften und Wirtschaftssoziologie an der Universität Bielefeld. (Foto: Fritz Stockmeier)
  • E&W: Sie haben untersucht, welche „Items“ – also Fragen und Testaufgaben – die Studien aufgreifen und welche nicht. Was haben Sie entdeckt?

Hedtke: Ganz überwiegend wird der Bereich Geld, Finanzen und Kredit abgefragt. Im Mittelpunkt steht das Wissen der Individuen aus Sicht der Anbieter. Items zur Interessenvertretung der Käuferinnen und Käufer kommen nicht vor – etwa Verbraucherzentralen, Versicherungs- oder Bankenombudsmann. Es fehlt auch ein umfassenderer Blick auf die Finanzbranche – und deren Verbindungen mit der Politik. Die Macht der Finanzindustrie und das Problem ihrer politischen Regulierung werden nicht erwähnt.

  • E&W: Warum haben sich die Auftraggeber der Studien auf diese „Items“ beschränkt?

Hedtke: Ich denke, dass das die Interessen der Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften spiegelt. Junge Menschen sollen über deren Angebote so informiert werden, dass sie diese Produkte später kaufen. Das erweitert die Märkte für Finanzdienstleistungen.

  • E&W: Inwiefern wollen die Untersuchungen diesen Ansatz nach Ihren Beobachtungen auch an Schulen verwirklicht sehen?

Hedtke: Fast alle Studien präsentieren große Zustimmung für mehr Finanzwissen und ein separates Fach Wirtschaft. Das voranzutreiben, scheint ein wichtiges Motiv zu sein. Auch deshalb fragen sie nicht, ob andere neue Fächer gewünscht werden. Die Abtrennung der Wirtschaft von Gesellschaft und Politik fördert die Entpolitisierung des Themenkomplexes Finanzindustrie im Unterricht.