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Rechtsruck„Eine Schule ist Teil ihres Umfelds“

Michael Hammerbacher, Leiter des Vereins für Demokratie und Vielfalt in Schule und beruflicher Bildung, sagt: „In Regionen, in denen viele Menschen Zuwanderung skeptisch sehen, spiegelt sich das auch in Lehrerzimmern wider.“

10.04.2019 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

  • E&W: Sie bieten in Berufsschulen unter anderen Fortbildungen zum Umgang mit Rechtspopulismus an. Warum suchen die Schulen Unterstützung?

Michael Hammerbacher: Meist, weil sie alltagsrassistische Haltungen beobachten. Es gibt Schülerinnen oder Schüler, die diskriminiert werden, es kommt zu Konflikten zwischen Schülergruppen. Dahinter steckt natürlich nicht immer ein Zusammenhang mit rechtspopulistischen oder -extremen Denkweisen; in Berlin führen häufiger Konflikte in Communities mit Bezügen in andere Länder dazu, dass Schulen sich melden. Aus Brandenburg erreichen uns häufiger Anfragen zu Rechtspopulismus-Fortbildungen.

  • E&W: Weil Schulen, an denen es mehr AfD-Wähler gibt, auch mehr Probleme mit Rechtspopulismus haben?

Hammerbacher: Es ist schon ein Unterschied, ob rechtspopulistische Parteien bis zu 30 Prozent Zustimmung finden, oder diese bei 5 Prozent liegt. Eine Schule ist Teil ihres Umfelds; übrigens bis in die Kollegien: In Regionen, in denen viele Menschen Zuwanderung skeptisch sehen, spiegelt sich das auch in Lehrerzimmern wider. Ebenso finden rechtspopulistische Positionen dort häufiger Eingang in die Klassenräume.

  • E&W: Gibt es einen Rat an Lehrkräfte, wenn sie im Unterricht hören, diese oder jene Menschen gehörten nicht nach Deutschland?

Hammerbacher: Wenn diskriminiert und ausgegrenzt wird, sollte ich das nie unwidersprochen lassen – sondern zumindest deutlich machen, dass ich das anders sehe. Wie es weitergeht – mit einem Einzelgespräch, einer Klassen-Debatte oder auch einer Meldung bei der Schulleitung – hängt vom Einzelfall ab; auch von der Frage, ob man es mit einer strafbaren Äußerung, etwa Volksverhetzung oder Holocaustleugnung, zu tun hat. Zunächst ist wichtig: Lehrkräfte sind verpflichtet, zu intervenieren.

  • E&W: Warum?

Hammerbacher: Es gehört zu ihrem Beruf, Schülerinnen und Schüler vor Abwertung und Diskriminierung zu schützen. Und weil alle -Schulgesetze von Bayern bis Schleswig-Holstein dazu verpflichten, Toleranz und Demokratie zu vermitteln und Widerständigkeit gegen nationalsozialistisches Gedankengut zu fördern.

  • E&W: Ist das bekannt?

Hammerbacher: Im Grunde hat jede Lehrkraft das gelernt. Tatsächlich allerdings beginne ich Fortbildungen oft mit einer Lesephase: des Grundgesetzes, der Schulgesetze, der Allgemeinen Menschenrechtserklärung. Das wirkt zunächst etwas altbacken, kommt aber bei vielen gut an in Zeiten, in denen die Grundrechte verstärkt angegriffen werden. Ziel ist, Lehrkräfte in ihrer Grundrechtsklarheit wie -kompetenz zu stärken; also darin, Grundrechte zu kennen, zu vermitteln und zu verteidigen. Dazu gehört, entsprechende Äußerungen wahrzunehmen, zu deuten und entsprechend pädagogisch zu handeln.

  • E&W: Nun sagen Sie aber, dass es, etwa zum Asylrecht, im Kollegium verschiedene Haltungen geben mag.

Hammerbacher: Deswegen ist wichtig, eine Diskussion zu führen, was der Grundkonsens ist. Zum einen sind in einem demokratischen Diskurs alle Forderungen von jener nach offenen bis zu jener nach geschlossenen Grenzen zulässig. Darüber kann man sich verständigen – und dann feststellen, wo in der Schule die Grenzen liegen, also etwa: Jede Gewaltanwendung überschreitet eine Grenze und jede Abwertung von Menschen. Ebenso kann man festhalten: Unabhängig von unseren unterschiedlichen Positionen arbeiten wir faktenbasiert und auf Basis rationaler Argumentationen.

  • E&W: Also braucht es die ganze Schule und nicht nur einzelne Lehrkräfte?

Hammerbacher: Ja, im besten Fall entwickelt das Kollegium gemeinsam eine Strategie. In jenen 15 Berufsschulen, mit denen das DEVI am engsten kooperiert, arbeiten wir in neun Handlungsfeldern: von der Einbindung von Themen in den Unterricht über demokratiepädagogische Maßnahmen bis zum Festlegen einheitlicher Regelungen.

  • E&W: Was bedeutet Letzteres?

Hammerbacher: Unter anderem, dass es klare Handlungsketten gibt. Sodass ich als Lehrkraft zum Beispiel weiß, was zu tun ist, wenn ein Schüler ein T-Shirt mit NS-Symbol trägt, das er nicht ausziehen will: Wie geht es dann weiter; wen informiere ich? So etwas bedarf auch einer rechtlichen Antwort. Anders ist es bei Äußerungen, die nicht verboten, aber dennoch pädagogisch zu bearbeiten sind. Auch für solche lassen sich Handlungen planen.

  • E&W: Ist für Lehrkräfte wichtig, zwischen Rechtspopulismus und -extremismus unterscheiden zu können, weil es unterschiedlicher Antworten bedarf?

Hammerbacher: Ja – weil es einen juristischen und einen politisch-moralischen Bereich gibt, aber auch wegen der großen Grauzone und zahlreicher Überschneidungen. Mit Blick auf die Schüler würde ich eher dazu raten, an konkreten Themen zu arbeiten: etwa zu Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder Homophobie.

  • E&W: Raten Sie dazu, mit „rechten“ Schülern in den Dialog zu gehen, sie also nicht auszugrenzen?

Hammerbacher: Ich würde eine weitere Unterscheidung machen: Wenn Schüler organisiert sind, in einer Partei oder einer Kameradschaft etwa, sind sie eher mit Nachfragen zum Nachdenken zu bringen; „nur“ Sympathisierende sind eher für Argumente zugänglich. Wichtig ist, passende Debattenformate zu finden, in denen auch zugehört wird – immer in dem Rahmen, den man sich gesetzt hat: keine Gewalt, keine verbalen Angriffe etc. Am schwierigsten ist der Umgang mit rechtsextremen Kadern. Da ist wichtig, genau zu schauen, inwieweit diese die Schule als Aktionsfeld nutzen, ihren Wirkungskreis einzuschränken und gegebenenfalls Hilfe von einschlägigen Beratungsstellen zu holen.

  • E&W: Wie geht man mit rechten Eltern um?

Hammerbacher: Wichtig ist: Pädagogisch stehen nicht sie im Fokus – sondern ihre Kinder. Man sollte in jedem Fall hinschauen, was das für den Schüler heißt: Agitiert er, versucht er, sich abzugrenzen, braucht er Unterstützung? Ansonsten gilt auch hier: Wenn es in einen organisierten Bereich geht, sollte man dafür sorgen, dass diese Eltern die Schule nicht als Wirkungsfeld nutzen können. Gut ist etwa, andere Eltern einzubeziehen und zu stärken.

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