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Fachkräftemangel in Schule, Kita, Jugendhilfe und HochschuleEine krasse Anforderung

Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger gehören auch in Mecklenburg-Vorpommern längst zum Schulalltag. Stefan Tockner, Chemiker und Mitbegründer der Landesfachgruppe Lehrkräfte im Seiteneinstieg (LiS), berichtet von seinen Erfahrungen.

06.11.2020 - Interview: Michaela Ludwig, freie Journalistin

  • E&W: Sie sind im Sommer 2011 an einem Darmstädter Gymnasium in den Schuldienst gekommen. Wie wurden Sie auf das Unterrichten Jugendlicher vorbereitet?

Stefan Tockner: Eine pädagogische Vorqualifizierung hatte ich nicht erhalten, weil ich als Vertretungslehrer für 18 Stunden eingestellt wurde. Als Seiteneinsteiger hätte ich an einem pädagogischen Einstiegsprogramm teilnehmen können. Als Hessen den Seiteneinstieg für Chemie komplett schloss, bin ich 2014 nach Mecklenburg-Vorpommern gewechselt und unterrichte seitdem als Lehrer im Seiteneinstieg Chemie und Physik an einem Gesamtschulzentrum südlich von Schwerin.

  • E&W: Das war sicher ein Sprung ins kalte Wasser. Hatten Sie in Darmstadt Unterstützung durch Schulleitung oder Kollegium erhalten?

Tockner: Die Schulleitung hat mir im ersten Schuljahr zwei Kolleginnen als Mentorinnen an die Seite gestellt. Das hat mir enorm geholfen. Außerdem hat die Schulleitung in meinem Unterricht hospitiert und mir eine sehr ausgeprägte Lehrerpersönlichkeit attestiert. Trotzdem: 18 Stunden zu Beginn und ohne Vorausbildung waren knackig. In den folgenden Jahren habe ich 19 und 20 Stunden unterrichtet. Da pendelte es sich langsam ein, und ich kam in den Rhythmus.

  • E&W: Wie wurden Sie am Anfang eingesetzt?

Tockner: In Hessen habe ich mit den Klassen 6 bis 11 und als Tutor in der 10 begonnen. In meinem ersten Jahr in Mecklenburg-Vorpommern habe ich eine 12. Klasse in Chemie bis zur Abiturprüfung geführt, dann hat ein Kollege übernommen.

  • E&W: Wie waren die Bedingungen für Lehrkräfte im Seiteneinstieg in Mecklenburg-Vorpommern?

Tockner: Wie alle LiS bin ich mit 27 Wochenstunden gestartet. Glücklicherweise hatte ich schon drei Jahre Lehrerfahrung. Für alle, die das nicht haben, ist es eine krasse Anforderung, von null auf 27 Stunden, ohne Vorqualifikation. An etwa zehn Wochenenden und in den Ferien erhielten wir eine einjährige berufsbegleitende pädagogische Qualifizierung. Hier gibt es inzwischen eine Verbesserung. Seit 2019 werden den LiS vor Schuljahresbeginn in fünfwöchigen Vorbereitungskursen pädagogische und schulrechtliche Grundlagen vermittelt.

  • E&W: Welche Aufgaben müssen die Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger an den Schulen übernehmen?

Tockner: Im Schulalltag müssen wir vom ersten Tag an wie alle anderen Lehrkräfte funktionieren. LiS werden teilweise im ersten Jahr als Klassenlehrkräfte eingesetzt, manche unterrichten bis zu fünf Fächer. Dazu kommen die komplette Unterrichtsvorbereitung, Elterngespräche und Lehrerkonferenzen – das, was alle Lehrkräfte machen. LiS, die schon länger im Schulsystem sind, arbeiten in den verschiedensten schulinternen Aufgabenbereichen mit, die uns offenstehen.

  • E&W: Sind Sie mittlerweile voll gleichgestellt?

Tockner: Noch nicht. Ende 2017 wurde die Modularisierte Qualifizierungsreihe eingeführt. Sie besteht aus Präsenzveranstaltungen, selbst organisierter Weiterbildung und einer Seminararbeit. Am Ende steht eine Prüfung ähnlich der Referendariats-Abschlussprüfung. Wenn ich diese abgeschlossen habe, erhalte ich die Lehrbefähigungsanerkennung für das Fach Chemie. Mir fehlen noch Stunden, da ich in der Zwischenzeit angefangen habe, mich in der GEW zu engagieren und die Landesfachgruppe LiS mitgegründet habe.

  • E&W: Wie ist die Anerkennung im Kollegium und durch die Eltern?

Tockner: Ich persönlich hatte sehr selten Probleme in den Kollegien oder mit Eltern. Ich nehme die Bedürfnisse und Probleme der Schüler, Schülerinnen und Eltern immer ernst. Die meisten Eltern sind dafür dankbar. Es gibt aber auch Kolleginnen und Kollegen, die in Elterngesprächen Sätze hören wie: „Sie sind kein richtiger Lehrer, was wollen Sie mir da erzählen?“ Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die LiS nicht als vollwertige Lehrkräfte ansehen. Natürlich sind nicht alle LiS dazu prädestiniert, Lehrerin oder Lehrer zu werden – ebenso wenig wie jede grundständig ausgebildete Lehrkraft übrigens auch. Im Normalfall sollte das rechtzeitig erkannt werden, und diese kommen dann nicht in den Schuldienst.

  • E&W: Inwiefern können Schulen von Seiteneinsteigerinnen und -einsteigern profitieren?

Tockner: Sie bringen neue Perspektiven in die Schulen, beispielsweise aus Wirtschaft, Forschung oder Verwaltung. Viele haben in guten Positionen gearbeitet, möchten sich aber irgendwann verändern und mehr mit Menschen machen. Das sind gestandene Persönlichkeiten, die viele Stürme durchlebt und Lebenserfahrung gesammelt haben. Sie kennen die Anforderungen anderer gesellschaftlicher Systeme. Diese neuen Perspektiven und Erfahrungen beleben Schule und machen sie heterogener.

  • E&W: Vor rund einem Jahr wurde in Rostock die Landesfachgruppe LiS gegründet. Was sind deren Anliegen?

Tockner: Unser Ziel ist, dass Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger die höchstmögliche Qualifizierung bekommen, damit sie bestmöglichen Unterricht machen können. Wir wollen nichts geschenkt bekommen. Der Seiteneinstieg soll kein billiges Ticket in den Schuldienst sein. Deshalb treten wir für eine individualisierte, den Standards der Kultusministerkonferenz entsprechende Ausbildung ein. Die Anerkennung soll inhaltlich und kompetenzbasiert erfolgen und sich nicht auf die Wortgleichheit des Studienfaches zu den unterrichteten Schulfächern beziehen. Wichtig ist auch, dass die Anzahl der Pflichtstunden während der Ausbildung reduziert wird, um die Qualität des Unterrichts zu sichern. Als Fachgruppe ist es uns ein großes Anliegen, die LiS zu beraten und die Vernetzung voranzutreiben. Wir stellen uns den neuen Kolleginnen und Kollegen in den Vorbereitungskursen vor und bieten Unterstützung bei allen möglichen Problemen an. Außerdem organisieren wir Netzwerkkonferenzen und haben bis dato vier regelmäßige regionale Stammtische.