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Haus der kleinen ForscherDigitale Bildung unplugged

Das „Haus der kleinen Forscher“ will bereits Kita-Kinder an den digitalen Alltag heranführen. „Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass Kinder früh eine Vorstellung von den Prozessen entwickeln, die hinter den Geräten liegen“, heißt es.

08.10.2018 - Anja Dilk, freie Journalistin

In der Kita Maris sitzt ein Dutzend Knirpse im Kreis und schaut gespannt auf Erzieherin Franziska Nischke. „Wisst ihr, was ein Algorithmus ist?“, fragt Nischke und guckt in die Runde. Nico (Name geändert) hebt den Finger. „Hat das was mit Algen zu tun?“ Leider nein. „Klingt ein bisschen nach Rhythmus“, sagt Lisa (Name geändert). Nischke nickt. „Das geht in die richtige Richtung, auch wenn das Wort da nicht herkommt.“ Denn Algorithmen „bezeichnen etwas, das immer wieder passiert“, nach klaren Regeln und Befehlen. Wie das Klatschen im Morgenkreis, die Schritte beim Papierfliegerfalten oder Wenn-dann-Vereinbarungen beim Mittagessen. „Algorithmen stecken auch im Computer“, erklärt Nischke, „der muss dafür sortieren, ordnen, wiederholen, Schritt für Schritt – ein bisschen wie beim Spiel ‚Koffer packen’.“ Und das wird jetzt gemeinsam gespielt. „Hurraa.“

Die Kita Maris, eine Einrichtung der Nachbarschafts- und Selbsthilfezentren in der Berliner UFA-Fabrik, ist eine der ersten Einrichtungen, in der die Fachkräfte mit dem neuen Angebot der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ arbeiten: „Informatik entdecken – mit und ohne Computer“. Seit zehn Jahren wird in der Kita naturwissenschaftlich geforscht. Jetzt rückt das Digitale in den Blick. In jedem der fünf Teams, die den Alltag der 200 Kinder organisieren, ist eine Fachkraft dafür zuständig. Menschen wie Nischke und ihre Kollegin Tina Dölle, die neulich eine dazugehörige Fortbildung besuchten. Dölle: „Es war ein echter Aha-Effekt für uns, dass im Grunde unser ganzer Kitaalltag von Algorithmen geprägt ist – wir haben doch auch überall kleinteilige Regeln.“ 

„Digitale Geräte gehören zur Welt der Kinder. Es ist wichtig, dass sie diese Welt verstehen.“ (Karen Brünger)

Informatische Bildung in der Kita – brauchen wir sie? Und wie könnte so eine Bildung aussehen? Diese Fragen stellte sich von 2015 bis 2017 eine Expertengruppe aus Wissenschaft und Pädagogik im „Haus der kleinen Forscher“. „Unser Ziel ist nicht Computerunterricht. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass Kinder früh eine Vorstellung von den Prozessen entwickeln, die hinter den Geräten liegen“, sagt Karen Brünger, Teamleiterin „Inhaltliche Entwicklung“. Wie funktionieren Computer? Wie arbeiten Algorithmen? Was sind Daten? „Digitale Geräte gehören zur Welt der Kinder. Es ist wichtig, dass sie diese Welt verstehen.“ Drei unterschiedliche Zugänge haben die Bildungsexperten entwickelt: Programmieren lernen, Robotik erleben, und besonders wichtig: „unplugged“, also ohne Computer, die Grundprinzipien verstehen.

Um zum Beispiel die Steuerung von Robotern besser zu begreifen, sollen sich die Kinder mit Hilfe von Befehlen auf Post-its durch den Gruppenraum steuern. Rechts, links, stopp. Um zählen zu lernen wie ein Computer, basteln sie Karten mit Nullen und Einsen und legen die Geburtsdaten von Geschwistern. Um zu begreifen, wie im Computer Abläufe optimiert werden, stellen sich die Kids im Raum auf und suchen mit dem Seil den kürzesten Weg, der alle verbindet. Denn: Je kürzer dieser, desto stabiler ein System – es kann weniger schiefgehen.

 Einen Praxistag lang dauert die Fortbildung „Informatik entdecken“. Dazu gibt es pädagogische Materialien und einen zweistündigen Onlinekurs. Brünger: „Wir wollen den Fachkräften die Scheu nehmen und ein Instrumentarium in die Hand geben.“ Dass die Ansätze greifen, zeigen Evaluierungen der Pilotphase mit Berliner und Brandenburger Einrichtungen.

Allerdings wird kontrovers diskutiert, wie sinnvoll es ist, dass sich schon die Kleinsten mit Algorithmen & Co. befassen. „Ambivalent“, ist Harmut Wedekind, Professor für Frühpädagogik an der Alice Salomon Hochschule Berlin: „Einerseits müssen wir Kindern Zugänge zu dem digitalen Wahnsinn eröffnen, in dem sie aufwachsen“, und ihnen Möglichkeiten zeigen, die Technik zu verstehen und sinnvoll zu nutzen. „Andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass man mit dem Tablet nicht riechen, sprechen, hüpfen – schlicht nicht die Realität erfahren kann.“

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