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Lehrkräftemangel Die Unzufriedenheit wächst

Auch wenn sich die Situation in Sachsens Großstädten etwas entspannt: Der Mangel an Lehrkräften bleibe gerade an Förder- und Oberschulen in ländlichen Regionen dramatisch, sagt die GEW-Landesvorsitzende Uschi Kruse.

13.09.2019 - Sven Heitkamp, freier Journalist

  • E&W: Höhere Gehälter, mehr Referendare, Verbeamtungen: Nach jahrelanger Personalmisere bemüht sich der Freistaat Sachsen massiv um mehr Lehrkräfte. Ist tatsächlich eine Verbesserung der Einstellungssituation zu spüren?

Uschi Kruse: An vielen sächsischen Grundschulen beginnt das neue Schuljahr durchaus entspannter. In Leipzig und Dresden haben wir bereits mehr Bewerber als offene Stellen. Es macht sich bemerkbar, dass die Ausbildungskapazitäten für Grundschulen 2012 erhöht wurden. Diese Jahrgänge kommen jetzt an den Schulen an. Und man merkt, dass die Lehrkräfte endlich mit der Entgeltgruppe 13 oder der Besoldungsgruppe A13 besser bezahlt werden als bislang. Sachsen ist damit im Ländervergleich konkurrenzfähig geworden. Auch an den Gymnasien lässt der Druck nach, zumal etwa die Hälfte aller Bewerber mit Lehrerausbildung am Gymnasium unterrichten will.

  • E&W: Aber was ist mit den anderen Schularten?

Kruse: An den Förderschulen und oft auch an Oberschulen vor allem in ländlichen Regionen wie in Ostsachsen und der Lausitz, im Erzgebirge und im Vogtland sieht es düster aus. Dort ist der Bedarf drei- bis viermal so hoch wie die Zahl der Bewerber. In der Region Bautzen etwa wurden jetzt zehn Förderschullehrer gesucht – aber es gab nur eine einzige Bewerbung. Der Bedarf an Lehrkräften, die für diese Schularten ausgebildet sind, ist partout nicht zu decken. Das ist eine bildungspolitische Katastrophe.

  • E&W: Wie reagiert der Freistaat auf die Misere?

Kruse: Man versucht natürlich, Referendare nach dem zweiten Staatsexamen aus den beliebten Großstädten in strukturschwache Regionen zu locken. Aber wer schon Familie, Wohneigentum und einen Partner mit einem festen Job in Leipzig oder Dresden hat, wird sich nicht für eine weiter entfernte Schule auf dem Land entscheiden, zu der man nicht täglich pendeln kann. Diese Verteilung ist eines der schwierigsten und größten Probleme. Man darf dabei nicht vergessen, dass dies nicht nur ein demografisches, sondern auch ein hausgemachtes Problem ist. Hätte die CDU-Landesregierung vor zehn Jahren auf Mahnungen gehört und frühzeitig Personalentwicklung betrieben, wären wir nicht in diese Falle gelaufen.

  • E&W: Der Freistaat versucht, Referendare mit einer Zulage von bis zu 1.000 Euro in die unterbesetzten Regionen zu lotsen, wenn sie sich verpflichten, nach Ausbildungsabschluss einige Jahre in den Bedarfsregionen tätig zu sein. Funktioniert das Modell?

Kruse: Einige Referendare haben sich darauf eingelassen. Nun bleibt zu hoffen, dass es einen gewissen „Klebeeffekt“ gibt und junge Kollegen dort bleiben, weil es ihnen gefällt. Aber ob das nachhaltig wirkt, wird man erst noch sehen. Eine „Gewinnungszulage“ für Lehrkräfte von etwa 750 Euro brutto monatlich für jene Kolleginnen und Kollegen, die aufs Land gehen, verpufft allerdings inzwischen. Denn, wenn man diese Lehrer verbeamtet, wird die Zulage gestrichen.

  • E&W: Der Freistaat hat zudem begonnen, voll ausgebildete Lehrkräfte bis zum Alter von 42 Jahren zu verbeamten. Schafft dieser Schritt Abhilfe?

Kruse: Ich gehe davon aus, dass die Verbeamtung – oder genauer: die damit verbundene bessere Bezahlung – spürbare Effekte für die Einstellungssituation hat. Nur: Das große Problem ist, dass die älteren Kollegen das Gefühl haben, wieder einmal abgehängt zu werden. Das ist die Generation, die in der DDR ausgebildet wurde, die sich in den 1990er-Jahren die Arbeit teilen musste, nie verbeamtet wurde und jetzt erneut das Nachsehen hat. Während dreistellige Millionensummen aus dem Kultusetat in den Pensionsfonds eingezahlt werden, bekommen die älteren Kolleginnen und Kollegen nur einen Bruchteil davon als Zulagen. Wertschätzung sieht anders aus. Und die Unzufriedenheit wächst.

  • E&W: Inzwischen steigen in Sachsen die Schülerzahlen um mehrere Tausend im Jahr. Wie reagiert der Freistaat darauf?

Kruse: Hier sehe ich den eigentlichen Skandal. Im Doppelhaushalt sind für die nächsten zwei Jahre lediglich gut 200 Stellen mehr an den Schulen vorgesehen, inklusive Schulassistenten und Psychologen – obwohl alle Seiten mit steigenden Schülerzahlen rechnen. Diesem Aufwuchs wird das Land stellenmäßig in keiner Weise gerecht. Das Argument der Regierung lautet: Wir kriegen die Stellen ohnehin nicht besetzt. Doch dieses Vorgehen bedeutet, dass die personelle Ausstattung auf jeden Fall zu gering ist, selbst wenn man alle Stellen mit Personal besetzen könnte. Geschlossen wird diese Lücke wieder einmal mit größeren Klassen und Vertretungsstunden, Mehrarbeit oder Aushilfen.

  • E&W: Kultusminister Christian Piwarz (CDU) hat die bundesweit größten Stundentafeln nach jahrelangen Debatten reduziert und mehr Freiräume für Schulen geschaffen. Hilft das?

Kruse: In gewisser Weise schon. Denn damit haben nicht nur Schüler und Lehrkräfte weniger Stunden, auch der Freistaat gewinnt einmalig Luft bei der Stellenbesetzung. Die Reduzierung der Stundentafeln schlägt mit etwa 750 Stellen zu Buche. Zu den Landtagswahlen brauchte man ein solches Signal der Entspannung. Die generelle Misere beseitigt man so aber nicht.

  • E&W: Welche Rolle spielen Seiteneinsteiger, um die Löcher zu stopfen?

Kruse: Eingestellt wurden seit 2015 etwa 3.500 dieser Lehrkräfte ohne pädagogische Ausbildung – bei gut 30.000 Lehrerinnen und Lehrern in Sachsen. Erst dieses Jahr werden es langsam wieder weniger. Wir rechnen aktuell mit einem Stand von 10 Prozent landesweit – statistisch betrachtet. Denn es gibt Schulen mit 80 Prozent Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern, die dann auch noch zwei Tage in der Woche wegen ihrer universitären Nachqualifikation an der Schule fehlen. Einige dieser Kolleginnen und Kollegen hören zudem wieder auf, weil sie die Belastung schlicht unterschätzen. All das ist Beleg einer verfehlten Personalpolitik.

Sachsen ist wie kaum ein anderes Bundesland von Lehrkräftemangel betroffen. Ein Drittel bis zur Hälfte der jährlich mehr als 1.000 freien Stellen mussten in den vorigen Jahren mit Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern besetzt werden oder blieben ganz frei. Zum neuen Schuljahr, das Mitte August in Sachsen begonnen hat, wurden zwar rund 1.100 Stellen neu besetzt. Darunter aber immer noch knapp 200 mit Lehrkräften ohne grundständige Pädagogikausbildung. 
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