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HomeschoolingBraune Schnittmengen

Schätzungen zufolge gibt es bundesweit 500 bis 1.000 Familien, die ihre Kinder der Schulpflicht entziehen und zuhause selbst unterrichten oder unterrichten lassen. Nicht selten hat dies ideologische Motive am äußersten rechten Rand.

10.02.2020 - Christoph Ruf, freier Journalist

Der Staat und seine Institutionen werden von kaum einer gesellschaftlichen Gruppe so vehement und so grundsätzlich angefeindet wie von rechtsaußen. Dass hier Homeschooling beliebt ist, verwundert daher kaum. So falsch es wäre, die Homeschooling-Bewegung pauschal als rechts zu verunglimpfen – die Ideenwelt der Schul-Boykotteure weist zahlreiche Anknüpfungspunkte an die Ideologie von Reichsbürgern und anderen rechten Sektierern auf.

Die „Freilerner“, der wohl bekannteste Verband der überschaubaren deutschen Homeschooling-Bewegung, sehen „die Schulpflicht als Relikt aus den vergangenen zwei Jahrhunderten“ an, manche Anhänger des Elternverbandes sprechen von Schule als „gewalttätigem System“. Die Schnittmengen zwischen dem eigenen Milieu und rechtsaußen werden dabei durchaus kritisch hinterfragt: „Handelt es sich um den Versuch bestimmter Strömungen, das Thema ‚Freilernen‘ strategisch für sich zu vereinnahmen?“, heißt es in Heft 70 der Publikation „Die Freilerner“. „Oder weist möglicherweise das ‚Freilernertum‘ selbst eine inhärente Schlagseite auf, die es für (rechts-)esoterische, verschwörungstheoretisch grundierte Positionen anfällig macht?“

„Wo, wenn nicht im staatlichen Erziehungswesen könnte es überhaupt gelingen, Kinder, die beispielsweise aus rechtsextremen oder salafistischen Milieus stammen, mit demokratischen Grundwerten zu konfrontieren?“ (Ilka Hoffmann)

Die GEW-Schulexpertin Ilka Hoffmann hält die Schulpflicht hingegen für eine zentrale demokratische Errungenschaft: „Sie verankert das Recht auf Schulbesuch für alle Menschen in Deutschland gesetzlich. Wo, wenn nicht im staatlichen Erziehungswesen könnte es überhaupt gelingen, Kinder, die beispielsweise aus rechtsextremen oder salafistischen Milieus stammen, mit demokratischen Grundwerten zu konfrontieren?“, fragt das GEW-Vorstandsmitglied. Schon lange werde die staatliche Schule auch von evangelikalen Kräften angefeindet, die „weder Sexualkundeunterricht noch die Evolutionstheorie auf dem Lehrplan sehen wollen“.

Als Baden-Württemberg unter Grün-Rot einen Bildungsplan verabschiedete, in dem vorgesehen war, dass explizit über Homosexualität als gleichberechtigte sexuelle Orientierung informiert werden sollte, trat diese Phalanx auf den Plan: „Da protestierten radikale, rechtsgerichtete Christen und Rassisten in trauter Einigkeit“, erinnert sich der Landtagsabgeordnete Jürgen Walter (Grüne). „Auch bei einigen Demos gegen die Landesregierung“ habe es „keinerlei Berührungsängste“ gegeben. Wie anschlussfähig das christlich-fundamentalistische Milieu an die offen rechtsextreme Szene ist, zeigten zuletzt Demonstrationen wie der „Marsch fürs Leben“ oder die „Demo für alle“, bei der fundamentalistische Abtreibungsgegner Seite an Seite mit Rechtsextremen und Neonazis marschierten.

„Viele konservative Christen sind zur AfD gegangen und haben sich mitradikalisiert“. (Liane Bednarz)

„Viele konservative Christen sind zur AfD gegangen und haben sich mitradikalisiert“, weiß auch die Fachjournalistin Liane Bednarz. Ein genauerer Blick auf die Lehrinhalte bei den zahlreichen bereits existierenden Privatschulen aus dem christlich-fundamentalistischen Milieu dürfte sich vor diesem Hintergrund genauso lohnen wie die Lektüre des Buches „Völkische Landnahme“, in dem die „E&W“-Autoren Andrea Röpke und Andreas Speit über rechte Siedler und deren Versuche schreiben, von Kindesbeinen an eine völkische Gegenwelt zu etablieren.

Dass die AfD ein Ende der Schulpflicht fordert, überrascht nicht weiter. Schließlich ist das staatliche Bildungssystem für die Partei und die ihr nahestehenden Milieus ein Hort des „links-grün versifften“ Zeitgeistes, der in ihrer Perspektive das Land spätestens seit 1968 in eine fatale Richtung getrieben habe. Die multikulturelle Gesellschaft ist in dieser Sichtweise ein ebenso großes Feindbild wie der angebliche „Genderwahn“ oder die „Islamisierung des Abendlands“. Wenn AfD-Rechtsaußen Dubravko Mandic davon spricht, es gebe „870.000 Kollaborateure aus Ministerien, Fernsehstudios, Lehrkörpern, Sozialämtern und Gewerkschaften“, die es zu „entsorgen“ gelte, ist es kein Zufall, dass von ihm und anderen AfD-Politikern Lehrerinnen und Lehrer als Hauptgegner genannt werden.

Stefan Räpple, der in Baden-Württemberg ein AfD-Meldeportal für Lehrkräfte initiieren wollte, behauptet, die GEW sei „das Sammelbecken dieser linksgrünen Öko-Lehrer“, während der Kreisverband Dahme-Spreewald schreibt, dass „90 Prozent aller Schüler an staatlichen Gehirnwäscheanstalten hoffnungslos mental verstaatlicht“ und „in links-grüner Lehrerhand“ seien. Unter dem Programmpunkt „Heimunterricht“ fordert die AfD, die „Schulpflicht durch Unterrichtspflicht zu ersetzen“. Hierzu führte der Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider aus Sachsen-Anhalt aus: „Wir wollen den gegen die Eltern und Kinder gerichteten staatlichen Schulzwang durch eine Bildungspflicht ersetzen, die auf Freiheit und Verantwortung beruht. Eltern, die ihre Kinder nicht in der staatlichen Schule unterrichten lassen wollen, erhalten die Möglichkeit, ihre Kinder privat zu unterrichten oder unterrichten zu lassen.“

Abkehr vom Staat

In Österreich sind derweil die Gesinnungsgenossen der deutschen „Reichsbürger-Bewegung“, die „Staatenbündler“ aktiv im Schul-Kampf. Die verschwörungstheoretische Bewegung um Monika Unger bestreitet die Legitimität des Staates Österreich und nennt sich Vorsitzende des „Völkerrechtssubjekt Staatenbund Österreich“. Der in der deutschen Reichsbürger-Szene verehrte rechte Aussteiger Joe Kreissl hat rund um seinen schlossartigen Wohnsitz ein fiktives Reich „Erl-Österreich“ gegründet und predigt die (gewaltfreie) Sezession. Wer ihn auf die NS-Zeit anspricht, erfährt indes schnell, wes Geistes Kind er ist: „Ich war nicht dabei. Ich kann den Holocaust nicht leugnen, ich kann auch nix bestätigen.“

Viele Kinder, die seit Jahren der Schule entzogen werden, entstammen diesem Milieu, dem auch die Anhänger der „Anastasia“-Lehre zuzurechnen sind. Diese fußt auf den verschwörungstheoretischen, antisemitisch grundierten Schriften des russischen Autors Wladimir Megre. In ihnen wird eine Lebensweise im Einklang mit der Natur der modernen, technisierten Großstadtwelt mit all ihren angeblichen Verderbnissen entgegengesetzt. Es wird dazu aufgerufen, „Landsitze“ zu errichten, auf denen Familien von selbst angebauten Lebensmitteln autark leben sollen. Ganz grundsätzlich geht es um die Abkehr vom Staat und seinen verderbten Institutionen, allen voran natürlich der Schule. In Prien am Chiemsee wollte die Bewegung nach österreichischem Vorbild eine eigene „Schule“ errichten.

In einem „Zeit“-Artikel berichtet derweil eine Aussteigerin, wie eine Ansiedlung vermeintlich harmloser „Anastasia“-Esoteriker in Brandenburg („Goldenes Grabow“) zum Anziehungspunkt völkischer Nationalisten und veritabler Neonazis wurde und der Siedlungsgründer über die Notwendigkeit des „Widerstands“ gegen Zuwanderung und „Bevölkerungsaustausch“ referierte.

Auf der Homepage von „Goldenes Grabow“ findet sich eine Anleitung zur Schulgründung.

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