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Bildungsgewerkschaften besorgt über Zukunft des LehrerInnenberufs

Rund 200 VertreterInnen von Bildungsgewerkschaften aus Europa und Zentralasien waren Ende November zur Konferenz des Europäischen Gewerkschaftskomitees für Bildung und Wissenschaft (EGBW) nach Wien gekommen, um über die Zukunft ihrer Profession zu diskutieren.

02.12.2014 - Manfred Brinkmann

Fotos: Manfred Brinkmann

Unter dem Titel ‚Die Zukunft des LehrerInnenberufs‘ fand vom 25. – 27. November 2014 in der österreichischen Hauptstadt Wien die alle zwei Jahre stattfindende EGBW-Konferenz statt. Das EGBW ist die europäische Regionalorganisation der Bildungsinternationale (BI), des weltweiten Dachverbands von rund 400 Bildungsgewerkschaften, darunter 131 Gewerkschaften in Europa, zu denen auch die GEW gehört. Für die GEW waren die Vorsitzende Marlis Tepe, der stellvertretende Vorsitzende und EGBW-Vizepräsident Andreas Keller, die Vorstandmitglieder für Schule und für Jugendhilfe und Sozialarbeit, Ilka Hoffmann und Norbert Hocke sowie der Referent für Internationales Manfred Brinkmann in Wien vertreten.

 

Zentralasien rückt näher an Europa

Erstmalig nahmen an der EGBW-Konferenz auch VertreterInnen von Bildungsgewerkschaften aus zentralasiatischen Ländern teil. Der Vorstand der Bildungsinternationale hatte in seiner jüngsten Sitzung im Oktober beschlossen, dass die Bildungsgewerkschaften in Kasastan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan zukünftig nicht mehr der asiatisch-pazifischen, sondern der europäischen Regionalorganisation der Bildungsinternationale zugehören und statt vom BI-Regionalbüro in Kuala Lumpur vom EGBW-Büro in Brüssel betreut werden sollen. Damit wurde einem Wunsch der zentralasiatischen Bildungsgewerkschaften entsprochen, die sich aufgrund der historischen Bande zu Russland Europa kulturell und sprachlich näher als Asien sehen.

Im Mittelpunkt der Konferenz stand die Zukunft des LehrerInnenberufs angesichts einer weiterhin rasanten globalen Entwicklung und Verbreitung von Informations- und Kommunikationsmedien, sinkender staatlicher Ausgaben für Bildung und Wissenschaft und fortschreitender Privatisierung öffentlicher Bildungssysteme. „Unsere Welt ist permanent online: Wie wird dies die Bildung und die Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern in Zukunft verändern?“, fragte EGBW-Präsidentin Christine Blower, die auch Generalsekretärin der britischen LehrerInnengewerkschaft NUT ist, zu Beginn der Konferenz.

Angesichts einer neuen Qualität des Terrors durch Milizen des IS in Syrien und im Irak wies BI-Generalsekretär Fred van Leeuwen auf die Bedeutung von guter Bildung gerade auch für die Vermittlung von Werten in der Erziehung hin: „Gibt es vielleicht eine Verbindung zwischen den tausenden junger Männer und Frauen aus Europa, die zum Islamischen Staat überlaufen und der schlechten Ausstattung vieler unserer Schulsysteme in Europa?“ Van Leeuwen kritisierte, dass „gute Bildung und guter Unterricht in zahlreichen Ländern unter Druck stehen durch Austeritätsprogramme, permanente Leistungsvergleiche und einseitige Curricula”, was dazu führe, das eine zunehmende Zahl von Kindern den Anschluss verpasse und das Zugehörigkeitsgefühl verliere.

 

Bildungsreformen im Dialog betreiben

EGBW-Direktor Martin Rømer kritisierte, dass rund die Hälfte der EU-Staaten ihre öffentlichen Ausgaben für Bildung in den letzten Jahren reduziert hätten. Viele Regierungen würden sich Gesprächen mit Bildungsgewerkschaften verweigern. Dies sei der falsche Weg. „Wir sehen die Herausforderungen für die Bildung der Zukunft: Steigender Kostendruck und soziale Ungleichheit“, so Rømer „Um dem zu begegnen, müssen Regierungen bildungspolitische Reformen im Dialog betreiben und die Beteiligung der Gewerkschaften sicherstellen.“

Für die EU-Kommission betonte deren Generaldirektor für Bildung und Kultur, Xavier Prats-Monné, ein spanischer Konservativer, die Bedeutung des Lehrberufs: „Bildung hat eine große Zukunft. Lehrkräfte werden für die anstehenden Veränderungen eine noch wichtigere Rolle spielen. Sie benötigen Unterstützung, um unsere Zukunft zu sichern. Wir müssen deshalb, wenn wir mit Finanzministern über Bildung reden, in einer Sprache sprechen, die sie verstehen."

Kritik an Austeritätspolitik in Europa

Während der anschließenden Diskussion beklagten vor allem Vertreter südeuropäischer Gewerkschaften die verheerenden Auswirkungen neoliberaler Sparpolitik auf die Bildung in ihren Ländern und kritisierten den Fiskalpakt und die Rolle der Troika von Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfond bei der Durchsetzung der Austeritätspolitik in Europa.

In einer von den Delegierten einstimmig angenommen Resolution wurde darauf hingewiesen, dass die Schulden nicht von den Menschen in Europa gemacht wurden, sondern in erster Linie im Bankensektor entstanden sind und dass die derzeitigen Sparmaßnahmen den Wohlstand zugunsten der Reichen und Mächtigen und zulasten der Arbeitnehmer und der Mehrheit der Menschen umverteilen.

 

Lehr- und Unterrichtsqualität verbessern

In der Hauptresolution zur ‚Gestaltung des Lehrberufs im 21. Jahrhundert‘ werden die europäischen Institutionen und Regierungen aufgefordert, „die Lehr- und Unterrichtsqualität durch Entwicklung hochwertiger und innovativer Lehreraus- und Weiterbildung und Anhebung der Unterrichtsstandards zu verbessern“, .... „das Niveau der öffentlichen Bildungsinvestitionen auf allen Ebenen aufrechtzuerhalten und zu erhöhen“, ... und „sicherzustellen, dass alle Lehrkräfte gleichen Lohn für gleiche Arbeit, eine angemessene Vergütung und Altersversorgung sowie adäquate, gesunde und sichere Arbeitsbedingungen erhalten, die denen in anderen Berufen entsprechen, die einen ähnlichen Grad an Qualifikationen erfordern.“ Weitere vom EGBW-Kongress beschlossene Resolutionen beschäftigten sich mit der Qualitätssicherung in der Hochschulbildung und mit der Situation von NachwuchsforscherInnen und DoktorantInnen.

 

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