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fair childhood - Bildung statt KinderarbeitAufklärung wirkt

Corona habe das Ziel, Kinderarbeit weltweit zu überwinden, in deutlich weitere Ferne rücken lassen, befürchtet Samuel Grumiau, Projektkoordinator für die Bildungsinternationale (BI).

15.10.2020 - Interview: Winfried Dolderer, freier Journalist

  • E&W: Wie hat sich die Corona-Krise auf den Kampf gegen Kinderarbeit ausgewirkt?

Samuel Grumiau: Konkret in erster Linie dadurch, dass die Schulen geschlossen sind. Die Kinder gewöhnen sich ab, zur Schule zu gehen. Die Eltern gewöhnen sich ab, sie hinzuschicken. Und das schon seit Monaten. Es gibt Kinder mit sehr erheblichen Lernrückständen, die kaum die Möglichkeit haben, diesen Rückstand aufzuholen. Zudem hat sich vielfach die Armut enorm verschärft, so dass Menschen mit Hilfe von Kinderarbeit versuchen, ein bisschen Geld zu verdienen.

  • E&W: Gibt es dazu bezifferbare Erkenntnisse?

Grumiau: In Nicaragua ist der Schulbesuch von Kindern zwischen Februar und Juni um bis zu 40 Prozent zurückgegangen. In der Gegend von Dowa in Malawi hatten wir im vorigen Jahr 285 Kinder aus Arbeitsverhältnissen herausgeholt und in den zehn Schulen untergebracht, die wir dort betreuen. Seit der Schulschließung im März ist dort ein Anstieg von Kinderehen und Schwangerschaften minderjähriger Mädchen festzustellen. Allein im Bezirk Dowa haben 234 Mädchen und 23 Jungen, die jünger als 18 Jahre sind, geheiratet, 95 Mädchen sind schwanger geworden. Es gibt übrigens dort Eltern und sogar lokale Behörden, die glauben, dass die Schulen nie wieder öffnen.

  • E&W: Was kann man machen?

Grumiau: Unsere Kooperationspartner in Malawi betreiben im lokalen Hörfunk große Aufklärungskampagnen. In Uganda mit einer in mancher Hinsicht ähnlichen Problemlage lassen sie Lautsprecherwagen durch die Straßen fahren, um vor Kinderarbeit und Frühschwangerschaften zu warnen. Sie betonen die Gefahr von Kinderehen. Es wird viel gemacht. Aber sicherlich ist die Arbeit im Augenblick schwer gehandicapt.

  • E&W: Reden wir über Deine Arbeit bei der BI.

Grumiau: Ich bin für die Koordination von Projekten zuständig, die von unseren lokalen Gewährsleuten mit Hilfe der BI und ihrer Partner betrieben werden. Unterstützung kommt von der GEW-Stiftung „fair childhood“, aber auch von einer niederländischen Organisation. Im Augenblick betreue ich 17 Projekte in zwölf Staaten, darunter Länder wie Mali oder Uganda, wo wir drei verschiedene Projekte gleichzeitig haben. Ich überwache den Fortgang der Projekte, halte die Geldgeber auf dem Laufenden, schaue, wo die Probleme sind, kümmere mich um interne und externe Kommunikation.

  • E&W: Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der Einrichtung „kinderarbeitsfreier Zonen“?

Grumiau: Genau. In vielen unserer Projekte schlagen wir den einheimischen Lehrergewerkschaften diesen gemeinschaftsbezogenen Ansatz vor. Die Gewerkschaften können sich die Zielgebiete selbst aussuchen. Das kann ein kleines Dorf sein, ein Stadtteil, eine Plantage. Wichtig ist, dass die Projekte in der Lage sind, in einer solchen Zone messbare Fortschritte zu erzielen. Wir legen auch Wert darauf, dass dabei kein Unterschied gemacht wird zwischen schlimmeren und vermeintlich weniger schlimmen Formen der Kinderarbeit. Wir versuchen vielmehr, in der Bevölkerung einen Mentalitätswandel zu bewirken in dem Sinne, dass jede Art von Kinderarbeit inakzeptabel ist. Nach unserem Verständnis ist jedes Kind, das nicht zur Schule geht, ein arbeitendes Kind. Das ist eine sehr weit gefasste Definition. Sie zielt darauf ab, das Bewusstsein der Leute so zu verändern, dass sie die Norm akzeptieren: Kein Kind sollte sich in seiner Schulbildung durch Arbeit behindert sehen.

  • E&W: Wie lässt sich die Nachhaltigkeit eines solchen Sinneswandels sicher-stellen?

Grumiau: Wir versuchen von Anfang an, Lehrkräfte und Schulleitungen weiterzubilden und zu sensibilisieren. Überdies sprechen wir die örtlichen Behörden, traditionellen Amtsträger und andere Menschen mit Einfluss in der Gemeinschaft an. Wir schaffen Strukturen, die auch nach dem Ende eines Projekts Bestand haben, beispielsweise eine Müttervereinigung, ein Aufsichtsgremium, deren Tätigkeit nicht von auswärtigen Geldgebern finanziert wird. Vor Ort begegnen wir immer wieder Eltern, die erzählen, wie froh sie sind, ihre Kinder in der Schule zu haben. Sie werden das nicht wieder verlieren wollen, wenn das Projekt endet. In Mali, in einer Gegend namens Ouroun, haben wir seit fünf Jahren ein Projekt, das einige Schulen in einem knappen Dutzend Dörfern und Weilern betreut. Dort haben die Nachbardörfer ohne auswärtige Förderung die in unserem Zielgebiet praktizierten Methoden übernommen, um ihrerseits die Kinderarbeit zurückzudrängen.

  • E&W: Das strahlt also aus?

Grumiau: Richtig. Wir versuchen, in Pilotzonen, die nur einige Dörfer umfassen, Kinderarbeit ganz zu beseitigen, um zur Nachahmung anzuregen.

  • E&W: Aber grenzt es nicht an ein Wunder, wenn Familienväter und Oberhäupter traditioneller Gesellschaften, die Kinderarbeit seit Generationen für normal gehalten haben, auf einmal anderer Meinung sind?

Grumiau: Das geht nicht auf einmal. Die Botschaft sickert allmählich ein – und zwar nicht in drei Wochen. Mentalitäten zu ändern, dauert manchmal Jahre. Da kommen keine Gewerkschafter aus der Hauptstadt, die den Leuten etwas aufpfropfen. Sie suchen das Gespräch. Sie sagen: Es gibt internationale Abkommen, nationale Gesetze gegen Kinderarbeit, die alles verbieten, was ihr hier macht. Aufgeklärte lokale Amtsträger werden schließlich einsehen, welchen Vorteil es hat, wenn die Kinder zur Schule gehen. Die Botschaft verbreitet sich auch durch Anti-Kinderarbeits-Clubs in den Schulen, Eltern- und Müttervereine.

  • E&W: Gibt es auch positive Effekte für die einheimischen Partnergewerkschaften?

Grumiau: Tatsächlich beobachten wir eine Stärkung gewerkschaftlicher Schlagkraft dort, wo wir gegen Kinderarbeit tätig sind. Mitgliederzahlen steigen, manchmal um bis zu 23, in anderen Fällen um bis zu 47 Prozent. Das Ansehen der Gewerkschaften steigt ebenfalls. Wir werden gelegentlich als Leute gesehen, die sich nur um die eigenen Mitglieder kümmern. Projekte wie diese, die der Gemeinschaft insgesamt zugute kommen, machen deutlich, dass das nicht stimmt.