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Mobbing

„Kein Kind will ausgegrenzt werden“

Lisa Graf kommt aus prekären Verhältnissen. Über ihre Erfahrungen als Lehrerin an einer Haupt- und Realschule in einem sogenannten Brennpunktviertel hat sie ein Buch geschrieben.

„Der Schwächere, der den ‚Durstlöscher‘ dessen, der ihn erpresst, finanzieren muss, ist genauso ein Mobbingopfer wie das Mädchen, das im Gymnasium wegen seiner Klamotten gehänselt wird.“ Lisa Graf, Lehrerin und Buchautorin (Foto: Marc Zimmer)
  • E&W: „Schüler, die auf unserer Schule landen, wissen, dass sie auf der Bildungsleiter ganz unten stehen. Entsprechend verhalten sich viele von ihnen“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Was genau meinen Sie?

Lisa Graf: Es kam oft vor, dass es Schlägereien gab, besonders die Pausenaufsicht fand ich sehr anstrengend. Es herrschte oft eine Grundaggression. Und es kam häufiger vor als auf dem Gymnasium, dass Schülerinnen und Schüler Angst voreinander hatten – beispielsweise, weil ein Stärkerer sie um Geld erpresste. Auf dem Gymnasium würde jeder sofort fliegen, der Mitschülerinnen und -schüler mit dem Messer bedroht, was natürlich nicht jede Woche vorkommt, aber auch nicht selten. Hier fehlt dazu die Handhabe, denn wohin sollen die Kinder, wenn sie von der Schule geflogen sind? Und trotzdem gibt es Parallelen zu Jugendlichen in Gymnasien.

  • E&W: Die da wären?

Graf: Kein Kind will ausgegrenzt werden – nirgendwo. Wenn Sie aber in sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen großwerden, stellt sich die Frage, wie man es trotzdem schafft, Statussymbole zu besitzen. Kleinkriminalität entsteht auch durch den Versuch, sich das zu beschaffen, was andere Kinder wie selbstverständlich besitzen.

  • E&W: Und es gibt noch viele andere Distinktionsmerkmale außer Markenklamotten.

Graf: Das fängt bei der Ernährung an. Als im Getränkeautomat des Gymnasiums, an dem ich gearbeitet habe, ein Energy Drink auftauchte, gingen die Eltern sofort auf die Barrikaden. In der Haupt- und Realschule ist es völlig normal, dass alle gefühlt rund um die Uhr einen in der Hand haben. Und vielsagend ist es auch, wenn ein Hauptschüler berichtet, dass er einen Freund auf dem Gymnasium besuchen wollte und ein Lehrer ihm den Weg versperrt hat: Mit seiner Jogginghose gehöre er doch sicher nicht hierher.

  • E&W: Ernsthaft?

Graf: Auch wenn nicht jeder dort so unsensibel ist wie dieser Kollege: Am Gymnasium weiß jeder, dass die anderen unten sind und sie selbst nicht nach unten wollen. Das haben alle verinnerlicht. Umgekehrt bekommen Kinder, die vom Gymnasium auf die Realschule zurück müssen, Sprüche zu hören wie: „Da kommt der Schlaue“, „die Streberin“.

  • E&W: Die Zweiklassengesellschaft, die wechselseitige Diskriminierung, ist also auf beiden Seiten verinnerlicht?

Graf: Jeder Gymnasiast weiß, dass er bestehen kann, wenn er gute Leistungen abliefert. Auf einer Schule in einem Brennpunktviertel haben die Kinder seltener die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, sich anzustrengen. Stärke ist das Paradigma, Schlägereien sind oft der Aushandlungsprozess. Der Schwächere, der den ‚Durstlöscher‘ dessen, der ihn erpresst, finanzieren muss, ist genauso ein Mobbingopfer wie das Mädchen, das im Gymnasium wegen seiner Klamotten gehänselt wird.

  • E&W: Sie haben das erlebt?

Graf: Ja, ich hatte eine Siebtklässlerin, die vom Gymnasium heruntermusste und berichtete, dass sie wegen ihrer Kleidung und ihrer Sprachmelodie ständig verspottet worden war. Mit der Kleidung, mit dem, was sie selbst „Kanakenslang“ nennen, öffnet man dem privilegierten Milieu Tür und Tor für Mobbing. Das Mädchen mit den Reiterleggins und die Gleichaltrige mit der Jogginghose sprechen völlig anders. Und beide erfüllen in einem Maße die Klischees, dass man manchmal lachen muss. Aber das Lachen bleibt einem im Halse stecken.

  • E&W: „Wir sind die Asozialen“, sagen Ihre Schülerinnen und Schüler.

Graf: Und das wird umgedreht: Wir ziehen uns so an, damit wir nicht so aussehen wie die vom Gymnasium. Ich war als Schülerin auch so: Mädchen, die im Orchester gespielt haben, fand ich ohne Ende peinlich.

  • E&W: Nun wird oft behauptet, das Schulsystem sei durchlässiger geworden.

Graf: Es ist eindeutig, dass es primär vom Bildungsstand der Eltern abhängt, an welche Schulform du kommst. Ich bin als Bildungsaufsteigerin die Ausnahme. Erfolgsgeschichten sind aber in der Wahrnehmung präsenter. Sie sind jedoch die lächerliche Ausnahme.

  • E&W: Warum wehren sich die Menschen nicht gegen dieses System?

Graf: Ich fürchte, diese Frage ist typisch für ein Grundproblem der Debatte: Wir verstehen die Dynamiken in diesen Milieus nicht und denken, wenn wir die Hand hinhalten, dann können die, wenn sie nur wollen.

  • E&W: Was daran ist falsch?

Graf: Wenn du nie Erfolgserlebnisse hattest, deine Talente nie gefördert wurden, glaubst du nicht daran, dass dir das etwas bringen soll. Wer von klein auf gelernt hat, dass er immer am Rand steht, gründet nicht plötzlich mit 40 Jahren einen Elternverband. Und eine alleinerziehende, berufstätige Mutter, die den Mindestlohn oder nur wenig mehr verdient, hat auch gar nicht die Zeit, sich um das Erziehungssystem zu kümmern.

  • E&W: Wie kann es gelingen, den Kindern mehr Selbstbewusstsein zu vermitteln?

Graf: Was mir vorschwebt, käme dem Schulalltag in Skandinavien nahe. Dort versteht sich Schule als System, das alle auf den gleichen Stand bringen soll. Wir hingegen gehen wie selbstverständlich davon aus, dass es Unterschiede gibt und man die Kinder deshalb in die verschiedenen Schulformen sortieren muss. Und das in 14 von 16 Bundesländern schon in der 4. Klasse. Meine Gegenvorschläge wären allerdings nicht Kuschelpädagogik oder die Abschaffung der Noten.

  • E&W: Sondern?

Graf: Ein radikaler Systemwechsel, der allerdings in anderen europäischen Ländern längst selbstverständlich ist. Es braucht einfach viel mehr Personal, mehr Lehrkräfte, vor allem aber multiprofessionelle Teams in allen Klassen mit Psychologinnen und Psychologen, Schulsozialarbeiterinnen und -arbeitern, Integrationshelferinnen und -helfern. Das ist der einzige Weg, dafür zu sorgen, dass Kinder jemanden haben, der oder die sie verlässlich in der Schule begleitet. Denn das haben sie bisher dort nicht – und zu Hause meist schon gar nicht. Auch wenn ich die Selektion furchtbar finde, muss die für eine Übergangszeit weiter praktiziert werden, während der man das Niveau der Schulen, die Probleme haben, anhebt, damit die Kinder dann am Ende ihrer Schulzeit mit denen aus anderen Vierteln zusammengebracht werden können. Wenn wir so weitermachen, wird die Gesellschaft kollabieren.

  • E&W: Das klingt dramatisch.

Graf: Es nützt nichts, die Augen vor der Realität zu verschließen: Viele Haupt- und Realschülerinnen und -schüler sind so schlecht vorbereitet und haben so wenig Antrieb, dass sie tatsächlich keine Ausbildungsstelle bekommen können. Im Gymnasialmilieu ist das vielen noch egal. Aber wenn sie bald gar keine Handwerker mehr finden, ändert sich das. Was in den Schulen passiert, wird immer mehr ein Problem für alle. 

Lisa Graf: Abgehängt. Von Schule, Klassen und anderen Ungerechtigkeiten, Weckruf einer Lehrerin, Heyne Verlag 2022

Lisa Graf (geb. 1989) hat früh ihren Vater verloren, die Mutter, eine Krankenschwester, hat sich nie um die Schulkarriere ihrer Kinder gekümmert. Über Umwege macht Graf Abitur und stellt später als Lehrerin fest, dass sich seit ihrer Kindheit wenig geändert hat, zumindest nicht zum Positiven: Der sozioökonomische Status der Eltern entscheidet nach wie vor über die Schullaufbahn der Kinder. Graf hat zuerst an einem Gymnasium gearbeitet und dann auf eigenen Wunsch drei Jahre an einer Haupt- und Realschule in einem benachteiligten Stadtteil in einer südwestdeutschen Großstadt.