Zum Inhalt springen

Serie: Traumjob oder Trauma?

Ich wünsche mir sehr, wieder arbeiten zu können

In einer E&W-Serie, die in dieser Ausgabe startet, berichten aktive und angehende Lehrkräfte, was sie an ihrem Beruf lieben, mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert sind, was sie im Beruf hält – oder dazu gebracht hat, das Handtuch zu werfen.

Um gut arbeiten und ihrer pädagogischen Profession gerecht werden zu können, brauchen Lehrkräfte gute Rahmenbedingungen. Dazu zähle eine Entlastung von Verwaltungsaufgaben, sagt Lehrerin Franziska Böhmer. (Foto: IMAGO/Funke Foto Services)

Als ich an meinem letzten Schultag nach dem Abi mit gereckter Faust aus der Schule lief, rief ich: „Ihr seht mich nie wieder!“ Heute arbeite ich seit 27 Jahren als Grundschullehrerin. Welche guten Gründe ließen mich diesen Beruf erst studieren, dann ausüben? Klar ist: Die Gründe veränderten sich im Laufe der Zeit. Zu Anfang war es mir wichtig, einen Beruf zu erlernen. Grundschullehrerin schien mir passend, weil ich gerne mit jüngeren Kindern arbeitete, gerne mit Menschen zu tun hatte, ich mich für alle möglichen Themen und Inhalte begeistern konnte – und mich nicht auf ein einzelnes Fach festlegen wollte.

Die sichere Ernährung meiner Familie blieb meine größte Motivation – auch während des Referendariats. Aber es kamen noch andere gute Gründe dazu. Ich hatte Glück mit der Ausbildungsschule und der Mentorin. Diese gab mir die Möglichkeit, langsam in die neue Rolle der Lehrerin hineinzuwachsen, während sie mir den Rücken stärkte und in gemeinsamen Gesprächen Räume für Reflexion öffnete. Sie schickte mich auch schnell in Supervision mit der Begründung: Das gehört einfach dazu!

Ich hatte ein sehr unterstützendes Kollegium. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich, dass ich mich dort, wo ich war, absolut richtig fühlte. Mein Temperament, meine Lautstärke, meine Neugierde, mein kindlicher Spaß an Spielen passten auf einmal völlig ins Bild.

Ich leiste eine gesellschaftlich sinnvolle, wichtige Arbeit. Dieses Wissen trägt mich nun schon lange und hat sich über die Jahre nicht abgenutzt.

Seit meinem Referendariat arbeite ich fast ausschließlich in Brennpunktschulen, erst in Darmstadt, dann in Berlin-Neukölln. In der Mischung aus Bildungs-, sozialer Arbeit und Integrationsarbeit finde ich hier einen weiteren Grund, warum ich Lehrerin bin, der mich auch nach fast 30 Jahren morgens aufstehen lässt: Ich leiste eine gesellschaftlich sinnvolle, wichtige Arbeit. Dieses Wissen trägt mich nun schon lange und hat sich über die Jahre nicht abgenutzt.

Ich erlebe, wie ich im Leben vieler Kinder einen Unterschied mache. Es ist wichtig, dass ich anwesend bin, in Beziehung gehe, die Schülerinnen und Schüler ernst nehme. Ich helfe ihnen, sich in dieser komplexen Welt ein bisschen besser zurechtzufinden. Ich gebe einen roten Faden, ich vermittle Werte und ermögliche ihnen – hoffentlich – Teilhabe an unserer Gesellschaft, indem ich ihnen grundständig Lesen, Schreiben und Rechnen (also: das Denken) beibringe.

Ich wünsche mir sehr, wieder arbeiten zu können.

Derzeit bin ich wegen eines Burnouts krankgeschrieben. Es ist vielleicht ein merkwürdiger Moment, um über meine guten Gründe nachzudenken, warum ich diesen Beruf gerne mache. Aber ich finde, gerade jetzt, mit Abstand zum Schulalltag, kommen die guten Gründe wieder an die Oberfläche, die sonst im hektischen und fordernden Alltag an der Schule oft verschüttet sind.

Ich wünsche mir sehr, wieder arbeiten zu können. Was brauche ich, damit ich, wenn ich wieder arbeiten gehe, nicht in zwei Jahren erneut krank werde? In der Supervision habe ich gelernt, nach dem Produkt meiner Arbeit zu fragen, um klare Entscheidungen im Alltag treffen zu können. Das „Produkt“ meiner Arbeit ist die Drittklässlerin, die grundständig schreiben und lesen sowie sicher im Tausenderraum rechnen kann. Das „Produkt“ ist eine Schülerin, die gerne in die Schule kommt und Schule als einen Ort erlebt, an dem sie ernst genommen wird und Fragen stellen kann, ohne für dumm erklärt zu werden.

Deshalb bleibt die Forderung nach kleinen Klassen wichtig, genauso wie die Reduzierung des Stundendeputats und die Entlastung durch mehr Verwaltungspersonal an Schulen. 

Meine Arbeitskraft sollte da hinein gehen: gute Beziehungen zu Kindern und Eltern aufzubauen, einen vertrauensvollen Rahmen zu schaffen, gut zuzuhören. Darüber hinaus braucht es einen gut geplanten, spannenden Unterricht, der die Welt erklärt und Kompetenzen vermittelt, diese weiter neugierig zu erforschen. Meine Arbeitskraft sollte im Gegensatz dazu nicht da hinein gehen: Akten und Gelder zu generieren und zu verwalten, Räume zu organisieren, sauber zu halten und herzurichten.

Um gut arbeiten zu können, muss ich in einem guten Zustand sein: gesund, ausgeschlafen, wach, satt, gewürdigt. Dafür brauche ich Zeit zur Reflexion meiner Arbeit, ich brauche Zeit für eine gute Vor- und Nachbereitung. Dazu müssen Strukturen geändert werden, so dass unsere Kraft ganz ins „Produkt“ unserer Arbeit fließt und nicht nur die Struktur selbst bedient. Deshalb bleibt die Forderung nach kleinen Klassen wichtig, genauso wie die Reduzierung des Stundendeputats und die Entlastung durch mehr Verwaltungspersonal an Schulen.