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BuchtippLesePeter September für das Kinderbuch „Als ich die Pflaumen des Riesen klaute“

In „Als ich die Pflaumen des Riesen klaute“ er­zählt Autor Ulf Stark von Freundschaft, Verrat und Helden­taten. Und von dem Abenteuer, das immer schon gleich hinter der nächsten Ecke lauert.

01.09.2020

Nicht weit von Ulfs Haus wohnt ein Riese. Er heißt Oskarsson und ist die unheimlichste Erscheinung der ganzen Gegend: riesengroß, laut und lebensgefähr­lich. Zumindest wenn man Bernt glauben soll, Ulfs bestem Freund. Die beiden gruseln sich gewaltig. Nur wenn Ulfs Mama Klavier spielt, wird Oskarsson ganz sanft. Als ein Sturm alles durcheinanderwirbelt, Ulfs Mama nicht mehr Klavier spielen kann und Bernt nicht mehr Ulfs Freund sein will, muss Ulf sich zum Äußers­ten entschließen und sich in den Garten des Riesen wagen …

Mal schelmisch, mal ernst, mal komisch er­zählt Ulf Stark in „Als ich die Pflaumen des Riesen klaute“ von Freundschaft, Verrat und Helden­taten. Und von dem Abenteuer, das immer schon gleich hinter der nächsten Ecke lauert. Das Kinderbuch wurde bereits von Radio Bremen und der Wochenzeitung „Die Zeit“ mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis „Luchs des Monats Mai 2020“ ausgezeichnet und für die Liste der besten sieben Bücher im Mai 2020 des Deutschlandfunks ausgewählt. Im September 2020 prämierte die Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW das Buch mit dem Lesepeter September 2020.

Riesengroß, laut und lebensgefährlich - mit diesen Worten beschreibt Ulf den Riesen Oskarsson, der nicht weit entfernt von seinem Haus wohnt. Oskarsson ist ein grimmiger Eigenbrötler und ungewöhnlich groß, es ist daher nicht verwunderlich, wenn sein Erscheinungsbild die Phantasie der Kinder beflügelt.

Die Kinder, das sind namentlich Ulf als Ich-Erzähler und sein Freund Bernt, der nach Ulfs Auffassung irgendwie alles weiß. Das weckt bei Ulf einerseits Bewunderung, andererseits fühlt er sich neben Bernt unangenehm klein und dumm, was in manchen Momenten eine Abneigung gegen diesen Aufschneider auslöst. Einzig Ulf kennt die Achillessehne von Bernt, dessen kleine, verwundbare Stelle, die ihn doch nicht so unantastbar macht, wie Ulf ihn wahrnimmt.

Wendepunkt in der Kindheit

Durch eine Verkettung ungünstiger Umstände wird den beiden genau dieses geteilte Wissen zum Verhängnis und stellt ihre Freundschaft auf die Probe. Der Wendepunkt in der bis dahin etwas abenteuerlichen, aber erfüllenden Kindheit wird mit einem heftigen Sturm eingeleitet. Die wunderbare Unbeschwertheit aus Kindertagen ist nach dessen Abklingen wie weggeblasen. Nicht nur Ulf, auch seine Mutter durchläuft fortan ein emotionales Tal.

Der weitere Verlauf der Erzählung erscheint zunächst eher besorgniserregend und ein guter Ausgang nicht in Sichtweite. Umso überraschender ist am Ende die Lösung, mit der gleich mehrere Probleme beseitigt werden. Ein Happy End, das überzeugt, weil es kein bisschen kitschig und dennoch berührend ist.

Autobiographische Elemente

Die Illustrationen von Regina Kehn passen sich wunderbar dem Text an, stellen einzelne Situationen pointiert dar und wirken trotz reduzierter Farbgebung (zweifarbig) ausgesprochen lebendig. Die Erzählung enthält autobiographische Elemente des Autors Ulf Stark, der bereits 2017 im Alter von 72 Jahren verstorben ist und bleibt dennoch zeitlos aktuell.

Die vorhandenen Widersprüche irritieren zunächst und lösen sich letztlich wohltuend auf, wobei die Kombination aus Spannung, Komik und Emotionalität hervorragend gelungen ist. Eine sehr kluge und weise Geschichte über Glück, Freundschaft und übers Verschiedensein. Letztlich ist vieles eine Frage der Perspektive und der eigenen Wahrnehmung.

Die AJuM vergibt den LesePeter monatlich abwechselnd in den Sparten Kinderbuch, Jugendbuch, Sachbuch und Bilderbuch.

Ulf Stark & Regina Kehn, Als ich die Pflaumen des Riesen klaute, Stuttgart: Urachhaus 2020, ISBN 978-3-8251-5222-2, 96 Seiten, 16 Euro, ab sechs Jahren