GEW - Die Bildungsgewerkschaft
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Philosophie

Grundgedanken zum Ansatz des Bildungsbuchs. Welche Ziele stehen für die GEW hinter dieser individuellen Form der Bildungsdokumentation? Welche Leitsätze werden verfolgt und wie ist das Kind in den Prozess mit einbezogen?

Das Bildungsbuch, die entwickelte Methode zur Beobachtung und Dokumentation von Bildungsprozessen in Kindertageseinrichtungen, bewirkt vor allem eines: Die Kinder spüren, wie sie wachsen, dass sie selbst Anteil an ihrer eigenen Entwicklung haben und welche Ziele sie erreichen. Die Methode ist deshalb so erfolgreich, weil die Bildungsdokumentation sehr konsequent gemeinsam mit den Kindern erarbeitet wird. Sie greift den Gedanken auf, dass Bildung in jedem Kind wächst, es "Akteur seiner Selbst" ist.

Das Bildungsbuch ist ein Instrument des Dialogs. Die Erzieherin ist dabei Partnerin im Dialog und Moderatorin des Bildungsprozesses des Kindes. Dabie gibt das Bildungsbuch Einblicke in die in die Selbstorganisationskräfte und Ressourcen des Kindes auf seinem Bildungsweg und ist Medium der Kommunikation mit Eltern und Lehrerinnen und Lehrern.

Gewerkschaftsinteressen

Die 16 Kita-Bildungspläne, die es seit geraumer Zeit in den Bundesländern gibt, haben versucht, den wachsenden Erwartungsdruck konstruktiv zu nutzen. In einer großen Breite inhaltlicher und methodischer Elemente geben sie Empfehlungen für die Kita-Pädagogik. Die Praxis wird mit der Umsetzung weithin allein gelassen. An den Rahmenbedingungen pädagogischer Arbeit hat sich nichts, jedenfalls nichts zum Besseren verändert. Es gibt zwar mehr Fortbildung, aber der Personalschlüssel ist der gleiche. Es gibt zwar mehr Literatur, aber nicht mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung. Die Eltern haben höhere Ansprüche und wählen die Kita für ihr Kind bewusster aus, durch die Staffelung der Elternbeiträge nach Besuchszeit ihres Kindes, aber eben auch kostenbewusster: in möglichst kurzer Zeit möglichst hohe Effizienz.


Ein guter Seismograf für die Weiterentwicklung ist die alljährliche vom didacta-Verband, dem Verband der Bildungswirtschaft, veranstaltete Bildungsmesse. Hier kann man sehen, was sich auf dem Markt bewegt. Das Geschäft mit frühkindlichen Lernhilfen boomt und es treten Firmen auf, die man eher auf der Computermesse Cebit vermutet: Telekom, Microsoft und die Konzernstiftungen Bosch und Berteismann mischen den Markt auf. Sie machen gute Geschäfte, z. B. mit Lernsoftware für Frühenglisch, Minilaboren für Chemieexperimente, Mousepads zur Sprachförderung. Und überall Portfolios. Jeder Lernforschritt wird mit vorgefertigten Checklisten und Kopiervorlagen dokumentiert, bewertet und analysiert. Kindheit im Trainingsraum, "fit for future".

Der Ansatz der GEW

Die GEW verfolgt seit Langem einen anderen Ansatz. Er ist dialogisch-kommunikativ, inhaltlich variabel, systemisch vernetzt und prozessorientiert. Vor allem ist er eines: konsequent bei den Kindern. Es geht nicht um das Erreichen von Lernzielen aus der Erwachsenensicht. Die Kinder sind die Bestimmer, sie sind die Lerner, sie entscheiden selbst, was geschieht und wie es weitergeht. Was das bedeutet und wie das methodisch geht, davon handelt das Buch unter dem Titel "Das Bildungsbuch. Dokumentieren im Dialog". Es ist unser zweites zum "Bildungsbuch". Im ersten, im Jahr 2006 unter dem Titel "Bildung sichtbar machen" erschienen, haben wir unsere Grundsätze und theoretischen Überlegungen dargelegt. Berichte aus der Praxis skizzierten erste Suchbewegungen. Dem war der Diskussionsentwurf als Rahmenplan frühkindlicher Bildung aus dem Jahr 2002 vorausgegangen. Heute sind wir weiter. Der "Gesprächskreis Bildungsbuch" der GEW ist wissenschaftlich und praktisch drangeblieben. Wir haben uns am Projekt "Bildungs- und Lerngeschichten" des Deutschen Jugendinstitus (DJI) beteiligt, eine Reihe von Tagungen zur Vernetzung von Modellkitas veranstaltet, viele Fortbildungen angeboten und eine umfangreiche Dozentenausbildung durchgeführt. Wir wollen uns einmischen, Positionen beziehen und uns als Motor Bildungsreformen vorantreiben.

Leitsätze des Bildungsbuches

Im Januar 2003 rief die GEW einen „Gesprächskreis Bildungsbuch“ ins Leben. Experten aus der Praxis, der Wissenschaft und der Fortbildung beraten seitdem die GEW in Fragen der Beobachtung und Dokumentation von Bildungsprozessen. Der Arbeitskreis entwickelte sechs Leitsätze zum Bildungsbuch.

1. Das Bildungsbuch ist ein Lernbuch des Kindes

Kinder leben in einer dinglichen Welt. Ihre Spiele, ihre Phantasie, ihre Träume materialisieren sich an Gegenständen. Lernen ist für das Kind ein nicht zu begreifender Vorgang. Für das Lernen gibt es nichts Materielles.

Wenn frühkindliche Pädagogik aber Bildungsprozesse anregen und organisieren will, muss man Kindern ein Medium anbieten, wie sie ihr eigenes Lernen sehen können. Das Bildungsbuch bietet dieses Medium. Allerdings nur dann, wenn es das Buch des Kindes ist. Das Kind muss sich mit ihm identifizieren. Es muss sehen, dass es selbst in dem Buch steckt. Natürlich können Kinder das Bildungsbuch nicht selbst anlegen, schreiben und aufbewahren. Sie allein sind es aber, die darüber bestimmen, was hinein soll und – vielleicht noch wichtiger – was nicht hinein soll oder was wieder daraus entfernt wird. Indem das Bildungsbuch die Lerngeschichte(n) der Kinder festhält, ermöglicht es dem Kind Reflexionen über sich selbst auf einer über den Dingen stehenden Ebene. Es erlebt nicht nur Freude, Neugier, Erfolg, sondern lernt eine neue Kategorie kennen: Bildung in einem selbst gesteuerten, selbst erfahrenen und immer weiter und tiefergehenden Prozess.

2. Das Bildungsbuch fördert Ressourcen und eröffnet Perspektiven

„Lob ohne Tadel ist wie Brot ohne Butter.“ „Man muss Kinder bei Zeiten daran gewöhnen, dass sie nicht immer Erfolg haben.“ „Kinder brauchen klare Rückmeldungen über ihre Leistungen.“ Man könnte solcher Art Zitate noch lange fortsetzen. Unter Experten wie Praktikern, die sich mit Beobachtung und Dokumentation beschäftigen, ist man sich einig, dass es nur „ressourcenorientiert“ geht. Man will nicht Leistung bewerten, Kinder nicht untereinander in Rangfolgen auflisten, nicht Erfolgreiches gegenüber Misslungenem hervorheben.

Es geht darum, die Potenziale, die Begabungen, die Ressourcen zu betrachten und zu beschreiben. Was kann Jan schon und was sind die Stärken von Lena? Diese Sichtweise hebt sich deutlich und wohltuend von der Tradition des Zensierens, des Bewertens und Einordnens ab. Es vermindert die Gefahr, Kinder nach Leistungsklassen zu sortieren und in begabte und unbegabte einzuteilen. Es vermeidet Etikettierungen.

Wenn man mit dem Bildungsbuch allerdings nicht nur das Geschehene dokumentieren will, sondern auch neues Lernen anregen will, muss man einen Schritt weiter gehen: Man muss die Ressourcen des Kindes nutzen und Perspektiven entwickeln. Welche Interessen hat Lena und welchen Schritt könnte Jan auf seinem Lernweg als nächstes gehen? So können in das Bildungsbuch auch Verabredungen mit dem Kind darüber aufgenommen werden, was die nächsten Lernprojekte sind. Vielleicht will Jan sich in nächster Zeit mehr Mühe geben, Lena geduldiger zuzuhören. Und Lena nimmt sich vor, den Umgang mit der Säge zu lernen.

3. Das Bildungsbuch schafft Transparenz im Team

Wie viel wissen Erzieherinnen eigentlich gegenseitig von ihrer Arbeit? Es gibt Team- und Dienstbesprechungen, auf pädagogischen Tagen wird das Konzept der Einrichtung entwickelt. Möglicherweise kann man sich für einen gewissen Zeitraum sogar Supervision leisten. Aber was im Alltag wirklich geschieht, welche Erziehungsstile sich durchsetzen, wer welche (heimlichen?) Lieblingskinder hat, bleibt meist im Verborgenen.

Im Bildungsbuch spiegelt die Beobachtung der Kinder das Verhalten, die Einstellungen und die Bildungsideale der Erzieherinnen zurück. Das Gespräch über das Bildungsbuch unter Kolleginnen und im Team kann mitunter zu unangenehmen Überraschungen führen. Wer den Blick in den Spiegel wagt, wird viel über sich entdecken können.

In manchen Einrichtungen hat es sich als sinnvoll herausgestellt, zusätzlich zum Bildungsbuch ein Dokumentationssystem einzuführen, in dem die Beobachtungen, Reflexionen und Diskussionen der Erzieherinnen festgehalten werden.

4. Das Bildungsbuch verbessert Beziehungen zu Eltern

Bildung „geschieht“ in jedem Menschen. Individuell, eigensinnig, selbst organisiert.
Das bedeutet aber nicht, dass Bildung im Verborgenen einer singulären Person entsteht. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er ist auf andere Menschen angewiesen, kann nicht existieren ohne soziale Gemeinschaft. Das soziale Umfeld entscheidet über Bildungswege und –chancen.
Die Bildungsbiographie kleiner Kinder wird in ganz besonderer Weise von ihren Beziehungen zu Vater und Mutter geprägt. Wir wissen, dass unser Bildungswesen nicht in der Lage ist, soziale Benachteiligungen und dadurch resultierende schlechte Schulleistungen auszugleichen. Umso mehr kommt es darauf an, die Beziehungen zu den Eltern zu verbessern und über die bekannten Gelegenheiten hinaus inhaltlich und methodisch zu intensivieren.

Das Bildungsbuch kann als Medium dabei behilflich sein, mit Vätern und Müttern regelmäßig den Bildungsweg der Kinder zu betrachten. Eltern haben oftmals keine rechte Vorstellung davon, wie sich ihre Kinder in der Kita bewegen, was sie dort erleben, was sie schon können und was sie noch lernen. Und Erzieherinnen wissen oft wenig darüber, wie ein Kind sich zu Hause verhält, wie die Eltern mit ihm umgehen, welche Anregungen es bekommt und wo es gebremst wird.

Das Bildungsbuch kann Erlebnisse und Erfahrungen ebenso transportieren wie Erziehungsstile und Ergebnisse von verabredeten Lernschritten. Kind, Vater, Mutter, Erzieherin – sie alle werden im Bildungsbuch auf die eine oder andere Weise eine Rolle spielen. Sie sind aufgefordert, es als strukturierendes Kommunikationsinstrument zu nutzen.

5. Das Bildungsbuch stärkt die Kompetenzen der Erzieherinnen

Erzieherinnen haben breit gefächertes Wissen und Handlungskompetenzen. Sie kennen entwicklungspsychologische Theorien und neurobiologische Forschungsergebnisse. Sie können die notwendigen und sinnvollen, auf das einzelne Kind und das Gesamtgefüge der Gruppe bezogenen Impulse geben. Sie führen Elterngespräche, präsentieren ihre Projekte im Team und haben höchstes Geschick in handwerklichen und künstlerischen Tätigkeiten. Wo sie spüren, dass sie Schwächen haben oder sie mehr über neuere pädagogische Konzepte erfahren möchten, besuchen sie Fortbildungen. Und keiner merkt es.

Das Bildungsbuch bringt die Erzieherin von der Bastelecke an den PC, vom Spielkreis an die Digitalkamera, vom sporadischen Elterngespräch auf dem Flur zum regelmäßigen Entwicklungsgespräch. Durch die Dokumentation ihrer Beobachtungen wird die Komplexität der Erzieherinnenarbeit deutlich. Erzieherinnen können zeigen, was in ihnen steckt. Das Bildungsbuch kann ein Beitrag dazu sein, das Berufsbild auf ein neues Image zu heben.

6. Das Bildungsbuch schafft gute Voraussetzungen für den Übergang in die Schule

In den Kita-Jahren haben die Kinder eine Menge gelernt. Sie sind wichtige Schritte auf ihrem Bildungsweg gegangen. Manche Wissenschaftler meinen sogar, es seien die entscheidendsten Schritte überhaupt. In den ersten sechs Jahren ihres Lebens wurden die Grundsteine gelegt, die Weichen gestellt nicht nur für das weitere Lernen, sondern für ihre Persönlichkeitsentwicklung. Sie sind auf dem Weg zu einer „eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“.

Im Bildungsbuch ist vieles davon festgehalten worden und die Kinder haben kräftig daran mitgearbeitet. Jetzt ist ihre Kita-Zeit vorbei und ein neuer Abschnitt beginnt. Es gibt die einen, die dazu raten, Informationen aus der Kita in die Schule weiter zu vermitteln, damit die Lehrerinnen und Lehrer auf den erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen aufbauen können. Andere wollen bewusst einen Schnitt machen. Sie befürchten, durch zu viel und zu intensive Information sei die Schule nicht mehr in der Lage, jedes Kind vorbehaltlos und offen aufzunehmen. Und wiederum andere wollen möglichst viele Daten über den Entwicklungsstand und das Leistungsvermögen der Kinder, um schnell herauszufinden, wo Stärken und Schwächen liegen.

Das Bildungsbuch wäre überfordert, wenn man verlangen würde, mit dieser Methode die Systemunterschiede zwischen Kita und Schule auszubügeln. Der Übergang zwischen beiden lässt sich kaum harmonisieren. Solange das Verständnis vom Bildungsauftrag der beiden Institutionen so unterschiedlich ist, wird sich daran auch nichts ändern. Was das Bildungsbuch aber kann: Es kann Jan und Lena den Stolz mitgeben, dass sie schon viel erlebt, gelernt und geleistet haben. Sie müssen aber niemandem gegenüber Rechenschaft ablegen. Sie haben ihr eigenes, persönliches Bildungsbuch. Wer es sehen darf, hat das besondere Vertrauen der Kinder. Hoffentlich missbraucht er es nicht.

Das Bildungsbuch ist ein gemeinsames Projekt der Pädagogen und des Kindes

Ein Bildungsbuch ist nicht nur einfach ein Produkt, eine Mappe, die dem Kind am Ende seiner Kindergartenzeit mitgegeben wird. Viel wesentlicher erscheint der Prozess der Erstellung der Mappen bzw. Ordner, der durch vielfältige Interaktionen zwischen Kind und Erzieherin gekennzeichnet ist. Bildungsbuch-Arbeit ist eine pädagogische Tätigkeit mit unterschiedlichen Kommunikations- und Verständigungsprozessen in einem Klima von Respekt und Wertschätzung. Sie ist ein Weg zur gemeinsamen Konstruktion von Weltverständnis, zum Austausch über Bedeutungen, zu einem ganzheitlichen Bildungsverständnis.

Die Tätigkeit des Kindes wahrnehmen

Ausgangspunkt und Zentrum der Bildungsbucharbeit ist das Kind. Sein Tätigsein, seine Erlebnisse, seine Erfahrungen liefern den „Stoff“ für das Bildungsbuch des Kindes.
Einen Einblick in die Lernwelt des Kindes erhält man vor allem dann, wenn das Kind bei selbst gewählten Aktivitäten, z. B. dem Spiel, beobachtet wird, dann ist das Kind „Herr“ der Situation, bestimmt die Ausrichtung und den Weg. Äußerungen des Kindes, wie „Guck mal, was ich hier mache“, zeigen den Wunsch des Kindes nach Beachtung, aber vielleicht auch nach Dokumentation des Gezeigten auf.

Beobachtung der Erzieherin

Die Erzieherin nimmt die Tätigkeiten des Kindes in ihr Blickfeld. Sie beobachtet das Kind mit einer achtenden und forschenden Haltung. Im Sinn von Schäfer (2005, S. 166) geht es dabei um „Vielperspektivität“: Die Erzieherin ist bereit, möglichst vieles wahrzunehmen, was das Kind indirekt oder direkt über sich, seine Erlebnisse und Gedanken mitteilt. Sie taucht als Beobachterin mit Empathie in das Geschehen ein und ist bemüht, den Sinn des kindlichen Tuns zu entschlüsseln. Durch die Beobachtung erfährt das Erleben des Kindes Wertschätzung und Beachtung.