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Physiklehrer in Bukarest

In das Deutsche Goethe-Kolleg in der rumänischen Hauptstadt Bukarest werden Kinder eingeschult, die bereits Deutsch sprechen. Dort hat Karl Schümann von 2006 bis 2012 als Bundesprogrammlehrkraft unterrichtet. Er traf auf motivierte Schüler und engagierte Eltern.

18.05.2015 - Karl Schümann

Fotos: Karl Schümann

Von 2006 bis 2012 habe ich sechs Jahre als Bundesprogrammlehrkraft am Deutschen Goethe-Kolleg in Bukarest unterrichtet und war zuerst vier Jahre Klassenleiter einer Klasse von Stufe neun bis zwölf und dann zwei Jahre für neun und zehn. Meine Unterrichtsfächer waren hauptsächlich Physik, außerdem etwas Mathematik, Informatik und Astronomie. Meine Frau war in diesem Zeitraum ebenfalls als ADLK am Colegiul German Goethe beschäftigt.

Deutsch hat einen guten Ruf in Rumänien

Rumänien ist seit 2007 Mitglied der Europäischen Union. Die Hauptstadt Bukarest ist eine Millionenmetropole mit gut ausgebautem öffentlichen Nahverkehr (Metro, Bus, Tram, Taxi) und großen Einkaufzentren mit Warenangeboten und Preisen wie in Deutschland. Gleichzeitig sieht man auf den Straßen aber auch Bettler. Das kulturelle Angebot ist vielseitig mit Theater, Oper und Konzerten. Bei der Wohnungssuche wurden wir von deutschen Kollegen vor Ort unterstützt. Dadurch fanden wir bald eine Drei-Zimmer-Wohnung. Mit unseren Vermietern besteht auch nach der Rückkehr ein freundschaftlicher Kontakt. Das Deutsche hat in Bukarest bzw. Rumänien einen guten Ruf. Die rumänische Sprache haben wir so weit gelernt, dass wir uns auf dem Markt, in der Gaststätte und auf der Straße verständigen konnten. Mehrfach erhielten wir auch Einladungen vom deutschen Botschafter zu Anlässen wie dem Tag der deutschen Einheit, Volkstrauertag, Deutschlandwochen, Bundestagswahlparty, Fußball - public viewing u.a. Rumänien hat sich in den sechs Jahren unseres Aufenthalts sehr schnell weiterentwickelt, was für uns auch sichtbar war: Es wurde viel gebaut: Infrastruktur, Banken, Wohnhäuser usw.

Überdurchschnittliches Abitur

Das Goethe-Kolleg im Zentrum der rumänischen Hauptstadt ist eine staatliche Schule der deutschen Minderheit von Klasse ein bis zwölf mit einer Spezialabteilung in den Klassen neun bis zwölf zur Erlangung des deutschen Abiturs. Hier erfolgte der Einsatz der deutschen Kolleginnen und Kollegen. Die Schule hat eine ausgewählte Schülerschaft: In Klasse eins werden solche Schüler aufgenommen, die im Kindergarten am besten Deutsch gelernt haben. Aus den vier Parallelklassen kommen nach der achten Klasse die Schüler mit den besten Lernergebnissen in die zwei Spezialklassen. Das Ergebnis ist ein überdurchschnittlich gutes Abitur, mit dem viele rumänische Abiturienten erfolgreich im europäischen Ausland studieren.

Als wir 2006 in Rumänien anfingen, arbeiteten in der Spezialabteilung des Goethe-Kollegs noch zehn Lehrer aus Deutschland - ein Leiter und neun Lehrerinnen und Lehrer. Jetzt gibt es dort nur noch fünf Lehrkräfte aus Deutschland - eine davon ist die leitende Lehrerin! Die Spezialabteilung wurde auf eine Klasse pro Jahrgang reduziert. Diese Reduzierung ist auf eine m.E. falsche Entscheidung der deutschen Seite zurückzuführen: die Personalkosten wurden zwar reduziert, aber damit eben auch die Anzahl der erfolgreichen Abiturienten. Nach meiner Einschätzung können wir in Deutschland mit so wenig finanziellem Einsatz (von deutscher Seite) nicht so viele (erfolgreiche) Abiturienten "produzieren".

Motivierte Schüler und unterstützende ElternDie Klassenleitertätigkeit war für mich die beste Erfahrung des Auslandsdienstes. Ich hatte mit hochmotivierten, lernwilligen, leistungsfähigen und freundlichen Schülern zu tun. Da die Schüler ihr ganzes Schulleben in eine Schule gehen, bilden sich feste soziale Beziehungen heraus. Auch nach der neuen Klassenbildung ab Klasse neun konnte ich viel kameradschaftliche Zusammenarbeit erleben. Gemeinsame Erlebnisse in der Schule und außerhalb trugen zu kollektiven Verhaltensweisen bei. Solche guten Klassen hatte ich in meinem Berufsleben noch nicht und werde sie wohl auch nicht mehr bekommen.Meine besondere Anerkennung gilt den Eltern, denn sie kümmern sich sehr um die Entwicklung ihrer Kinder, begegnen dem Lehrer mit Respekt und suchen bei Problemen gemeinsam mit ihm nach Lösungen. Sie sind auch sehr hilfreich bei der Organisation von Klassenvorhaben wie etwa Wochenendfahrten zur Erkundung des Landes oder Veranstaltungen in Bukarest.

Einige besondere Veranstaltungen:

•"Geschichte - nicht im Klassenraum!": Historisches Museum Constanta - Histria - Adamclisi
•"Auf den Spuren der Deutschen": Rasnov - Brasov - Kirchenburgen - Siebenbürgen
•Exkursionen: Sinaia - Poiana Brasov - Karparten - Constanta - Sibiu
•Theaterprojekt mit dem Gymnasium Röbel: Thema "Was sagt mir Selma Meerbaum-Eisinger" Aufführungen beim internationalen deutschsprachigem Theaterfestival in Temeswar sowie in Bukarest, Röbel und Rostock
•Unterstützung des Weihnachtsmarktes der Behindertenwerkstatt Casa Boxberg
•Gemeinsamer Besuch von Opernaufführungen, Theatervorstellungen sowie Handball- bzw. Fußballspielen

Das Lehrerkollegium

Im Colegiul German Goethe unterrichten ca. 70 Lehrer - ich will also auch einen Blick auf die rumänischen Kollegen werfen: Rumänische Lehrer erhalten vom Staat einen viel zu geringen Lohn, so dass sie nebenher unbedingt Geld verdienen müssen um zu überleben. Deshalb gebührt ihnen meine besondere Hochachtung für ihre Erziehungs- und Bildungsarbeit in der Schule, die oft weit über die reine Unterrichtserteilung hinausgeht! In den Grundschulklassen eins bis vier erteilen alle Lehrerinnen den Unterricht auf Deutsch. In den Klassen fünf bis acht gibt es nicht genügend Deutsch sprechende Lehrer, so dass in vielen Fächern Rumänisch gesprochen wird. Die beiden Klassen der Spezialabteilung werden dann von den deutschen Lehrern mit Unterstützung durch deutschsprechende rumänische Lehrer zum deutschen Abitur geführt. Die beiden rumänischen Klassen legen das rumänische Baccalaureat ab. Viele dieser Schüler erwerben das deutsche Sprachdiplom, so dass sie auch europaweit studieren können!

Eine Bemerkung zum Arbeitsrecht

Wir deutschen Lehrer im Ausland unterliegen einer dreifachen Unterstellung: 1. Heimatarbeitgeber - gab die Beurlaubung für den Auslandsdienst und unterliegt den Landesgesetzen; 2. Deutscher Schulleiter (Leiter der Spezialabteilung) - der ZfA unterstellt; 3. Rumänische Schulleiterin - muss sich an die Gesetze des rumänischen Staates halten. Dieses rechtliche Konstrukt gibt es meines Wissens in keinem anderen Bereich der Auslandsarbeit.

Da ich Bundesprogrammlehrkraft war, erhielt ich vom deutschen Staat ein Gehalt, welches ein Anfänger in Deutschland im Jahr 2003 bekam. Innerhalb der sechs Jahre gab es keine Tariferhöhung. Wenn ich in Deutschland geblieben wäre, hätte ich die Überleitung des BAT in den TVöD-L mitgemacht und Tariferhöhungen erhalten. Die Zuwendungen für die Auslandsarbeit hielten sich in engen Grenzen. Zusätzlich hatte ich einen Arbeitsvertrag mit dem rumänischen Staat und erhielt das rumänische Lehrergehalt - auf dem Lohnzettel war auch ausgewiesen, wie viel Steuern, Sozialabgaben, Gewerkschaftsbeitrag bzw. Rentenbeiträge einbehalten werden. Über die gewerkschaftlichen Aktivitäten in der Schule habe ich mich informiert und musste feststellen, dass das dort ganz anders läuft als in Deutschland. Mit Hilfe der der Deutschen Rentenversicherung versuche ich derzeit zu ermitteln, ob und wie viel Rente der rumänische Staat an mich zahlen muss.

Zum Schluss will ich auf ein grundlegendes Problem der Arbeitsverträge hinweisen: Die unterschiedlichen Bezahlungen für ADLK, BPLK, LPLK sind aus gewerkschaftlicher Sicht nicht zu rechtfertigen. In einem ersten Schritt ist m.E. die Eingruppierung der BPLK auf der Grundlage des bis zum Beginn des Auslandsdienstes erreichten Heimatgehaltes vorzunehmen und damit die "Rückstufung" der erfahrenen Lehrer in das Anfängergehalt zu beenden! Die gewerkschaftliche Forderung "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!" muss auch beim Auslandsdienst durchgesetzt werden.

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