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Flucht in die „Weiße Welt“

Der Roman „Exit Sugartown“ hat 2017 den Heinrich-Wolgast-Preis der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW erhalten. „Engagierte Jugendliteratur im besten Sinne“, urteilte die Jury. Ein Gespräch mit Autor Martin Petersen.

12.02.2018 - Michaela Ludwig

  • E&W: In „Exit Sugartown“ erzählen Sie die Geschichte der 17-Jährigen Dawn, die ihre Heimat verlässt, um Armut und Perspektivlosigkeit zu entkommen. Mit Hilfe von Schleusern erreicht sie die „Weiße Welt“ und nutzt hier jede Möglichkeit, Geld zu verdienen. Warum dieses politisch kontroverse Thema?

Martin Petersen: Den Anstoß zu „Exit Sugartown“ erhielt ich vor acht Jahren, als immer mehr afrikanische Flüchtlinge nach Südeuropa kamen, um dort zu arbeiten. Diese Art Völkerwanderung ist weltweit zu beobachten, und klar ist: Ökonomische Flüchtlinge lassen sich nicht stoppen. Solange die Ungleichheit in der Welt so groß ist, wird dieses Phänomen existieren.

  • E&W: Diese Menschen werden in der gegenwärtigen Debatte als Wirtschaftsflüchtlinge verunglimpft, ihre Fluchtmotive nicht akzeptiert …

Petersen: In Dänemark sind Menschen, die vor Kriegen wie in Bosnien oder Syrien geflüchtet sind, irgendwie akzeptiert – nicht jedoch Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen zu uns kommen. Ich wollte die Gründe aufspüren, warum sie ihr Land verlassen. Denn sie machen sich nicht aus Spaß auf den Weg. Ihr Leben ist geprägt von Armut, Hunger und Elend. Wer würde nicht versuchen, aus diesen Verhältnissen auszubrechen?

  • E&W: Sie schildern Flüchtlinge wie Dawn und ihre Freundin Didi nicht als Opfer, sondern als selbstbestimmt handelnde Menschen.

Petersen: Wichtig war mir, eine 17-Jährige zu entwickeln, die in vielerlei Hinsicht Gleichaltrigen in Dänemark oder Deutschland ähnelt. Wenn die Mädchen in einigen Szenen Party machen oder Dawn mit ihrem Schleuser flirtet, sind sie ganz normale Teenager. Sie wurden aufgrund der Lebensverhältnisse in Sugartown in diese Situation gedrängt.

  • E&W: Ihr Roman greift Themen wie Globalisierung, Migration und Kinderarbeit auf. Sind jugendliche Leser damit nicht überfordert?

Petersen: Dieser Roman bietet einen anderen Weg, sich den großen Fragen zu nähern: Er startet mit dem Schicksal eines Menschen, Dawn, die sich Geld leiht, um Schleuser zu bezahlen. Die die Überfahrt über das Meer wagt und in der organisierten Kriminalität landet. Hier bekommt der Leser Infos aus anderen Quellen. Viele Lehrer in Dänemark nutzen das Buch, um mit ihren Schülern über Migration oder Globalisierung zu sprechen. Ich freue mich, wenn ich in Schulen eingeladen werde und mit ihnen diskutieren darf.

Das Interview ist in voller Länge in der Februarausgabe der „E&W“ abgedruckt.

Das Bildungs- und Förderungswerk (BFW) der GEW hat im Jahr 1986 den Heinrich-Wolgast-Preis gestiftet, um die Darstellung der Arbeitswelt in der Kinder- und Jugendliteratur zu fördern. Der Preis wird alle zwei Jahre von der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW verliehen.
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