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GEW: „Schulleitungen stehen hochgradig unter Druck – und sind sehr motiviert“

Bildungsgewerkschaft stellt Online-Befragung zur Arbeitsbelastung der Leitungskräfte an Schulen in Hamburg und Rheinland-Pfalz vor: regelmäßige Belastungsstudien notwendig

Frankfurt a.M. – Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schlägt Alarm: Schulleitungen stünden „hochgradig unter Druck, sind aber sehr motiviert“. Eine „explosive Mischung“, die die Gesundheit gefährde. Das ist das Ergebnis einer Online-Befragung von fast 800 Schulleitungsmitgliedern in den Bundesländern Hamburg und Rheinland-Pfalz. „Deshalb schlagen wir ein Maßnahmenbündel gegen die starke Gesundheitsgefährdung und das hohe Burnout-Risiko vor, denen Schulleitungen ausgesetzt sind. In allererster Linie müssen sich die Arbeitgeber verpflichten, Schulleitungskräften regelmäßige Belastungsstudien und Präventionsmaßnahmen anzubieten. Denn was angesichts der Arbeitszufriedenheit nach Traumjob klingt, entpuppt sich wegen der hohen Arbeitsbelastung und der Entgrenzungswerte als gesundheitsgefährdend“, sagten die GEW-Vorstandsmitglieder Anja Bensinger-Stolze und Ralf Becker mit Blick auf die Ergebnisse der Schulleitungsstudie, die die Bildungsgewerkschaft am Montag in Hamburg und Mainz vorstellte.

„Die Daten belegen, dass die Leitungskräfte an Schulen hochgradig belastet sind. Sie weisen im Vergleich zu anderen Berufsgruppen in unserer Datenbank deutlich erhöhte Anforderungen auf, aber nur wenige kompensierende günstige Faktoren“, sagte Matthias Nübling, Geschäftsführer der Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften GmbH (FFAW) und Studienleiter. Er stellte einige ausgewählte Befragungsergebnisse vor. So erklärten 83,6 Prozent der Leitungskräfte, dass sie „oft“ oder „immer“ mit hohem Tempo arbeiteten. 71,8 Prozent gaben an, „selten“ oder „nie“ Pausenzeiten einhalten zu können. Die Gesamtskala „Quantitative Anforderungen“ liegt mit 74 Punkten rund 20 Punkte über dem deutschen Durchschnitt aus allen Berufen (55) bzw. über den Berufen in der öffentlichen Verwaltung (54) und zehn Punkte über dem Durchschnitt an Schulen (64). Für 86,5 Prozent ist die Arbeit „in hohem Maß“ oder „in sehr hohem Maß“ emotional fordernd – auch dies sei ein sehr deutlich erhöhter Wert gegenüber dem Durchschnitt aller Berufe. Bei den leitungsspezifischen Fragen gaben 80,8 Prozent an, dass „ziemlich oder sehr“ zutreffe, dass die Leitungsaufgaben keinen Freiraum für eine gründliche Vor- und Nachbereitung des Unterrichts ließen. 54,1 Prozent meldeten zurück, dass sie „oft“ oder „immer“ körperlich erschöpft seien. 44,6 Prozent kommen „oft“ oder „immer“ in die Schule, obwohl sie krank sind, weitere 30,6 Prozent sagten, dass sie dies „manchmal“ täten. Trotzdem antworteten 55,8 Prozent, dass sie „oft“ oder „immer“ von ihrer Arbeit begeistert seien.

„Viele Schulleitungsmitglieder können nicht abschalten. Deutlich über 40 Prozent überschreiten zudem oft bzw. immer die vorgegebene Arbeitszeit. Wir sind sehr besorgt darüber, dass so viele Leitungskräfte kurz vor dem Burnout stehen oder wegen der Belastungen an einen Stellenwechsel denken. Es müssen sofort Präventionsmaßnahmen ergriffen werden. Die angespannte Situation an den Schulen darf nicht länger ignoriert werden. Wir brauchen mehr finanzielle und personelle Ressourcen für Schulen – und zwar umgehend“, betonte GEW-Schulexpertin Bensinger-Stolze.

„Wir beobachten an vielen Schulen eine hohe Belastung der Leitungskräfte. Dies ist jetzt empirisch und anonymisiert durch die Befragung bestätigt worden. Die Ergebnisse sind alarmierend. Viele Leitungskräfte gehen ihrem Traumjob nach, müssen dafür tagtäglich jedoch so viele Hürden nehmen, dass nicht wenige resignieren. Viele Kolleginnen und Kollegen gefährden ihre Gesundheit durch die hohe Arbeitsbelastung. So kann es nicht weitergehen“, sagte Ralf Becker, im GEW-Vorstand für Berufliche Bildung und Weiterbildung verantwortlich.

Das sind die Lösungsvorschläge der GEW:

- Regelmäßige Belastungsstudien durch die Arbeitgeber.
- Verpflichtende Präventionsmaßnahmen durch den Arbeitgeber.

Politische Maßnahmen:
- Ressourcen für Bildung stärken.
- Die schlechte Ausstattung der Schulen sorgt für eine wachsende Arbeitsbelastung der Schulleitungen. Deshalb ist eine gesicherte, nachhaltige Ausstattung der Schulen ein wichtiger Faktor, um Belastungsfaktoren zu verringern.
- Entlastung durch zusätzliches Personal (auch IT-Administratoren und Verwaltungsfachkräfte).
- Entlastungsstunden für Leitungskräfte und zusätzliche Funktionsstellen.
- Bessere Bezahlung.
- Maßnahmen gegen den Lehrkräftemangel (s. 15-Punkte-Programm der GEW).
- Die mangelhafte Ausstattung der Schulen ist für die Leitungskräfte eine große Belastung. Deshalb müssen das Startchancenprogramm, der Digitalpakt 2.0 und der Pakt für die Berufsbildenden Schulen, aber auch die bauliche, energetische und pädagogische Sanierung der Schulen umgehend angegangen werden.

Info: Die Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften GmbH (FFAW) hat die Studie im Auftrag der GEW erstellt. Sie nutzte den „Copenhagen Psychosocial Questionnaire“ (COPSOQ), einen breit erprobten Fragebogen zur Messung psychosozialer Faktoren am Arbeitsplatz, der anonym ausgefüllt wird. Die FFAW hat damit bereits über 1.500 Projekte mit über 600.000 Befragten absolviert. Von März bis Mai dieses Jahres beteiligten sich 796 Mitglieder von Schulleitungen. Zwei Drittel davon Frauen, ein Drittel Männer. 47,7 Prozent arbeiten an Grundschulen, 14,9 Prozent an Gymnasien, 8,1 Prozent an Stadtteilschulen (nur Hamburg), 4,3 Prozent an Realschulen, 3,4 an integrierten Gesamtschulen (nur Rheinland-Pfalz) sowie jeweils 9,6 Prozent an Beruflichen Schulen und Förderschulen.

Der Arbeits- und Gesundheitsschutz spielt in den Schulen eine immer größere Rolle. Eine – gesetzlich vorgeschriebene – flächendeckende Gefährdungsbeurteilung nach dem Arbeitsschutzgesetz gibt es aber bisher nur in einigen wenigen Bundesländern. Um die spezifischen Belastungen der Schulleitungen zu erheben, hat der GEW-Hauptvorstand in Kooperation mit dem städtischen Landesverband Hamburg und dem Landesverband des Flächenlandes Rheinland-Pfalz eine Pilot-Untersuchung zu deren Belastungen auf Grundlage des COPSOQ-Fragebogens initiiert. Die GEW hat in Zusammenarbeit mit der FFAW und Schulleitungsmitgliedern den Fragebogen für Lehrkräfte um schulleitungsspezifische Fragen ergänzt. Das Verfahren ist ein Projekt, das auch in anderen Bundesländern zur Befragung der Schulleitungen angewendet werden kann.

Hier finden Sie die Ergebnisse der Online-Befragung.
Hier finden Sie die den Gesamtbericht zur Online-Befragung.

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Ulf Rödde
Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands, Pressesprecher / Redaktionsleiter E&W
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