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Unsichtbare Lehrerleistung – Vor- und Nachbereitung

Guter Unterricht ist das Produkt intensiver Unterrichtsvor- und -nachbereitung. Zu diesem Ergebnis kam bereits vor über 50 Jahren der Bildungsreformer Heinrich Roth. In der deutschen Bildungspolitik scheint von Roths Leitgedanken nicht viel angekommen zu sein.

"Bei Fritz Reuter findet sich die Aussage, fünf Jahre seien eine lange Zeit, wenn man sie von vorne sieht; fünf Jahre sind eine kurze Zeit, wenn man sie von hinten sieht. Wie steht es da mit 55 Jahren? Vor 55 Jahren nämlich – genauer 57 – schrieb Heinrich Roth einen Aufsatz über „Die Kunst der rechten Vorbereitung“ (1) Wir wollen die Erkenntnisse Roth´s zunächst nur in Erinnerung rufen. Auf aktuelle Bildungspolitik gewendet ist leider auch eine sich vermutlich vernichtend selbst beantwortende Frage zu stellen. Heinrich Roth entwickelt ein Spektrum der rechten Vorbereitung mit fünf Sektoren,

  1. Das Bereithalten der Sache um die es geht, den Stoff als Kulturgut.
  2. Die pädagogische Besinnung auf das Bildsame der Inhalte, um die es gehen soll.
  3. Die psychologische Besinnung auf die Schüler und die eigene Stellung als Lehrer dazu.
  4. Aus all dem folgt die Besinnung auf die mögliche und die angebracht scheinende Methode, den Weg der Vermittlung
  5. Abschließend stellt sich die Frage nach der konkreten Planung der einzelnen Unterrichtsstunde – ob das überhaupt sinnvoll und möglich ist.

Der erste Sektor, so kann man meinen, sollte sich aus den Fachstudien der Lehramtsstudenten ergeben. So war und ist es wohl auch nach wie vor gedacht. Doch Roth will hier tiefer gründen. Er lehnt den Ausdruck der Beherrschung des Stoffes eines Faches ab. Vielmehr gehe es um ein eigenpersönliches Verhältnis zu einem in einem Fachstudium aufgehobenen Kulturgut, das ein Lehrer als von den Inhalten ergriffener Fachlehrer, als Person vertritt. Fachliche Überzeugung steht damit gegen Fachkenntnis ohne persönlichen Bezug. Diese Auffassung begründet nebenbei die allgemeine Fortbildungsverpflichtung für Lehrerinnen und Lehrer. Die schulrechtliche Formalisierung dieser bis vor kurzem nur allgemein angewiesenen Pflicht wandelt allerdings den Charakter des Selbstverständnisses von Lehrern als Fachvertreter. Sie führen als Anweisung aus, was sie vorher aus sich heraus hatten tun sollen.

Mit dem zweiten Sektor, dem Bezug auf die Besinnung des Bildungswerts der Inhalte, die es zu unterrichten gilt, verweist Roth auf die Notwendigkeit, sich als Lehrer der Bedeutsamkeit der zu vermittelnden Inhalte für die Schüler/innen bewusst zu werden.

Dem schließt sich logisch zwingend im dritten Sektor das Vergegenwärtigen der Leistungsmöglichkeiten der jeweils zu unterrichtenden Schüler/innen an – ergänzt um die Einschätzung der lehrereigenen Möglichkeiten, dem gerecht zu werden.

Die im vierten Sektor des Spektrums genannte Aufgabe besteht darin, die Lehre in der unter den eingeräumten Arbeitsbedingungen im Groben zu strukturieren. Das meint, sich der allgemeinen Arbeitsbedingungen zu vergewissern, in der die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht gestalten sollen und das auf ihre Art und Weise.

Im fünften und letzten Segment, der konkreten Unterrichtsplanung einzelner Unterrichtsstunden steht der Verlauf des jeweils aktuellen Unterrichts zur Entscheidung an. Nicht umsonst verwendet Roth auf die beiden letzten Sektoren den größeren Anteil an Textraum. Hier geht es um die Vielfalt denkbarer Idealtypen von Unterricht. Die findet ihre sachliche Basis in den zuvor zu unterstellenden Qualifikationen und aktualisierten Überlegungen.

Roth fragt, was von der Verfahrensweise im voraus festgelegt werden kann. Das Wesen der Kunst der Vorbereitung sieht Roth darin, „… lebendige pädagogische Situation en, die aus sich selbst heraus ein Erkenntnisgefälle zum Gegenstand hin erzeugen …“ zu schaffen.(2) Er warnt vor ungeplantem Vorstoß in ein unbekanntes Land, eben jede neue Unterrichtstunde ebenso wie vor dem Verzicht auf situationsgerechte Wendigkeit. Jede Lehrerin, jeder Lehrer kennt das aus eigenem Erleben.
 
Arbeitsanforderungen

Was also hat uns Heinrich Roth heute zu sagen, was schon vor 55 Jahren jeder Praktiker hat wissen können bzw. die meisten vermutlich eigentlich gewußt haben? „Ja, so müßte Unterricht geplant und realisiert werden, aber …“. Das in Erinnerung zu rufen und gleichzeitig die Arbeiten Roths wieder ins Bewußtsein zu rücken, veranlasste zu diesen Ausführungen. Der Grund dafür ist es noch nicht!

Roth, der das Wort von der mittlerweile anscheinend in Vergessenheit geratenen realistischen Wende der Erziehungswissenschaft geprägt hat, dokumentiert mit seiner Analyse gerade seinen Realismus. Im Grunde beschreibt Roth im Sinne der Arbeitswissenschaften und insbesondere des Konzepts von Rohmert/Rutenfranz die schwierige informatorisch mentale Arbeitsanforderung eines normalen Lehrers. Das begründet die Rückbesinnung auf einen Qualitätsstand, der schon einmal erreicht war – und haben die tonangebenden Bildungspolitiker unserer Tage, die mit diesen Erkenntnissen in ihrem Studium eigentlich konfrontiert worden sein müßten, daraus gelernt ?

Diese Frage ist der Grund für unsere Rückbesinnung, auch wenn die Antwort auf der Hand zu liegen scheint, nämlich „nichts“. So bleibt denn nur zu sagen, was sie hätten lernen bzw. beherzigen können und sollen.

Vorbereitung braucht Zeit

Dass u. a. Unterrichtsvorbereitung Zeit braucht ist unübersehbar. Unsere Sprache über Schule und Studium ist voll von Zeitbegriffen – von Semestern über Schuljahre, Unterrichtsstunden bis zu Pausen und Ferien. Guter Unterricht, so wie von Heinrich Roth beschrieben, ist offenkundig das Produkt schwieriger reflexiver Vorleistung und ergänzender Nachbesinnung.

Gemeint ist pädagogische Leistung! Davon einfach mehr zu verlangen, indem die Anzahl der Pflichtstunden heraufgesetzt und die Anzahl der Schüler pro Klasse erhöht wird, dokumentiert schlichtweg fachliche Inkompetenz der bildungspolitisch Verantwortlichen. Selbst geborene Pädagogen brauchen Zeit, pädagogisch zu arbeiten, und gerade die wird ihnen verweigert.

Man mag sich geniale Augenblicksideen wünschen, fruchtbare Momente am laufenden Band, auf Dauer durchzuhalten sind sie nicht.

Notwendige Arbeits- und Lernzeit kann man auf verschiedene Weise verweigern. Man verlangt mehr im gleichen Zeitraum, man verringert mit der Steigerung der Schülerzahlen je Klasse die je Schüler zuwendbare Lehrerzeit, man verringert bei gleich bleibender Leistungsanforderung an die Schüler die Anzahl der Fachstunden. Und damit ist das Thema noch keineswegs ausgereizt. Die pädagogische Fantasie der besonderen Art in und aus den Bildungsverwaltungen kann auch auf schlimme Dinge gerichtet sein. Roth charakterisiert die Notwendigkeit des besonderen Fachbezugs der Lehrer/innen als Qualitätsgarantie für lebendigen Unterricht.

Ist eigentlich bekannt, in welchem Umfang fachfremder Unterricht erzwungen wird? Welcher Fachlehrer kann, ja muss manchmal, – und letztlich immer öfter – am Sinn seines Faches und seiner Fachorientierung zweifeln, wenn dessen Bildungsbedeutung von operationalistischen Testpunktwerten á la TIMSS oder PISA dysfunktionalisiert wird. Von Bildungsverwaltungen vorgegebener Operationalismus entfremdet jeden in den Schulgesetzen gemeinten Bildungsprozess zu oberflächlichen Behaltensleistungen.

So stellt sich Hänschen und Fränzchen und auch Willilein Schule vor. Doch dafür lohnt sich der ganze Aufwand eigentlich nicht. Zudem ist seine Wirksamkeit trotz aller Bildungsbemühungen ernsthaft zu befragen. Sinnentleerung durch Testeritis sind Heinrich Roths Vorstellungen gegenüber zu stellen : Ideal versus Wirklichkeit. Das ist das Anliegen in diesen Ausführungen."

Prof. Dr. Hans-Georg Schönwälder, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Schulforschung der Universität Bremen
Erschienen in der Broschüre "Was ist pädagogische Arbeit wert? Die GEW diskutiert", März 2007
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(1) Roth, H.; Die Kunst der rechten Vorbereitung in „Die Sammlung“ 5 Jg., 3.Heft März 1950 wieder abgedruckt in: H. Roth, Pädagogische Psychologie des Lehrens und Lernens, Hannover 1966 9.te Auflage S.119-129

(2) Roth, H.; Die Kunst der rechten Vorbereitung, a.a.O, S.128