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Weißenhäuser Eckpunkte

Ergebnis der 5. GEW-Wissenschaftskonferenz „Gut – besser – exzellent?“ vom 31. August bis 3. September 2011 am Weißenhäuser Strand (Schleswig-Holstein) war der Entwurf von zehn Weißenhäuser Eckpunkten für eine Qualitätsoffensive in Forschung, Lehre und Studium.

Beschluss des GEW-Bundesfachgruppenausschusses Hochschule und Forschung und des GEW-Bundesausschusses der Studentinnen und Studenten, Oberursel, 4. Dezember 2011

Ergebnis der 5. GEW-Wissenschaftskonferenz am Weißenhäuser Strand (Schleswig-Holstein) war der Entwurf von zehn Weißenhäuser Eckpunkten für eine Qualitätsoffensive in Forschung, Lehre und Studium.

1. Klasse für die Masse

Ein wesentlicher Grund für Qualitätsdefizite in Studium, Lehre und Forschung ist die anhaltende Unterfinanzierung der Hochschulen. Teilweise wird versucht, davon mit einer Effizienz- und Qualitätsdebatte abzulenken.

Wir bekennen uns zu einer best möglichen Qualität von Studium, Lehre und Forschung und fordern deshalb einen nachhaltigen und bedarfsgerechten Ausbau der Hochschulen. Qualität darf nicht durch Exklusion erkauft werden! Bund und Länder müssen gemeinsame Verantwortung für eine aufgabengerechte Finanzierung und Ausgestaltung von Forschung, Lehre und Studium wahrnehmen – auch deshalb brauchen wir eine Reform des deutschen Bildungsföderalismus.

2. Studienbedingungen verbessern

Instrumente zur Sicherung und Entwicklung der Qualität haben sich vom originären Ziel einer qualitativen Studienreform entfernt; zunehmend steht die Förderung des Wettbewerbs oder die Stärkung der Hochschulautonomie im Vordergrund.

Wir beziehen die Debatte um die Qualität der Lehre wieder auf ihre ursprüngliche Zielsetzung: Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung haben die Studienbedingungen zu verbessern, qualitativ hochwertige Studienabschlüsse zu gewährleisten, die Vergleichbarkeit von Studien- und Prüfungsleistungen und Abschlüssen zu sichern und somit die Mobilität der Studierenden zu erleichtern!

3. Qualität durch Partizipation

Was Qualität ausmacht, kann nicht allein Top down von den Ministerialbürokratien, Hochschulleitungen und Lehrstuhlinhabern bestimmt werden.

Die Qualität der Wissenschaft lässt sich nur als Ergebnis eines partizipativen Aushandlungsprozesses bestimmen, in den unterschiedliche Perspektiven der am Wissenschaftsprozess beteiligten und von dessen Ergebnissen betroffenen Gruppen eingehen müssen. Hochschulbeschäftigte, Studierende und die berufliche Praxis inklusive der Gewerkschaften sind daher auf Augenhöhe in die Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung einzubeziehen!

4. Akkreditierungssystem erneuern

Bürokratisierung und Überregulierung von Lehre und Studium beigetragen.

Wir brauchen eine Erneuerung des Akkreditierungssystems, das auf bundesgesetzlicher Grundlage und in transparenten Verfahren qualitative Mindeststandards für alle Studiengänge sichert, eine bürokratische Überlastung der Hochschulen ausschließt und auf allen Ebenen die substanzielle Beteiligung von Gewerkschaften und Studierendenvertretungen garantiert!

5. Qualität durch EQuality

Nach wie vor steigen vor allem Frauen mit jeder Qualifikationsstufe aus der Wissenschaft aus, statt in ihr aufzusteigen.

Die Qualität einer Hochschule ist auch danach zu beurteilen, ob sie Gleichstellung realisiert, geschlechtergerechte Studiengänge etabliert und Frauen- und Geschlechterforschung in der Wissenschaft verankert hat!

6. Managing Diversity

Die vielfältige Zusammensetzung unserer Gesellschaft spiegelt sich in den Hochschulen nicht wider. Damit kommt die Vielfalt von Erfahrungen, Sichtweisen und Werten in Forschung, Lehre und Studium nicht zur Geltung.

Hochschulen haben durch professionelles und partizipatives Diversity Management dafür Sorge zu tragen, dass die soziale Zusammensetzung der Lehrenden, Forschenden und Studierenden die Vielfalt der gesamten Gesellschaft widerspiegelt! Hochschulmitglieder sind unabhängig von ihrer sozialen und ethnischen Herkunft, ihrer sexuellen Identität und Orientierung, ihrem religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis und ihrer Behinderung wertzuschätzen, ihrer Diskriminierung ist aktiv entgegenzuwirken.

7. Gute Wissenschaft braucht gute Arbeit

Kontinuität und Qualität von Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement werden von der Destabilisierung der Beschäftigungsbedingungen durch immer mehr Zeitverträge mit immer kürzeren Laufzeiten untergraben.

Gute Wissenschaft auf der einen sowie gute Arbeitsbedingungen und berufliche Perspektiven auf der anderen Seite sind zwei Seiten einer Medaille – wir brauchen daher Dauerstellen für Daueraufgaben sowie planbare Karrierewege!

8. Exzellenzinitiative in Breitenförderung transformieren

Die Exzellenzinitiative hat allenfalls einen begrenzten Beitrag zur Verbesserung der Forschungsqualität geleistet, untergräbt aber die Kontinuität und Stabilität wissenschaftlicher Arbeit und vernachlässigt die Qualität der Lehre.

Die Exzellenzinitiative ist schrittweise in ein Programm zur Stabilisierung von Beschäftigungsverhältnissen in der Wissenschaft zu überführen, das qualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Perspektive eines dauerhaften Verbleibs in Forschung, Lehre oder Wissenschaftsmanagement eröffnet.

9. Promotion besser absichern und strukturieren

Das System der Qualifizierung von Doktorandinnen und Doktoranden ist von Strukturdefiziten gekennzeichnet: eine zu hohe Arbeitsbelastung, prekäre Beschäftigung, mangelnde Verantwortung der Universitäten sowie der Druck, immer schnellere und höhere Leistungen zu erbringen.

Voraussetzung für eine Sicherung der Qualität der Promotion ist eine verlässliche Betreuung und Absicherung der Doktorandinnen und Doktoranden! Fächerübergreifende Graduiertenzentren sollen alle Promovierenden bei der Aufnahme, Durchführung und dem erfolgreichen Abschluss des Promotionsvorhabens unterstützen.

10. Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung

Die Qualität von Forschung, Lehre und Studium wird durch eine fehlende gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft in Frage gestellt.

Hochschulen und ihre Mitglieder haben die Folgen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit für die Gesellschaft und die Natur systematisch zu reflektieren, die Transparenz von Kooperationen in der Forschung zu gewährleisten sowie die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse sicherzustellen!