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Zehn Jahre Inklusion„Integration von vorgestern“

Zehn Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention sagt Reinald Eichholz, Jurist und Ex-Kinderbeauftragter der Landesregierung Nordrhein-Westfalen: In Schulen wie auf dem Arbeitsmarkt habe sich zu wenig getan.

17.04.2019 - Katja Irle, freie Journalistin

  • E&W: Vor rund zwei Jahren haben Sie auf dem GEW-Bundeskongress „Eine Schule für alle“ gesagt: „Bisher gibt es kaum inklusive Schulen, die diesen -Namen verdienen.“ Fällt Ihr Urteil inzwischen positiver aus?

Reinald Eichholz: Es war von Anfang an klar, dass die UN-BRK nicht über Nacht umgesetzt werden kann. Trotzdem bleibe ich dabei: Es gibt nur sehr wenige Schulen in Deutschland, die wirklich inklusiv arbeiten.

  • E&W: Nach jüngsten Zahlen der Bertelsmann Stiftung kommt Inklusion allerdings voran: Die Exklusionsquote ist in den vergangenen zehn Jahren gesunken, vor allem im Förderschwerpunkt Lernen. Das bedeutet, dass immer mehr Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule besuchen.

Eichholz: Das stimmt. Trotzdem sinkt die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Förderschulen kaum. Das liegt daran, dass an den Regelschulen mehr Kinder mit Förderbedarf diagnostiziert werden als früher. Denn an der Diagnose hängt die Zuteilung der Ressourcen. Außerdem sagt die offizielle Statistik nichts über die Qualität inklusiver Bildung in Deutschland aus. Bedauernswert ist auch, dass Inklusion als gesamtgesellschaftliches Thema kaum im Blick ist. Inklusion in Deutschland, wie sie zurzeit betrieben wird, ist Integration von vorgestern. Es geht immer nur um Kinder mit Behinderungen, die an den Regelschulen mitunterrichtet werden sollen.

  • E&W: Liegt der Fokus denn nicht genau darauf?

Eichholz: Natürlich ist der gemeinsame Unterricht von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Beeinträchtigung wichtig und Schule mit einer gewissen Berechtigung im Fokus. Aber Inklusion meint doch viel mehr, sie meint Teilhabe überall und für alle. Da geht es eben nicht nur um Schülerinnen und Schüler mit einem sogenannten Förderbedarf. Sondern es muss auch darum gehen, wie wir unseren Arbeitsmarkt oder unsere Freizeit gestalten – oder wie wir mit Flüchtlingen umgehen.

  • E&W: Bleiben wir noch einen Moment bei den Schulen: Zum Start der UN-BRK 2009 gab es viel Zustimmung von Lehrkräften. Mittlerweile äußern sich immer mehr kritisch oder resigniert über Inklusion. Bleibt die Umsetzung der Konvention auf der Strecke?

Eichholz: Der gute Wille der Lehrerinnen und Lehrer ist sehr enttäuscht worden. Die Bedingungen, unter denen Inklusion umgesetzt wird, sind absolut unzureichend. Es reicht nicht, wenn etwa ein Land wie Bremen die Förderschulen abschafft, aber die Regelschulen nicht ausreichend ausstattet. Es ist klar, dass sich Pädagoginnen und Pädagogen dann überfordert fühlen. Aber wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen und sagen: „All das spricht gegen Inklusion.“ Es spricht nur gegen das, was die Politik daraus gemacht hat, nämlich ein Sparmodell.

  • E&W: Die Bundesländer haben Aktionspläne erarbeitet und teils Millionensummen in die Inklusion investiert. Das klingt nicht nach Sparmodell.

Eichholz: Doch. Wenn man die Ausstattung an den Regelschulen mit den Rahmenbedingungen der Förderschulen vergleicht, dann ist es sehr wohl ein Sparmodell. Wenn Inklusion an der Regelschule funktionieren soll, dann braucht man auch dort kleinere Klassen, eine Lehrer-Doppelbesetzung und deutlich mehr Sachressourcen. Sonst ist eine individuelle Förderung aller Kinder, und um die geht es, nicht möglich.

  • E&W: Vielen Eltern hat die UN-BRK den Rücken gestärkt. Sie können nun entscheiden, ob ihr Kind auf eine Förder- oder eine Regelschule gehen soll. Ist das kein Fortschritt?

Eichholz: Die Eltern müssen entscheiden zwischen einer gut ausgestatteten, aber nicht inklusiven Förderschule und einer Regelschule, die sich inklusiv nennt, aber keine guten Bedingungen für das gemeinsame Lernen bietet. Das ist kein Wahlrecht, sondern ein Qualrecht.

  • E&W: Wenn Ihr Inklusionsfazit für die Schulen schon so schlecht ausfällt: Wie lautet Ihr Urteil für den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt?

Eichholz: Schule ist ein System, das der Staat grundsätzlich im Sinne der Inklusion formen kann – auch wenn er das zurzeit nur unzureichend tut. Die Arbeitswelt lässt sich demgegenüber deutlich weniger regulieren. Man ist auf den guten Willen von Unternehmerinnen und Unternehmern angewiesen. Leider kaufen sich Firmen lieber von ihrer Verantwortung frei, indem sie die Schwerbehindertenabgabe zahlen, anstatt Menschen mit Behinderung einzustellen.

  • E&W: Allerdings ist die Arbeitslosenquote unter Menschen mit schweren Behinderungen in den vergangenen Jahren gesunken. Liegt das nur an der guten Konjunktur?

Eichholz: Ich will nicht zu sehr schwarzmalen. Es liegt nicht nur an der relativ guten wirtschaftlichen Lage. Eine zunehmende Zahl engagierter Firmeninhaberinnen und -inhaber ist durchaus bereit, sich der Inklusion zu stellen und erprobt innovative Arbeitsmodelle. Das zeigt, dass die Debatte über Inklusion etwas bewirkt. Sie kann das gesellschaftliche Klima langfristig verändern. Aber zusätzlich muss der Staat eingreifen, wo er es kann – indem er zum Beispiel die Schwerbehindertenabgabe erhöht. Es macht für Firmen einen Unterschied, ob sie maximal 320 Euro wie bisher oder 1.000 Euro zahlen müssen.

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