GEW - Die Bildungsgewerkschaft - Website https://www.gew.de GEW - Die Bildungsgewerkschaft - Website de-DE GEW - Die Bildungsgewerkschaft - Website Sat, 18 Aug 2018 17:07:02 +0200 Sat, 18 Aug 2018 17:07:02 +0200 TYPO3 EXT:news news-14625 Tue, 14 Aug 2018 13:21:00 +0200 Lehrkräftemangel: Tepe warnt vor „Bildungsnotstand“ https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/lehrkraeftemangel-tepe-warnt-vor-bildungsnotstand/ Der seit Monaten unter anderem von der GEW beklagte Lehrkräftemangel könnte sich zum „Bildungsnotstand“ entwickeln. Die Vorsitzende Marlis Tepe warf der Kultusministerkonferenz und den Landesregierungen vor, die Entwicklung nicht gesteuert zu haben. Mit Beginn des neuen Schuljahres schlägt die GEW erneut Alarm wegen des akuten Lehrkräftemangels. Dieser sei „sehr dramatisch“, sagte die Gewerkschaftsvorsitzende Marlis Tepe am Montagin der ARD-“Tagesschau“. „Wir überlegen, ob wir über den Begriff Bildungsnotstand sprechen.“ Bundesweit fehlten Tausende Lehrerinnen und Lehrer. Beispielsweise in Sachsen seien mehr als die Hälfte der neu eingestellten Kolleginnen und Kollegen ohne pädagogische Ausbildung. „Ich mache den Landesregierungen und der Kultusministerkonferenz den Vorwurf, dass sie Ihre Aufgaben nicht genügend koordiniert haben, nicht genügend steuernd eingegriffen haben.“

Tepe forderte, langfristig müssten sowohl die Zahl der Studienplätze als auch die Stellen im Vorbereitungsdienst erhöht werden. Kurzfristig seien „Extramaßnahmen“ nötig – etwa Verstärkung durch Quer- und Seiteneinsteigerinnen und –einsteiger. Diese bräuchten vorher aber „zumindest einen Crashkurs von mehreren Wochen“. Die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen wiederum benötigten mehr Zeit, um die Ersatzlehrkräfte auszubilden.

Arbeitslose Lehrkräfte trotz Mangelsituation

Lehrerinnen und Lehrer fehlen laut einem Bericht der dpa vor allem an Grund-, Förder- und ehemaligen Hauptschulen. Einer offiziellen Prognose zufolge wird die Zahl der Schüler bis 2030 bundesweit um 278 000 auf 11,2 Millionen steigen. Das seien über zwei Prozent mehr als 2016, teilte die Kultusministerkonferenz (KMK) im Mai mit. KMK-Chef Helmut Holter, Bildungsminister in Thüringen (Linke), schlägt vor, Lehrkräfte nicht mehr getrennt nach Schularten auszubilden, sondern nach Altersstufen der zu unterrichtenden Kinder. 

Ungeachtet des Lehrkräftemangels waren zu Beginn der Sommerferien wieder Tausende Lehrerinnen und Lehrer arbeitslos. Laut dpa-Umfrage unter den Kultusministerien der Länder waren vor allem Vertretungslehrkräfte im Angestelltenverhältnis betroffen. Die Länder sparen dadurch Millionen ein. 

]]>
Schule Bildungsfinanzierung Bildungsqualität Bildungssystem LehrerInnenbildung Artikel Hauptvorstand
news-14607 Mon, 13 Aug 2018 11:36:24 +0200 So können Schulen Bildung für Nachhaltige Entwicklung umsetzen https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/so-koennen-schulen-bildung-fuer-nachhaltige-entwicklung-umsetzen/ Zur Finanzierung von Bildung für Nachhaltige Entwicklung in Schulen wären einer Studie zufolge bis 2030 rund 14 Milliarden Euro notwendig. Die Studie benennt acht Maßnahmen, wie Schulen und Lehrkräfte den Anforderungen gerecht werden könnten. Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) lässt sich nach Ansicht von Experten durch acht Maßnahmen realisieren. Das ist das Ergebnis einer Studie des Bündnis ZukunftsBildung gemeinsam mit der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V. (FEST) Heidelberg. Die Analyse „Warum redet niemand über Geld?“ macht auch Vorschläge zur Finanzierung von BNE in Schulen.

Zentral sind laut Studie folgende Schritte: 

  • Konzeption einer BNE-Strategie
  • Verankerung von BNE in Schulgesetzen und Curricula
  • Integration von BNE in und Austausch von Lehrmaterialien
  • Befähigung der Schulen zur Umsetzung von BNE
  • Einführung von BNE-Koordinatoren
  • Befähigung der Lehrer und Lehrerinnen zur Umsetzung von BNE
  • Erhöhung der personellen Kapazitäten für BNE in Behörden
  • Erhöhung der öffentlichen Mittel zur Umsetzung von BNE

BNE-Koordinatoren an Schulen sollen den fächerübergreifenden BNE-Unterricht steuern sowie intern und extern als Ansprechpartner für BNE-Themen zur Verfügung stehen. Die Autoren der Studie berechneten, dass für die Einführung eines BNE-Koordinators an jeder Schule in Deutschland jährlich Kosten von 389 Millionen Euro anfielen. Dazu kämen hochgerechnet etwa 65 Millionen Euro im Jahr für eine 1,5-tägige Fortbildung, die zweimal jährlich stattfinden sollte. Verteilt über die Jahre 2018 bis 2030 wären 14 Milliarden Euro notwendig. 

Die durchschnittlichen Ausgaben einer allgemeinbildenden Schule lagen im Jahr 2014 in Deutschland bei 7.400 Euro pro Schüler. Um BNE praktisch umzusetzen und zu verankern, wären zusätzlich 270 Euro pro Schüler notwendig. Das entspricht einer Erhöhung der Bildungsausgaben um 3,6 Prozent.

 

]]>
Schule Artikel Hauptvorstand
news-14587 Tue, 07 Aug 2018 09:22:44 +0200 Grimme Online Award 2018 für Raul Krauthausen https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/grimme-online-award-2018-fuer-raul-krauthausen/ Der Aktivist für Inklusion, Raul Krauthausen, ist mit dem Grimme Online Award für persönliche Leistung ausgezeichnet worden. Grimme Online Award für Raul Krauthausen: Er bloggt über Inklusion, ist auf Twitter im direkten Dialog, gibt auf Facebook Tipps, und der von ihm gegründete Verein Sozialhelden realisiert Webangebote zum Thema Behinderung. Oft trägt Krauthausen seine Themen mit Partnern an neue Personenkreise heran, zum Beispiel bei der Facebook-Serie zur Bundestagswahl „re:sponsive“, im Projekt „Blickwechsel“ des ZDF oder in der Talkshow „Krauthausen – face to face“. Barrierefreiheit und die Perspektiven einer inklusiven Gesellschaft sind seine Themen. Die Jury lobte Krauthausens „anhaltendes und leidenschaftliches Wirken und den konsequenten Einsatz unterschiedlicher Medienangebote“. Er habe damit ein „gesellschaftlich relevantes Thema in eine unübersehbare, vor allem digitale Präsenz geführt“.

Der nicht dotierte Award wird seit 2001 in mehreren Kategorien vergeben und gilt als wichtigster deutscher Preis für Onlineangebote.  epasst.

]]>
Gesellschaftspolitik Inklusion Artikel Hauptvorstand
news-14573 Mon, 30 Jul 2018 11:57:17 +0200 Statistisches Taschenbuch Tarifpolitik 2018 https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/statistisches-taschenbuch-tarifpolitik-2018/ Wie hoch war die durchschnittliche Tarifsteigerung 2017? Wo bestehen neben dem gesetzlichen Mindestlohn tarifliche Branchenmindestlöhne? Antworten gibt das Statistische Taschenbuch Tarifpolitik 2018 der Hans-Böckler-Stiftung. Wie stark ist die Tarifbindung in West- und Ostdeutschland? Wie viel tarifliches Urlaubsgeld gibt es in der Metall- und Elektroindustrie? Wie hoch ist die Jahressonderzahlung im Bankgewerbe? Wie sind die tariflichen Kündigungsfristen im Einzelhandel? Wie hoch sind die Schichtzuschläge in der chemischen Industrie? Was wird im Hotel- und Gaststättengewerbe gezahlt? Wie viel Ausbildungsvergütung gibt es im Bauhauptgewerbe? Wie ist die Streikhäufigkeit im internationalen Vergleich? Antworten auf diese und viele andere Fragen gibt das neue Statistische Taschenbuch Tarifpolitik 2018 des WSI-Tarifarchivs der Hans-Böckler-Stiftung.

Es bietet eine umfangreiche Zusammenstellung von Daten und Fakten zur Tariflandschaft und zur Tarifpolitik in Deutschland. In rund 130 Tabellen, Übersichten und Schaubildern werden Informationen zu folgenden Schwerpunktthemen aufbereitet: . Tarifvertragslandschaft, Lohn und Gehalt, Arbeitszeit, Tarifbewegungen und Arbeitskämpfe, Tarifregelungen in 50 Branchen und Tarifbereichen.

Das Statistische Taschenbuch Tarifpolitik 2018 ist kostenlos zu bestellen bei: Setzkasten GmbH, Kreuzbergstraße 56 40489 Düsseldorf, mail(at)setzkasten(dot)de (Bestell-Nr.: 30451). Das Taschenbuch ergänzt das Internetangebot des WSI-Tarifarchivs und kann dort auch als PDF-Datei heruntergeladen werden.

]]>
Tarif Artikel Hauptvorstand
news-14570 Mon, 30 Jul 2018 08:59:54 +0200 Digitale Öffentlichkeit, Social Media und ich https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/digitale-oeffentlichkeit-social-media-und-ich/ Aber wann ist eigentlich ein Tweet politisch, wann ein Hashtag gesellschaftsrelevant, und wie bin ich selbst im Netz (politisch) aktiv? Die Bundeszentrale für politische Bildung gibt im Arbeitsblatt zum Thema digitale Öffentlichkeit Antworten. Das Digitale ist öffentlich – aber wann ist es auch politisch? Junge Menschen bewegen sich als Nutzerinnen und Nutzer in der digitalen Öffentlichkeit und gestalten diese vielfältig selbst mit. Aber wie genau? Die Themenblätter wollen Jugendliche dazu anregen, ihr Medienverhalten kritisch zu reflektieren und ihre digitale Handlungskompetenz zu stärken. Wie können sie sich im Netz informieren? Was bedeutet es, wenn etwas „viral geht“? Wie verändern Tweets und Posts Medien, Gesellschaft und Politik?

Die Ausgabe „Digitale Öffentlichkeit, Social Media und ich“ der Bundeszentrale für politische Bildung enthält einen Klassensatz von 31 doppelseitigen (identischen) Arbeitsblättern im Abreißblock. Hintergrundinformationen für Lehrkräfte bieten einen Überblick über das Thema und geben Hinweise für den Einsatz des Arbeitsblattes im Unterricht.

Autorin: Claudia Kölbl, Seiten: 12, Erscheinungsdatum: April 2018, Erscheinungsort: Bonn, Bestellnummer: 5413

]]>
Schule Gesellschaftspolitik Artikel Hauptvorstand
news-14568 Mon, 30 Jul 2018 08:22:49 +0200 Tragödie über den Krieg und seine Folgen https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/tragoedie-ueber-den-krieg-und-seine-folgen/ Der israelische Film „Foxtrot“ schildert eine Familientragödie und zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten mit Gewalt und Kriegen konfrontiert ist. Kinofenster.de stellt zum Film des Monats Arbeitsmaterialien für die Oberstufe. Ein Klopfen an der Tür verändert in dem Film „Foxtrot“ das Leben des Tel Aviver Architekten Michael und seiner Frau Dafna. Die Nachricht vom Tod ihres 19-jährigen Sohnes Jonathan, der gerade seinen Militärdienst leistet, wirft Leben, Psyche und Ehe des Paars aus der Bahn. Getrieben von tiefer Trauer und Verständnislosigkeit entwickelt sich in Michael ein Sturm aus rasender Wut, geprägt von Unsicherheiten und Traumata. Doch plötzlich nimmt die Geschichte eine unvorhersehbare Wendung, die das Schicksal der ganzen Familie in eine neue Richtung lenkt. „Foxtrot“ erzählt in Form einer griechischen Tragödie vom Krieg und seinen Folgen und zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten mit Gewalt konfrontiert ist.

„Wir alle sind traumatisiert. Unsere emotionale, instinktive Erinnerung an den Holocaust, selbst wenn wir ihn nicht selbst erlebt haben, ist stärker als die heutige Realität oder logische Wahrnehmung. Und sie vermittelt uns, dass wir uns ständig in Gefahr befinden, in einem ewigen Krieg. So tanzt jede Generation den Foxtrot aufs Neue“, sagt der israelische Regisseur Samuel Maoz und fordert mehr Selbstkritik. Diese Einstellung führte in Israel zu einer kontroversen Diskussion um den Film. „Wenn ich meine Heimat kritisiere, dann weil ich mich sorge, weil ich sie beschützen will und letztendlich, weil ich sie liebe“, erklärte Maoz. Beim Filmfestival in Venedig wurde die Antikriegsparabel mit dem Großen Preis der Jury, dem Silbernen Löwen, ausgezeichnet.

Kinofenster.de wählte das Drama zum Film des Monats und stellt Arbeitsmaterialien für die Oberstufe bereit. Mögliche Themen in den Fächern Deutsch, Geschichte, Politik, Sozialkunde, Ethik und Kunst sind der Staat Israel, das Militär sowie die Darstellung von Krieg im israelischen Kino. 

]]>
Gesellschaftspolitik Internationales Artikel Unterrichtsmaterial Hauptvorstand
news-14566 Mon, 30 Jul 2018 07:57:38 +0200 „Stadt am Meer“ bekommt LesePeter August https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/stadt-am-meer-bekommt-lesepeter-august/ Das Bilderbuch „Stadt am Meer“ erzählt von zwei gegensätzlichen Welten: Während das Leben eines Jungen an der Küste seinen sonnigen Lauf nimmt, schuftet der Vater Tag für Tag unter dem Meer in der Dunkelheit der Kohleminen. Das Bilderbuch „Stadt am Meer“ von Joanne Schwartz und Sydney Smith wird im August mit dem „LesePeter geehrt. Es erzählt von der Kindheit eines Jungen und seiner Familie. Das Leben ist vorgezeichnet für die Menschen in der Stadt der Bergleute: oben das Meer, tief unten der Kohleabbau, an Land die graue Stadt der Arbeiterfamilien. So war das schon immer, so wird das immer bleiben. Ein Junge erzählt lakonisch von seinem immer gleichen Tagesablauf.

Der LesePeter ist eine Auszeichnung der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW für ein herausragendes, aktuelles Buch der Kinder- und Jugendliteratur.

Joanne Schwartz & Sydney Smith, „Stadt am Meer“,aus dem Englischen von Bernadette Ott,Aladin, Hamburg 2018,ISBN978-3-8489-0144-9,52 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahren.
 

]]>
Artikel Unterrichtsmaterial Hauptvorstand
news-14533 Fri, 13 Jul 2018 11:00:00 +0200 Der Mindestlohn Weiterbildung steigt https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/der-mindestlohn-weiterbildung-steigt/ Der Mindestlohn für das pädagogische Personal in der beruflichen Weiterbildung steigt ab 2019 für vier Jahre. Darauf haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften nach Monaten zäher Verhandlungen verständigt. Im Gegensatz zu allen bisherigen Abschlüssen wird der Mindestlohn im Bereich des pädagogischen Personals ab dem 1. Januar 2019 in zwei Stufen darstellt. Für die Zuordnung zu den Stufen 1 und 2 ist ausschließlich die Qualifikation der/des Beschäftigten ausschlaggebend. Diese Zuordnung nach Qualifikation erfolgt entsprechend der Vorgaben des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR*). Der Mindestlohn steigt in der Stufe eins (unter Niveau DQR 6) in den nächsten vier Jahren in vier Schritten um insgesamt 12,55 Prozent. In der Stufe zwei (ab Niveau DQR 6) um insgesamt 16,03 Prozent.

Die Tarifvertragsparteien konnten sich leider nicht auf einen Mindestlohn für das nichtpädagogische Personal einigen. Es besteht jedoch Einigkeit auf beiden Seiten, auch diesen Bereich regeln zu wollen.

Die Tarifkommissionen von ver.di und GEW haben dem Verhandlungsergebnis am 9. Juli 2018 zugestimmt. Die Zustimmung der Mitgliederversammlung der Zweckgemeinschaft  steht noch aus. Sobald diese erfolgt, werden die Gewerkschaften und die Zweckgemeinschaft gemeinsam beim Bundesarbeitsministerium den Antrag auf Allgemeinverbindlicherklärung des Mindestlohntarifvertrages stellen.

]]>
Weiterbildung Tarif Artikel Hauptvorstand
news-14532 Fri, 13 Jul 2018 10:57:33 +0200 Wie eine Projektwoche eine ganze Schule verändern kann https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/wie-eine-projektwoche-eine-ganze-schule-veraendern-kann/ Auf ihrer bundesweiten Tour "GEW in Bildung unterwegs" hat GEW-Chefin Marlis Tepe mit der baden-württembergischen Landesvorsitzenden Doro Moritz die Bergschule in Hohenhaslach besucht. Dabei staunten beide über die Entwicklung der Schule. Das Konzept, das Kerstin Vollmer gemeinsam mit Schulleiter Rainer Graef und ihren Kolleg/innen seit besagter Projektwoche entwickelt hat, trägt den etwas sperrigen Titel „Erfolgreiches Lernen in der Grundschule: Wertschätzender Umgang mit den Leistungen der Kinder im Rahmen individualisierter Lernprozesse“. Eckpfeiler des Konzepts ist zum einem die Orientierung für das Kind mittels individueller Lernziele und zum anderen die Leistungsrückmeldungen für die Eltern. Ziel ist es, mit dem Kind gemeinsam zu besprechen, wie es Dinge, die es noch nicht kann, am besten noch angehen kann. In Lernzielen auf Karteikärtchen wird alles gemeinsam festgehalten.

„Die Eltern hatten anfangs sehr viel mehr Schwierigkeiten als ihre Kinder.“ (Rainer Graef)

Marlis Tepe und Doro Moritz sind beeindruckt. Sie fragen nach der Reaktion der Eltern. „Die Eltern hatten anfangs sehr viel mehr Schwierigkeiten als ihre Kinder von ihrer starren Notenvorstellung wegzukommen“, berichtet Graef. Heute, so die Vertreterin der Eltern Stephanie Hummel, sei sie dankbar über die viel differenziertere Rückmeldung zu den Fortschritten ihres Sohnes. „In allen Mitarbeitergesprächen und in der Qualitätsentwicklung im Arbeitsleben wird so gearbeitet.“, ergänzt sie. Für Friedrich Baumgärtner, CDU-Gemeinderat in Hohenhaslach, klingelt der Wecker seit seine Tochter auf dieser Schule ist deutlich früher, obwohl er nur einen Steinwurf entfernt wohnt. Seine Viertklässlerin will unbedingt das Angebot nutzen, möglichst früh in der Schule zu sein und ihre individuelle Lernphase in Ruhe zu beginnen – und vielleicht die beliebte Lehrerin auch für einen Moment für sich alleine zu haben. Sie stellte sich irgendwann einfach früher den Wecker als der Rest der Familie. Um gemeinsam zu frühstücken heißt es nun auch für Friedrich Baumgärtner früher aufstehen. Und das nur, weil seine Tochter unbedingt in die Schule möchte!

„Ein Unterricht und eine Pädagogik wie sie an dieser Schule gestaltet wird – so stellen wir uns die Schule der Zukunft vor“, sagt Marlis Tepe. „Und wir kämpfen weiter dafür, dass diese engagierten Lehrkräfte an den Grundschulen auch entsprechend nach A13 besoldet werden“, ergänzt Doro Moritz.

Ein Mittagessen mit dem gemeinsamen Kollegium der Berg- und der Kirbachschule, zu der auch eine Werkrealschule gehört, rundet den Besuch der Bundesvorsitzenden in Hohenhaslach ab. Mit dem Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg Prof. Martin Fix, Prof. Jörg Keßler, Professor an der PH und Prof. Wolfgang Mack, Dekan der Fakultät für Sonderpädagogik diskutierten Marlis Tepe und Doro Moritz die Studienplatzkapazitäten und die Ausstattung der Pädagogischen Hochschulen am Nachmittag. Tepe und Moritz sagten zu, die PHen in ihrem Wunsch nach mehr Praxis- und Profilforschung zu unterstützen.

„Ich möchte eigentlich etwas tun, aber bei meinen Kolleginnen und Kollegen fehlt oftmals der Mut.“

Bei Kaffee und Kuchen wartete auch schon das nächste intensive Gespräch auf die beiden Vorsitzenden. In einem sehr ehrlichen Austausch berichten GEW-Vertrauensleute aus der Grundschule von ihren Herausforderungen. „Die Probleme den Ganztag zu stemmen und die ständigen Vertretungen – das sind die beiden zentralen Themen“, fassen die Vertrauensleute zusammen. Eine Vertrauensfrau einer kleinen Grundschule erzählt: „Ich möchte eigentlich etwas tun, aber bei meinen Kolleginnen und Kollegen fehlt oftmals der Mut, Dinge anzusprechen, es bleibt beim Schimpfen. Die Kolleginnen und Kollegen haben Angst, benachteiligt zu werden“. Tepe und Marlis geben aus ihrer eigenen Erfahrung heraus lösungsorientierte und hilfreiche Tipps, um einen guten Weg zu finden, mit den Problemen umzugehen. „Gespräche führen und die GEW kontaktieren, wenn ihr euch nicht sicher seid, was man tun kann – das ist aus meiner Sicht der erste Schritt um voran zu kommen“, so Doro Moritz.

]]>
Schule Bildung weiter denken Bildungsfinanzierung Artikel Hauptvorstand Baden-Württemberg
news-14379 Wed, 11 Jul 2018 11:45:00 +0200 Frauenrechte statt rechter Hetze https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/frauenrechte-statt-rechter-hetze/ Die rechte Bewegung instrumentalisiert Gewalt gegen Frauen für ihre rassistischen Parolen. Eine gewerkschaftliche Tagung fordert, Feminismus und Antirassismus zusammenzudenken. Sie schwenken Deutschlandfahnen und tragen weiße Holzkreuze – rund 300 Männer und Frauen, die am 9. Juni einem Aufruf der AfD zu einem sogenannten Frauenmarsch in Berlin folgten. In den ersten Reihen waren einige Frauen zu sehen, dahinter vor allem Männer. Auf ihrem Transparent hieß es: „Es reicht. Wir sind kein Freiwild. Nirgendwo.“ Mit Frauenrechten oder Feminismus hatte die Demo wenig zu tun. Sondern mit purem Rassismus. Auf einer Tagung mit dem Titel „Frauen und Rechtsextremismus – ein Widerspruch?“ des gewerkschaftlichen Vereins „Mach‘ meinen Kumpel nicht an! – für Gleichbehandlung, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“ in Steinbach bei Frankfurt a. M. wurde im Juni deutlich: Dahinter steckt Methode. Gewalt gegen Frauen werde als Hilfsargument missbraucht, in Wirklichkeit gehe es um die deutsche Asylpolitik – so formulierte es die Politikwissenschaftlerin Tanja Gäbelein.

Im Aufruf zum ersten Frauenmarsch im Januar in Berlin hieß es explizit: „Täglich hören wir Nachrichten von vergewaltigten, verletzten oder ermordeten Mitbürgerinnen.“ Grund sei „die Migrationspolitik unserer Regierung, welche junge Männer aus arabischen und afrikanischen Ländern seit 2015 unkontrolliert in unser Land lässt“. Sexualisierte Gewalt, erklärte Gäbelein, werde nicht als patriarchales, sondern als „migrantisches Problem“ dargestellt. Jedes Jahr würden 150 Frauen ermordet, die meisten von Männern mit deutschem Pass. Über diese Taten rede kaum jemand. Dabei sei Gewalt gegen Frauen ein wichtiges Thema. „Da gibt es viel zu tun“, betonte Gäbelein.

Nur die nichtdeutsche Bevölkerung zu Tätern machen: Dieser offenkundige Rassismus sei spätestens seit der Silvesternacht 2015/16 in Köln zu einem wichtigen Ideologieelement der rechten Bewegung geworden, erklärte der Vorsitzende des Vereins „Mach‘ meinen Kumpel nicht an“, Giovanni Pollice. Mehrere Beispiele zeigten: Wird eine junge Frau mutmaßlich von einem Flüchtling ermordet, etwa in Kandel oder Mainz, instrumentalisiert die rechte Szene das Geschehene für Hetze gegen Islam und Einwanderung. Auch die „Identitäre Bewegung“ nutzt die Taten, um Ängste zu schüren. So verkünden Aktivistinnen in einem Video zu der Kampagne „120 Dezibel“ mit ernster Miene: „Wir sind nicht sicher, weil ihr uns nicht schützt. Weil ihr euch weigert, unsere Grenzen zu sichern.“

„Drängende gesellschaftliche und politische Probleme machen eine deutliche Aufwertung der Fächer der politischen Bildung dringend erforderlich.“ (Birgit Koch)

Die zentrale Forderung auf der Konferenz lautete: „Feminismus und Antirassismus zusammendenken.“ Der Münsteraner Soziologe Andreas Kemper erklärte am Beispiel der AfD: „Sie ist ein konzentriertes Sammelbecken des Antifeminismus.“ In der Partei vereinten sich Anhängerinnen und Anhänger von Neoliberalismus, christlichem Fundamentalismus sowie von völkischem Nationalismus. Für die neue Rechte sei die Familie die Keimzelle der Nation, sagt der Publizist. Mit Familie meinten sie die „natürliche Familie“ aus Vater, Mutter, Kind – und zwar aus der privilegierten Mittelschicht. Alle anderen Familienmodelle – wie Alleinerziehende, Patchwork, Homosexuelle – lehnten sie ab.

Gäbelein verwies auf den AfD-Slogan „Mehr Kinder statt Masseneinwanderung“ – was heißen solle: mehr deutsche Kinder. Am Geburtenrückgang sei der rechten Ideologie zufolge der Feminismus Schuld, ergänzte die Referentin, weil demnach Frauen lieber Karriere machten als Kinder zu bekommen. Und das Recht auf Abtreibung; die neue Rechte hetzt auch lautstark gegen Gender-Mainstreaming und Gleichstellungspolitik.

Birgit Koch, Vorsitzende der GEW Hessen, hob die Bedeutung der politischen Bildung hervor. Im Gegensatz dazu sei in ihrem Bundesland das Fach Politik und Wirtschaft jedoch zur Randerscheinung – mit nicht mehr als einer Stunde pro Woche und Jahrgangsstufe – degradiert worden. „Drängende gesellschaftliche und politische Probleme machen eine deutliche Aufwertung der Fächer der politischen Bildung dringend erforderlich.“ Außerdem sei es mit Prävention allein nicht getan. Bei organisierten Rechten mit festem Weltbild sei politische Gegenwehr erforderlich, sagte die Landesvorsitzende.

]]>
Gesellschaftspolitik Gleichstellung Artikel Hauptvorstand
news-14378 Wed, 11 Jul 2018 10:00:00 +0200 Wie weiter mit Bologna? https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/wie-weiter-mit-bologna/ Der Bologna-Prozess zur Schaffung eines Europäischen Hochschulraums soll über 2020 hinaus verlängert werden. Das hat die Konferenz der europäischen Wissenschaftsminister im Mai in Paris beschlossen. Ironie der Geschichte: Vor fast genau 50 Jahren erschütterte der „Pariser Mai“ die französische Hauptstadt. Im Zuge der 68er-Revolte gingen erst Studierende, dann auch Arbeiterinnen und Arbeiter auf die Barrikaden – und stießen, wie auch Bewegungen in anderen Ländern, unter anderem eine Reform der verknöcherten Hochschulsysteme an. Im Mai 2018 saßen bei der Pariser Konferenz Studierende wie selbstverständlich mit am Tisch. Der Vorsitzende der europäischen Dachorganisation der Studierendenvertretung ESU (European Students’ Union), Helge Schwitters, hielt eine starke Rede für studentische Beteiligung und akademische Freiheit – der zeitgleichen Kaffeepause war es geschuldet, dass diese an vielen Ministerinnen und Ministern vorbei ging.

Ein Schwerpunkt des von den Ministerinnen und Ministern verabschiedeten Pariser Kommunikees ist die Qualität von Lehre und Studium. Die Hochschulen im Europäischen Hochschulraum sollen Lehrstrategien erarbeiten sowie innovative Lehr- und Lernmethoden einführen und weiterentwickeln; die Lehrenden sollen besser auf die Herausforderungen in der digitalen Welt vorbereitet werden. Weiter verlangt das Kommunikee die Aufwertung der Lehre in der akademischen Laufbahn und eine Verbesserung der Fort- und Weiterbildung. Damit wurden wichtige Punkte aufgegriffen, für die sich ETUCE stark gemacht hatte. Weitere Forderungen der Bildungsgewerkschaften etwa nach fairen Beschäftigungsbedingungen, verlässlichen Karrierewegen und mehr Dauerstellen für Daueraufgaben gingen nicht ins Kommunikee ein – und bleiben ein Thema für den Follow-up-Prozess zu Paris.

Bekenntnis zu Grundwerten

Das Kommunikee unterstreicht die „Grundwerte“ des Europäischen Hochschulraums, zu denen neben der Hochschulautonomie die Wissenschaftsfreiheit, die Partizipation von Studierenden und Beschäftigten sowie die öffentliche Verantwortung für das Hochschulwesen zählen. Das ist ein wichtiges Signal in einer Zeit, in der massiv die akademische Freiheit verletzt wird, etwa in der Türkei, wo hunderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entlassen und zum Teil verhaftet und angeklagt wurden – nur weil sie einen Friedensappell gegen die Gewalt in den Kurdengebieten unterzeichnet hatten. Konkrete Maßnahmen zur Durchsetzung der Grundwerte wurden in Paris allerdings nicht verabschiedet. Lediglich für Weißrussland, das 2015 unter Auflagen in den Europäischen Hochschulraum aufgenommen worden ist, wurde die „Roadmap“ zur Überwachung der Auflagen verlängert.

Wellen hatte im Vorfeld die Initiative des französischen Präsidenten Emmanuel Macron für die Schaffung von 20 bis 30 „europäischen Universitäten“ geschlagen, die durch die Europäische Union (EU) gefördert werden sollen. Anlass war der bevorstehende Brexit und der Wunsch, eine Liga von mit Oxford und Cambridge ebenbürtigen, in internationalen Rankings erfolgreichen Unis vorweisen zu können. Das Kommunikee nimmt positiv Bezug auf die Macron-Initiative, obwohl es für diese nach wie vor kein Konzept gibt. Sollen Hochschulen in den 28 Mitgliedstaaten der EU gefördert werden oder im gesamten Europäischen Hochschulraum, der weitere 20 Länder – auch Großbritannien nach dem Brexit – umfasst? Und soll es um Anreize für innovative Lehre, eine europäische Ausrichtung der Curricula oder um die Förderung von Forschung gehen?

Es fehlen Masterstudienplätze; vielerorts halten Eignungsprüfungen und Numerus clausus Studierende vom Masterstudium ab.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) machte sich in Paris explizit für die Macron-Initiative stark. Sie erhofft sich eine bessere Zusammenarbeit, um die Hochschulen fit für die Herausforderungen der Digitalisierung zu machen. Die GEW warnte gemeinsam mit dem deutschen Dachverband der Studierendenvertretungen fzs vor einer „europäischen Exzellenzinitiative“. Es wäre fatal, wenn sich die in einem Wettbewerb gekürten „europäischen Universitäten“ zwar untereinander die Anerkennung von Abschlüssen und Studienleistungen zusichern und Austauschprogramme organisieren, sich aber gegen alle anderen Hochschulen abschotten. Wir brauchen gute Lehre und gutes Studium in ganz Europa – nicht in einem ausgesuchten Klub von Eliteuniversitäten.

Ein großes Problem bleibt in Deutschland die Studierbarkeit der Bachelor- und Masterstudiengänge und die Durchlässigkeit beim Übergang vom Bachelor zum Master. Bund und Länder haben die Bologna-Reformen genutzt, um das Studium zu verkürzen, zu verschulen und zu verdichten. So geht der Hochschulpakt 2020 von einer Übergangsquote von 50 Prozent vom Bachelor- zum Masterstudium aus, tatsächlich aber möchten deutlich mehr Studierende weiterstudieren. Die Folge: Es fehlen Masterstudienplätze; vielerorts halten Eignungsprüfungen und Numerus clausus Studierende vom Masterstudium ab. Fatal ist das insbesondere, wenn der Bachelor nicht wirklich berufsqualifizierend ist, wie es in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung der Fall ist. Ohne Masterplatz stehen Lehramtsstudierende mit einem halbfertigen Studium auf der Straße. Das ist nicht hinzunehmen, schon gar nicht in Zeiten eines massiven Lehrkräftemangels.

In Paris feierten die europäischen Wissenschaftsministerinnen und -minister den 20. Jahrestag der Sorbonne-Erklärung, eines von Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Italien unterzeichneten Papiers, das den Anstoß für die Verabschiedung der Bologna-Erklärung 1999 gab. Die nächste Ministerkonferenz soll 2020 in Italien stattfinden. Welchen Einfluss die neue rechtspopulistische und europakritische italienische Regierung auf die Tagung nehmen wird, ist offen. Für die GEW steht fest: Der Europäische Hochschulraum hat dann eine Zukunftsperspektive, wenn er die Stärkung der sozialen Dimension, die Verteidigung der akademischen Freiheit und eine aktive Unterstützung der Lehrenden in den Mittelpunkt rückt.

]]>
Studium Wissenschaft Internationales Artikel Hauptvorstand
news-14354 Tue, 10 Jul 2018 12:10:00 +0200 Eine Elf für bessere Chancen https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/eine-elf-fuer-bessere-chancen/ Im Süden Essens machen sieben von zehn Schülerinnen und Schülern Abitur, im Norden weniger als drei von zehn. Der Verein „Essener Chancen“ arbeitet daran, das zu ändern – zusammen mit dem Fußballclub Rot-Weiss Essen. Die Autobahn A 40 verläuft vom Niederrhein durch das komplette Ruhrgebiet nach Dortmund. Kurz zuvor, in Essen, geht sie mitten durch die Stadt. Hier ist sie zudem eine Demarkationslinie, die die Metropole in Nord und Süd trennt. Und in arm und reich. Seit 2011 haben die Bürgerinnen und Bürger der 580.000-Einwohner-Stadt es schwarz auf weiß. Damals erschien der Bildungsreport der Stadt Essen, der das krasse Missverhältnis zwischen den Lebensverhältnissen in Zahlen fasste: Im Süden machen mehr als 70 Prozent eines Schülerjahrgangs Abitur, im Norden nicht mal 30. Im reichen Stadtteil Bredeney wechseln 87,6 Prozent der Kinder aufs Gymnasium, in Vogelheim waren es nur 18,9 Prozent, manche Schulen sehen es als Erfolg, wenn sie ein, zwei Schülern pro vierter Klasse die Gymnasialempfehlung ausstellen können.

Die Zahlen alarmierten. „Wenn man davon ausgeht, dass die Kinder im Süden nicht intelligenter sind als im Norden, ist das ein Skandal“, sagt Tani Capitain. Capitain ist Geschäftsführer des Vereins „Essener Chancen“, der als Dach für elf Projekte dient. Ungewöhnlich daran: Sie alle werden seit 2012 in Zusammenarbeit mit dem größten Fußballverein der Stadt betrieben: mit Rot-Weiss Essen (RWE), einem Club, der tief verwurzelt im proletarischen Milieu des Nordens ist. Auch bundesweit war RWE mal eine große Nummer, stellte Nationalspieler und gewann Titel. Heute bleibt überregional nur der Ruhm der Vergangenheit – doch regional ist der Verein quicklebendig. Gut 7.000 Zuschauerinnen und Zuschauer besuchten im Schnitt die Spiele der vergangenen Saison – in der vierten Liga ist das bundesweit Spitze. „Viele Menschen außerhalb von Essen fragen sich, warum man bei all unseren Aktivitäten den Fußball braucht“, lacht Capitain.

Ein Verein als Soziotop, daraus resultiert auch eine Verantwortung. So sah es bereits Michael Welling, der 2012 als RWE-Geschäftsführer die „Essener Chancen“ mitgründete. Und so sieht es Marcus Uhrig, der ihn 2017 ablöste: „Kürzlich war ich mit zwei Spielern in einer Grundschule in Borbeck“, berichtet er, „die Schüler klebten regelrecht an unseren Lippen.“ Das sei ungerecht, schiebt er nach: „Manche müssen sich die richtige Ansprache für die Kids mühsam erarbeiten. Andere kommen vom Fußball und haben sofort Aufmerksamkeit.“

„Oft ist es die direkte, unbürokratische Ansprache, die auf Jugendliche wirkt.“ (Tani Capitain)

Elf Projekte gehören zu den Essener Chancen. Im „Team III“ spielen Menschen mit und ohne geistige Beeinträchtigungen zusammen Fußball. Bei der „Aktion Herzenswünsche“ kaufen RWE-Fans Weihnachtsgeschenke für Kinder, deren Eltern dazu nicht willens oder in der Lage sind. Ein weiteres Projekt ist „Lernort Seumannstraße“ auf dem Gelände des RWE-Nachwuchsbereichs. Hier helfen Pädagoginnen und Pädagogen Jugendlichen aus dem Viertel sowie dem Fußball-Nachwuchs bei den Hausaufgaben und bereiten sie auf Prüfungen vor.

Dann gibt es noch das Projekt „Rot-Weisser Ganztag“, das heute im Stadtteil Kray in der Christophorus-Schule stattfindet. Capitain hat Marcel Lenz und Simon Skuppin mitgebracht, zwei RWE-Spieler, die von den Kindern wie Staatsgäste begrüßt werden. Bei Currywurst und Gemüsesticks verlieren die Mädchen und Jungen schnell ihre Scheu, auf der im Unterricht vorbereiteten „Schüler-Pressekonferenz“ geht die Fragerunde weiter. „Das sind ja originellere Fragen als die von richtigen Journalisten“, sagt Skuppin und verabschiedet sich von Annette Tischler. Auch die Leiterin des Offenen Ganztags bei der Jugendhilfe Essen ist begeistert von der „gelungenen Kooperation“, legt aber Wert auf die Feststellung, dass Fußball nicht das einzige Mittel ist, mit dem Schülerinnen und Schüler aus der Reserve gelockt werden können. „Oft ist es die direkte, unbürokratische Ansprache, die auf Jugendliche wirkt“, glaubt auch Capitain. „Begeisterung ist immer ein tolles Vehikel. Das kann Hip-Hop sein, aber auch Fußball.“

Ein weiterer wichtiger Baustein: „Schule is' auf'm Platz.“ Hier übernehmen Lehramtsstudierende tagsüber die komplette Ferienbetreuung für Kinder im für die schulische Laufbahn so wichtigen dritten und vierten Schuljahr. Drei Mal im Jahr, im Sommer, im Herbst und an Ostern. Während anfangs noch viel zusammen gelernt wurde, stehen heute gemeinsame Aktionen im Vordergrund. Das entsprechende Feedback lieferten nach den Ferien auch die Lehrkräfte – die häufig berichteten, dass sich das Lern- und Klassenklima verbessert habe. Zu den gemeinsamen Aktivitäten können Kletteraktionen gehören oder ein Ausflug zum Baldeney-See im Essener Süden.

„Viele Kinder haben wieder Spaß an der Schule, ihre Leistungen verbessern sich.“  (Peter Renzel)

Als Capitain am Seeufer von einem Kind gefragt wurde, ob das das Meer sei, hat er mal wieder gemerkt, wie wichtig neue Reize für die Mädchen und Jungen sind. „Das sind Aktionen, die sie von zu Hause nicht kennen. Wir reden hier von Familien, die oft noch nie wirklich Urlaub gemacht haben.“ Viel Lob ernten die „Essener Chancen“ von Henning Höcker. Der pensionierte Hauptschullehrer und heutige Öffentlichkeitsarbeiter der Essener GEW betont: „Die niedrigschwelligen Angebote der ‚Essener Chancen’ sind wie einige Graswurzelinitiativen in den Quartieren unverzichtbar für den Schulalltag.“ Der Süden habe sich in den vergangenen Jahren weiter abgekapselt, umso wichtiger sei, dass sich die benachteiligten Viertel selbst helfen. „Es mag pathetisch klingen, aber das sind Leuchttürme der Hoffnung für den Norden.“

Der Essener Bildungs- und Sozialdezernent Peter Renzel (CDU) ist qua Amt stellvertretender Vorsitzender der „Essener Chancen“ und zitiert erst mal ein afrikanisches Sprichwort, um den Ansatz zu veranschaulichen: „Manchmal braucht es ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Überhaupt seien die „Essener Chancen“ gegründet worden, „weil das Medium Fußball eine gute Gelegenheit ist, um Kindern und Jugendlichen eine Bühne zu bieten, sie gleichzeitig zu fördern und zu fordern“. Aus den Schulen kämen ausschließlich positive Rückmeldungen. „Viele Kinder haben wieder Spaß an der Schule, ihre Leistungen verbessern sich.“ Fußball könne ein Transportmittel sein, sich auszuprobieren und das Selbstwertgefühl zu steigern. „Wenn das gelingt“, weiß Renzel, „steigen auch die Erfolge in anderen Fächern. Bei vielen Schülern sind die Noten deutlich besser geworden.“

Capitain muss lächeln, als er mit Renzels Worten konfrontiert wird. „Da kommt keiner mit einer 5 und geht mit einer 2, so einfach ist das nicht“, schränkt er ein. Aber unter dem Strich würden die Leistungen in der Schule eben besser. „Es geht darum, Kinder und Jugendliche in die Gesellschaft zurückzuholen“, sagt Capitain. „Wir müssen die Welt öffnen – und Fußball ist das Vehikel dafür.“

]]>
Schule Gesellschaftspolitik Artikel Hauptvorstand
news-14377 Tue, 10 Jul 2018 12:00:00 +0200 „Wir wollen keinen Rückschritt“ https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/wir-wollen-keinen-rueckschritt/ Sie wolle keine Hortbetreuung mehr außerhalb der Schulen, betont die Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Sandra Scheeres (SPD) im Interview zum Ganztag an Grundschulen.
  • E&W: Der Berliner Senat hat seit 2005 flächendeckend den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in der Primarstufe, für Kinder von der Klasse 1 bis 6, eingeführt. Die Ganztagsgrundschule ist von sechs Uhr morgens bis 18 Uhr abends geöffnet – die außerunterrichtlichen Zeiten ergänzender Förderung und Betreuung decken Erzieherinnen ab. Welche Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht, Frau Senatorin?
  • Sandra Scheeres: Sehr positive. Das sehen wir an der großen Inanspruchnahme der Angebote im Ganztag (GT). Es sind Dinge aber auch nachgebessert worden.

    • E&W: Welche?

    Scheeres: Zum Beispiel haben Kinder und Jugendliche mit Behinderungen jetzt einen Rechtsanspruch auf Ferienbetreuung. Wir haben dem Elternwunsch, dass sich auch Gymnasien zu Ganztagsschulen ausweiten können, Rechnung getragen. Allerdings: Nicht jedes Gymnasium will diesen Weg einschlagen und nicht alle Eltern wollen das. Ein weiteres Ziel, an dem wir arbeiten, ist der Ausbau des gebundenen Ganztags an Grundschulen. Zudem wollen wir die Elternbeiträge für die Betreuung in die Ganztagsschulen gestuft absenken und zumindest in den ersten beiden Schuljahren kostenlos anbieten. Die Regelung tritt am 1. August 2019 in Kraft.

    • E&W: Bis 2025 sollen Eltern nach dem Koalitionsvertrag der großen Koalition bundesweit einen Rechtsanspruch auf einen GT-Platz in Grundschulen erhalten. Der Bund will das Vorhaben mit zwei Milliarden Euro fördern. Spielt das Land Berlin mit seinem Konzept der verlässlichen Grundschule eine Vorreiterrolle?

    Scheeres: Erst einmal: Es ist sehr positiv, dass der Rechtsanspruch im Koalitionsvertrag steht. In Berlin hat jedes Kind, dessen Eltern berufstätig ist, bereits ein Recht auf ergänzende ganztägige Angebote. Ab dem 1.August 2018 werden alle Kinder in den Klassen 1 und 2 ohne weitere Bedarfsprüfung ein ganztägiges Angebot in Anspruch nehmen können. An den gebundenen Ganztagsschulen sind für alle Eltern schon jetzt die Zeiten von 7:30 bis 18:00 Uhr verlässlich. Der Ausbau der Ganztagsangebote hat in der SPD bildungspolitische Priorität. Berlin ist, was den Ganztag angeht, sehr weit. Was wir hier machen, stößt auch außerhalb auf reges Interesse. Etwa, an welchen Standards wir uns orientieren und wie wir den Ganztag gestalten. Das alles war und ist ein sehr intensiver Prozess, in den sehr viel Geld hineingeflossen ist und noch fließt.

    • E&W: Wo soll der Rechtsanspruch künftig geregelt werden und was will die Kultusministerkonferenz (KMK)?

    Scheeres: Wir haben in der KMK bisher noch nicht darüber geredet, wie wir das handhaben wollen. Laut Koalitionsvertrag soll es im Sozialgesetzbuch (SGB) VIII geregelt werden. Es kann allerdings nicht so laufen, dass Konstruktionen, wie sie zum Beispiel in Berlin oder Rheinland-Pfalz erfolgreich bestehen, nicht mehr akzeptiert werden. Wir wollen keinen Rückschritt! Die Ganztagsschule als Lern- und Lebensort ist in Berlin viel mehr als das Einlösen eines Rechts auf Betreuung. Zur Hortbetreuung außerhalb der Schulen wollen wir nicht mehr zurück. Deshalb werde ich mich in der KMK dafür einsetzen, dass es weiterhin unterschiedliche Ganztagsmodelle gibt.

    • E&W: Wie ist die koordinierende Erzieherin im Ganztagssystem eingebunden?

    Scheeres: Sie ist als Vertreterin Teil der erweiterten Schulleitung. Das habe ich durchgesetzt.

    • E&W: An Berliner Grundschulen sind etwa 8.000 Erzieherinnen im GT tätig. Wie ist die Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Lehrkräften geregelt?

    Scheeres: Unterschiedlich. Zunächst einmal hat das Land Berlin eine Rahmenvereinbarung über ganztägige Angebote mit den Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege abgeschlossen. Auf dieser Grundlage schreibt die Ganztagsschule in einem Kooperationsvertrag mit einem Träger der freien Jugendhilfe Grundsätze ihrer Zusammenarbeit fest. Die konkrete schulische Praxis ist dann davon abhängig, wie Schulleitung und Kollegium die Zusammenarbeit gestalten. Klar ist: Lehrkräfte unterrichten nicht nur und den Rest erledigen dann Erzieherinnen oder Sozialarbeiter. Viele Schulen haben ein Rhythmisierungskonzept, welches ganztägige Angebote im Rhythmus von formalen und informellen Ganztagsangeboten beinhaltet. Die Trennung von Vormittag als Unterrichtszeit und Nachmittag als Betreuungszeit bildet nicht die Grundlage für die Berliner Vision einer Ganztagsschule. In dieser Hinsicht hat sich an den Schulen viel verändert. Handlungsbedarf gibt es dennoch, etwa bei der Verbesserung der Kooperationsstrukturen zwischen beiden Bereichen oder der Öffnung der Schulen nach außen.

    • E&W: Nun hört man seitens der GEW Berlin, dass es aufgrund des Ausfalls von Lehrkräften in Krankheitsfällen vorkommt, dass Erzieherinnen als Unterrichtsvertretung in den Grundschulklassen eingesetzt würden?

    Scheeres: Das sehe ich anders.

    • E&W: Wie sehen Sie es?

    Scheeres: Erzieherinnen und Erzieher sind nicht für Unterricht zuständig. Erzieherinnen dürfen nicht unterrichten, auch nicht als Vertretung. Die unterschiedlichen Aufgaben sind klar geregelt.

    • E&W: In Berliner Kitas gibt es viele Quereinsteigerinnen. Wie werden diese qualifiziert? Denken Sie im GT an ähnliche Maßnahmen?

    Scheeres: Im Moment laufen die Qualifizierungen weitgehend berufsbegleitend im Kita-Bereich. Und ja, aus meiner Sicht muss man Weiterbildungen für Quereinsteigende aus anderen Berufsgruppen auch im Ganztagsbetrieb anbieten. Hier müssen wir hinsichtlich der berufsbegleitenden Ausbildung die Kapazitäten erweitern. Derzeit fehlen in den Kitas bundesweit 330.000 Stellen. Das Land Berlin hat die Ausbildungskapazitäten bereits verdoppelt. Dieses Jahr werden 2.500 Erzieherinnen ihre Ausbildung beenden. Der Senat nimmt die Forderung der Kitaleitungen, Eltern und Träger nach besserer Qualität frühkindlicher Bildung sehr ernst. Ich spreche in diesem Zusammenhang immer vom Dreiklang: Gebührenfreiheit, Qualitätsentwicklung und Ausbau der Ausbildungskapazitäten. Es kann aber nicht sein, dass im Kita-Bereich berufsbegleitend ausgebildet wird und im Ganztag kaum. Am Ende wechseln die Fachkräfte dann von den Kitas in den Ganztagsbetrieb. Alle haben eine Fort-, Weiter- und Ausbildungsverantwortung! Fakt ist: Wenn wir auf dem bisherigen Qualitätslevel weiterarbeiten wollen, müssen wir für mehr pädagogisches Personal sorgen.

    E&W: Was heißt das?

    Scheeres: Das bedeutet: Bundesweit sind mehr Ausbildungskapazitäten zu schaffen. Der Erzieher-Beruf ist außerdem durch bessere Bezahlung attraktiver zu gestalten. Gerade, wenn man weiß, wie sich die Aufgaben gewandelt haben, die Anforderungen größer geworden sind, ist es Zeit, diese Berufsgruppe endlich höher einzugruppieren. In Berlin werden Erzieherinnen und Erzieher nach dem Tarifvertrag der Länder (TV-L) eingruppiert und bezahlt. In allen anderen Bundesländern werden diese nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) entlohnt. Im TVöD liegen die Tabellenwerte höher als im TV-L, sprich: Erzieherinnen und Erzieher in anderen Bundesländern verdienen mehr als in Berlin. Deshalb will das Land 2019 Gespräche mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) führen, um Lösungen zu finden, wie diese Gehaltslücke geschlossen werden kann. Das ist deshalb wichtig, weil voraussichtlich 2020 die Tarifpartner, also TdL und Gewerkschaften, über eine neue Struktur des TVöD mit dem Ziel verhandeln werden, Erzieherinnen besser zu bezahlen. Dafür mache ich mich stark.

    ]]>
    Schule Bildungssystem Artikel Hauptvorstand
    news-14524 Tue, 10 Jul 2018 08:06:00 +0200 Erneut Tausende arbeitslose Lehrkräfte in den Sommerferien https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/erneut-tausende-arbeitslose-lehrkraefte-in-den-sommerferien/ Für viele angestellte Lehrkräfte sind die Sommerferien kein Grund zur Freude: Sie werden für sechs Wochen in die Arbeitslosigkeit geschickt - und danach wieder eingestellt. Mit Beginn der Sommerferien sind wieder Tausende Lehrerinnen und Lehrer arbeitslos. Laut einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter den Kultusministerien der Länder sind vor allem Vertretungslehrkräfte im Angestelltenverhältnis betroffen. Die Länder sparen dadurch Millionen ein. Die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Marlis Tepe, kritisierte den Kurs der Länder. Vor allem zeige sich, „dass die südwestlichen Bundesländer wieder in den Sommerferien nicht zahlen, in jedem Fall nicht Baden-Württemberg, auch Rheinland-Pfalz nicht“. Die Gewerkschafterin sagte der dpa: „Das Schlimme ist, dass es wirklich dann für die Kollegen und Kolleginnen im Einzelfall eine totale Unsicherheit ist.“

    In Baden-Württemberg endet der Arbeitsvertrag für 3.300 Lehrkräfte nach Angaben des Kultusministeriums spätestens mit Beginn der Sommerferien am 26. Juli. Eine Beschäftigung und Bezahlung dieser Vertretungslehrkräfte auch in den Ferien würde das Land 12,5 Millionen Euro kosten. Bundesweit meldeten sich einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit zufolge in den Sommerferien 2017 rund 4.900 Lehrkräfte arbeitslos – die meisten davon aus Baden-Württemberg (rund 1.680), Bayern (860) und Niedersachsen (470). Die tatsächliche Zahl der betroffenen Lehrer dürfte aber höher liegen. Nicht alle meldeten sich arbeitslos, erläuterte Tepe.

    „Das macht unseren Beruf nicht attraktiv.“ (Marlis Tepe)

    Ein Sprecher des Kultusministeriums in Baden-Württemberg betonte dagegen laut dpa-Bericht, dass die befristete Beschäftigung im Südwesten mit drei Prozent aller Lehrkräfte die Ausnahme sei. Es handele sich um Vertretungslehrer, die bei längeren Krankheiten oder Ausfällen durch Mutterschutz und Elternzeit einsprängen. Die meisten Kultusministerien äußerten sich ähnlich. Wie viele Lehrer dieses Jahr genau betroffen sind, war vielerorts noch nicht klar.

    Insgesamt war die Sommerarbeitslosigkeit nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 2017 geringer als in den drei Jahren zuvor. Ungeachtet dieses Rückgangs bekräftigte Tepe mit Blick auf den aktuellen Lehrkräftemangel: „Das macht unseren Beruf nicht attraktiv.“ Auch Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst stehen ihr zufolge in einigen Bundesländern in den Sommerferien zu Tausenden ohne Gehalt da. Sie haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, weil sie als Beamte auf Widerruf während des Vorbereitungsdienstes nicht in der Arbeitslosenversicherung versichert sind.

    ]]>
    Schule Artikel Hauptvorstand
    news-14357 Mon, 09 Jul 2018 11:20:00 +0200 Jenseits der Belastungsgrenze https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/jenseits-der-belastungsgrenze/ Der Fachkräftemangel in Kitas mindert die Qualität frühkindlicher Bildung. Für eine optimale Betreuung müssten einer Studie zufolge bis 2025 mehr als eine halbe Million Erzieherinnen und Erzieher zusätzlich eingestellt werden. Es war ein Mittwochmorgen im Oktober 2017, als Christin Siems der Kragen platzte. Mit ihren beiden Kindern stand sie in deren Kita in der Bremer Neustadt und hatte soeben erfahren, dass sie sie gleich wieder mit nach Hause nehmen durfte. Leider seien über Nacht drei weitere Erzieherinnen krank geworden, was bedeute, dass bis mindestens Freitag nur ein Notdienst für die allerdringendsten Fälle aufrechtzuerhalten sei. Dass Siems bis zum darauffolgenden Montag eine Präsentation für ihr ingenieurwissenschaftliches Studium fertigzustellen hatte, zählte nicht: „Das hieß, dass ich ganz spontan zusehen musste, wie ich eine Betreuung gewährleiste.“

    Es war nicht das erste Mal, dass die Kita, in der Siems ihre damals zwei und vier Jahre alten Kinder untergebracht hatte, nur eine Notversorgung anbieten konnte. Ohnehin, sagt sie, sei die Einrichtung chronisch unterbesetzt gewesen. Gefehlt hätten 1,5 Stellen, das Äquivalent von 60 Wochenstunden. Gemeinsam mit anderen Betroffenen rief sie die Initiative „Kitanotstand Bremen“ ins Leben, die das Gespräch mit der zuständigen Senatsverwaltung suchte und im Februar 2018 rund 200 Mütter, Väter, Erzieherinnen und Erzieher zu einer Demonstration vor dem Rathaus versammelte. „Notdienste stinken“, stand auf den Plakaten, und: „Wo ist das gesparte Geld aus den offenen Stellen?“

    So wie Siems geht es Eltern in ganz Deutschland; die Hiobsbotschaften aus der Welt der frühkindlichen Bildung häufen sich. „Einfach rausgeschmissen“ worden seien ihre Kinder – und das zwei Wochen nach Beginn des neuen Kita-Jahres, weil es für sie keine Betreuung gab, klagten im vorigen Herbst Eltern im niedersächsischen Landkreis Diepholz gegenüber der Lokalpresse. In Berlin und Brandenburg mussten 2017 nach Feststellung der dortigen Liga der Freien Wohlfahrtsverbände 16 Prozent der Kindertagesstätten freier Träger wegen Personalmangels ihre Öffnungszeiten reduzieren; 15 Prozent meldeten offene Stellen, die sie nicht besetzen konnten.

    Wichtig sei, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass mehr öffentliche Mittel für frühkindliche Bildung „keine Kosten, sondern Investitionen in die Zukunft“ seien. (Armin Schneider)

    „Ich habe fast jeden Monat eine Situation, in der ich mit einer Leiterin intensiv darüber rede, wie wir es machen. Wenn wir zwei Langzeiterkrankte haben, drei, die zur Kur sind und zwei Kolleginnen mit Urlaubsansprüchen, dann wird es schon schwierig“, sagt Barbara Gärtner, Fachbereichsleiterin Kindertagesstätten bei der „Kinderarche Sachsen“. Der Verein mit Sitz in Radebeul betreibt 13 Einrichtungen an verschiedenen Orten des Freistaats: „Meistens findet sich eine Lösung“, ergänzt Gärtner. Seit 2013 bleiben die Kitas der „Kinderarche“ in jedem Herbst einen Tag lang geschlossen, damit Liegengebliebenes erledigt werden kann. Die Schließtage seien auch als Signal an die Öffentlichkeit und nicht zuletzt an die Eltern gemeint, „um darauf hinzuweisen: Kita-Betreuung braucht mehr Zeit“.

    Wichtig sei, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass mehr öffentliche Mittel für frühkindliche Bildung „keine Kosten, sondern Investitionen in die Zukunft“ seien, sagt Armin Schneider, Direktor des Instituts für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit an der Hochschule Koblenz: „Der aktuelle Fachkräftemangel geht alle an.“ Schneider hat eine Anfang 2018 veröffentlichte Studie zur Arbeitsbelastung des Leitungspersonals rheinland-pfälzischer Kindertagesstätten federführend betreut.* Angeschrieben wurden 123 Kitas, drei in jedem der 41 Jugendamtsbezirke des Landes, 84 Antworten gingen ein. Dabei nannten die Befragten als Hauptbelastungsfaktoren an erster Stelle die personelle Situation, Fachkräftemangel und Ausfallzeiten, an zweiter den immer weiter steigenden Verwaltungsaufwand. Im Durchschnitt müssen sie 70 Prozent mehr Zeit in Leitungsaufgaben investieren als in ihren Arbeitsverträgen vorgesehen.

    „Es ist in unseren Augen absurd, dass eines der reichsten Länder der Welt keine Lösung für das Kita-Problem findet.“

    Zunehmend rührt sich auch politischer Protest. Am letzten Maiwochenende demonstrierten in Berlin 3.500 Eltern, Erzieherinnen und Erzieher für bessere Vergütung und Arbeitsbedingungen, mehr Fachpersonal und nicht zuletzt für die Bereitstellung bezahlbarer Immobilien, in denen Kitas Platz finden können. „Es ist in unseren Augen absurd, dass eines der reichsten Länder der Welt keine Lösung für das Kita-Problem findet“, schrieben sie in den Demonstrationsaufruf. Seit Jahresanfang hatten die Initiatoren mobilisiert und unter anderem 40.000 Unterschriften für eine Onlinepetition „Wir brauchen Kita-Plätze jetzt“ gesammelt.

    Bereits im vorigen Jahr hatten sich die Berliner Anbieter frühkindlicher Bildung, freie Träger, Kinderläden, Wohlfahrtsverbände, städtische Eigenbetriebe, zu einer landesweiten Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen, um ihre Interessen mit mehr Nachdruck gegenüber dem Senat zu vertreten – „einmalig in der Geschichte seit der Wiedervereinigung“, nennt Susanne Bierwirth die Initiative. Sie ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen GmbH GenerationenRaum, die im Stadtteil Moabit drei Kindertagesstätten mit 45 Beschäftigten und 100 Plätzen betreibt.

    Ein Forderungskatalog der Träger fand im November 2017 über den Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses den Weg zu Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Eine gute Versorgung mit Kita-Plätzen sei in Berlin nicht gesichert, schrieben die Verfasser: „Eine erhebliche Anzahl von Plätzen ist nicht belegbar, weil Fachkräfte fehlen.“ Eine Situation, die Bierwirth mit dem Hinweis beschreibt, dass die Arbeitslosenquote unter Erzieherinnen und Erziehern 1,2 Prozent betrage — „quasi Vollbeschäftigung. Der Markt gibt keinen mehr her.“

    Bereits 2014 brachte das Kita-Netzwerk Hamburg, ein Zusammenschluss von Pädagoginnen und Pädagogen, Eltern und Leitungskräften unterschiedlicher Träger, in der Hansestadt 4.000 Demonstranten auf die Straße. Im November 2017 startete es eine Volksinitiative, um den Senat auf Maßnahmen für bessere Betreuung festzulegen, der sich binnen vier Monaten 30.000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner anschlossen, das Dreifache des erforderlichen Quorums. „Wir sind die Initiative, die in der kürzesten Zeit die meisten Unterschriften gesammelt hat“, sagt Sprecherin Alexandra Balthasar, die im Übrigen von „konstruktiven Gesprächen“ mit dem Senat berichtet. Dieser habe zugesagt, in den vier Jahren von 2018 bis 2021 insgesamt 2.000 Stellen neu zu schaffen. Die Initiative veranschlagt einen Zusatzbedarf von 3.500 Fachkräften in der Hansestadt.

    Balthasar kennt das Problem von beiden Seiten – als Mutter von Vorschulkindern und Erzieherin in der „Kita Tieloh“ in Barmbek, wo fünf Beschäftigte, unter ihnen drei in Teilzeit, 46 Kinder betreuen: „Bei uns funktioniert der Alltag einigermaßen.“ Das Team sei jung und gesundheitlich belastbar, die meisten Kinder älter als drei Jahre. Doch auch sie beklagt das Übermaß an „mittelbarer pädagogischer Arbeit“ durch bürokratische Anforderungen und empfindet eine „Diskrepanz zwischen dem eigenen pädagogischen Anspruch und dem, was in der Kita möglich ist“.

    ]]>
    Kita Bildungsfinanzierung Bildungsqualität Artikel Hauptvorstand
    news-14372 Mon, 09 Jul 2018 09:45:00 +0200 Lehrkräfte auf dem Verschiebebahnhof https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/lehrkraefte-auf-dem-verschiebebahnhof/ 99 Prozent Unterrichtsversorgung meldet Niedersachsen im statistischen Durchschnitt. Um die zu erreichen, müssen Lehrkräfte per Abordnung dort unterrichten, wo es Lücken gibt. Die GEW klagt im Namen zweier Mitglieder gegen Mehrarbeit. Auf einmal sprang einer der Erstklässler auf und rannte durch die Klasse; gleich mehrere Kinder folgten ihm. „Da wusste ich wirklich nicht, was ich machen sollte“, sagt Malte Feder, „nach der Stunde saß ich schweißgebadet im Lehrerzimmer.“ Dabei ist Feder, der seinen echten Namen nicht gedruckt lesen möchte, ausgebildeter Pädagoge. Doch seit einigen Monaten unterrichtet der niedersächsische Gymnasiallehrer drei Tage pro Woche an einer Grundschule. In einer heterogenen Klasse für Ruhe zu sorgen, darauf zu achten, dass die Förderkinder ihre individuellen Lehrpläne einhalten – „ich hatte schon immer großen Respekt vor der Arbeit der Kolleginnen und Kollegen an den Grundschulen, aber nun weiß ich wirklich, wie fordernd das sein kann“, sagt Feder. Wie ihm geht es knapp 2.900 Lehrkräften, die im vergangenen Schulhalbjahr von anderen Schultypen an die Grundschulen des Flächenlandes abgeordnet waren. Denn dort ist der Druck auf die Politik am stärksten, für verlässlichen Unterricht zu sorgen.

    Glücklich mit der Zwangsumsetzung von Lehrkräften ist niemand, auch nicht der oberste Dienstherr. „Abordnungen sind nichts, das wir dauerhaft haben möchten“, erklärte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) dem NDR. Er leitet das Ressort seit der Wahl im Herbst 2017. Das Problem Fachkräftemangel hat er von seinen Vorgängerinnen und Vorgängern, zuletzt war das seine Parteikollegin Frauke Heiligenstadt, geerbt. „Die Unterrichtsversorgung gewährleisten“ nannte der Rechtsanwalt und vierfache Vater nach der Amtsübernahme als eines seiner wichtigsten Themen. Helfen solle ein „Mix ganz verschiedener Maßnahmen“, so erklärte es Tonne gegenüber der E&W Niedersachsen*. Ein wichtiger Faktor seien Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, zudem solle der Beruf „durch gute Bedingungen attraktiv gemacht werden“ – dazu zähle auch „gute Bezahlung“. Im Dezember 2017 legte Tonne den Entwurf eines neuen Schulgesetzes vor, das im März mit der rot-schwarzen Mehrheit im Landtag beschlossen wurde.

    „Ich berate, ich unterstütze die Klassenlehrkräfte, ich kümmere mich um die Kinder mit Förderbedarf, ich schreibe Gutachten – lauter wichtige Aufgaben, aber eigenständig eine Klasse unterrichten darf ich nicht.“ (MaLou Romberg-Ogertschnig)

    Drei Punkte waren im Vorfeld umstritten: Erstens wird das Einschulungsalter flexibler. Kinder, die kurz vor oder nach Schuljahresbeginn sechs Jahre alt werden, können von ihren Eltern auch ein Jahr später in den Unterricht geschickt werden. Zweitens bremst Niedersachsen das Tempo der Inklusion. Grundsätzlich bleibt das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung zwar bestehen – damit setzte sich die SPD gegen die CDU durch, die die Inklusion aussetzen wollte. Allerdings können Eltern und Schulträger für ihre Region beschließen, die Förderschulen für Lernschwache zu erhalten. Damit laufen bis mindestens zum Schuljahr 2022/23 Regel- und Fördersysteme parallel. Drittens wird die Sprachförderung von Vorschulkindern allein den Kitas übertragen. Damit stehen den Grundschulen rechnerisch 500 Lehrkräftestellen mehr zur Verfügung.

    Die Opposition sah wenig Gutes: „Faule Kompromisse, falsche Weichenstellungen, mangelnde Beteiligung“, sagte die Grüne Julia Willie Hamburg in der Landtagsdebatte im Januar. Sie kritisierte besonders die Bremse bei der Inklusion. Angesichts der schlechten Ausstattung der inklusiven Regelschulen „haben die Eltern von Kindern mit Förderbedarf eben keine Wahl mehr, sondern müssen die Kinder in Parallelsysteme geben. Das ist Exklusion“.

    Dass weiter zweigleisig gefahren wird, statt die Inklusion richtig voranzutreiben, bemängelt auch MaLou Romberg-Ogertschnig. Die Sonderpädagogin mit den Fächern Mathe und Sachunterricht ist zurzeit an eine Grund- und Oberschule in Hameln abgeordnet – eine Regelschule. Allerdings werde sie dort nur mit bestimmten Aufgaben betraut: „Ich berate, ich unterstütze die Klassenlehrkräfte, ich kümmere mich um die Kinder mit Förderbedarf, ich schreibe Gutachten – lauter wichtige Aufgaben, aber eigenständig eine Klasse unterrichten darf ich nicht.“ Dabei sei das doch eigentlich ihr „Kerngeschäft“, meint die Hannoveranerin. Zwar könnte sie sich über einen Lehrgang zur Grundschulpädagogin weiterbilden. „Dann allerdings dürfte ich nicht mehr beratend oder diagnostisch tätig sein, was mir aber ebenfalls am Herzen liegt.“ Das Gleiche gilt für den Leitungsposten: Ein Lehrgang – und aus einer Sonderschulkraft wird die Chefin der Schule, an der sie zurzeit keine einzige Stunde im Alleingang unterrichten darf. „Das ist einfach verrückt“, sagt Romberg-Ogertschnig.

    „Trotz des massiven Lehrkräftemangels findet sich kein Ansatz in der Politik, die Ausbildung für das Lehramt zu reformieren.“ (MaLou Romberg-Ogertschnig)

    Ein Problem sei, dass die Lehrkräfteausbildung nicht mehr zu den neuen Anforderungen und der neuen Schullandschaft passe. Niedersachsen bildet noch klassisch für Gymnasium, Real-, Grund- und Förderschule aus. „Trotz des massiven Lehrkräftemangels findet sich kein Ansatz in der Politik, die Ausbildung für das Lehramt zu reformieren“, sagt die Pädagogin. Im Studium werde zu viel Wert auf die Fachwissenschaft gelegt und zu wenig auf die Frage, „wie ich das Wissen an den Schüler bringe. Und ausgerechnet wir Förderlehrkräfte, die in unserer Ausbildung am besten darauf vorbereitet werden, von jedem einzelnen Kind aus zu denken, unterrichten am wenigsten“.

    Björn Försterling, bildungspolitischer Sprecher der FDP im Landtag, hat zwar nichts dagegen, dass Förderschulen länger erhalten bleiben – die Liberalen halten sie für einen „Teil der Lösung, nicht das Problem“. Aber die Kritik am Gesetz und am Minister teilt Försterling: „Die Große Koalition verpasst den notwendigen Neustart in der Bildungspolitik.“ Dafür werden Löcher gestopft. Die Landesregierung schrieb im vergangenen Herbst 1.200 Lehrerstellen aus und öffnete diese auch für Quereinsteiger. Die dürfen neuerdings auch dauerhaft an Grundschulen unterrichten. Zum zweiten Schulhalbjahr kamen 1.070 Lehrkräfte, darunter 121 Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, zusätzlich in die Klassenzimmer. Das Kultusministerium will darüber hinaus 1.000 Stellen entfristen. Ob das reicht? Tonnes Vorgängerin Heiligenstadt hatte angekündigt, sie wolle 2018 3.000 Lehrkräfte einstellen, um die „Zielmarke von 100 Prozent Unterrichtsversorgung“ zu erreichen.

    Immerhin 99 Prozent konnte das Land im Februar 2018 verkünden: „Das ist ein kleiner Schritt, aber einer in die richtige Richtung“, kommentierte Kultusminister Tonne. Ziel sei weiter, „in Schlagdistanz zu den 100 Prozent bei allen Schulformen zu kommen“. 100 Prozent bedeuten allerdings nicht mehr, als dass die Stundentafel rechnerisch abgedeckt ist. Ausfallzeiten von Lehrkräften etwa durch Krankheit sind dabei nicht mit eingerechnet. Es gibt null Vertretungsreserve.

    „Wir gehen nun auch den juristischen Weg, weil es von politischer Seite bisher noch nicht einmal ein Signal für eine umfassende Entlastung unserer Kolleginnen und Kollegen gibt.“ (Laura Pooth)

    Zurzeit verteilen sich die Lehrkräfte in Niedersachsens komplizierter Bildungslandschaft mit sechs weiterführenden Schularten sehr unterschiedlich. An einem Stichtag im August 2017 erfasste das Land die Unterrichtsversorgung. Demnach waren die Gymnasien statistisch mit 100,7 Prozent am besten versorgt, am schlechtesten die Förderschulen mit nur 93 Prozent.

    Vergleichsweise gut schnitten auch die Grundschulen ab: 100,6 Prozent Unterrichtsversorgung. Erreicht wird dieses Ergebnis nach Berechnungen der GEW aber auch durch die Mehrarbeit der Grundschullehrkräfte. Im Namen zweier Mitglieder hat die Gewerkschaft im Januar Klage gegen das Land eingereicht: Die Grundschullehrkräfte arbeiteten mehr als 50 Stunden pro Woche – auf das ganze Jahr inklusive der Ferien berechnet. „Wir gehen nun auch den juristischen Weg, weil es von politischer Seite bisher noch nicht einmal ein Signal für eine umfassende Entlastung unserer Kolleginnen und Kollegen gibt“, sagt GEW-Landesvorsitzende Laura Pooth. Im Kern gehe es um eine neue Arbeitszeitverordnung für Lehrkräfte, „die dringend zeitliche Entlastungen schaffen muss", betont Pooth. Offenbar brauche die Politik juristische Fakten und weiter gewerkschaftlichen Druck, um zu handeln.

    Wie viele Lehrkräfte im kommenden Schuljahr abgeordnet werden, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Gymnasiallehrer Feder sieht es pragmatisch, falls es ihn wieder treffen sollte: „Wir alle werden vom Land für die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen bezahlt. Wenn es in einem Bereich so massive Lücken gibt, hat das Land das Recht, seine Beamten zur Hilfe heranzuziehen.“

    Niedersachsen in Zahlen:
    • Im Schuljahr 2017/18 gibt es 2.640 öffentliche allgemeinbildende und 135 berufsbildende Schulen.
    • Insgesamt werden 837.500 Mädchen und Jungen unterrichtet, rund 10.000 weniger als 2016.
    • Rund 80.100 Lehrkräfte sind an den allgemein- und berufsbildenden Schulen tätig.
    • 2.732 Lehrkräfte wurden zum 1. Februar abgeordnet, darunter 704 Gymnasialkräfte, die an Grundschulen unterrichten.
    • 22 Millionen Euro hat das Land im Haushalt veranschlagt, um 1.000 Lehrerstellen zu entfristen.

     

    ]]>
    Schule LehrerInnenbildung Artikel Hauptvorstand
    news-14349 Fri, 06 Jul 2018 10:00:00 +0200 Stiefkind Volkshochschule https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/stiefkind-volkshochschule/ 6 Prozent Festangestellte: Die Zahl macht deutlich, welch geringe Wertschätzung die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den 900 Volkshochschulen bundesweit erfahren. Dabei ist ihre Arbeit gesellschaftlich unerlässlich und oft in staatlichem Auftrag. Schaut man auf etablierte akademische Berufe wie den des Lehrers oder des Arztes, fällt auf: Der Treiber hinter deren Professionalisierung war der Staat – weil er ein zentrales Interesse an der Gesundheit und Ausbildung seiner Bürgerinnen und Bürger hat. Man sollte annehmen, dass er diese Rolle auch in der Weiterbildung erfüllt, zumindest dort, wo er als Träger oder Finanzier direkt Einfluss nehmen kann. An Bedeutung scheint es dieser ja nicht zu mangeln. Es gibt kaum ein gesellschaftliches Problem, das der Staat nicht in die Hände der Weiterbildung legt, egal ob es um die Integration von Zuwandererinnen und Zuwanderern geht, die Sicherung von Fachkräften oder die Folgen der Digitalisierung. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus, zum Beispiel an den 900 Volkshochschulen (VHS), die laut Länderverfassungen von Kommunen und Gemeindeverbänden vorzuhalten sind und deren Aufgaben und Finanzierung von Weiterbildungsgesetzen geregelt werden?

    In den 1970er-Jahren postulierten Reformkonzepte den Ausbau der Erwachsenen- und Weiterbildung zum „quartären Bildungsbereich“. An den VHS entstand daraufhin die Figur des HPM (Hauptberuflicher pädagogischer Mitarbeiter), der die Programmplanung und Durchführung verantwortet, sowie die des Weiterbildungslehrers. Universitäre Studiengänge wurden entwickelt. Das entsprach in Ansätzen einer Professionsbildung, wie sie die Erwachsenenpädagogin Wiltrud Gieseke beschreibt: Es gehe darum, „berufliche Kompetenz auf wissenschaftlicher Basis und Handlungsautonomie zu gewinnen, (...) eingebunden (...) in ethische Verpflichtungen gegenüber dem jeweiligen Klientel, um den Ansprüchen von Trägern und Märkten aufgabenspezifische Standards entgegenzusetzen“.

    Über diese Ansätze ist die Professionalisierung in der Erwachsenenbildung jedoch nicht hinausgekommen. Empfahl die Kommunale Gemeinschaftsstelle 1973 einen Betreuungsumfang von 2.400 Unterrichtsstunden für eine HPM-Stelle, ist dies heute ein Vielfaches davon – Überlastung gefährdet die Gesundheit und schränkt den Raum für pädagogische Reflexion ein. Zudem wurden Aufgaben der HPM zunehmend geringer vergüteten pädagogischen Assistentinnen und Assistenten sowie Verwaltungsmitarbeitern übertragen.

    Bei jenen Kursen, die einen staatlichen Auftrag erfüllen –Schulabschluss-, Integrations- und Grundbildungskurse – gibt es für die Beschäftigung auf Honorarbasis keine Rechtfertigung.

    Während das Angebot ständig ausgeweitet wird, sinkt die Zahl der hauptberuflich pädagogisch Beschäftigten. Auslaufende Stellen werden durch Honorarkräfte ersetzt; deren Anteil an den VHS-Beschäftigten liegt inzwischen bei 87 Prozent. Fest Angestellte machen nur noch 6 Prozent aus, jede vierte dieser Stellen ist zudem befristet. Die übrigen 7 Prozent verteilen sich auf sonstige und geringfügig Beschäftigte. Unbestritten profitieren die Kursteilnehmenden der VHS von vielen nebenberuflichen Honorarkräften, die ihre Expertise aus ihren Berufserfahrungen mitbringen. Dennoch: Auch für diese wäre eine einheitliche pädagogische Grundqualifizierung notwendig.

    Und: Bei jenen Kursen, die einen staatlichen Auftrag erfüllen –Schulabschluss-, Integrations- und Grundbildungskurse – gibt es für die Beschäftigung auf Honorarbasis keine Rechtfertigung. Wenn es in den vergangenen Jahren vereinzelt wieder zu Einstellungen kommt, geschieht dies in der Regel nicht freiwillig. Oft steht dahinter der Druck der Rentenversicherung, die Scheinselbstständigkeit vermutet, oder der Widerstand der GEW, die über ihren Rechtsschutz Entfristungen für die Kolleginnen und Kollegen erstreitet.

    GEW fordert Bundesrahmengesetz

    Der Stopp der Professionalisierung fiel zusammen mit der Aufgabe der Daseinsfürsorge und der Einführung des Marktprinzips im öffentlichen Sektor in den 1980er-Jahren. Es war und ist vor allem die chronische Unterfinanzierung, die atypische Beschäftigungsverhältnisse hervorbringt. Das entstehende „Laboratorium moderner Arbeitsformen“ und die Parzellierung der Weiterbildung wurden für Kosteneinsparungen genutzt. In die Professionalität des Personals wurde kaum investiert. Stattdessen floss viel Geld in den Millionenmarkt der Qualitätsmanagement-Systeme (QM), die Qualität durch Standardisierung organisatorischer Abläufe versprechen. Dabei zeigt sich Professionalität gerade im nicht standardisierbaren wissensbasierten, situativen und klientenorientierten Handeln.

    Die GEW hat mit ihrem Beschluss „Gute Arbeit in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung“ auf dem Gewerkschaftstag 2017 ihre Professionalisierungsstrategie für diesen Bereich geschärft. Sie fordert ein Bundesrahmengesetz, das den Zugang, die Qualitätssicherung, die Finanzierung sowie Partizipations- und Supportstrukturen ebenso festlegt wie Grundsätze für die Professionalität des Personals. Festanstellung nach Tarifvertrag soll die Regel sein, insbesondere auch für Lehrkräfte, die in auf Dauer angelegten Fach- und Themengebieten tätig sind. Für das Berufsbild Erwachsenenbildner/Weiterbildner sind verlässliche Kriterien zur Professionalisierung und Vereinheitlichung zu entwickeln. Dazu gehören sowohl ein Hochschul- oder Fachhochschulabschluss als auch eine spezifische erwachsenenbezogene Lehr-, Beratungs- und Planungskompetenz. Bereits vorhandene berufliche Kenntnisse und Handlungskompetenzen sind anzuerkennen.

    ]]>
    Weiterbildung Artikel Hauptvorstand
    news-14347 Fri, 06 Jul 2018 08:30:00 +0200 Fair oder prekär? Meist prekär https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/fair-oder-prekaer-meist-prekaer/ Eine ungezählte Anzahl Sprachlehrkräfte arbeitet zu völlig unterschiedlichen Bedingungen. Die meisten sind prekär beschäftigt, auf Honorarbasis, ohne arbeitsrechtlichen Schutz und mit unzureichender sozialer Sicherung. Der Gesetzgeber muss handeln. Rund 700.000 Menschen sind in Deutschland im Weiterbildungssektor tätig – rund 400.000 von ihnen lehren auf Honorarbasis. Die Zahl der Sprachlehrkräfte wird statistisch nicht erfasst. Schon das ist ein Hinweis auf die mangelnde Aufmerksamkeit für diese Beschäftigtengruppe und ihre Arbeitsbedingungen. Sicher ist, dass sie einen erheblichen Teil der Weiterbildungsbeschäftigten stellen. Sie unterrichten Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache (DaF/DaZ) in Integrationskursen, an Volkshochschulen und Goethe-Instituten, sowie andere Fremdsprachen an Hochschulen, Sprachschulen und in betrieblichen Bildungseinrichtungen.

    Doch wie viel verdient man als Sprachlehrkraft; wie gestalten sich die Arbeitsbedingungen; wie steht es um die soziale Sicherung? Auch dazu gibt es keine allgemeinen statistischen Daten. Folgende Beispiele verdeutlichen jedoch die Bandbreite: An vielen Universitäten sind Sprachlehrerinnen und -lehrer als „Lehrkräfte für besondere Aufgaben“ (LfbA) beschäftigt. Sie erhalten ein tarifliches Monatsentgelt nach dem Tarifvertrag der Länder (TV-L) Entgeltgruppe EG13 – derzeit sind das zwischen 3.672 Euro monatlich für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger und 5.379 Euro nach 15 Jahren Berufserfahrung. Die Tätigkeit als LfbA ist anders als die anderer wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht an eine Qualifikationsarbeit – eine Dissertation oder Habilitation – gekoppelt. Die Lehrkräfte können unbefristet beschäftigt werden, was aber nicht immer der Fall ist. Der Umfang ihrer Unterrichtsverpflichtung variiert von Bundesland zu Bundesland; meist liegt sie zwischen 12 und 18 Unterrichtseinheiten (UE) à 45 Minuten bei Vollzeit. Hinzu kommen Prüfungstätigkeiten, Organisatorisches sowie Vor- und Nachbereitung. An Fachhochschulen kann die Lehrverpflichtung bis zu 24 UE betragen, die Eingruppierung erfolgt in manchen Bundesländern in die EG11 des TV-L.

    Kaum eine Sprachlehrkraft erzielt auf Basis von Honorarverträgen ein Einkommen, das dem einer festangestellten Lehrkraft entspricht.

    Viele Sprachlehrkräfte an Hochschulen werden zudem auf Basis von Lehraufträgen beschäftigt. Als Lehrbeauftragte erhalten sie pro Unterrichtsstunde eine Vergütung, die meist irgendwo zwischen 20 und 45 Euro liegt; Vor- und Nachbereitung sind damit abgegolten. In den vorlesungsfreien Zeiten erhalten sie keine Bezahlung. Ihre Sozial- und Krankenversicherung müssen Lehrbeauftragte komplett selbst finanzieren. Sie haben keinen Anspruch auf Weiterbeschäftigung, können also stets nur von Semester zu Semester planen. Um ein vergleichbares Nettoeinkommen wie eine Lehrkraft für besondere Aufgaben zu erzielen, müssten sie während des Semesters bis zu 60 Stunden die Woche unterrichten – und während der vorlesungsfreien Zeit ihr Geld an einem anderen Arbeitsplatz verdienen. Insgesamt gilt: Mit dem Einsatz von Lehrbeauftragten im Sprachunterricht schaffen die Hochschulen in großem Umfang prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Vollzeit.

    Ähnlich ist die Situation von Honorarlehrkräften bei privaten Trägern sowie an Volkshochschulen. Ihre Honorare liegen teils weit unter 30 Euro pro UE; nur für Integrationskurse gilt seit 2016 ein Mindesthonorar von 35 Euro. Kaum eine Sprachlehrkraft erzielt auf Basis von Honorarverträgen ein Einkommen, das dem einer festangestellten Lehrkraft entspricht: Um nach Abzug aller Sozialversicherungsbeiträge und Steuern auf das Einkommensniveau einer Lehrkraft in der EG11 des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst (TVöD) zu kommen, müssten – je nach Berufserfahrung – 42 bis 68 Euro pro UE bezahlt werden; um auf das Niveau der EG13 des TVöD zu kommen, 53 bis 76 Euro.

    Einen Flächentarifvertrag für die gesamte Weiterbildungsbranche, der allen Beschäftigten faire und gleiche Arbeitsbedingungen auf dem Niveau des öffentlichen Dienstes garantieren würde, konnten die Gewerkschaften bislang nicht durchsetzen.

    Doch auch festangestellte Sprachlehrkräfte arbeiten häufig prekär. Viele sind befristet beschäftigt; zudem liegt ihr Gehalt deutlich unter dem Niveau des öffentlichen Dienstes. Über viele Jahre lieferten sich die Weiterbildungsträger einen regelrechten Unterbietungswettbewerb; mit Monatsgehältern von unter 1.000 oder Stundenlöhnen von 5 bis 6 Euro für Sprachlehrkräfte. Um dem einen Riegel vorzuschieben, handelten GEW und ver.di erstmalig 2012 mit der Zweckgemeinschaft des Bundesverbandes der Träger Beruflicher Bildung einen Mindestlohntarifvertrag aus, der durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales allgemeinverbindlich erklärt wurde. Aktuell liegt der Mindestlohn bei 15,26 Euro pro Stunde; bei einer 40-Stunden-Woche entspricht das einem Monatsgehalt von 2.654,02 Euro.

    Allerdings ist er nur für jene Träger bindend, die Maßnahmen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II und III anbieten. Und er regelt nur einen Mindeststandard: Hochqualifizierte Fachkräfte sollten deutlich mehr verdienen. Einen Flächentarifvertrag für die gesamte Weiterbildungsbranche, der allen Beschäftigten faire und gleiche Arbeitsbedingungen auf dem Niveau des öffentlichen Dienstes garantieren würde, konnten die Gewerkschaften bislang nicht durchsetzen. Daher schließt die GEW mit einzelnen Trägern Tarifverträge ab, zum Beispiel mit den Berlitz-Sprachschulen. Dort wird einer Sprachlehrkraft eine Bezahlung im Umfang von 75 Prozent einer Vollzeitstelle garantiert, das entspricht tariflich gesichert mindestens 2.133,54 bis 2.489,94 Euro im Monat. Bei höheren Einsatzzeiten steigt das Gehalt entsprechend. Allerdings arbeitet auch bei Berlitz die Mehrzahl der Lehrkräfte auf Honorarbasis. In den Integrationskursen zahlt Berlitz das Mindesthonorar von 35 Euro.

    Viele Träger sind nicht tarifgebunden und zahlen weiterhin sehr viel niedrigere Gehälter und Honorare bei Unterrichtsverpflichtungen von bis zu 40 UE pro Woche. Vor- und Nachbereitung des Unterrichts könne man ja in den Pausen machen, so erklärte es einmal die Leitung einer privaten Sprachschule in Frankfurt. All diese Sprachlehrkräfte verfügen über eine hohe Qualifikation und teils langjährige Berufserfahrung. Von allen wird erwartet, dass sie einen qualitativ hochwertigen Sprachunterricht für Erwachsene anbieten. Mit einem Honorar von 35 Euro pro UE für 25 Stunden Unterrichtsverpflichtung kostet die Lehrkraft den Arbeitgeber hochgerechnet auf eine Vollzeitstelle mit 39 Wochenstunden 21,70 Euro pro Zeitstunde. Das ist deutlich unter den vom Statistischen Bundesamt für alle Branchen ermittelten durchschnittlichen Arbeitskosten pro Stunde, die 2017 bei 34,50 Euro lagen.

    Der Gesetzgeber hat bislang versäumt, eine klare Abgrenzung zwischen Arbeitnehmerinnen/Arbeitnehmern und Selbstständigen vorzunehmen, die sich auf Lehrkräfte in der Weiterbildung anwenden lässt.

    Meist unterscheidet sich die Tätigkeit von angestellten Lehrkräften und Honorarlehrkräften nicht – auch letztere sind häufig dauerhaft nur für einen Auftraggeber tätig und erteilen denselben Unterricht. Der Unterschied liegt allein im Status: Die einen gelten als Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer, die anderen als Selbstständige. Nur in seltenen Fällen ist dieser Status frei gewählt. Die Mehrheit der selbstständigen Honorarlehrkräfte hätte gerne einen Arbeitsvertrag, bei dem der Arbeitgeber seinen Anteil zur Sozialversicherung zahlen muss und der in aller Regel ein wesentlich höheres Nettoeinkommen sichert. Warum ist die überwiegende Zahl der Sprachlehrkräfte trotzdem selbstständig? Der Grund liegt auf der Hand: Sie sind für den Auftraggeber wesentlich billiger und können jederzeit vor die Tür gesetzt werden, ohne dass es einer Kündigung bedarf. Ihre Verträge umfassen meist nur den aktuellen Kurszeitraum.

    Warum ist das rechtlich möglich? Hier beginnt der eigentliche sozialpolitische Skandal: Der Gesetzgeber hat bislang versäumt, eine klare Abgrenzung zwischen Arbeitnehmerinnen/Arbeitnehmern und Selbstständigen vorzunehmen, die sich auf Lehrkräfte in der Weiterbildung anwenden lässt. Deshalb beschäftigt diese Frage immer wieder die Gerichte – und die kommen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Ein aktueller Fall ist der eines Gitarrenlehrers, der an einer kommunalen Musikschule auf Honorarbasis tätig war. Weil er im Unterricht ein vorgegebenes Lehrplanwerk zu beachten habe, hatte die Deutsche Rentenversicherung (DRV) bei einer Statusklärung festgestellt, er sei „scheinselbstständig“. Die Folge: Der Arbeitgeber hätte nicht geleistete Anteile zur Rentenversicherung nachzahlen müssen. In zwei Instanzen folgten die Sozialgerichte dieser Bewertung. Dann hob das Bundessozialgericht die Entscheidung auf. Der Gitarrenlehrer sei selbstständig, weil die Parteien das so vereinbart hätten – Lehrplanwerk hin oder her.

    Wer dauerhaft und überwiegend für einen Auftraggeber tätig ist, muss sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden.

    Allerdings: Selbst wenn das Bundessozialgericht dem Gitarrenlehrer „Scheinselbstständigkeit“ attestiert hätte – es hätte ihm nichts genützt. Dann wäre er arbeitsrechtlich nämlich immer noch kein Arbeitnehmer, dazu hätte er vor dem Arbeitsgericht klagen müssen. Die Arbeitsgerichte wiederum kommen bei Honorarlehrkräften fast ausnahmslos zu dem Ergebnis, diese seien Selbstständige. Das Resultat: Der Leidtragende ist in jedem Fall der Beschäftigte.

    E&W 3/2017 berichtete darüber, dass das Goethe-Institut rund 400 Honorarlehrkräfte nach einer Überprüfung durch die DRV vor die Tür gesetzt hatte. Später wurden etwa 70 Lehrkräfte befristet angestellt. Für die anderen Honorarlehrkräfte einigte sich das Goethe-Institut bis zum Sommer 2017 auf eine Neufassung der Honorarverträge, die unter anderem vorschreiben, dass sie keine Betriebsmittel des Goethe-Instituts nutzen dürfen. Sofern sie unter diesen Umständen weiter für diesen Auftraggeber tätig sind, haben sich ihre Arbeitsbedingungen verschlechtert. Die Leidtragenden sind auch hier die Beschäftigten.

    Es wäre Sache des Gesetzgebers, dem einen Riegel vorzuschieben. Wer dauerhaft und überwiegend für einen Auftraggeber tätig ist, muss sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden. Lehrkräfte, die aus freien Stücken selbstständig sind, entscheiden sich dafür, weil sie unabhängig von einem bestimmten Auftraggeber sein wollen und können so ihren Status als Selbstständige aufrechterhalten. Solange der Gesetzgeber untätig bleibt, wird es weiter eine große Zahl unfreiwillig selbstständiger Lehrkräfte geben, die zudem die Leidtragenden der unterschiedlichen Bewertung ihres Status‘ durch die DRV und die Gerichte sind.

    ]]>
    Weiterbildung Migration Bildungsfinanzierung Artikel Hauptvorstand
    news-14515 Thu, 05 Jul 2018 23:12:26 +0200 Nicaragua: Vulkan der Alpträume https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/nicaragua-vulkan-der-alptraeume/ Der Sieg der Sandinisten gegen den Diktator Somoza im Jahr 1979 galt vielen als eine Revolution mit menschlichem Antlitz. Unter seinem damaligen und heutigen Präsidenten Daniel Ortega droht Nicaragua jetzt in einer Spirale der Gewalt zu versinken. „Ich bin entsetzt, wütend und traurig über die ausufernde Gewalt und die vielen Toten in Nicaragua“, erklärte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe.  „Das Morden muss gestoppt und die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden, egal ob sie auf Seiten der Regierung oder der Opposition stehen. Jede Möglichkeit zum Dialog muss genutzt werden, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.“

    Mehr als dreihundert Tote seit April
    In den vergangenen drei Monaten sind in dem kleinen Land, das zuvor zu den sichersten Zentralamerikas zählte, nach Angaben der nicaraguanischen Menschenrechtsorganisation ANPHD mehr als 300 Personen gewaltsam ums Leben gekommen. Die GEW unterstützt seit vielen Jahren Bildungsprojekte mit Partnern in dem Land und unterhält enge Kontakte zur nicaraguanischen LehrerInnengewerkschaft ANDEN. „Wir haben unsere für Juli geplante Schüler-Lehrer-Reise nach Diriamba absagen müssen“, berichtet der GEW-Kollege Wulf Hilbig, der seit Jahrzehnten Schulpartnerschaftsprojekte und Austauschprogramme der  Heinrich-Böll-Gesamtschule im hessischen Bruchköbel betreut.

    Proteste gegen geplante Rentenkürzungen
    Seit dem Beschluss der Regierung des Präsidenten Daniel Ortega im April 2018, die  Sozialversicherungsbeiträge zu erhöhen und gleichzeitig die Renten um fünf Prozent zu kürzen,  gibt es Massenproteste, auf die die Sicherheitskräfte mit teils brutaler Härte reagieren. Dem ehemaligen Guerillakämpfer Ortega und seiner Ehefrau und Vizepräsidentin Rosario Murillo werden von der Opposition Vetternwirtschaft und autokratisches Regierungshandel vorgeworfen. Obwohl die geplante Rentenreform inzwischen zurückgenommen wurde, eskaliert die Gewalt weiter und das Land droht im Chaos zu versinken. Rathäuser und Polizeistationen werden von bewaffneten Gruppen angegriffen und zerstört. Überall gibt es Straßenblockaden, die die Bewegungsfreiheit massiv einschränken und das wirtschaftliche und soziale Leben weitgehend zum Erliegen gebracht haben.

    Angriffe gegen Lehrkräftegewerkschaft ANDEN
    Auch die Lehrkräftegewerkschaft ANDEN, die die Regierung Ortega unterstützt, ist Ziel der Angriffe:  „Sie haben unser Gewerkschaftshaus in Masaya in Brand gesetzt und die Häuser der ANDEN in Carazo und Río San Juan überfallen und ausgeraubt, sie haben 12 Lehrkräfte entführt (inzwischen wieder befreit) und einen Lehrer ermordet und sie bedrohen Lehrkräfte in ländlichen Gebieten im Norden und im Zentrum des Landes“, schreibt ANDEN-Generalsekretär José Antonio Zepeda in einer Mail an die GEW. Zepeda steht allerdings selbst in der Kritik, weil er als Abgeordneter der Regierungspartei FSLN und Mitglied der Leitung des Sozialversicherungsinstituts INSS die Rentenkürzungen mitbeschlossen hatte.

    Widersprüchliche Meldungen
    Die Lage im Land wird zunehmend unübersichtlich. In den sozialen Netzwerken kursiert eine Vielzahl widersprüchlicher Berichte und Meldungen, die die Stimmung weiter anheizen. Es besteht kaum ein Zweifel, dass Polizei und paramilitärische Gruppen, die der Regierungspartei FSLN nahestehen, mit ihrem kompromisslosen Vorgehen gegen die Protestbewegung für zahlreiche Tote verantwortlich sind. Aber auch die Opposition ist bewaffnet und will die Regierung Ortega stürzen. Zudem nutzen kriminelle Banden die Gunst der Stunde für Plünderungen und Brandschatzungen. In einigen Städten gibt es keinerlei öffentliche Ordnung mehr.

    Das Nicaragua vor 2018 existiert nicht mehr
    Eine Mitarbeiterin der ANDEN in Managua, die ein von der Fair Childhood Stiftung der GEW unterstütztes Projekt gegen Kinderarbeit im Kaffeeanbau betreut, berichtet über ihre aktuelle Situation: „Ich schlafe jeden Tag an einem anderen Ort. Die Mehrheit der Bevölkerung verschanzt sich bei Anbruch der Dunkelheit um 18.00 Uhr in ihren Häusern und lässt das Licht aus, während draußen Männer auf Motorädern durch die Straßen fahren und um sich schießen, ohne darüber nachzudenken, ob sie vielleicht Kinder oder Alte treffen könnten. Einen Tag ist es vielleicht ruhig, aber im nächsten Moment kann es schon wieder eine Schießerei geben. Es ist ein Ausmaß der Gewalt, wie wir es noch nie erlebt haben. Das Nicaragua, dass ihr vor 2018 kanntet, existiert nicht mehr, wir haben es verloren …“

    ]]>
    Internationales Artikel Hauptvorstand
    news-14350 Thu, 05 Jul 2018 11:15:00 +0200 Was Weiterbildner wissen und können https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/was-weiterbildner-wissen-und-koennen/ Bildungsforscherinnen am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn haben ein Kompetenzmodell entwickelt. Es soll fachliche und didaktische Fähigkeiten abbilden – und so auch die Bewerbung erleichtern. Zwei Dinge muss Uwe Engelbracht immer wieder unter Beweis stellen: seine fachliche Qualifikation – und seine Flexibilität. Der 47-Jährige aus Solingen hat Elektrotechnik studiert, arbeitet aber seit 18 Jahren als Dozent im Rahmen der ausbildungsbegleitenden Hilfen. „Ich betreue Berufsschüler im gewerblich-technischen Bereich, die Schwierigkeiten mit dem theoretischen Stoff ihrer Ausbildung haben“, beschreibt er seine Aufgabe.

    Die Arbeit als Dozent erledigt er mal als Angestellter, mal als Freiberufler. Für den Solinger und Zehntausende andere sind solche Wechsel der Normalfall. „Das hängt stark von den Bedingungen am Weiterbildungsmarkt ab, welche Ausschreibungen gerade laufen“, sagt er. Ob seine Auftraggeber wieder zum Zug kommen oder er sich neue suchen muss, erfährt der 47-Jährige manchmal nur kurzfristig.

    Dass sie sich immer wieder bewerben und ihre Kenntnisse anpreisen müssen, ist für viele Weiterbildnerinnen und Weiterbildner Alltag. Wie aber zeigt eine Dozentin für Sprachkurse, wie gut sie ist? Welche Kompetenzen kann ein Trainer für Seminare im Bildungsurlaub nachweisen? Wie lassen sich fachliche und didaktische Fähigkeiten einordnen und vergleichen? Diesen Fragen geht das Projekt GRETA beim DIE seit 2014 nach. GRETA steht für „Grundlagen für die Entwicklung eines trägerübergreifenden Anerkennungsverfahrens für die Kompetenzen Lehrender in der Erwachsenen- und Weiterbildung“.

    „Die Lehrenden haben eine Schlüsselfunktion“, sagt Brigitte Bosche vom GRETA-Projektteam, „ihre fachlichen und pädagogischen Kompetenzen tragen maßgeblich zur Qualität der Angebote und zum Erfolg der Weiterbildung bei.“ Umso wichtiger, dass diese auch anerkannt werden können. In Kooperation mit acht Dachverbänden der Weiterbildung – vom Bundesverband der Träger beruflicher Bildung bis zum Verband deutscher Privatschulverbände, vom Volkshochschulverband bis zum Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben – wurde ein Verfahren entwickelt, das Lehrkompetenzen sichtbar macht und anerkennt. Basis ist ein gemeinsames Kompetenzmodell.

    Höchstens ein Drittel der Lehrenden bringt eine echte pädagogische Ausbildung mit; die meisten haben ihre Kompetenzen auf anderem Weg erworben.

    GRETA ist der Versuch, dem Wildwuchs in der Weiterbildungsbranche klare Strukturen entgegenzusetzen. Dass der Handlungsbedarf hoch ist, weiß das DIE nicht zuletzt durch seinen 2017 erstmals vorgestellten Weiterbildungs-Personalmonitor – die bisher umfangreichste repräsentative Erhebung zum Personal in der Weiterbildung. Die Forscher hatten dafür etliche Studien ausgewertet sowie Interviews mit Lehrenden geführt. Ein Ergebnis: Höchstens ein Drittel der Lehrenden bringt eine echte pädagogische Ausbildung mit; die meisten haben ihre Kompetenzen auf anderem Weg erworben.

    Das entwickelte Kompetenzmodell deckt berufspraktisches Wissen, Werthaltungen und Überzeugungen ebenso ab wie die professionelle Selbststeuerung – differenziert in 29 Facetten. Dozenten wie Engelbracht können damit perspektivisch eine individuelle Übersicht erhalten: Sie füllen einen Erhebungsbogen aus, der von qualifizierten Gutachtern bewertet wird. Die ausgestellte Kompetenzbilanz zeigt genau, wo die Stärken der Lehrkraft liegen. „Gleichzeitig gibt die Bilanz Hinweise darauf, was individuell passende Weiterbildungsangebote sein könnten“, sagt Bosche. Aber auch Anbieter von Fortbildungen können von GRETA profitieren – indem sie ihre Kurse facettengenau darauf zuschneiden.

    Das Modell für ein trägerübergreifendes Anerkennungsverfahren von Kompetenzen wurde bereits mit ausgewählten Lehrkräften getestet. Bis Jahresende soll es geschärft und bekannter gemacht werden – dafür wurde das Programm noch einmal verlängert. Die GRETA-Kompetenzbilanz wäre dann auch für Engelbracht ein Instrument, mit dem er seinen Alltag als Weiterbildner einfacher bewältigen könnte.

    ]]>
    Weiterbildung Bildungsqualität Artikel Hauptvorstand
    news-14352 Thu, 05 Jul 2018 09:30:00 +0200 Sichtbarkeit! Einigkeit? https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/sichtbarkeit-einigkeit/ Einer exzellent verdienenden Elite an Motivationsgurus stehen sehr viele Weiterbildnerinnen und Weiterbildner mit mäßigem Einkommen oder Kolleginnen und Kollegen mit prekären Beschäftigungsverhältnissen gegenüber. Was haben ein freiberuflicher IT-Trainer, eine befristet Beschäftigte bei einem Maßnahmeträger der Bundesagentur für Arbeit, eine pensionierte Lehrerin, die Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, und ein Hauptamtlich Pädagogischer Mitarbeiter (HPM) in einer der 900 Volkshochschulen gemeinsam? Sie alle zählen zum Personal der Erwachsenen-/Weiterbildung – wie viele andere. 1,3 Millionen solcher Beschäftigungsverhältnisse mit lehrenden, planenden und beratenden Aufgaben kalkulieren neue wissenschaftliche Studien wie der wb-personalmonitor, den das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) erhebt. Bedeutet diese imposante Zahl, dass das Weiterbildungspersonal gut sichtbar ist? Wohl kaum.

    Das hat viele Gründe: Die Spanne beim Gehalt ist immens; so stehen einer exzellent verdienenden Elite an Motivationsgurus sehr viele Weiterbildnerinnen und Weiterbildner mit mäßigem Einkommen oder Kolleginnen und Kollegen mit prekären Beschäftigungsverhältnissen gegenüber. Auch jenseits dessen ist neben einer immensen fachlichen Vielfalt sowie einer Vielzahl an Weiterbildungseinrichtungen zu beobachten, dass das Personal sich oft nicht als einheitliche Berufsgruppe oder gar Profession begreift. Wie kann da kollektive Interessenvertretung gelingen? Dazu kommt noch: Jenseits von Sonntagsreden zum lebenslangen Lernen bleiben Frühpädagogik und Hochschulbildung die medialen Top-Themen – obwohl eine alternde und in Umbrüchen befindliche Gesellschaft Erwachsenen-/Weiterbildung immer mehr wertschätzen sollte.

    Das gilt auch für manche sozialen Demokratinnen und Demokraten, deren Horizont lebenslangen Lernens nur vom Kindergarten bis zur Hochschule zu reichen scheint. Wie sonst ist zu erklären, dass von jedem Euro der öffentlichen Bildungsausgaben deutlich weniger als ein Cent in die Erwachsenenbildung fließt? Und das ist längst nicht die einzige Barriere in einem vernachlässigten Bildungsbereich, der wichtige Aufgaben in vielfältigen Zusammenhängen in allen Lebens- und Arbeitsbereichen kompetent bearbeitet und gerne als Feuerwehr bemüht wird. Was kann man tun?

    Gelingt es, hier Lösungen zu finden, können diese für andere Branchen Modell stehen; schließlich nimmt die Heterogenität der Beschäftigungsverhältnisse allgemein zu und wird auch von manchen Beschäftigten gewünscht, etwa um Arbeit und Familie zu vereinbaren.

    In diesem kurzen Gastkommentar drei Gedanken als Impulse: Erstens muss an einer besseren Sichtbarkeit kontinuierlich gearbeitet werden. Dieses E&W-Heft ist dafür ein erfreulicher Baustein. Die Akteurinnen und Akteure der Erwachsenen-/Weiterbildung müssen aber auch selbst mehr tun, um sicht- und hörbar zu sein. Wirksame Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit tut not; von der Mittelverteilung zur Lehrgebäudesanierung über tarifliche Einstufungen nach Bologna bis zum Bildungsmonitoring. Zweitens müssen die Mitarbeitenden in ihrer Heterogenität anerkannt werden – wofür es gewerkschaftliche Strategien braucht.

    Das Personal in der Weiterbildung gibt es nicht. Wie kann es da Standards geben, sich Solidarität trotz der Differenz entwickeln? Daran ist zu arbeiten. Gelingt es, hier Lösungen zu finden, können diese für andere Branchen Modell stehen; schließlich nimmt die Heterogenität der Beschäftigungsverhältnisse allgemein zu und wird auch von manchen Beschäftigten gewünscht, etwa um Arbeit und Familie zu vereinbaren. Welche sind also gewerkschaftlich zu verteidigende Kernbereiche, wo gibt es wie in anderen Professionen klare Zugangsbegrenzungen und Standards, die es gegenüber Lohndumping und Prekarisierung zu verteidigen gilt? Drittens muss man heute schnell sein und den richtigen Zeitpunkt wählen, um sichtbar engagiert für gute Arbeit zu streiten. Die Steuereinnahmen sprudeln zurzeit: Wo meldet die Weiterbildung aktuell ihren Bedarf an? Und: Sind Schulterschlüsse mit anderen Bildungsbereichen realistisch machbar?

    ]]>
    Weiterbildung Artikel Hauptvorstand
    news-14509 Wed, 04 Jul 2018 20:59:04 +0200 G7-Gipfel: Bildung von Mädchen in Krisen- und Konfliktgebieten https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/g7-gipfel-bildung-von-maedchen-in-krisen-und-konfliktgebieten/ Was folgt aus dem G7-Gipfel für die Bildung von Mädchen in Krisen- und Konfliktgebieten? Dazu hatten Claudia Roth und Ottmar von Holtz für die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen am 27. Juni 2018 zu einem Fachgespräch nach Berlin eingeladen. Mädchen- und Frauenbildung als übergreifender Politikschwerpunkt
    Dass das Fachgespräch zeitgleich in Hörweite zur Fanmeile des Fußballspiels Deutschland gegen Mexiko stattfand, tat der Intensität und Qualität der Veranstaltung keinen Abbruch. Jennifer May, Gesandte der kanadischen Botschaft, erläuterte nicht nur die G7 Erklärung von Charlevoix zur Bildung von Mädchen, Jugendlichen und Frauen in Entwicklungsländern, sondern auch die Vorgabe der kanadischen Regierung, Bildung von Mädchen und Frauen als übergreifendes Thema bei allen wichtigen Themen wie Zukunft der Arbeit, Klimawandel oder Sicherheitsproblematik zu berücksichtigen.

    Internationaler Rat zur Geschlechtergleichstellung
    Der von der kanadischen G7 Präsidentschaft hierzu ins Leben gerufene Gender Equality Council besteht aus 25 Personen, neben Mitgliedern aus den G7-Staaten auch Wissenschaftler*innen, Vertreter*innen von NGOs, der Zivilgesellschaft und der kanadischen Botschafterin in Paris. Als nächster Vorsitzender und Gastgeber des G7-Gipfels hat Frankreichs Präsident Macron zugesagt, diesen Schwerpunkt fortzusetzen und weiter voranzutreiben. Ob ein anderes G7-Land dem Beispiel Kanadas folgt, bis 2020 sein Entwicklungshilfeprogramm so umzugestalten, dass 25 Prozent des Etats in Projekte zur Gleichstellung von Mädchen und Frauen fließen, ist jedoch offen.

    Weltweit dreißig Millionen Kinder und Jugendliche auf der Flucht
    Was besagt die Erklärung von Charlevoix? Angesichts von über dreißig Millionen geflüchteten Kindern und Jugendlichen - weltweit etwa die Hälfte der Menschen, die in ihrem Heimatland oder außerhalb ihres Landes auf der Flucht sind - ist der Zugang zu Bildung für Viele nicht nur erschwert, sondern unmöglich. Besonders betroffen sind Mädchen. Ihr Risiko, nicht zur Schule zu gehen, ist zweieinhalb Mal größer als das von Jungen. Die Unterzeichner der Charlevoix-Erklärung verpflichten sich,

    • die Lücke im Zugang zu Bildung in Krisen- und Konfliktgebieten zu schließen und die Lernbedingungen zu verbessern
    • die Koordination zwischen humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zu verbessern
    • Frauen auf Zukunftsberufe vorzubereiten
    • die Erhebung von Geschlechts- und Alters- bezogenen Daten zu fördern, besonders im Hinblick auf die Agenda 2030 (SDG)-Ziele 4,5 und 8.
    • Betroffene Länder zu unterstützen, um Bildung für alle zu gewährleisten. Das bedeutet, Schule als sicheren und gut zugänglichen Lernort zu schaffen, der emotionalen und physischen Schutz inmitten eines chaotischen Umfelds bietet
    • Innovative Bildungswege zu unterstützen
    • Den Zugang zu mindestens zwölf Jahren sicherer und guter Bildung zu garantieren und Mädchen die gleichen Möglichkeiten wie Jungen zu geben, die Sekundarstufe zu beenden
    • Hindernisse zu beseitigen, die der Geschlechtergleichberechtigung und guter Primar- und Sekundarschulbildung im Wege stehen

    Sexualisierte Gewalt
    Wie stark Mädchen und Frauen aufgrund ihres Geschlechts Risiken, Gefahren, Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt sind, wurde in allen Beiträgen deutlich. Übergriffe, Vergewaltigung auf dem Schulweg und in der Schule, Behinderung, mangelnde Hygiene, fehlende Aufklärung, Teenagerschwangerschaften, Zwangsheirat, Menstruation als Stigma, das zum Fernbleiben vom Unterricht oder gar zum Schulabbruch führt, sind einige der Gründe, die Mädchen den Schulbesuch erschweren. In bewaffneten Konflikten sind Mädchen und Frauen besonders schutzlos sexueller Gewalt ausgesetzt. Jeanette Boehme von Medica Mondiale und Katrin Erlingsen von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung gaben hierzu beeindruckende Beispiele sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt aus ihrer Arbeit mit traumatisierten Mädchen und Frauen. Sie leisten hier viel Aufklärungs- und Lobbyarbeit vor Ort sowie bei nationalen Regierungsstellen und internationalen Gremien. In der Charlevoix -Erklärung fehlt allerdings das Recht auf Aufklärung von sexueller und reproduktiver Gesundheit. Hier wird nur allgemein von Gesundheitserziehung gesprochen.  

    Aufklärung und Zugang zu Verhütungsmitteln
    Um die Agenda 2030 der Vereinten Nationen zum Erfolg zu bringen, müssen sowohl der Multilateralismus gestärkt werden, aber auch bilaterale Projekte wie der Zugang zu Verhütungsmitteln, wie ihn die deutsche halbstaatliche GIZ in Ostafrika unterstützt, weiter gefördert und ausgebaut werden. Auch in Deutschland bedarf es in den Aufnahmelagern für Geflüchtete  Mindeststandards zum Schutz von Mädchen und Frauen ebenso wie freien Zugang zu Aufklärung, Verhütungs-und Hygieneartikeln. Sonja Birnbaum von PLAN Deutschland unterstrich die Wichtigkeit der Schule als wirklichen Schutzraum und verwies auf eine Studie von PLAN aus Ostafrika, in der 26% der befragten Mädchen aufgrund ihrer ausweglosen Situation schon Selbstmordgedanken hatten.

    Zu wenig Geld für Bildung
    Sandra Dvorack von Oxfam Deutschland und Sprecherin der Globalen Bildungskampagne (GBK) rückte besonders die mangelnde Bildungsfinanzierung und die vagen Zusagen einzelner Länder, besonders der Bundesrepublik in den Mittelpunkt. Weltweit klafft in der internationalen Bildungsfinanzierung eine Lücke  von jährlich 39 Mrd. US$, für Bildung in Krisen- und Konfliktgebieten fehlen 8,5 Mrd US$. Bildung macht gerade zwei Prozent der humanitären Hilfe aus. Begrüßenswert ist das Engagement Deutschlands in dem Fonds Education Cannot Wait (ECW) und in der Global Partnership for Education (GPE).

    Kanada geht mit gutem Beispiel voran
    Der deutsche Beitrag entspricht jedoch bei weitem nicht dem, was der Größe unseres Landes und seinem BIP angemessen wäre. Die in Kanada gemachte Ankündigung von 75 Mio. € blieben sehr vage. Beispielhaft ist hier die Zusage der kanadischen Regierung 400 Mio kanadische Dollar für Mädchenbildung bereitzustellen. Alle Teilnehmer*innen waren sich einig, wie wichtig es ist, in einem solchen Fachgespräch politische Akteure,  NGOs und unterschiedliche Gruppen der Zivilgesellschaft zusammenzubringen. Mit Nachdruck müsse gemeinsam an der Verwirklichung der Erklärung von Charlevoix und dem Durchsetzen der Ziele der Agenda 2030 gearbeitet werden.

    ]]>
    Bildung & Geschlecht Internationales Artikel Hauptvorstand
    news-14348 Wed, 04 Jul 2018 11:00:00 +0200 „Viele stocken mit Hartz IV auf“ https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/viele-stocken-mit-hartz-iv-auf/ Niedrige Honorare und kaum Rechte: Die Lage vieler freiberuflich in der Bildung Tätigen ist schlecht. Seit 2015 berät die GEW in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg Selbstständige an einer Hotline. Niedrige Honorare, kaum Rechte: Die Lage vieler freiberuflich in der Bildung Tätigen ist schlecht. Seit 2015 berät die GEW in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg Selbstständige an einer Hotline. Ihr Ansprechpartner: Erwin Denzler, Gewerkschaftssekretär in Bayern – und viele Jahre freiberuflicher Dozent für Arbeitsrecht.

    • E&W: Die Hotline für Selbstständige besteht seit zwei Jahren. Welche sind die drängendsten Themen?

    Erwin Denzler: Die häufigsten Fragen drehen sich um die Pflichten in der Renten- und Krankenversicherung. Denn selbstständige Lehrkräfte sind in Deutschland zwar rentenversicherungspflichtig wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie müssen aber den vollen Beitrag selbst bezahlen – ohne Zuschüsse des Auftraggebers. Mit der Kranken- und Pflegeversicherung macht die finanzielle Belastung bis zu 40 Prozent des Einkommens aus.

    • E&W: Dabei gilt die Bezahlung ohnehin als kaum auskömmlich.

    Denzler: Im Bildungsbereich sind die Stundensätze ziemlich schlecht. Zwar hören sich 35 Euro pro Unterrichtsstunde erstmal gut an. Aber alle anderen Aufgaben wie die Vor- und Nachbereitung, aber auch Verwaltungstätigkeiten werden nicht vergütet. Und 40 Stunden Unterricht in der Woche hält man nicht lange durch.

    • E&W: Wie kommen Selbstständige dann zurecht?

    Denzler: Viele Kolleginnen und Kollegen müssen mit Hartz IV aufstocken. Die öffentliche Hand gibt in dem Bereich einfach zu wenig aus. In der beruflichen Bildung zum Beispiel ist das Niveau seit Jahren schlecht. Freiberuflerinnen und Freiberufler bekommen nur 20 bis 30 Euro pro Stunde und müssen davon alle Pflichtkosten selbst tragen.

    • E&W: Was wäre der Ausweg?

    Denzler: Mehr feste Anstellungen wären für viele Lehrkräfte das Mittel der Wahl. Für Selbstständige in der Bildung wäre aber auch eine Art Sozialversicherung wünschenswert, die ähnlich wie bei Künstlern und Publizisten den Arbeitgeberanteil übernimmt.

    • E&W: Durch die Sprach- und Integrationskurse ist für Freiberuflerinnen und Freiberufler ein zusätzliches Feld entstanden und stark gewachsen. Wie läuft es dort?

    Denzler: Dort sind tatsächlich, bedingt durch die Nachfrage, auch die Honorare leicht gestiegen. Ein großes Thema ist nun der Urlaubsanspruch. Denn für arbeitnehmerähnliche Selbstständige gilt prinzipiell ein Anspruch auf vier Wochen bezahlten Urlaub im Jahr, wenn man überwiegend für einen Auftraggeber tätig ist. Das ist nicht immer leicht durchzusetzen.

    • E&W: Welche Hilfen kann die Hotline bieten?

    Denzler: Am Telefon stehen wir für erste Auskünfte und allgemeine Beratung zu diesen Fragen bereit. Bei einigen Anliegen, zum Beispiel wenn formale Widerspruchs- oder Gerichtsverfahren nötig sind, vermitteln wir an die GEW-Rechtsschutzstellen.

    • E&W: Was war der Anlass für die Einrichtung der Hotline?

    Denzler: Als seinerzeit unser Organisationsentwicklungsprozess lief, gab es einen Beratungsbedarf für Freiberuflerinnen und Freiberufler, den nicht jede einzelne Geschäftsstelle vor Ort abdecken konnte. Heute bekommen wir durchschnittlich zehn bis 20 Anfragen im Monat. In manchen Phasen, etwa zu Semesterbeginn oder während aktueller Debatten in der Politik, sind es deutlich mehr.

    • E&W: Die Hotline wurde als Modellprojekt gestartet. Wird sie fortgeführt?

    Denzler: Die Projektzeit läuft tatsächlich derzeit ab. Aber wir werden die Hotline jetzt auf unbestimmte Zeit weiter anbieten.

    • E&W: Wer kann sich melden?

    Denzler: Neben denjenigen, die hauptberuflich als Selbstständige tätig sind, auch jene Kolleginnen und Kollegen, die zusätzlich zu ihrem Arbeitsplatz Nebenjobs ausüben. Da wir in rechtlichen Fragen nur Mitglieder beraten dürfen, ist das Angebot diesen vorbehalten; und weil es ein Projekt auf Landesebene ist, auf Bayern, Baden-Württemberg und Hessen beschränkt. Für neue Landesverbände sind wir allerdings offen, Gespräche dazu laufen.

    Die Hotline für Selbstständige ist unter 0800-5894660 zu erreichen. Beratung in der Regel mittwochs 16 bis 19 Uhr und freitags 10 bis 12 Uhr.

    ]]>
    Weiterbildung Bildungsfinanzierung Artikel Hauptvorstand
    news-14501 Wed, 04 Jul 2018 09:19:12 +0200 Bildungsbericht legt Finger in die Wunden der Hochschulpolitik https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/bildungsbericht-legt-finger-in-die-wunden-der-hochschulpolitik/ „Eine durchgreifende Verbesserung der Qualität der Lehre wird ohne eine nachhaltige Personalkomponente nicht möglich sein.“ Das haben die Autorinnen und Autoren des soeben erschienen Bildungsberichts 2018 den Regierungen des Bundes und der Länder ins Stammbuch geschrieben. GEW-Vize und Hochschulexperte Andreas Keller forderte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und KMK-Präsidenten Helmut Holter (Die Linke) auf, jetzt „nicht zur Tagesordnung überzugehen, sondern die Weichen für eine aktive Personalpolitik an den Hochschulen zu stellen“.

    Der Bildungsbericht wird alle zwei Jahre unter der Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) erstellt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie der Kultusministerkonferenz (KMK) finanziert. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nehmen alle Bildungsbereiche von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung unter die Lupe. Das Kapitel zu den Hochschulen enthält eine Reihe an Befunden, welche die Schwächen der Hochschulpolitik des Bundes und der Länder offenlegen.

    Die Betreuungsrelation zwischen Studierenden und Professorinnen und Professoren hat sich verschlechtert.

    So kommt der Bildungsbericht zwar zu dem Ergebnis, dass das Personal an Hochschulen parallel zur Zahl der Studierenden gewachsen sei. Allerdings werde ein steigender Anteil der Lehre von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Lehrbeauftragten erbracht. Ein größerer Teil des Personalzuwachses sei außerdem auf Drittmittelprojekte zurückzuführen – Drittmittelbeschäftigte können in der Regel gerade nicht in der Lehre eingesetzt werden. Die Betreuungsrelation zwischen Studierenden und Professorinnen und Professoren habe sich daher sogar verschlechtert. Schonungslos macht der Bericht deutlich, dass wissenschaftliche Positionen neben der Professur ganz überwiegend durch Befristung und Teilzeitbeschäftigung charakterisiert seien. Sogar promovierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seien „mit beruflicher und sozialer Unsicherheit konfrontiert“.

    Bei der Beteiligung an der Hochschulbildung weist der Bildungsbericht „deutliche Disparitäten“ aus. Obwohl der Anteil eines Altersjahrgangs, der ein Studium aufnimmt, in den letzten Jahren stark zugenommen habe, blieben „die sozialstrukturellen Beteiligungsmuster stabil“. Im europäischen Vergleich gehöre Deutschland zu den Ländern mit einem besonders geringen Anteil an Studierenden aus Elternhäusern ohne Hochschulabschluss. Nur drei Prozent der Studierenden haben keine schulische Studienberechtigung (Abitur oder Fachhochschulreife). Sozial selektiv ist nach Angaben des Bildungsberichts nicht nur der Hochschulzugang, sondern auch der Übergang vom Bachelor- ins Masterstudium sowie der Übergang in die Promotion. Frauen sowie Absolventinnen und Absolventen mit Eltern ohne Hochschulabschluss begännen seltener ein Promotionsvorhaben. Beim Übergang ins Masterstudium fielen Studierende mit Eltern, die einen Beruf mit geringerem Prestige ausüben oder keinen Hochschulabschluss besitzen, häufiger durch die Maschen.

    Kritisch bewertet der Bildungsbericht die zunehmende Ausdifferenzierung des Studienangebots. Als Ergebnis der Ablösung des früheren staatlichen Genehmigungsverfahrens durch die Akkreditierung hätten „curriculare Unterschiede zwischen den Studiengängen innerhalb eines Faches deutlich zugenommen“. Die Folge seien Orientierungsprobleme bei vielen Studierenden, die die Studienfachwahl erschwerten und zu einem größeren Beratungsbedarf führten.

    Eine zentrale Zielsetzung der Bologna-Reformen in Deutschland ist gescheitert.

    Alarmierend ist die hohe Zahl der Studienabbrüche. Im Bachelorstudium bleibe die Abbruchquote auf einem hohen Niveau von 28 Prozent, im Masterstudium sei sie in nur sechs Jahren von neun auf 19 Prozent angestiegen und habe sich damit nahezu verdoppelt, heißt es im Bildungsbericht. Auch die Studiendauer habe zugenommen – bis zum Masterstudium betrage sie im Durchschnitt 12,3 Semester an Universitäten und 11,6 Semester an Fachhochschulen und habe sich damit dem Niveau der früheren Diplomstudiengänge an Universitäten angenähert. Dabei sei zu berücksichtigen, dass sich an den Universitäten de facto der Masterabschluss als Regelabschluss durchgesetzt habe – eine Folge auch der „begrenzte(n) Anerkennung des Bachelors in einigen Sektoren des Arbeitsmarkts“, so der Bildungsbericht. Damit ist eine zentrale Zielsetzung der Bologna-Reformen in Deutschland – die Reduzierung der Abbruchquoten und die Verkürzung der Studienzeiten – gescheitert, kritisiert GEW-Vize und Hochschulexperte Andreas Keller.

    Er fordert Bund und Länder auf, Konsequenzen aus den von ihnen im Auftrag gegebenen Bildungsbericht zu ziehen. „Deutschland hat einen großen Nachholbedarf, was die Chancengleichheit seines Hochschulsystems betrifft. Überfällig ist daher nicht nur eine grundlegende Reform des BAföG, von dessen Leistungen derzeit nur 18 Prozent der Studierenden profitieren. Darüber hinaus brauchen wir eine bessere Betreuung der Studierenden an den Hochschulen, damit alle Studierenden gleichermaßen ihre Ziele erreichen und zum Übergang in weiterführende Studiengänge und in die Promotion ermuntert werden. Das setzt wiederum eine bessere Personalausstattung im Kernbereich der Hochschulen voraus: Wir brauchen mehr Dauerstellen für Daueraufgaben.“

    ]]>
    Studium Wissenschaft Artikel Hauptvorstand
    news-14345 Wed, 04 Jul 2018 09:00:00 +0200 In sechs Punkten zum Ziel https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/in-sechs-punkten-zum-ziel/ In kaum einem Politikfeld klafft eine so große Lücke zwischen Sonntagsreden und Wirklichkeit wie in der Weiterbildung. Doch was soll sich ändern? GEW, IG Metall und ver.di gehen mit sechs konkreten Vorschlägen für ein Bundesgesetz in die Offensive. Studien belegen: Die Weiterbildung in Deutschland hat erhebliche Mängel. Bei internationalen Vergleichen landet sie immer nur im Mittelfeld. Und das ist das Krankheitsbild: hohe soziale Selektivität, Unterversorgung mit Angeboten, gravierende Qualitätsprobleme und Intransparenz.

    Nach Ansicht von GEW, IG Metall und ver.di muss sich dies schnell und vor allem grundlegend ändern. Die Gewerkschaften sagen: „Wir brauchen ein Bundesgesetz zur Weiterbildung.“ Unter der Überschrift „Weiterbildung reformieren: Sechs Vorschläge, die wirklich helfen“ erläutern sie ihre Forderungen auf 52 Seiten. Die angesprochenen sechs Punkte sind gleichsam der Markenkern des Gesetzes; sie bilden den Rahmen für eine Weiterbildungspolitik, die diesen Namen dann auch verdient.

    • 1. Vorschlag: Die betriebliche Weiterbildung, Herzstück dieses Bildungsformats, braucht eine neue Finanzierungsgrundlage. Gefordert wird ein zentraler Weiterbildungsfonds, der sich aus einer Umlage von einem Prozent der Lohn- und Gehaltssumme speist, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam aufbringen. Außerdem ist die individuelle Weiterbildung auszubauen, zu harmonisieren und finanziell zu stärken. Die bestehenden staatlichen Regelungen des BAföG und des AFBG (Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz) sollen in eine neu zu schaffende Finanzarchitektur integriert werden. Zwei weitere Aspekte sind den Gewerkschaften wichtig: Das Nachholen eines ersten allgemeinbildenden Schulabschlusses muss in jedem Fall kostenfrei sein, die Weiterbildung für Erwerbslose ist auszubauen.
    • 2. Vorschlag: Lernzeitansprüche brauchen klare Regeln. Dazu gehört ein bundeseinheitlicher Anspruch auf Freistellung von der Arbeit für die Bildung. Für nicht erwerbstätige Menschen mit Betreuungspflichten soll es einen analogen Anspruch geben.
    • 3. Vorschlag: Die Gewerkschaften wollen einen wirklichen Schub bei der vernachlässigten Weiterbildungsberatung. Aus Bundesmitteln soll ein flächendeckendes Netz regionaler Beratungsstellen geschaffen werden, flankiert durch eine bundesweite telefon- und internetbasierte Unterstützung. Auf betrieblicher Ebene sollen Beauftragte das Bildungsinteresse von bildungsfernen und -benachteiligten Zielgruppen wecken. Das Angebot ist für alle Nutzerinnen und Nutzer kostenfrei anzubieten.
    • 4. Vorschlag: Bundeseinheitliche Mindeststandards sollen die Qualität der Weiterbildung sichern. Konkret fordern GEW, IG Metall und ver.di, Anforderungen an die Lehrenden zu definieren. Darüber hinaus soll der Teilnehmerschutz durch Weiterbildungstests, Beschwerdestellen und Checklisten verstetigt und verbessert werden.
    • 5. Vorschlag: Das künftig immer wichtiger werdende Thema Zertifizierung von Kompetenzen ist anzupacken. Deshalb fordern die Gewerkschaften einfache Modelle zur Beurteilung und Zertifizierung. Dabei geht es um Inhalte, die jenseits formaler Bildungswege entstanden sind: also um nonformale (private Kurse, im Betrieb erworbene Zeugnisse) und informelle (Berufserfahrung, Familientätigkeit, Ehrenamt) Qualifikationen.
    • 6. Vorschlag: Die Gewerkschaften machen sich für den Dialog der Beteiligten stark. Konkret wollen sie Weiterbildungsbeiräte in den Regionen und auf der Bundesebene einrichten. Diese sollen die vielen Akteure verknüpfen und diese zur Kooperation ermuntern. Die Räte sollen gewissermaßen das Schmiermittel für die Organisation des neuen Weiterbildungssystems sein.

    Die Vorschläge der Gewerkschaften erscheinen auf den ersten Blick radikal. Das sind sie in Wirklichkeit ganz und gar nicht: Sie sind die sechs Pfeiler für ein neues funktionierendes Weiterbildungssystem.

    ]]>
    Weiterbildung Bildungsfinanzierung Bildungsqualität Artikel Hauptvorstand
    news-14407 Tue, 03 Jul 2018 11:30:00 +0200 „Planen kann ich nichts“ https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/planen-kann-ich-nichts/ Es gibt weder bundesweite Standards noch allgemeingültige Tarifverträge: Wer in der Weiterbildung arbeitet, bekommt häufig wenig Geld, kaum Rente und muss mit viel Unsicherheit leben. Helfen würde ein Bundesweiterbildungsgesetz. Vergangenen Donnerstag saß wieder eine aufgelöste Kollegin in Kristin Gehrt-Bischs Beratungszimmer: „Wie soll ich das alles schaffen?“ Besuche in Praktikumsbetrieben und Schulen, Bewerbungstrainings und Berufsvorbereitung, Einzelgespräche und Unterrichtsplanung, Dokumentation und Verwaltung. Drei Berufseinstiegskurse, 45 Jugendliche, in 25 Stunden Teilzeitjob. Gehrt-Bisch schüttelte den Kopf und antwortete ihr: „Kollegin, das kann nicht gehen.“ Gehrt-Bisch ist Betriebsrätin bei den Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz), einem Weiterbildungsträger mit 3.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an 23 Standorten. Seit vier Jahren kümmert sich die Seminarleiterin Sozialpädagogik in der Niederlassung Ingolstadt um die Probleme von 265 Kolleginnen und Kollegen.

    Es hakt an vielen Ecken. Die Arbeitsverdichtung wächst vielen über den Kopf, „manchmal ist ein Dozent für drei Klassen gleichzeitig zuständig“, die räumliche Ausstattung ist bescheiden, die Computertechnik veraltet, es fehlen Diensthandys, Personalräume, zuweilen Mitarbeitertoiletten. 30 Prozent der Beschäftigten arbeiten auf Honorarbasis, die meisten Festangestellten haben befristete Verträge. Und mit einem Gehalt zwischen 1.900 und 2.600 Euro brutto im Monat für einen Vollzeitjob wird es nicht nur heute knapp, sondern auch in Zukunft: Damit erwirtschaftet man nicht mal einen Rentenpunkt im Jahr, Altersarmut ist programmiert. „Wir haben hervorragende Fachkräfte, die richtig gute Maßnahmen machen“, sagt Gehrt-Bisch, „aber die Arbeitsbedingungen müssen sich dringend ändern.“

    Diese stehen in krassem Gegensatz zu der Bedeutung der Branche. Seit Jahren ist Konsens: Lebenslanges Lernen ist unerlässlich, um auf Dauer in einer Gesellschaft bestehen zu können, die sich immer schneller wandelt. Schulabschlüsse nachholen, sich beruflich up to date halten, Migrantinnen und Migranten integrieren, wieder Anschluss an den Arbeitsmarkt finden – Weiterbildung leistet auch einen wichtigen Beitrag, um der gesellschaftlichen Spaltung entgegenzuwirken.

    „Prekäre Beschäftigungsverhältnisse prägen einen großen Teil der Branche.“ (Rolf Dobischat)

    Und: Die Bürgerinnen und Bürger nehmen die Angebote an. Laut dem vom Bundesbildungsministerium herausgegebenen „Adult Education Survey“ 2016* entscheiden sich 50 Prozent der Erwachsenen jedes Jahr für eine „Weiterbildungsaktivität“. 71 Prozent setzen auf eine betriebliche Weiterbildung, 10 auf individuelle berufsbezogene Bildungsangebote. Hinzu kommen staatlich organisierte Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung, finanziert aus öffentlichen Fördergeldern der Bundesagentur für Arbeit, des Europäischen Sozialfonds oder der Länder.

    Wie viele Menschen in der Weiterbildungsbranche arbeiten, lässt sich nicht genau beziffern. Hochrechnungen der Wissenschaft gehen von rund 600.000 Beschäftigten aus, von denen knapp 30.000 in der beruflichen Weiterbildung nach Sozialgesetzbuch (SGB) II und III arbeiten. „Angesichts der vielen Herausforderungen ist die staatlich finanzierte Weiterbildung chronisch unterfinanziert“, sagt Rolf Dobischat, Bildungsforscher an der Universität Duisburg-Essen. Eine Folge: Bei den Festangestellten sind Fristverträge häufig, die Einkommen liegen im Vergleich zur privat finanzierten Weiterbildung erheblich niedriger. Viele hauptberufliche Freelancer verdienen nicht mehr als 1.750 Euro brutto. Dobischat betont: „Prekäre Beschäftigungsverhältnisse prägen einen großen Teil der Branche.“

    Dabei ist klar: Wenn die Beschäftigten gute Arbeit leisten sollen, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören eine angemessene Bezahlung, sichere Beschäftigung und ein hohes Qualifikationsniveau der Lehrkräfte. Doch nach wie vor ist die Branche zersplittert, der Zugang zu den Berufen in der Weiterbildung ist weitgehend offen, es fehlen einheitliche Qualifikationsstandards und klare Kriterien für das, was professionelle Arbeit in der Weiterbildung kennzeichnet. Welchen Hochschulabschluss brauchen Weiterbildnerinnen und Weiterbildner, welche pädagogisch-didaktischen Kompetenzen, wie müssen sie sich im Laufe ihrer Berufstätigkeit fortbilden, um auf dem dynamischen Feld der beruflichen Bildung auf dem Laufenden zu bleiben? „Im Gegensatz zu Ärzten und Rechtsanwälten ist es in der Erwachsenenbildung bislang nicht gelungen, verbindliche Standards für die Profession festzulegen und umzusetzen“, sagt Dobischat.

    Immerhin, in Punkto Lohn gibt es kleine Fortschritte – etwa den, dass es GEW und ver.di gelang, einen branchenspezifischen Mindestlohn für die öffentlich geförderte berufliche Weiterbildung nach SBG II/III zu erstreiten. Nur: Dieser liegt mit gut 15 Euro immer noch 20 Prozent unter der Bezahlung nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD). „In Krefeld bekommen Sie dafür gerade mal jemanden, der Ihre Wohnung saubermacht“, kritisiert Dobischat, „und 60 Prozent der Erwachsenenbildner haben sogar einen Hochschulabschluss.“ Überfällig sei ein branchenübergreifender allgemeingültiger Tarifvertrag, orientiert an der Entgeltordnung des TVöD, der für die ganze Aus- und Weiterbildungsbranche gilt. Für diesen macht sich auch die GEW in einem Beschluss von 2017 stark.

    „Die Arbeit macht glücklich und gibt mir Sinn, die Kollegen sind wahnsinnig nett.“ (Susanne Galander)

    Vermutlich hätte Susanne Galander – die ihren richtigen Namen nicht gedruckt sehen möchte – eine Festanstellung bei einem großen Weiterbildungsträger in Süddeutschland haben können. Sagt sie. Doch immer nur befristet? Nein. Lieber hat sich die 39-Jährige für die Freiberuflichkeit entschieden. Drei Tage die Woche unterstützt sie Jugendliche aus Förderschulen bei Berufsorientierung, Kommunikation, der Entwicklung sozialer Kompetenzen. Ihre Verträge laufen über drei Monate, kündbar mit einer Frist von 14 Tagen. „Planen kann ich nichts.“ Trotzdem passt es für sie. Nach Kinderpause und anschließendem Studium der Sozialen Arbeit will sich Galander langsam wieder ins Berufsleben einfädeln und dabei möglichst flexibel sein. Natürlich, das Honorar ist nicht üppig, Sozialabgaben muss sie selbst tragen. „Aber zum Glück muss ich nicht davon leben“, sagt Galander, ihr Mann verdient gut als Softwareentwickler. „Die Arbeit macht glücklich und gibt mir Sinn, die Kollegen sind wahnsinnig nett.“ Und um ihr Einkommen aufzubessern, arbeitet sie zusätzlich in einem Nachhilfeinstitut auf 450 Euro-Basis.

    Damit liegt Galander im Trend: „Viele Beschäftigte in der Weiterbildung entscheiden sich heute bewusst für eine gewisse Unsicherheit“, beobachtet Bildungsforscher Dobischat. Die Arbeit ist flexibel, es gibt kaum formale Zugangsbeschränkungen, beides macht sie laut Personalmonitor Weiterbildung des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) attraktiv: Für 66 Prozent der Befragten ist die Vereinbarkeit mit dem eigenen Lebensentwurf Grund für einen Job in der Weiterbildung.

    Jens-Uwe Jordan hingegen ist nach seinem Diplom Anfang der Nullerjahre eher zufällig in der Weiterbildung gelandet. Damals waren feste Stellen für Sozialpädagogen schwer zu finden, Bildungsträger boten eine Alternative. Jordan arbeitete bei größeren und kleineren Trägern vom TÜV Rheinland bis zum Bildungs- und Beratungsinstitut (BBI) in Halle, fast immer war er festangestellt. Allerdings: Oft waren die Verträge befristet, Wechsel programmiert. „In den vergangenen Jahren ist der Markt noch schnelllebiger geworden“, sagt Jordan. 2020 läuft sein aktueller Vertrag beim BBI aus, ob er verlängert wird, entscheidet sich relativ kurzfristig.

    Doch Jordan hat gelernt, „sich zu arrangieren“, mit dem bescheidenen Gehalt von etwa 2.600 Euro brutto, mit der Unsicherheit, die zu seinem Leben gehört und dem seiner Familie: Frau, drei Kinder, Einfamilienhaus. Sollte er Mitte 2020 keinen Anschlussvertrag bekommen, wird er sich anderswo etwas Neues suchen. Jordan weiß: Auch sein Träger kann nicht langfristig planen. „Die Vergaberichtlinien der Arbeitsagentur legen ihm oft Schraubzwingen an – vieles ist einfach nicht für das Geld machbar.“

    „Zwar wird die Qualität jetzt stärker gewichtet, aber wer sein Konzept 20 Prozent billiger anbietet als die Konkurrenz, ist nach wie vor nicht zu schlagen.“ (Walter Würfel)

    Dabei ist die Vergabeverordnung erst 2016 geändert worden. Grundlage ist die Europäische Vergabedienstleistungsrichtlinie von 2014, zwei Jahre später folgte die nationale Umsetzung. Sie verpflichtet die Arbeitsagentur, bei der Auftragsvergabe Qualität der Maßnahme und Erfahrung des Personals stärker zu berücksichtigen. Doch noch sei das mehr Theorie als Praxis, kritisiert Walter Würfel vom Bundesverband der Träger beruflicher Bildung (BBB). Denn zum einen seien die Vergabeverfahren nach wie vor „kafkaesk bürokratisiert“. Nach einem fein gefächerten Kriterienkatalog – von Personalausstattung über Infrastruktur bis zum Förderplan – wird das Angebot mit einem komplizierten Punkteschlüssel bewertet und dann mit dem Preisangebot des Trägers pro Teilnehmer verrechnet. „Zwar wird die Qualität jetzt stärker gewichtet, aber wer sein Konzept 20 Prozent billiger anbietet als die Konkurrenz, ist nach wie vor nicht zu schlagen“, sagt Würfel.

    Zum anderen werden nur Durchführungsqualität und Output gemessen, nach Kennzahlen, zum Beispiel: Wie viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die Maßnahme abschlossen? Die Qualifikation der Dozentinnen oder Dozenten oder die Qualität des Unterrichts bleiben unberücksichtigt. Würfel: „Und was ein Träger tatsächlich investieren muss, um eine Maßnahme erfolgreich durchzuführen, zeigt sich erst, wenn die Teilnehmer dann vor einem sitzen.“ Wie viele Bildungserfahrungen und Vorkenntnisse haben sie? Wie motiviert sind sie? „Deshalb müssten sich Träger und Arbeitsagentur nach Vergabe kontinuierlich abstimmen.“

    Bisher geschieht das nicht. Die Folge: Das Geld reicht oft vorn und hinten nicht. Häufig wird die Umsetzung teurer als geplant. „Vielen Trägern bleibt nichts anderes übrig, als die SGB II/III-Maßnahmen mit anderen Dienstleistungen zu subventionieren oder Abstriche an der Qualität zu machen“, sagt Würfel. Etwa, indem sie Dozentinnen oder Dozenten beschäftigen, die für die Aufgabe nicht ausreichend ausgebildet sind. „Qualifiziertes Personal für einen Mindestlohn zu  bekommen, ist ohnehin schwieriger geworden“, beobachtet Würfel. Zum Beispiel, weil Dozenten als Quereinsteiger an die Berufsschulen abwandern – auch dort grassiert der Lehrkräftemangel; und es lässt sich mehr verdienen. „Wenn ein Träger nichts drauflegen kann, riskiert er also hohe Fluktuation.“ Sobald ein besseres Angebot kommt, brechen schlecht bezahlte Dozenten ab – vielleicht sogar mitten in der Maßnahme.

    „Im Zweifelsfall signalisieren wir: Ihr müsst was für Qualifizierungen drauflegen.“ (Angelika Preiß)

    Angelika Preiß, Geschäftsführerin der PEAG Transfer GmbH in Dortmund, bestätigt das: Auch bei vielen Bildungsträgern, bei denen sie Qualifizierungen für Menschen, denen sie zu neuen Jobs verhelfen soll, in Auftrag gibt, fehlt es an Personal. Für Grundqualifizierungen – etwa Gabelstaplerkurse oder EDV-Weiterbildungen – wird es für Bildungsträger besonders schwierig: „Die Sätze der Bundesanstalt sind hier niedrig.“ Dabei hat es Preiß vergleichsweise leicht: Die Unternehmen, die ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in eine Transfergesellschaft überführen, finanzieren die Beratung und Qualifizierung verhältnismäßig gut, damit ihr ehemaliges Personal wieder Fuß auf dem Arbeitsmarkt fassen kann – dazu haben sie sich im ausgehandelten Sozialplan verpflichtet.

    „Im Zweifelsfall signalisieren wir: Ihr müsst was für Qualifizierungen drauflegen“, sagt Preiß. „Als Transfergesellschaft müssen wir im Gegensatz zu den meisten anderen freien Trägern nur kostendeckend arbeiten.“ Ihren festangestellten Beraterinnen und Beratern kann Preiß daher mehr bieten als den Mindestlohn: im Schnitt 3.500 Euro brutto. Voraussetzung: gute Praxiserfahrung und ein Hochschulabschluss im Feld Personalwesen oder Weiterbildung. „In Inhouse-Schulungen qualifizieren wir sie zudem regelmäßig weiter“, sagt Preiß, „die Qualität unserer Arbeit muss stimmen.“

    Eine solche Qualitätsorientierung ist in der Branche noch lange nicht die Regel. Um diese in die Fläche zu tragen, bräuchte es eine bessere öffentliche Finanzierung der beruflichen Weiterbildung, mehr an die Berufspraxis angepasste Qualifizierungsangebote an den Hochschulen und nicht zuletzt endlich ein Bundesrahmengesetz für die gesamte Weiterbildung, das Grundsätze für Angebote, Zugang, Qualitätssicherung, Finanzierung und Professionalität des Personals festlegt. „Letztlich ist das eine Frage der Politik“, resümiert Bildungsforscher Dobischat. „Wir müssen den alten Streit aus den 1970er-Jahren endlich entscheiden: Wollen wir mehr Markt oder mehr staatliche Regulierung?“ Absehbar ist: Ohne letztere bleibt gute Qualität in der Weiterbildung eine Wackelpartie.

    ]]>
    Weiterbildung Bildungsqualität Bildungssystem Artikel Hauptvorstand
    news-14351 Tue, 03 Jul 2018 10:30:00 +0200 Finanzierung ist das A und O https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/finanzierung-ist-das-a-und-o/ Die Bundesregierung will die berufliche Weiterbildung stärken - unklar bleibt indes, welche finanziellen Anreize gewährt werden sollen. Der Koalitionsvertrag hinterlegt für die beschriebenen Programme unzureichende oder keine Ressourcen. Die Bundesregierung verfolgt vor allem Ziele für die berufliche Weiterbildung; die Zuständigkeit für die allgemeine liegt bei den Ländern. Dem folgend enthält der im Frühjahr verabschiedete Koalitionsvertrag einige – teils nicht näher bestimmte – Begriffe und Potenziale, die aus unserer Sicht arbeitnehmerorientiert und im Sinne der Lernenden gestaltet werden könnten: Gemeinsam mit den Sozialpartnern und weiteren Akteuren sowie in Abstimmung mit den Ländern soll eine „Nationale Weiterbildungsstrategie“ entwickelt werden und Antworten auf den digitalen Wandel der Arbeitswelt geben. Diese soll auch die Weiterbildungsprogramme der Länder und des Bundes bündeln und eine neue „Weiterbildungskultur“ etablieren helfen. Der nach dem Vorbild des Wissenschaftsrats zu konstituierende „Nationale Bildungsrat“ soll bildungsbereichsübergreifend arbeiten und aus unserer Sicht auch die Weiterbildung vertreten.

    Weiter beabsichtigen CDU/CSU und SPD einen Rechtsanspruch auf Beratung und stärkere Initiativrechte für Betriebsräte zu verankern; den von GEW und ver.di vorgebrachten Vorschlag, der Weiterbildung mit einem Weiterbildungsgesetz einen regulierenden und steuernden Rahmen zu geben, haben sie allerdings nicht aufgegriffen. Immerhin: Das im Koalitionsvertrag festgehaltene Recht auf Beratung in der beruflichen Weiterbildung über die Bundesagentur für Arbeit (BA) entspricht einer DGB-Forderung. Bei dessen Umsetzung wird sowohl auf eine angemessene personelle Ausstattung zu achten sein wie darauf, dass die Beratung unabhängig und sanktionsfrei an den Bedürfnissen des Ratsuchenden und seiner nachhaltigen Beschäftigungsfähigkeit und nicht an einer kurzfristigen Vermittelbarkeit orientiert ist.

    Auch sollte diese BA-Beratung mit bestehenden von den Ländern geförderten Beratungsprojekten kooperieren. Und: Ihr Ausbau darf nicht die notwendige von der GEW geforderte Einrichtung einer allgemeinen, öffentlichen, neutralen und personenzentrierten Weiterbildungsberatung ersetzen. Die mit der geplanten Neufassung von Artikel 104c Grundgesetz ermöglichten flächendeckenden Investitionen des Bundes in Bildungsinfrastruktur müssen auch den Einrichtungen der Erwachsenen- und Weiterbildung zugutekommen! So muss etwa die Investitionsoffensive für Schulen – also der bereits 2017 angekündigte „Digitalpakt“ – die Länder und Kommunen auch bei der dringend notwendigen Modernisierung der Volkshochschulen unterstützen!

    Die berufliche Weiterbildung soll erkennbar gestärkt werden; unklar bleibt, welche finanziellen Anreize gewährt werden sollen.

    Neben dem Ausbau der Förderinstrumente für beruflich Qualifizierte in Form von Aufstiegs- und Weiterbildungsstipendien („Meister-BAföG“) sollen laut Großer Koalition die Transparenz auf dem Weiterbildungsmarkt erhöht, Information und Beratung ausgebaut werden. Die Weiterbildungsangebote der Hochschulen sollen ausgeweitet werden. Die „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ soll fortgesetzt und diese stärker auf digitale Fort- und Weiterbildung ausgerichtet werden. Hier ist zu beachten, dass diese Allianz – anders als in der vergangenen Legislaturperiode – tatsächlich auch die Weiterbildung fördert. Ferner ist laut Koalitionsvertrag geplant, die nationale Dekade für Alphabetisierung auszubauen und den Fokus vor allem auf die familien- und arbeitsplatzorientierte Grundbildung zu legen. Dabei ist eine angemessene Beschäftigungsqualität der Kursleitenden anzumahnen.

    Zusammengefasst: Die berufliche Weiterbildung soll erkennbar gestärkt werden; unklar bleibt, welche finanziellen Anreize gewährt werden sollen. Die Fortentwicklung der gegenwärtig noch befristeten Weiterbildungsprämien zu einem laufenden Weiterbildungsgeld wäre hilfreich! Stattdessen hinterlegt der Koalitionsvertrag für die beschriebenen Programme und Veränderungen entweder unzureichende oder überhaupt keine Ressourcen. Hier muss die Große Koalition deutlich nachlegen, wenn all die klingenden Titel –„Weiterbildungsstrategie“, „Weiterbildungskultur“, „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ – wirksam mit Inhalten gefüllt und gestaltet werden sollen!

    ]]>
    Weiterbildung Bildungsfinanzierung Artikel Hauptvorstand
    news-14446 Tue, 03 Jul 2018 09:00:00 +0200 Das Warten beenden! https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/das-warten-beenden/ Auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit fordert die GEW Programme für Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen und bildungsfernen Haushalten. Damit Gelder zielgerichtet investiert werden können, ist ein Sozialindex erforderlich. Die Bundesregierung und die Landesregierungen bekommen es zum wiederholten Male vom nationalen Bildungsbericht, aber auch von der Europäischen Kommission ins Stammbuch geschrieben:

    • Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg nehmen stetig zu, aber nicht für alle Menschen. Beides ist in Deutschland über die Maßen eng mit der sozialen Herkunft verknüpft. Die Schere zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern geht weiter auseinander, statt sich zu schließen.
    • Die Bildungsausgaben steigen zwar, erreichen aber weiterhin nicht das bereits 2008 zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie den Ministerpräsidentinnen und -präsidenten festgeschriebene Ziel, 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Forschung einzusetzen: Unterschreitung um ein Prozent! Das sind jährlich 31,3 Milliarden Euro.
    • Das pädagogische Fachpersonal fehlt in Krippe, Kita, Schule, beruflicher Schule, Hochschule und Weiterbildung – auch und gerade wegen der steigenden Bildungsbeteiligung. Vielfach können Stellen nicht besetzt werden, Gruppen und Klassen werden größer.

    Worauf wartet die Politik noch? Warum nimmt sie die Forschungsergebnisse seit PISA 2000 nicht ernst? Wir fordern: Handeln Sie jetzt! Packen Sie das Problem Fachkräftemangel an! Bauen Sie die Kapazitäten für die Erzieherinnenausbildung und die Studienplätze für Lehrkräfte aus. Unterstützen und qualifizieren Sie Seiten- sowie Quereinsteigerinnen und -einsteiger. Der Bedarf steigt, weil viele ältere Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand gehen, weil die frühkindliche Bildung ausgebaut wird, weil es bis 2025 einen Rechtsanspruch auf Ganztag in der Grundschule geben soll und mehr Menschen zur Hochschulreife geführt werden und danach studieren. Jetzt müssen die pädagogischen Berufe attraktiv gemacht werden! Jetzt muss besser bezahlt werden! Jetzt müssen die Arbeitsbedingungen so gestaltet werden, dass die Kolleginnen und Kollegen die Anforderungen der Gesellschaft, aber auch die eigenen Ansprüche an ihren Beruf und ihre Lebenszufriedenheit einlösen können. Sie brauchen umgehend beste Bedingungen!

    „Insbesondere brauchen wir Programme für Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen und bildungsfernen Haushalten.“

    Ausgaben für gute Bildung lohnen sich: Sie führen zu mehr Chancengleichheit und gesellschaftlicher Teilhabe, verbessern die Berufs- und Lebensperspektiven der Menschen und stärken deren Gesundheit. Deshalb appelliere ich an die Bundesregierung: Stellen Sie Ländern und Kommunen mehr Geld für gute Bildung zur Verfügung. Diesen fehlen die Mittel, um den Investitionsstau anzugehen und die Schulen so auszustatten, dass eine Vorbereitung auf das Leben in der digitalen Welt möglich ist. Wir brauchen Breitband, W-LAN und Lernräume, die individuelles und gemeinsames Lernen bestmöglich unterstützen. Wegen der falschen Politik der vergangenen Jahre fehlt für Baumaßnahmen aber nicht nur Geld, in den Bauämtern mangelt es an Personalkapazitäten: Hier muss nachgesteuert werden.

    Insbesondere brauchen wir Programme für Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen und bildungsfernen Haushalten. Damit Gelder zielgerichtet investiert werden können, benötigen wir einen Sozialindex. Mit diesem Instrument haben einige Bundesländer schon gute Erfahrungen gemacht. Oder Schottland: Der Staat stattet Bildungseinrichtungen mit vielen Kindern in Risikolagen zusätzlich aus. Würde sich Deutschland an Schottland orientieren, wären das allein für diese Aufgabe 11,5 Milliarden Euro, die oben drauf zu satteln sind. Zudem müssen die Kommunen schon bei der Stadtplanung darauf achten, dass sich keine sozialen Gettos bilden, sondern eine gute soziale Mischung entsteht. In den sozialen Wohnungsbau muss mehr investiert werden.

    Gern entwickeln wir mit der Politik auf Bundes- und Länderebene pädagogische Konzepte, um die Schere zu schließen und Kindern aus Armutsverhältnissen und in Risikolagen durch gute Pädagogik Wege in ein erfolgreiches Leben zu ermöglichen. Es ist unerlässlich, dass die GEW im Nationalen Bildungsrat mit ihrer Expertise und als Sprachrohr der Beschäftigten Sitz und Stimme erhält. Entscheidend ist aber, dass die Politik handelt! Mehr Geld für Bildung – jetzt!

    ]]>
    Schule Bildungsgerechtigkeit Bildungssystem Artikel Hauptvorstand
    news-14415 Tue, 03 Jul 2018 07:30:00 +0200 E&W 7-8/2018: Stiefkind Weiterbildung https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/ew-7-82018-stiefkind-weiterbildung/ Die Bundesregierung hat angekündigt, die berufliche Weiterbildung zu stärken - ohne zu sagen, wie genau und mit wie viel Geld. Die Gewerkschaften fordern ein Bundesweiterbildungsgesetz und haben dazu sechs konkrete Vorschläge gemacht. In der Weiterbildung gibt es aktuellen Studien zufolge rund 1,3 Millionen Beschäftigungsverhältnisse mit lehrenden, planenden und beratenden Aufgaben. Leider bedeutet dies nicht, dass das Weiterbildungspersonal gut sichtbar ist. Wer in der Weiterbildung arbeitet, bekommt häufig wenig Geld, kaum Rente und muss mit viel Unsicherheit leben; helfen würde ein Bundesweiterbildungsgesetz. GEW, IG Metall und ver.di gehen dazu mit sechs konkreten Vorschlägen für ein Bundesgesetz in die Offensive. Die Bundesregierung will die berufliche Weiterbildung stärken - unklar bleibt indes, welche finanziellen Anreize gewährt werden sollen.

    Auch die meisten Sprachlehrkräfte sind prekär beschäftigt, auf Honorarbasis, ohne arbeitsrechtlichen Schutz und mit unzureichender sozialer Sicherung. Seit 2015 berät die GEW in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg Selbstständige an einer Hotline. Bildungsforscherinnen am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn haben derweil ein Kompetenzmodell entwickelt. Es soll fachliche und didaktische Fähigkeiten abbilden – und so auch die Bewerbung erleichtern. Stiefkind bleiben indes die Volkshochschulen, wo es nur sechs Prozent Festangestellte gibt: Diese Zahl macht deutlich, welch geringe Wertschätzung die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den 900 Volkshochschulen bundesweit erfahren.

    Weitere Themen in der Juli-/Augustausgabe der „E&W“:

     

    ]]>
    Weiterbildung Bildungsfinanzierung Bildungsqualität Bildungssystem Artikel Hauptvorstand
    news-14494 Mon, 02 Jul 2018 12:38:53 +0200 Integrationskurse in Bildungsbericht aufnehmen https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/integrationskurse-in-bildungsbericht-aufnehmen/ Vor dem Hintergrund der Digitalisierung wird die individuelle Weiterbildung nach Ansicht der GEW immer wichtiger. Um den Zugang zu dieser zu fördern, seien eine verlässliche Finanzierung und ein gesetzlicher Rahmen nötig. Die GEW-Bundesfachgruppe Erwachsenenbildung sieht ihre Forderung nach einem Bundesweiterbildungsgesetz durch den jüngst veröffentlichten Bericht „Bildung in Deutschland 2018“ bestätigt. Obwohl die betriebliche Weiterbildung das quantitativ größte Segment in der Teilnahme darstellt, ist aus Sicht der Gewerkschaft die individuelle berufliche Weiterbildung als bedeutsamer einzustufen: Insbesondere vor dem Hintergrund der Digitalisierung müssten die individuelle Weiterbildung und der Zugang zu ihr weiterentwickelt und gefördert werden. Dazu bedürfe es einer verlässlichen Finanzierung, eines gesetzlichen Rahmens sowie eines Ausbaus der Beratung, wie GEW und ver.di es mit einem Bundesweiterbildungsgesetz einfordern. Zu einer umfassenden empirischen Bestandsaufnahme des Bildungswesens, wie sie der Bildungsbericht beansprucht, gehört nach Ansicht der Bundesfachgruppe zudem eine Analyse des Systems der Integrationskurse und dessen Beschäftigungsbedingungen, was im Bildungsbericht bislang keine Berücksichtigung findet.

    Weitere Themen im Infoblatt Weiterbildung im Juli 2018:

    • EU-Kommission: Mehr in Bildung und Forschung investieren
    • GKV-Versichertenentlastungsgesetz
    • GEW-Fachtagung „Gute Bildung für Neuzugewanderte“

     

     

    ]]>
    Weiterbildung Migration Artikel Hauptvorstand