GEW - Die Bildungsgewerkschaft - Website https://www.gew.de GEW - Die Bildungsgewerkschaft - Website de-DE GEW - Die Bildungsgewerkschaft - Website Tue, 24 Apr 2018 19:50:51 +0200 Tue, 24 Apr 2018 19:50:51 +0200 TYPO3 EXT:news news-14044 Mon, 23 Apr 2018 14:21:08 +0200 USA: Lehrerstreiks in republikanischen Bundesstaaten https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/usa-lehrerstreiks-in-republikanischen-bundesstaaten/ Eine Serie von Lehrerstreiks in republikanisch regierten US-Bundesstaaten wie West Virginia, Kentucky und Oklahoma wirft ein Schlaglicht auf die Probleme des unterfinanzierten US-Bildungssystems. Es sind die größten Streiks von Lehrerinnen und Lehrern in den USA seit Jahrzehnten und sie finden ausgerechnet in Bundesstaaten statt, die fest in republikanischer Hand sind. Hier ist der schlanke Staat Programm und gelten Steuererhöhungen als Teufelswerk. Folge republikanischer Sparpolitik ist, dass die schulische Infrastruktur in diesen Staaten vielfach zerfällt und Lehrerinnen und Lehrer die geringsten Gehälter und schlechtesten Sozialleistungen an öffentlichen Schulen im ganzen Land erhalten. Nicht wenige sind daher gezwungen, Zweitjobs anzunehmen, um überhaupt finanziell über die Runden zu kommen. Den protestierenden Lehrkräften geht es jedoch nicht nur um die Verbesserung der eigenen Situation. Sie fordern generell mehr Geld für öffentliche Bildung und höhere Steuern auf Unternehmensgewinne, um dies zu finanzieren.   

Unterstützung der Bevölkerung
Es begann in West Virginia, wo die zwei Bildungsgewerkschaften American Federation of Teachers (AFT) und Nationale Education Association (NEA) ihre Mitglieder für den 22. Februar zum Streik aufgerufen hatten. Auslöser war eine geplante Reform der Krankenversicherung. In allen 55 Landkreisen des Appalachen-Staates traten Lehrerinnen und Lehrer in einen unbefristeten Streik. Die Forderungen der Lehrkräfte nach mehr Geld für Bildung fanden große Unterstützung in der Bevölkerung. Der Streik war siegreich und wurde nach neun Tagen mit der Zusage einer sechs prozentigen Gehaltserhöhung für die Lehrkräfte beendet. Der Erfolg in West Virgina ermutigte die Lehrerinnen und Lehrer im Nachbarstaat Kentucky im März 2018 ihrem Beispiel zu folgen. Anlass für den Streik  in Kentucky waren geplante Kürzungen im Bildungshaushalt und eine Reform der Altersversorgung für Lehrkräfte. Auch in Oklahoma, wo Streiks von Lehrern eigentlich verboten sind, blieben die Schulen Anfang April tagelang geschlossen. Tausende Lehrkräfte, Schüler und Eltern demonstrierten über mehrere Tage vor dem Kapitol, dem Sitz des Parlaments, in Oklahoma Stadt.
 

„Wir haben genug!“
Obwohl die Regierung diesmal schnell reagierte, erstmalig seit 28 Jahren Steuererhöhungen beschloss und den Lehrkräften Gehaltserhöhungen von 6.100 Dollar pro Jahr anbot, gaben die Streikenden sich nicht damit zufrieden. Sie setzten ihren Ausstand fort und forderten 10. 000 Dollar mehr Gehalt pro Jahr und zusätzliche Investitionen ins Bildungssystem in Höhe von 200 Millionen Dollar. In einer Pressemitteilung der Bildungsgewerkschaft ‚Oklahoma Education Association‘ heißt es dazu: „Mehr als ein Jahrzehnt Versäumnisse des Gesetzgebers haben dazu geführt, dass unsere Schüler auf kaputten Stühlen sitzen, mit veralteten Schulbüchern in überfüllten Klassenzimmern lernen müssen und nur vier Tage in der Woche eine Schule besuchen können. Lehrkräfte müssen zusätzlich arbeiten oder bei öffentlichen Tafeln nach Essen anstehen, um ihre Familien zu ernähren. Wir haben genug! Keine leeren Versprechungen mehr! Regierung und Gesetzgeber müssen jetzt handeln!”

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Internationales Artikel Hauptvorstand
news-14041 Mon, 23 Apr 2018 10:17:03 +0200 Bayern: Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz wirkt – etwas https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/bayern-das-wissenschaftszeitvertragsgesetz-wirkt-etwas/ Die bayerische Wissenschaftsministerin Marion Kiechle hat die Ergebnisse eines „Evaluierungsberichts zu Befristungen und Förderung von Karriereperspektiven an bayerischen Hochschulen“ vorgestellt. Den Evaluierungsbericht hatte bereits 2015 ihr Vorgänger im Amt, Ludwig Spaenle, auf den Weg gebracht. Die Situation von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern habe sich „spürbar verbessert“, so Kiechle. „Kein Grund sich zurückzulehnen“, mahnte indes GEW-Vize und Hochschulexperte Andreas Keller.

Die Evaluation habe eine Reduzierung der Kurzbefristungen hin zu längeren Vertragslaufzeiten ergeben, meldet die Ministerin. So sei die Zahl der Erstbefristungen zur wissenschaftlichen Qualifizierung mit einer Laufzeit von 12 bis 36 Monaten spürbar gestiegen: von 66 Prozent (2015) auf knapp 80 Prozent (2017). Die Zahl der Qualifizierungsbefristungen von unter einem Jahr sei um mehr als ein Drittel zurückgegangen: von über 33 Prozent auf rund 20 Prozent. Die Zahl der Drittmittelbefristungen mit einer Vertragslaufzeit von mehr als 12 Monaten ist deutlich gestiegen: von annähernd 50 Prozent auf über 62 Prozent.

Kiechle führt diese Entwicklung auf die „Grundsätze zum Umgang mit Befristungen nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz und zur Förderung von Karriereperspektiven“ zurück, die das bayerische Kultusministerium 2015 vorgelegt hatte. Andreas Keller bezweifelt indes, dass allein die „Grundsätze“ zu einer Trendwende in der Befristungspraxis der Hochschulen beigetragen hätten. „Mitten in den Berichtszeitraum fällt das In-Kraft-Treten des novellierten Wissenschaftszeitvertragsgesetzes Im Februar 2016. Dieses verpflichtet die Hochschulen bundesweit, angemessene Vertragslaufzeiten festzulegen.“ Zuletzt habe eine Evaluation der Gesetzesnovelle an der Universität des Saarlandes zu ähnlichen Ergebnissen geführt.

Die Verlängerung der Vertragslaufzeiten an den bayerischen Hochschulen sei zwar zu in der Tendenz zu begrüßen. „Wissenschaftsministerium und Hochschulen dürfen sich aber nicht zurücklehnen, sondern müssen nachlegen. Die durchschnittliche Promotionsdauer liegt nicht bei ein bis drei, sondern bei fünf Jahren – das ist eine Benchmark für angemessene Vertragslaufzeiten“, mahnte der GEW-Vize. Die GEW sei zu Gesprächen mit Ministerin und Hochschulleitungen über eine Ausgestaltung eines verbindlichen und wirksamen Kodex für gute Arbeit in der Wissenschaft bereit, bot Keller an. Gleichzeitig wiederholte er seine Forderung an das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die für 2020 geplante Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes vorzuziehen, um noch vor der nächsten Bundestagswahl über Nachjustierungen des Gesetzes entscheiden zu können.

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Studium Wissenschaft Artikel Hauptvorstand
news-13856 Mon, 23 Apr 2018 10:00:00 +0200 Die Bildungspolitik der AfD: „Wenn wir kommen, wird ausgemistet!“ https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/die-bildungspolitik-der-afd-wenn-wir-kommen-wird-ausgemistet/ Der erste von drei Teilen zur Bildungspolitik der AfD stellt klar, wie die rechtspopulistische Partei systematisch versucht Unterrichtsinhalte nach rechts zu rücken und Lehrkräfte zu diskreditieren.

„Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet!“ (Markus Frohnmeier, AfD)

Lehrkräfte sowie Dozentinnen und Dozenten an Hochschulen will die AfD durch Dienstaufsichtsbeschwerden einschüchtern, wenn sie AfD-kritische Veranstaltung unterstützen. Vor Ort greift die AfD – wie in Bernhausen bei Stuttgart – ganze Lehrerkräftekollegien als „rot-grün geprägt“ an. Einzelne Lehrkräfte werden angegangen, weil sie „die AfD als Partei Ewiggestriger“ bezeichnet hätten. „Diese Verbrecher gehören auf die Anklagebank wegen Volkshetze!“, kommentieren AfD-Anhänger in der Kommentarspalte der rechten Nachrichtenseite pi-news.net die Lehrerkritik an der AfD in Bernhausen. „Frau Merkel ist eine Verbrecherin am deutschen Volk, die ihre Jahre im Gefängnis absitzen müsste“, kommentiert der neugewählte Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner auf Facebook. In der AfD dominiert ein Freund-Feind-Denken, in dem Gegner kriminalisiert und Migrantinnen und Migranten kriminalisiert werden: „Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet!“ kündigte Markus Frohnmeier von der „Jungen Alternative“ bei einer PEGIDA-Kundgebung in Erfurt an. Stefan Räpple verstieg sich im Stuttgarter Landtag zur Beschimpfung anderer Abgeordneter als „Volksverräter“ und laut der „Jungen Freiheit“ vom 11. November 2016 zur Bekundung: „Die im Bundestag würde ich auch aufhängen!“

Auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD im Unterricht reagiert die rechtskonservative Partei zudem allergisch. Eine kritische Auseinandersetzung mit der AfD im Unterricht sei, so der Landtagsabgeordnete Stefan Räpple auf seiner Homepage, „nur noch als kriminell zu bezeichnen“ – müsse also strafrechtlich verfolgt und unterbunden werden. Gegen den Schroedel-Verlag kündigte er Strafanzeige an, da dieser Arbeitsblätter zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Parteiprogramm der AfD herausgibt. Des Weiteren rief Räpple dazu auf, „umgehend ALLE Druckerzeugnisse des Schroedel-Verlages zu boykottieren.“ In der ersten Anfrage der AfD-Baden-Württemberg unterstellte die Abgeordnete und stellvertretende Landesvorsitzende Christina Baum der Landesregierung eine Mitbeteiligung an der Erstellung der Arbeitsblätter und wollte wissen, an welchen Schulen diese eingesetzt werden. In Hamburg wollte die AfD sogar wissen, „welche Nicht-GEW-Mitglieder“ sich mit AfD-kritischen Materialien befassen.

Nationalidentität und Erziehung zur Männlichkeit

Die AfD stört sich noch an weiteren Unterrichtsinhalten. Die rot-grüne Landesregierung in Stuttgart strebe mit dem Bildungsplan „die Zerstörung der traditionellen Familie“, ja die Abschaffung des eigenen Volkes an, klagt die AfD-Abgeordnete Christina Baum. Wie Beatrix von Storch spricht sie von einem „schleichenden Genozid durch Genderismus“ und einer bewussten „Umvolkung“ durch Zuwanderung. Zusammen mit Beatrix von Storch hatte sie schon die „Demo für alle“ organisiert und dazu beigetragen, dass in dieser Anti-Bildungsplan-Bewegung die Grenze zwischen konservativen ChristInnen und extremer Rechte überwunden werden konnte – eine der Voraussetzungen für den Erfolg der AfD.

Schule soll, zu einer „gefestigten Nationalidentität“ erziehen. (Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt)

In der Dresdner Rede des hessischen Gymnasiallehrers Björn Höcke am 17. Januar 2017 forderte der Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzende gar eine erinnerungspolitische Kehrtwende um 180 Grad, kritisierte die „dämliche Erinnerungspolitik“, die Deutschland die kollektive Identität raube und beklagte, dass sich Deutschland „ein Denkmal der Schande ins Herz seiner Hauptstadt gepflanzt“ habe. Schule soll, so die AfD Sachsen-Anhalt, zu einer „gefestigten Nationalidentität“ erziehen und durch Disziplin „starke Männer“ formen. Außerdem will die Partei Lehrpläne zugunsten „positiver Anknüpfungspunkte“ umschreiben, damit die Geschichte Deutschlands „angemessen und unverfälscht“ dargestellt wird: die Erinnerung an Nazigräuel soll die Entwicklung eines neuen „Patriotismus“ nicht behindern.

In diesem Sinn beantragte die AfD im Stuttgarter Landtag drei Tage nach der Rede Höckes im Januar 2017, Zuschüsse für die Gedenkstätte Gurs zu streichen. In dieses Internierungslager vor den Pyrenäen waren 1940 die badischen Juden deportiert worden. Zudem beantragte die AfD, Zuschüsse für Fahrten zu „Gedenkstätten nationalsozialistischen Unrechts“ umzuwidmen in eine Förderung für Fahrten zu „bedeutsamen Stätten der deutschen Geschichte“. Der Bundesvorsitzende der „Jungen Alternativen“, Markus Frohnmaier (MdB) möchte zudem jeden Morgen das Deutschlandlied singen lassen. Der Sprecher von AfD Chefin Alice Weidel stellte im Zeitmagazin klar, dass dazu natürlich auch die erste Strophe „Deutschland, Deutschland über alles“ gehöre.

Neben der Wiedereinführung der Wehrpflicht fordert die AfD Baden-Württemberg in ihrem Landtagswahprogramm, den Einsatz von Jugendoffizieren der Bundeswehr an den Schulen ausweiten. Sie sollen an den Schulen „ohne Beschränkung“ agieren dürfen – und das kann nur heißen: ohne Berücksichtigung des Beutelsbacher Konsenses, ohne Kontrolle durch die Lehrkräfte und ohne potenzielle Gegenargumente aus der Friedensbewegung, wie das die Kooperationsvereinbarung des Kultusministeriums mit der Bundeswehr bisher noch vorsieht. Entsprechend fordert der AfD-Ideologe, Landessprecher und MdB Marc Jongen im Landeswahlprogramm eine „Erziehung zur Männlichkeit“ und zum „Thymos“ – damit die Deutschen wieder Wehrwillen entwickeln.

Fazit: Die AfD entwickelt sich sehr markant zu einer nationalistischen Rechtspartei. Ihr Ziel ist es, nationalistisches Denken auch in die Bildungslandschaft zu tragen indem sie systematisch Lehrende diskreditiert, kritisiert und gleichzeitig auf politischer Bühne versucht, Unterrichtsinhalte nach rechts zu rücken.

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Schule Gesellschaftspolitik Bildungsgerechtigkeit Bildungsqualität Bildungssystem Artikel Hauptvorstand
news-14038 Sun, 22 Apr 2018 18:57:26 +0200 Deutsche Gewerkschaften und Israel https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/deutsche-gewerkschaften-und-israel/ Um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ging es am 16./17. April 2018 bei einer Veranstaltung der Hans-Böckler-Stiftung und des Moses Mendelssohn Zentrum aus Anlass des siebzigsten Jahrestags der Staatsgründung Israels. Rund achtzig Personen - deutsche, israelische und palästinensische Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter,  Wissenschaftler und Studenten - waren der Einladung nach Berlin gefolgt. Die Tagung mit dem Titel „Deutsche Gewerkschaften und Israel“‘ fand an historischem Ort im ehemaligen Haus des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Berlin-Kreuzberg statt, das von dem jüdischen Architekten Erich Mendelsohn entworfen und im Jahr 1930 fertiggestellt worden war.  Drei Jahre später musste Mendelsohn, der danach noch zahlreiche Bauten in Palästina, Großbritannien und den USA errichtete, aus Deutschland fliehen. Er kehrte nie zurück und starb 1953 in San Francisco, wie Ines Sonder vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien berichtete.

Deutsch-Israelische Gewerkschaftszusammenarbeit
Es waren deutsche Gewerkschafter, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs und nach dem Holocaust bereits früh wieder Kontakte zu israelischen Gewerkschaften aufnahmen. Zu ihnen gehörte der ehemalige GEW-Vorsitzende Heinrich Rodenstein, der selber vor den Nazis ins Ausland fliehen musste. Rodenstein legte mit seinem Besuch in Israel 1961 den Grundstein für bilaterale Kontakte und regelmäßige deutsch-israelische Seminare der GEW mit der Lehrergewerkschaft Histadrut Hamorim.  „In den sechziger Jahren trat der DGB öffentlich für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel und für Reparationszahlungen ein. Dafür haben die Gewerkschaften in Deutschland sogar Unterschriften gesammelt“, erzählte Micky Drill von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tel Aviv. Aus dieser Zeit stammen die engen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem DGB und dem israelischen Gewerkschaftsbund Histadrut, die ihren Ausdruck in einer Vielzahl von Begegnungen und Austauschprogrammen, insbesondere auch junger Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, finden. Michael Sommer konnte sich an ein sehr konkretes Beispiel gewerkschaftlicher Solidarität aus seiner Zeit als DGB-Vorsitzender erinnern : „Als Histadrut 2002 in eine existenzielle finanzielle Krise geraten war, haben wir die israelischen Gewerkschaften mit einer Million DM unterstützt.“

Rechte palästinensischer Arbeiter in Israel
Über erfolgreiche israelisch-palästinensische Gewerkschaftskooperation zur Stärkung der Rechte palästinensischer Arbeiter in Israel berichteten die Generalsekretäre der israelischen Bauarbeitergewerkschaft, Yitzhak Mojal, und des palästinensischen Gewerkschaftsbundes (PGFTU), Shaher Saed. Rund 70.000 Palästinenser sind in Israel mit offizieller Arbeitserlaubnis beschäftigt, oft in der Bauwirtschaft. Viele wissen nicht, dass sie Anspruch auf gleiche Bezahlung und Arbeitsschutz wie die Israelis haben. Deshalb werden sie oft ausgebeutet und um ihren Lohn betrogen. „Wir klären die palästinensischen Arbeiter über ihre Rechte in Israel auf“, erläuterte Shaher Saed. „Wenn es Probleme gibt, informiere ich Yitzhak und wir suchen gemeinsam nach einer Lösung.“ Für Streitfälle haben Israelis und Palästinenser eine paritätisch besetzte Kommission eingerichtet. „Im letzten Jahr haben wir mehr als 1.000 Beschwerden palästinensischer Arbeiter behandelt, davon waren rund achtzig Prozent begründet“, ergänzte  Yitzhak Mojal. „Wir kümmern uns dann in Israel darum, dass  sie ihr Recht bekommen.“

Schwierige Suche nach Frieden
Wo liegt der Frieden? Wie können die zwölf Millionen Menschen der Region in Sicherheit miteinander leben? Die Antworten auf diese Fragen fielen recht unterschiedlich aus. Roby Nathanson vom Macro Center für Politische Ökonomie in Tel Aviv berichtete von 17 gescheiterten Friedensinitiativen seit dem Oslo Abkommen im Jahr 1993: „Es gibt in der israelischen Bevölkerung eine nachlassende Akzeptanz für eine Zwei-Staaten-Lösung.“ Nathanson sieht diese sogar akut bedroht durch Forderungen rechter Parteien zur Annexion der sogenannten C-Gebiete, die rund sechzig Prozent des Westjordanlands umfassen und von Israel als sicherheitsrelevant eingestuft werden. Natan Sznaider vom Academic College in Tel Aviv-Yafo erscheint die Perspektive eines israelischen und eines palästinensischen Staates bereits überholt: „Die Zwei-Staaten-Lösung ist zum Zombie geworden und existiert nur noch als Wohlfühlutopie in einem kleinen linken Milieu.“ Gideon Botsch vom Moses-Mendelssohn Zentrum in Potsdam sieht im Nahostkonflikt bei all seinen widersprüchlichen Facetten einen rationalen Kern: Den Anspruch auf ein Stück Land, das Israelis und Palästinenser mit jeweils guten Gründen für sich reklamieren. Botsch warnte vor der Falle des Entweder-Oder und plädierte dafür, die Bemühungen um Frieden prozessual zu gestalten: „Keine Partei hat das Recht allein auf ihrer Seite. Deshalb wird jeder Friede im Nahen Osten wohl mehr oder weniger ungerecht sein.“

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Internationales Artikel Hauptvorstand
news-14010 Fri, 20 Apr 2018 10:01:50 +0200 GEW-Werbeflyer: Eine starke Stimme für den Traumjob Wissenschaft https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/gew-werbeflyer-eine-starke-stimme-fuer-den-traumjob-wissenschaft/ Gute Arbeit in der Wissenschaft, eine Reform von Berufswegen und Personalstruktur, gute Lehre und kritische Forschung – dafür kämpft die Bildungsgewerkschaft. Die GEW ist die Bildungsgewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund. Sie organisiert Beschäftigte in allen Bildungsbereichen – von der Kita bis zur Weiterbildung. Zu unseren Mitgliedern gehören Doktorandinnen und Doktoranden, Postdocs, Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer, Lehrkräfte für besondere Aufgaben, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Beschäftigte in Wissenschaftsmanagement und Serviceeinrichtungen, Technik und Verwaltung. Auch Studierende können der GEW beitreten. Überzeugen Sie jetzt Kolleginnen und Kollegen von einer Mitgliedschaft in der starken Solidargemeinschaft GEW – mit dem neuen Werbeflyer „Die GEW – eine starke Stimme für den Traumjob Wissenschaft“.

Der Flyer kann heruntergeladen oder bis zu neun Stück bestellt werden bei broschueren@gew.de, ab zehn Exemplaren im GEW-Shop

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Studium Wissenschaft Artikel Hauptvorstand
news-13981 Thu, 19 Apr 2018 10:27:18 +0200 Berufswahl klischeefrei fördern https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/berufswahl-klischeefrei-foerdern/ Gleichberechtigung im Übergang von Schule zu Beruf oder Studium ist kein Selbstläufer. Um die Berufsfindung jenseits von Geschlechterklischees zu fördern, werden beim Girls‘ und beim Boys‘ Day Rollenstereotype hinterfragt. Die Zukunftstage Girls‘ und Boys‘ Day sollen Jugendlichen in den Klassen 5 bis 10 das Erwerbsleben ein Stück weit näher bringen. Und zwar konkret ohne Geschlechterklischees. Denn nach wie vor haben Mädchen und Jungen ein sehr eingegrenztes Berufswahlspektrum. Die Tabellen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) und eine Grafik der Hans-Böckler-Stiftung zu den beliebtesten Ausbildungsberufen zeigen: Junge Frauen werden weiterhin sehr oft medizinische Fachangestellte oder Bürokauffrau und nur sehr selten Elektronikerin – ein ebenso wie Kraftfahrzeugmechatroniker von Männern dominierter Beruf.  

Diese stereotype Aufteilung des Arbeitsmarktes soll mit den Zukunftstagen am letzten Donnerstag im April angegangen werden: Die Jugendlichen sollen individuelle Interessen und Talente entdecken, um in der Vielfalt der Berufswelt eigene Wege gehen zu können. Um die Berufsfindung jenseits von Geschlechterklischees zu fördern, werden Rollenstereotype umgekehrt: Für Jungen werden Workshops, Tagespraktika und Betriebsbesichtigungen in Dienstleistungsberufen sowie in Erziehung, Gesundheit und Pflege angeboten, für Mädchen in MINT-Berufen und -Studienfächern. Es ist wichtig, getrennte Angebote zu machen, denn Mädchen wie Jungen sind untereinander aufgeschlossener und ehrlicher für geschlechtssensible Angebote.

Als Gewerkschaft stehen wir außerdem dafür ein, die überwiegend von Frauen gewählten Berufe aufzuwerten. Die aktuelle Tarifrunde hat dazu einen Beitrag geleistet.

Doch nicht nur die Jugendlichen selbst haben Vorstellungen zur beruflichen Eignung, die eher mit Rollenmustern als mit persönlichen Talenten verknüpft sind. Am Berufsorientierungsprozess sind viele beteiligt: Eltern, Gleichaltrige, Lehrkräfte, Berufsberatende und nicht zuletzt Personalverantwortliche und ihre Einstellungspraxis. Auch ihnen geben der Girls‘ und der Boys‘ Day Gelegenheit, sich damit auseinanderzusetzen, dass der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt geschlechtsspezifisch aufgeteilt sind.

Gleichberechtigung im Übergang von Schule zu Beruf oder Studium ist kein Selbstläufer. Mit dem Girls‘ und dem Boys‘ Day wird Jahr für Jahr erreicht, dass Mädchen wie Jungen Wunschberufe für sich entdecken, an die sie vorher nicht gedacht haben, und in denen bisher nur wenige Frauen beziehungsweise Männer arbeiten. Gewerkschaftliches Ziel ist es, das Berufswahlspektrum für alle Jugendlichen zu erweitern und damit mehr Optionen für die berufliche Zukunft und Lebensplanung zu erschließen. Als Gewerkschaft stehen wir außerdem dafür ein, die überwiegend von Frauen gewählten Berufe aufzuwerten. Die aktuelle Tarifrunde hat dazu einen Beitrag geleistet.

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Gleichstellung Artikel Hauptvorstand
news-13979 Thu, 19 Apr 2018 07:39:10 +0200 Paritätische Mitbestimmung: Im Interesse aller Hochschulmitglieder https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/paritaetische-mitbestimmung-im-interesse-aller-hochschulmitglieder/ In Thüringen hat die rot-rot-grüne Landesregierung einen Gesetzentwurf zur Stärkung der Mitbestimmung an den Hochschulen vorgelegt, über den voraussichtlich kommende Woche der Landtag entscheiden wird. Stein des Anstoßes für viele Rektorinnen und Rektoren: Einige Entscheidungen soll nicht mehr die Gruppe der Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer mit absoluter Mehrheit entscheiden, sondern alle vier Statusgruppen – auch die wissenschaftlichen und administrativ-technischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Studierenden – sollen gleichberechtig mitbestimmen. Ein wichtiges Signal für die überfällige Demokratisierung der Hochschulen – auch über den Freistaat Thüringen hinaus, findet der stellvertretende Vorsitzende und Hochschulexperte der GEW, Andreas Keller.                                                                                         

Kommentar von Andreas Keller:

Ab Mitte der 1990er Jahre setzte sich in der bundesdeutschen Hochschulgesetzgebung eine regelrechte Monokultur durch: Stärkung der Eigenverantwortung der Hochschulen, Entmachtung der gewählten Kollegialorgane zu Gunsten autokratischer Rektorate und Präsidien, Einführung von mit zumeist Wirtschaftsvertretern besetzten Hochschulräten.
Dabei liegen die Alternativen für eine zukunftsfähige Hochschulreform auf dem Tisch – die Bildungsgewerkschaft GEW hat Konzepte für eine zukunftsfähige Hochschulgesetzgebung erarbeitet: Es geht um eine Demokratisierung der Hochschulen – Autonomie ohne Autokratie!
Mit dem Verweis auf das Karlsruher Hochschulurteil von 1973 wird seit Jahrzehnten jede Debatte über eine Demokratisierung der Hochschulen im Keim erstickt. Vor 45 Jahren hatte das Bundesverfassungsgericht in einem umstrittenen Urteil entschieden, dass sich aus dem Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit des Grundgesetzes der Grundsatz ableiten lasse, dass die Gruppe der Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer in allen Fragen, welche Lehre und Forschung unmittelbar betreffen, über die Hälfte bzw. Mehrheit der Stimmen verfügen müssen.

Der Freistaat Thüringen hat die historische Chance, Bewegung in die festgefahrene Debatte um die Hochschul-Governance zu bringen.

50 Jahre nach der antiautoritären Studierendenbewegung in der Bundesrepublik und knapp 30 Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR hat der Freistaat Thüringen die historische Chance, wieder Bewegung in die festgefahrene Debatte zu bringen. Es ist daher ein wichtiges Signal, dass die über Jahrzehnte als sakrosankt geltende flächendeckende Professor_innenmehrheit in den Hochschulgremien in Frage gestellt wird – und zwar ohne mit den Vorgaben der Karlsruher Rechtsprechung in Konflikt zu kommen. Denn das Bundesverfassungsgericht hatte 1973 nur in unmittelbar Forschung und Lehre betreffenden Sachverhalten eine Professorenmehrheit verlangt. Für Angelegenheiten, die Forschung und Lehre nicht oder nur mittelbar betreffen, gilt diese Vorgabe gerade nicht. Verfassungsrechtlich zulässig ist vielmehr eine grundsätzlich gruppenparitätische Zusammensetzung von Hochschulgremien.

Die Zeit ist reif für einen Neuanfang in der erstarrten Debatte um die Hochschul-Governance. Alle am Wissenschaftsprozess beteiligten Gruppen müssen endlich auf Augenhöhe an Entscheidungen beteiligt werden. Entscheidungen, die den unterschiedlichen Perspektiven der Hochschulmitglieder Rechnung tragen müssen, werden nicht nur eine höhere Akzeptanz haben, sondern auch ausgewogener und sachgerechter ausfallen.
Ich hätte mir zwar von der Regierungskoalition in Erfurt noch etwas mehr Mut gewünscht. So ist der Katalog der Aufgaben, für welche die Professorenmehrheit weiter gilt, zu groß geraten: Sogar bei der Entscheidung über die Grundordnung und bei der Wahl und Abwahl der Mitglieder des Präsidiums wird eine Professorenmehrheit verlangt. Dabei betreffen diese Strukturentscheidungen Forschung und Lehre gerade nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar, wären also auch im Sinne der Verfassungsrechtsprechung für eine paritätische Mitbestimmung geeignet.

Aber es bleibt dabei: Wenn der Gesetzgeber zumindest für einige Entscheidungen gruppenparitätische Verfahren ohne Professorenmehrheit vorsieht, ist das ein wichtiger erster Schritt zur Demokratisierung der Hochschulen, dem weitere folgen können. Wenn endlich der lähmende Grundsatz außer Kraft gesetzt wird, dass eine Gruppe alle anderen überstimmen kann, müssen unterschiedliche Interessen von Professorinnen und Professoren, Studierenden, wissenschaftlichen und administrativ-technischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu einem fairen Ausgleich gebracht werden. Das ist im Interesse aller Hochschulmitglieder.

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Studium Wissenschaft Artikel Hauptvorstand
news-13975 Wed, 18 Apr 2018 13:45:39 +0200 „Es war wichtig für mich, in die GEW einzutreten!“ https://www.gew.de/troed2018/was-sagen-gew-mitglieder/ Ernie Schaaf-Peitz leitet eine Kita in Wittlich (Rheinland-Pfalz) und ist Mitglied der GEW-Tarifkommission. Hier erklärt sie, warum es für sie wichtig war, in die GEW einzutreten. Schulsozialarbeit Kita Tarif TVöD Artikel Hauptvorstand news-13972 Wed, 18 Apr 2018 13:02:34 +0200 „Transit“: Verfilmung von Anna Seghers Exilroman https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/transit-verfilmung-von-anna-seghers-exilroman/ Christian Petzold hat mit „Transit“ den gleichnamigen Exilroman von Anna Seghers verfilmt. Es geht um Fluchterfahrungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs vor dem Hintergrund des heutigen Frankreich. Zum Film gibt es auch Unterrichtsmaterial. Die deutschen Truppen stehen vor Paris. Der deutsche Flüchtling Georg (Franz Rogowski) entkommt im letzten Moment nach Marseille. Im Gepäck hat er die Hinterlassenschaft des Schriftstellers Weidel, der sich aus Angst vor seinen Verfolgern das Leben nahm: ein Manuskript, Briefe, die Zusicherung eines Visums durch die mexikanische Botschaft. In Marseille darf nur bleiben, wer beweisen kann, dass er gehen wird. Visa für die möglichen Aufnahmeländer werden gebraucht, Transitvisa, die raren Tickets für die Schiffspassage. Georg erinnert sich der Papiere Weidels und nimmt dessen Identität an. Er taucht ein in die Existenz des Transits. Flüchtlingsgespräche in den Korridoren des kleinen Hotels, der Konsulate, in den Cafés und Bars am Hafen. Lässt sich anderswo ein neues Leben beginnen? Alles verändert sich, als Georg die geheimnisvolle Marie (Paula Beer) trifft und sich in sie verliebt.

Kinofenster.de wählte „Transit“ zum Film des Monats und erklärt, wie Petzold darin das Historische mit dem Heute verschränkt und so Fragen an die Gegenwart stellt. Zudem gibt es einen Hintergrund zum Thema Flucht vor dem Nationalsozialismus in der Filmgeschichte. „Transit“ kann in den Fächern Deutsch, Geschichte, Politik, Französisch, Kunst, Geografie und Sozialkunde ab der Oberstufe besprochen werden. Dazu gibt es Arbeitsblätter.

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Schule Migration Artikel Unterrichtsmaterial Hauptvorstand
news-13970 Wed, 18 Apr 2018 12:03:03 +0200 Unterrichtsmaterial zum Alltag in der DDR https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/unterrichtsmaterial-zum-alltag-in-der-ddr/ Zu der Ausstellung „Voll der Osten. Leben in der DDR“ der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gibt es Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte. Ein Thema ist zum Beispiel die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen in der DDR. Die Berliner Ausstellung „Voll der Osten. Leben in der DDR“ der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zeigt mit 20 Ausstellungstafeln und mehr als 100 Fotografien Geschichten aus dem Alltag der DDR. Die Ausstellungstexte verfasste der Historiker Stefan Wolle verfasst, der wie der Fotograf Harald Hauswald in der DDR aufwuchs. „Voll der Osten“ knüpft an die Ausstellung „Die heile Welt der Diktatur? Herrschaft und Alltag in der DDR“ an, mit der die Bundesstiftung Aufarbeitung 2010 Fotos von Harald Schmitt präsentierte. 

Zur Ausstellung gibt es kostenloses Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte. Die Handreichungen beinhalten drei Einstiegsmodule für die Sekundarstufe I und II (davon eins in leichter Sprache) sowie fünf Arbeitsblätter. Themen sind zum Beispiel die Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit, Machtausübung im SED-Staat, die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen in der DDR sowie Alltagserfahrungen unterschiedlicher Frauengenerationen in der DDR.

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Schule Artikel Unterrichtsmaterial Hauptvorstand
news-13944 Wed, 18 Apr 2018 00:05:00 +0200 Tarifabschluss: Im Schnitt rund 7,5 Prozent für die Beschäftigten! https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/tarifabschluss-im-schnitt-rund-75-prozent-fuer-die-beschaeftigten/ Drei lange Verhandlungstage waren nötig. Bis zuletzt hatten die Arbeitgeber die Forderungen der Gewerkschaften zurückgewiesen. Am Ende verständigten sich die Tarifparteien auf neue Tabellen. Im Durchschnitt bedeutet das rund 7,5 Prozent mehr Gehalt. Das zentrale Thema der Tarifrunde war die Forderung, dass die Gehälter im öffentlichen Dienst in Zeiten von Wirtschaftswachstum, Fachkräftemangel und Rekordsteuereinnahmen deutlicher steigen sollen als in den Jahren zuvor. Das ist im Kern gelungen.

„Mit dem Abschluss wird der öffentliche Dienst gestärkt und attraktiver.“ (Marlis Tepe)

„Im Schnitt werden die Kolleginnen und Kollegen rund 7,5 Prozent mehr Gehalt in der Tasche haben, bei einer Laufzeit von 30 Monaten des Tarifvertrages. Zusätzlich erhalten die Beschäftigten in den unteren Gehaltsgruppen eine Einmalzahlung von 250 Euro“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe nach Abschluss der Verhandlungen am Mittwoch in Potsdam. „Mit dem Abschluss wird der öffentliche Dienst gestärkt und attraktiver. Es ist gelungen die Funktions- und Konkurrenzfähigkeit zu verbessern“, sagte Tepe. Auch GEW-Tarifexperte Daniel Merbitz kommentierte das Verhandlungsergebnis in Potsdam: „Wir hätten uns eine kürzere Laufzeit gewünscht, aber das ist unter dem Strich die höchste Steigerung seit Jahren und ein richtig gutes Ergebnis“.

Damit alle Beschäftigten in einem ausgewogenen Verhältnis von der Tariferhöhung profitieren, haben sich die Gewerkschaften mit den Arbeitgebern darauf geeinigt, in dieser Runde alle Tabellenwerte einzeln anzuheben. Die Erhöhungen folgen dabei drei Leitprinzipien:

  • Berufseinsteigerinnen und -einsteiger und damit insbesondere junge Menschen erhalten höhere Gehälter (Stufe 1 aller Entgeltgruppen wird überproportional angehoben).
  • Beschäftige in sozialen, technischen und IT-Brerufen, in denen das Gefälle zur Wirtschaft besonders groß ist, werden besser bezahlt.
  • Zugleich machen die Kolleginnen und Kollegen mit den unteren Gehältern einen Sprung, weil sie eine Einmalzahlung erhalten erhalten.

Auch bei der Jahressonderzahlung gab es einen Erfolg. Diese werden für die Beschäftigten in den östlichen Bundesländern schrittweise auf das Westniveau angehoben. „30 Jahre nach der deutschen Einheit wird damit endlich eine unfaire Benachteiligung der Beschäftigen in Ostdeutschland beendet“, kommentierte Tepe das Verhandlungsergebnis.

Wie zuvor beim Bund und im Tarifvertrag der Länder (TV-L) wird die Jahressonderzahlung in vier Schritten über den Zeitraum von vier Jahren angehoben, bis sie 2022 vollständig an das Westniveau angeglichen ist. Der erste Schritt erfolgt 2019 mit einer Anhebung auf 82 Prozent des Westniveaus, 2020 auf 88 Prozent, 2021 auf 94 Prozent und 2022 schließlich 100 Prozent.

GEW-Chefin Tepe wies außerdem darauf hin, dass die GEW einen weiteren Erfolg verbucht habe. „Wir haben die Zusage, dass die GEW mit dem Kommunalen Arbeitgeberverband (KAV) Bayern über eine tarifliche Entgeltordnung für angestellte Lehrkräfte an den kommunalen Schulen verhandeln wird.“ Auf Druck der Bildungsgewerkschaft habe die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) den Weg für Tarifverhandlungen frei gemacht.

Der Tarifabschluss zusammengefasst:

  • Insgesamt 7,5 Prozent bei 30 Monaten Vertragslaufzeit.
  • Mindestens 7,3 Prozent mehr für den Sozial- und Erziehungsdienst.
  • Bis zu 12 Prozent mehr für Einsteigerinnen und Einsteiger (Stufe 1 aller Entgeltgruppen).
  • Überproportionale Steigerung der unteren Entgeltgruppen.
  • Rückwirkend zum 1. März 2018: Im Schnitt 3,19 Prozent mehr.
  • Ab 1. April 2019: Im Schnitt 3,09 Prozent mehr.
  • Ab 1. März 2020: Im Schnitt 1,06 Prozent mehr.
  • Zusätzlich gibt es zum 1. März 2018 für die Entgeltgruppen E 1 bis E 6 sowie S 2 bis S 4  eine Einmalzahlung in Höhe von 250,- Euro.
  • Angleichung der Jahressonderzahlung Ost in vier Schritten.
  • Zusage für Verhandlungen zur Eingruppierung kommunaler Lehrkräfte.

Die Erhöhungen im ausgehandelten Tarifabschluss können in den Entgelttabellen sehr unterschiedlich ausfallen. Die GEW gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Tarifabschluss. Dort gibt es auch die Möglichkeit zu kommentieren.

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Schulsozialarbeit Kita Tarif TVöD Artikel Hauptvorstand
news-13943 Tue, 17 Apr 2018 11:35:51 +0200 Tarifrunde in Bildern https://www.gew.de/troed2018/bilder/ Bei den Verhandlungen zum Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen (TVöD) geht es um die allgemeine Lohnerhöhung für weit über zwei Millionen Beschäftigte. Die Tarifrunde 2018 in Bilden. Schulsozialarbeit Kita Tarif TVöD Artikel Hauptvorstand news-13941 Tue, 17 Apr 2018 11:00:00 +0200 „Ohne gewerkschaftliches Engagement geht es nicht!“ https://www.gew.de/troed2018/was-sagen-gew-mitglieder/ Zur Stunde verhandeln Gewerkschaften und Arbeitgeber weiter – gestern hatte die GEW-Tarifkommission den Verhandlungsstand diskutiert. „Ohne gewerkschaftliches Engagement geht es nicht!“ – findet Jens Kastner, Mitglied der Tarifkommission. Schulsozialarbeit Kita Tarif TVöD Artikel Hauptvorstand news-13936 Mon, 16 Apr 2018 20:28:17 +0200 „Verbesserungen gibt es nur mit einer starken GEW!“ https://www.gew.de/troed2018/was-sagen-gew-mitglieder/ Die GEW-Tarifkommission hat den Verhandlungsstand diskutiert. "Verbesserungen gibt es nur mit einer starken GEW" – findet Christine Münch, Erzieherin und Mitglied der Tarifkommission. Schulsozialarbeit Kita Tarif TVöD Artikel Hauptvorstand news-13929 Mon, 16 Apr 2018 10:22:33 +0200 Weg vom Püppchenimage https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/weg-vom-pueppchenimage/ Wie ist es, als Frau in einem männerdominierten Beruf zu arbeiten? Die GEW NRW hat drei Frauen befragt: Fatiha Essinnou hat einen Metallhandel im Bergischen Land, Susanne arbeitet bei der Polizei, Lisa Kapteinat ist Politikerin im Landtag.
  • Als Frau in der Politik: Lisa Kapteinat
  • „Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass es nichts gibt, dass ich wegen meines Geschlechts nicht erreichen könnte. Lange waren deshalb Feminismus oder Gleichberechtigung keine Themen, mit denen ich mich beschäftigte. Ich würde sogar sagen, dass bei mir fehlendes Problembewusstsein vorlag. Das hat sich mit dem Einstieg in die Berufswelt geändert.

    Im Studium war das Männer-Frauen-Verhältnis ausgewogen. Im Referendariat habe ich Sitzungsvertretung der Staatsanwaltschaft gemacht und erstmalig gehört wie ein Anwalt seinem Mandanten erklärte, dass die rechtliche Einschätzung der „Maus“ nicht richtig sei. Die Verspätung eines Bekannten, ebenfalls Politiker, wurde damit entschuldigt, dass er mich – eine junge, blonde Frau – mitgebracht habe und deshalb alles verziehen sei. Den abcheckenden Blick gab es gratis dazu. Solche Erfahrungen sind keine Einzelfälle.

    Für mich ist in der #MeToo-Debatte zwischen tatsächlicher sexueller Belästigung und beruflicher Diskriminierung zu unterscheiden. Sowohl die Hand auf dem Hintern in der Disko, als auch das „auf die Pelle rücken“ im Gespräch kenne ich wie leider viele Frauen. Schlimmeres musste ich nie erleben. Das Gute an solchen Erfahrungen? Mein Problembewusstsein ist geschärft. Sexuelle Diskriminierung am Arbeitsplatz ist kein Geheimnis. Wir müssen weiter aktiv dagegen vorgehen. Ich glaube #MeToo hat einen großen Teil dazu beigetragen, das Thema in den Fokus zu rücken und die Gesellschaft zu sensibilisieren.“

    • Als Frau bei der Polizei: Susanne

    „Ich bin jetzt seit 25 Jahren bei der Polizei. Besonders am Anfang meiner Karriere war das als eine der wenigen Frauen nicht leicht. Als Frau wurde man zuerst nach dem Aussehen beurteilt. Wenn man blond war und große Brüste hatte, war das in den Augen der Kollegen erst einmal gut. Wenn das nicht der Fall war, mussten Frauen schon sehr kumpelhaft sein, um einen Fuß auf den Boden zu kriegen. Ich kann mich auch an eine Situation erinnern, in der ein Kollege nach Feierabend einen zotigen Witz gemacht hat. Ich war die einzige Frau in der Runde und keiner meiner Kollegen hat etwas dazu gesagt. Im schlimmsten Fall sollte ich den Spruch sogar als Kompliment auffassen. Das war der Gipfel. In solchen Situationen wünsche ich mir mehr Unterstützung von meinen Kollegen, aber die Männer halten sich meistens dezent zurück.

    Frauen werden oft vom polizeilichen Gegenüber nicht als Gesprächspartnerin gewählt, weil von männlichen Kollegen mehr Kompetenz erwartet wird. Wenn man als Frau das entsprechende Auftreten hat, relativiert sich das – auch mit zunehmendem Alter. Als junge Frau hat es mich gestört, wenn jemand anscheinend lieber mit meinem Kollegen gesprochen hat als mit mir. Mittlerweile stehe ich dadrüber, weil ich weiß, dass es nur etwas mit den privaten Erfahrungen der Menschen und nicht mit meinem Können zu tun hat. Heute hat sich schon viel verbessert und es ist in der Regel so, dass Kolleginnen nach ihrer Leistung beurteilt werden. Polizistinnen machen aber Erfahrungen, die sie nicht öffentlich erzählen können, weil sie nach Jahren noch Einfluss auf die Arbeit haben.

    Die #MeToo-Debatte war aus meiner Sicht längst überfällig. Ich möchte einen großen Appell an die Männer richten: Wenn ihr das nächste Mal so eine Situation mitbekommt, sagt bitte etwas dazu! Denkt immer daran, dass ihr euch so einen Umgang auch nicht für eure Töchter oder Ehefrauen wünschen würdet.“

    • Als Frau im Metallhandel: Fatiha Essinnou

    „Meine negativen Erfahrungen umfassen sowohl verbale als auch sexuelle Belästigung sowie körperliche Übergriffe. Die schlimmste berufliche Erfahrung zu diesem Thema musste ich schon sehr jung sammeln. Ich war 22 Jahre alt und besuchte einen Kunden, der im gesamten Gesprächsverlauf erkennen ließ, dass er lieber anderes täte, als über das Geschäft zu sprechen. Ich fühlte mich bedrängt und der Umstand, dass wir allein waren, machte mir zusätzlich Angst. Ich versuchte mehrfach das Gespräch zu lenken, jedoch vergebens. Als ich erkannte, dass die Situation zu kippen drohte, wollte ich gehen. Doch er packte mich, hielt mich in einer Umarmung gefangen und die andere Hand wanderte auf meinen Po. Er flüsterte mir dabei Dinge ins Ohr, die mich wohl zum Bleiben animieren sollten, aber ich schaffte es irgendwie, mich aus seiner Umarmung zu befreien und rannte hinaus. In Freiheit weinte ich aus Verzweiflung und Erleichterung zugleich.

    Die #MeToo Debatte hat interessante, frustrierende, vorurteilsbehaftete, verständnislose, verständnisvolle, empörte und auch desinteressierte Reaktionen in meinem Umfeld ausgelöst. Eine Unterscheidung in eine typisch „männliche“ oder „weibliche“ Reaktion ist nicht möglich. Es ist die eigene Erfahrung, die einem als Basis für die subjektive Sichtweise auf die Debatte dient. Es ist immer richtig, Missstände aufzuzeigen, diese in das Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken, darüber zu diskutieren und vor allem Konsequenzen zu ziehen, die präventiv wirken.“

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    Gleichstellung Artikel Hauptvorstand
    news-13923 Fri, 13 Apr 2018 14:52:02 +0200 Streik-Endspurt: "Sechs Prozent mehr Lohn, mindestens 200 Euro!" https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/streik-endspurt-sechs-prozent-mehr-lohn-mindestens-200-euro/ Zum Warnstreik-Endspurt sind heute noch einmal Tausende für ihre berechtigten Forderungen auf die Straße gegangen. GEW-Chefin Marlis Tepe richtete in Dresden deutliche Worte an die Arbeitgeber.

    „Sechs Prozent mehr Lohn, mindestens 200 Euro, jetzt!“ (Marlis Tepe)

    Auf der zentralen Warnstreikkundgebung auf dem Dresdner Markt richtete die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe klare Worte an die Arbeitgeber: „Wer Fachkräfte gewinnen will, muss das Personal so bezahlen und die Arbeitsbedingungen so gestalten, dass der Arbeitsplatz attraktiv ist. Deshalb: Sechs Prozent mehr Lohn, mindestens 200 Euro, jetzt! Die hohe Streikbeteiligung in Sachsen gibt dem Verhandlungsführer Frank Bsirske und uns in der GEW Rückenwind für die am Sonntag startende nächste Verhandlungsrunde.“ Tepe versprach sich von der hohen Streikbeteiligung, dass den Arbeitgebern nun deutlich werde, wie entschlossen die Kolleginnen und Kollegen seien.

    “Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Wir haben aber nicht vor zu verlieren!“, bekräftigte die Vorsitzende der GEW-Sachsen-Anhalt die Forderungen der Gewerkschaften bei der Warnstreikkundgebung in Leipzig. Dort waren ebenfalls Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in den Streik getreten.

    Auch die GEW- Hessen beteiligten sich am Streik-Endspurt. „Die Arbeitgeberseite hat die umfangreichen Streiks in dieser Woche ganz alleine zu verantworten“, erklärte Karola Stötzel, stellvertretende Vorsitzende der GEW-Hessen, am Freitag beim Warnstreik in Frankfurt am Main. Dort waren die Beschäftigten der Kindertagesstätten und des öffentichen Nahverkehrs den Warnstreikaufrufen von GEW und ver.di gefolgt.
     

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    Schulsozialarbeit Kita Tarif TVöD Artikel Hauptvorstand
    news-13911 Fri, 13 Apr 2018 10:03:00 +0200 Raus zum 1.Mai! https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/raus-zum-1mai/ Die Gewerkschaften demonstrieren am 1. Mai wieder für eine solidarische, vielfältige und gerechte Gesellschaft in Deutschland und Europa. Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe wird auf der 1.-Mai-Feier in Hannover sprechen. Unter dem Motto „Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit“ rufen der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Mitgliedsgewerkschaften auf, an den Kundgebungen und Demonstrationen zum 1. Mai 2018, dem „Tag der Arbeit“, teilzunehmen. Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe spricht während der 1.-Mai-Feier in Hannover auf dem Trammplatz. Die Veranstaltung beginnt um 9.30 Uhr. GEW-Tarifexperte Daniel Merbitz wird ab 11 Uhr in Erlangen als Redner auf dem Neustädter Kirchenplatz erwartet.

    Die zentrale Mai-Kundgebung des DGB mit dem DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann findet in diesem Jahr in Nürnberg statt. Der DGB forderte von der großen Koalition bereits mehr soziale Gerechtigkeit, mehr solidarische Politik und mehr Förderung der Vielfalt: „Solidarität statt gesellschaftliche Spaltung und Ausgrenzung, klare Kante gegen Rassismus und extreme Rechte.“

    Konkret verlangen die Gewerkschaften außerdem:

    • die Abschaffung von Niedriglöhnen, Mini- und Midijobs
    • die Abschaffung von Überstunden und Überlastung im öffentlichen Dienst durch die Einstellung von mehr Personal
    • mehr Mitbestimmung der Beschäftigten bei ihrer Arbeitszeitplanung
    • mehr Investitionen in bessere Bildung und Infrastruktur
    • die Schließung der Lohnlücke von 21 Prozent bei der Bezahlung von Frauen
    • ein Verbot für Arbeitgeber, aus der Tarifbindung auszusteigen
    • ein gerechtes Steuersystem, in dem Reiche mehr übernehmen als Arme
    • die Stärkung eines sozialen und solidarischen Europas

    Der 1. Mai wird als Internationaler Tag der Arbeiterbewegung gefeiert. Seine Anfänge gehen zurück auf das Jahr 1890. Damals begingen erstmals Millionen arbeitender Menschen in Europa und in den USA gleichzeitig den „Weltfeiertag der Arbeit“. Um sozialen Ausgleich und Deeskalation des Klassenkonflikts bemüht wurde der 1. Mai 1900 als bezahlter - zunächst halber - Feiertag einführt.

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    Artikel Hauptvorstand
    news-13910 Fri, 13 Apr 2018 07:34:24 +0200 Warnstreiks erreichen Höhepunkt https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/warnstreiks-erreichen-hoehepunkt/ Bei den bislang gößten Warnstreiks im aktuellen Tarifstreit des öffentlichen Dienstes sind in den vergangenen Tagen Zehntausende in den Ausstand getreten. Viele Kitas und sozialpädagogische Einrichtungen blieben geschlossen. Im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes haben die Warnstreiks der Beschäftigten in den vergangenen Tagen den Höhepuntk erreicht: Quer durch die Republik legten Zehntausende die Arbeit nieder und demonstrierten für sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro mehr Gehalt. In Nürnberg folgten am Mittwoch rund 9.000 Kolleginnen und Kollegen dem Streikaufruf von GEW und ver.di. Neben Erzieherinnen und Erziehern, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen gingen zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer, die einen eigenen Eingruppierungsvertrag im TVöD für Lehrkräfte fordern, mit auf die Straße. In mehreren Demonstrationszügen zogen sie zum Kornmarkt vor dem Gewerkschaftshaus. GEW-Tarifexperte Daniel Merbitz sagte bei der Abschlusskundgebung, es sei „ein Skandal“, dass 30 Jahre nach dem Mauerfall immer noch ein Unterschied für Ostdeutschland gemacht würde. Skandalös sei auch die Verweigerung einer Entgeltordnung für die kommunal angestellten Lehrkräfte.

    In Hamburg marschierten am Donnerstagmorgen etwa 4.000 Kolleginnen und Kollegen zu den Bücherhallen am Hühnerposten, von dort ging es weiter zur Abschlusskundgebung vor dem DGB‐Haus am Besenbinderhof. „Die Gehälter im öffentlichen Dienst müssen insgesamt konkurrenzfähig sein. Doch nach wie vor gibt es Nachholbedarf zur allgemeinen Tarifentwicklung. Seit dem Jahr 2000 liegt die Gehaltsentwicklung im öffentlichen Dienst etwa vier Prozent unter dem Durchschnitt. Um diese Lücke endlich zu schließen, sind sechs Prozent die richtige Forderung“, sagte der Tarifexperte der GEW-Hamburg, Jens Kastner.

    In Kiel blieben zahlreiche Kindertagesstätten geschlossen, da rund 4.000 Beschäftigte in den Warnstreik gegangen waren. Auf der Abschlusskundgebung auf dem Platz der Kieler Matrosen ktritisierte die Vorsitzende der GEW-Schleswig-Holstein, Astrid Henke: „Seit 53 Tagen gibt es kein Angebot der Arbeitgeber. Sendepause, obwohl die Steuereinnahmen bei Bund, Ländern und Kommunen sprudeln.“ Die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst sollten nicht nur fremde Kinder in Kitas und Krippe zu betreuen, erziehen und auszubilden, sondern hätten auch ein Anrecht darauf, ihre eigenen Kinder ohne finanzielle Sorge groß werden zu lassen. In Hannover legten rund 10.000 Beschäftigte die Arbeit nieder.

    Vom Bremer Weserstadion aus zogen am Donnerstag rund 3.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes durch die Hansestadt, darunter Kindergärtnerinnen aus Bremen und dem benachbarten Niedersachsen sowie pädagogische Mitarbeiter und Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter aus Bremerhaven. Bei der Kundgebung vor der Bremischen Bürgerschaft sagte der Landesvorstandssprecher der GEW-Bremen, Chrisian Gloede: „Von Bremen geht ein starkes Signal nach Potsdam, wo am Sonntag und Montag die vielleicht letzte Verhandlungsrunde stattfindet. Dieser Streik ist auch Ausdruck der Solidarität mit den Menschen, die auf unsere Arbeit angewiesen sind – wir brauchen mehr von uns, und um das zu erreichen, brauchen wir für uns und die, die kommen sollen, bessere Arbeitsbedingungen.“

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    Schulsozialarbeit Kita Tarif TVöD Artikel Hauptvorstand
    news-13898 Thu, 12 Apr 2018 12:04:54 +0200 „Gender Matters“: Plattform zu Feminismus und Frauenrechten https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/gender-matters-plattform-zu-feminismus-und-frauenrechten/ Anlässlich des 100. Jubiläums des Frauenwahlrechts informiert der neue Facebook-Kanal „Gender Matters“ der Friedrich-Ebert-Stiftung über Geschlechtergerechtigkeit, Feminismus und Frauenrechte. Das Forum Politik und Gesellschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung hat einen neuen Facebook-Kanal: „Gender Matters“ ist eine Plattform zu den Themen Geschlechtergerechtigkeit, Feminismus und Frauenrechte. Anlass des neuen digitalen Angebots ist das 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts: Viele Themen, für die Frauen damals schon auf die Straße gegangen seien, seien heute nicht weniger aktuell.

    Auf „Gender Matters“ treten gegenwärtige und historische Persönlichkeiten miteinander in den Dialog, die für Frauenrechte, Gleichstellung und politische Teilhabe von Frauen eingetreten sind und sich auch heute einsetzen. Das Archiv der Sozialen Demokratie der FES hat dazu historische Porträts und Zitate bereitgestellt, die mit Statements und Fotografien heutiger Engagierter verbunden werden.

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    Artikel Hauptvorstand
    news-13896 Thu, 12 Apr 2018 11:27:02 +0200 DGB-Index Gute Arbeit: Arbeit und Pflege sind schlecht vereinbar https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/dgb-index-gute-arbeit-arbeit-und-pflege-sind-schlecht-vereinbar/ Jeder elfte Beschäftigte – darunter mehr Frauen als Männer – muss neben seinem Job einen Angehörigen pflegen. 71 Prozent können das jedoch zeitlich schlecht vereinbaren, wie eine Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit ergeben hat. Die meisten Beschäftigten haben Probleme, die Pflege eines Angehörigen mit ihrem Job zu kombinieren: 71 Prozent können dies zeitlich nur schlecht vereinbaren, wie eine Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit ergab. 3,3 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig, etwa zwei Drittel von ihnen werden zu Hause versorgt. Jeder elfte Beschäftigte muss daher seinen Job und die Pflege eines Angehörigen unter einen Hut bringen. Frauen sind in dieser Gruppe etwas häufiger vertreten als Männer – der Anteil Pflegeverantwortlicher in Teilzeit liegt bei elf Prozent, in Vollzeit bei acht Prozent. Offenbar ist die meist von Frauen geleistete Teilzeitbeschäftigung ein Weg, um  Arbeit und Pflege zu vereinbaren. Darauf deutet auch der höhere zeitliche Umfang der Pflegetätigkeit bei Teilzeitbeschäftigten hin.

    Die Befragten mit Pflegeverantwortung gaben an, dass sie pro Woche im Durchschnitt 13,3 Stunden für die Pflege aufwenden müssten. Frauen kostet dies etwas mehr Zeit: Sie leisten im Schnitt 15 Stunden für die Pflege, Männer etwa 12 Stunden. Besonders schwierig stellt sich die Vereinbarkeitssituation für vollzeitbeschäftigte Frauen dar: Hier geben 78 Prozent an, Schwierigkeiten zu haben. Für 25 Prozent ist dies sehr häufig, für 13 Prozent oft und für 40 Prozent selten der Fall. Die Werte bei den teilzeitbeschäftigten Frauen liegen deutlich darunter (14 Prozent / 14 Prozent / 41 Prozent).

    Die GEW engagiert sich auch vor diesem Hintergrund für eine neue Zeitpolitik. Job, Familie, soziales Engagement, eigene Bedürfnisse: In einem erfüllten Leben brauchen wir Zeit für vieles - und diese Zeit ist oft knapp. Insbesondere für Frauen ist ein Neudenken bei der Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit gefragt. „Zeit ist ein zentrales Frauen-, Gleichstellungs- und geschlechterpolitisches Thema“, betont die Leiterin des GEW-Arbeitsbereichs Frauenpolitik, Frauke Gützkow.

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    Mitglieder 60+ Gleichstellung Artikel Hauptvorstand
    news-13788 Thu, 12 Apr 2018 11:00:00 +0200 Streik für eine sichere Rente https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/streik-fuer-eine-sichere-rente/ An rund 60 britischen Hochschulen sind Professorinnen und Professoren sowie Beschäftigte auf die Straße gegangen, um gegen die geplante Rentenreform des Universitätsverbands Universities UK zu demonstrieren. Die GEW unterstützt den Protest. „Hände weg von unseren Renten!“, „Rentenkürzungen sind Lohnkürzungen“: Mit Slogans wie diesen zogen ab Mitte Februar fast vier Wochen lang immer wieder Tausende Professorinnen und Professoren, Hochschulmitarbeiterinnen und -mitarbeiter sowie Studierende durch die Innenstädte von London, Manchester oder Liverpool. Sie nahmen an einem der größten Hochschulstreiks in der Geschichte Großbritanniens teil. „Es sind eindrucksvolle Märsche“, sagt der Soziologe Jakob Hartl, der an der University of Bristol eine Doktorarbeit schreibt und bei mehreren Protestaktionen mitgemacht hat.

    Die Aktivitäten richten sich gegen die Rentenreform des UUK, der mit den Rentenbeiträgen der Hochschulmitarbeiter künftig an der Börse spekulieren will. Eine Garantie für die Höhe der ausgezahlten Renten soll es ab April 2019 nicht mehr geben. Mit der geplanten Reform will der Verband ein Finanzloch von 6,1 Milliarden Britischen Pfund stopfen.

    Organisiert wurde der Hochschulstreik von der GEW-Partnergewerkschaft University and College Union (UCU), der rund 110.000 Hochschulbeschäftigte angehören. Rob Copeland koordiniert internationale Solidaritätsaktionen für den UCU-Streik. Er findet die Rentenreform inakzeptabel: „Am Ende eines langen Arbeitslebens wissen die Beschäftigten nicht, mit welcher Rente sie rechnen können.“

    „Mit guten Argumenten für faire Beschäftigungsbedingungen ist es nicht getan.“ (Andreas Keller)

    Eine erste Vereinbarung, die UCU mit den Arbeitgebern Mitte März ausgehandelt hatte, wurde verworfen, nachdem die Gewerkschaftsmitglieder mit großer Mehrheit dagegen gestimmt hatten. Der Drei-Jahres-Deal hätte garantierte Rentenleistungen vorgesehen – allerdings unter der Bedingung, dass die Beiträge steigen. Die Streiks wurden fortgesetzt, um auf weitere Verhandlungen mit den Arbeitgebern zu drängen. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe der E&W waren weder Verhandlungsergebnisse noch ein Ende der Streiks absehbar. Der Druck auf den Verband UUK nimmt jedoch zu: Bald beginnt die Examensphase. Viele Studierende sind unzufrieden, dass trotz hoher Studiengebühren Seminare ausfallen – auch wenn sie die Streikaktionen unterstützen.

    Über die Grenzen Großbritanniens hinweg zeigen sich viele Organisationen und Einzelpersonen solidarisch mit UCU. Ende Februar reiste eine Delegation der GEW nach London. „Es war sehr kalt und es hat geschneit“, doch das habe die Stimmung nicht getrübt, resümiert Manfred Brinkmann, Referent für Internationales beim GEW-Hauptvorstand. Die GEW-Mitglieder nahmen an einem Protestmarsch durch die Londoner Innenstadt teil, in der Hand GEW-Plakate und Ballons. Die Delegierten hielten Reden und bekundeten ihre Solidarität mit den Aktionen der britischen Kolleginnen und Kollegen: „Die Resonanz war durchweg positiv“, sagt Brinkmann. Sally Hunt, Generalsekretärin der UCU, bedankte sich bei der GEW für die Unterstützung.

    Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der GEW und Leiter des Organisationsbereichs Hochschule und Forschung, ist beeindruckt von den Streikaktionen, die zurzeit in Großbritannien stattfinden: „Es gibt eine große Bereitschaft, sich gegen Missstände zu wehren.“ Keller erhofft sich vom Arbeitskampf der britischen Kolleginnen und Kollegen eine Vorbildfunktion für die deutsche Hochschullandschaft. Denn auch hier gibt es massive Probleme. Beispielsweise haben viele Hochschulmitarbeiterinnen und -mitarbeiter nur befristete Verträge. „Mit guten Argumenten für faire Beschäftigungsbedingungen ist es nicht getan“, sagt Keller. „Die Beschäftigten müssen sich gewerkschaftlich organisieren und engagieren, um ihre Ziele erfolgreich durchzusetzen.“

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    Wissenschaft Internationales Artikel Hauptvorstand
    news-13893 Thu, 12 Apr 2018 10:07:33 +0200 Umfrage: Frauen unterschätzen Lohnungerechtigkeit https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/umfrage-frauen-unterschaetzen-lohnungerechtigkeit/ Eine in der aktuellen Ausgabe von „Böckler Impuls“ vorgestellte Studie kommt zu dem Schluss: Weil die Arbeitswelt noch immer in Frauen- und Männerberufe gespalten ist, unterschätzen Frauen ihre Benachteiligung beim Lohn häufig. Frauen geben häufiger als Männer zu Protokoll, sie empfänden ihren Verdienst als gerecht. Eine Befragung der Hans-Böckler-Stiftung von fast 17.000 Vollzeitbeschäftigten zeigt: In vier von fünf Fällen fühlen sich Frauen eher gerecht bezahlt als Männer in vergleichbarer beruflicher Situation. Allerdings sind im beruflichen Umfeld dieser Frauen überwiegend ebenfalls Frauen tätig. Betrachtet man dagegen nur die Angaben von Frauen in Betrieben mit mindestens 50 Prozent Männeranteil, so verschwinden die Geschlechterunterschiede. Die Studie kommt zu dem Schluss: Gerade weil die Arbeitswelt noch immer in Frauen- und Männerberufe gespalten ist, unterschätzen Frauen ihre Benachteiligung beim Lohn häufig. 

    Der Gender Pay Gap, die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, liegt in Deutschland weiter bei mehr als 21 Prozent. Zur Ursachenforschung entwickelte die Soziologin Sarah Lillemeier den sogenannten Comparable-Worth-Index, der verschiedene Aspekte von Arbeit geschlechtsneutral abbildet und inhaltlich unterschiedliche Berufe vergleichbar macht. Der Index zeigt unter anderem: Gemessen an Anforderungen und Belastungen ist die Arbeit von Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen gleichwertig mit der von Elektrotechnikingenieuren. Diese bekommen für ihren Job jedoch rund 40 Prozent mehr Geld. Die GEW setzt sich seit langem mit der Initiative JA13 – Weil Grundschullehrerinnen es verdienen für eine gerechtere Bezahlung ein.

    Nach wie vor prägen Geschlechterbilder indes die Berufswahl, wie eine Grafik in der Ausgabe 6/2018 von Böckler Impuls veranschaulicht: Weiblich waren von den Azubis bei den Elektronikern nur 2,1 Prozent, bei den Kraftfahrzeugmechatronikern 4,2 Prozent und bei den Fachinformatikern 7,7 Prozent. Bei den zahnmedizinischen Fachangestellten waren dagegen zu 98,1 Prozent junge Frauen zu finden, bei den medizinischen Fachangestellten waren es 97,6 Prozent und bei den Bürokaufleuten 72,2 Prozent. Mit weiblichen Auszubildenden wurden 2017 laut BIBB die meisten Ausbildungsverträge wie in den Vorjahren in kaufmännischen Berufen abgeschlossen, bei den Männern lag der Kfz-Mechatroniker unverändert auf Rang eins.

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    Gleichstellung Artikel Hauptvorstand
    news-13891 Thu, 12 Apr 2018 09:24:35 +0200 Girls' und Boys' Day geben wieder Einblick ins Berufsleben https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/girls-und-boys-day-geben-wieder-einblick-ins-berufsleben/ Am 26. April ist wieder Girls' Day und Boys' Day: Organisationen und Unternehmen können noch Angebote für die Aktionstage melden. Ziel ist es, junge Menschen für eine Vielfalt von Berufsfeldern zu begeistern und Geschlechtsstereotype aufzubrechen. Am Girls' Day öffnen Unternehmen, Betriebe und Hochschulen in ganz Deutschland ihre Türen für Schülerinnen ab der 5. Klasse. Die Mädchen lernen dort Ausbildungsberufe und Studiengänge in IT, Handwerk, Naturwissenschaften und Technik kennen, in denen Frauen bisher eher selten vertreten sind. Oder sie begegnen weiblichen Vorbildern in Führungspositionen aus Wirtschaft und Politik. Hintergrund des Aktionstages: Junge Frauen in Deutschland verfügen zwar über eine besonders gute Schulbildung. Trotzdem wählt mehr als die Hälfte der Mädchen aus nur zehn verschiedenen Ausbildungsberufen im dualen System – kein einziger naturwissenschaftlich-technischer ist darunter.

    Der Girls' Day – Mädchenzukunftstag ist das größte Berufsorientierungsprojekt für Schülerinnen weltweit. Seit dem Start der Aktion im Jahr 2001 nahmen etwa 1,8 Millionen Mädchen teil. Im Jahr 2017 erkundeten rund 100.000 Mädchen Angebote in Technik und Naturwissenschaften, mehr als 10.000 Angebote von Unternehmen und Organisationen waren auf der Website des Aktionstages eingetragen. Der Mädchen-Zukunftstag wird vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit auf Bundesebene koordiniert. Hotline, Chat und Whatsapp für den Girls'Day sind bereits freigeschaltet. Schülerinnen und Eltern erhalten montags bis freitags von 14 Uhr bis 17 Uhr unter der Nummer 0521 106-7354 Antworten auf alle Fragen zum Aktionstag.

    Berufswahl bleibt geschlechtsspezifisch

    Mit dem Boys’ Day gibt es zudem einen Jungen-Zukunftstag. Auch Jungen und junge Männer haben zwar vielfältige Interessen und Stärken, entscheiden sich aber ebenfalls oft für traditionelle Berufe wie Kfz-Mechatroniker oder Industriemechaniker. Dabei gibt es noch mehr Berufsfelder, in denen männliche Fachkräfte und Bezugspersonen gesucht werden und sehr erwünscht sind – ob mit Hauptschulabschluss, einer Ausbildung, dem Abi oder Studium. Neben der Berufserkundung können die Schüler am Boys' Day auch an pädagogischen Workshops teilnehmen, in denen es um männliche Rollenbilder, Berufs- und Lebensplanung und die Vielfalt von Lebensentwürfen geht.

    Laut Statistischem Bundesamt begannen im Jahr 2015 die meisten jungen Frauen eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement, gefolgt von Einzelhandelskauffrau und medizinische Fachangestellte. Jungen entschieden sich am häufigsten für eine Lehre als Kraftfahrzeugmechatroniker, auch Industriemechaniker oder Elektroniker waren gefragt. Bei Studienanfängern in Ingenieur­wissen­schaften lag der Frauenanteil 2014 bei 21 Prozent, während 74 Prozent Erziehungswissenschaften, 72 Prozent Gesundheit und Soziales sowie 68 Prozent Geisteswissenschaften und Kunst wählten.

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    Berufliche Bildung Schule Bildung & Geschlecht Gleichstellung Artikel Hauptvorstand
    news-13721 Thu, 12 Apr 2018 09:00:00 +0200 Referendariat muss familienfreundlicher werden https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/referendariat-muss-familienfreundlicher-werden/ Wer den Vorbereitungsdienst mit kleinen Kindern absolviert, macht oft schlechte Erfahrungen. Auch das in einigen Bundesländern eingeführte Teilzeitreferendariat löst die Probleme nicht. Es fehlen etwa familiengerechte Arbeitszeiten. Referendariat mit kleinen Kindern? „Davon kann ich nur abraten!“, sagt Sonja Schulz (Name geändert). Im Februar 2014 begann die heute 40-Jährige in Bremen ihren Vorbereitungsdienst für das Lehramt. Ihre beiden Söhne waren zu diesem Zeitpunkt vier und sieben Jahre alt. Die Hälfte der Woche wohnen sie bei ihrem Vater, von dem Schulz getrennt lebt. Wenn sie heute an diese anderthalb Jahre denkt, dann erinnert sich Schulz an eine fortwährende Zerreißprobe: Zwischen den Anforderungen, die Ausbilderinnen und Ausbilder und Schule an sie stellten, und den Bedürfnissen ihrer Kinder. Anstrengend sei ein Referendariat fast immer – aber mit Kindern, sagt die Deutsch- und Kunstlehrerin, gebe es keine Möglichkeit, sich zwischendurch zu erholen.

    Eine Mitreferendarin habe sich einmal darüber beschwert, dass sie an einem Sonntag die Unterrichtsvorbereitung machen musste. „Das war mein Hauptarbeitstag, weil die Kinder bei ihrem Vater waren.“ Stets sei es darum gegangen, die Kinder weg zu organisieren, damit sie an den Schreibtisch konnte – und wenn die Jungen krank waren, musste sie eben nachts arbeiten. Darunter litt das Familienleben. „Ich habe mich immer auf den Samstag gefreut, damit wir mal etwas Schönes zusammen machen können“, sagt sie. Meistens habe sie sich dann im Spielzimmer auf den Teppich gelegt – und sei eingeschlafen.

    Geholfen hätte ihr mehr Verständnis der Schule und der Seminarleiterinnen für ihre Situation. Und: Weniger Termine am Wochenende und am Nachmittag, wenn Kita und Hort schon geschlossen haben. Eine Anleiterin habe keine Fehlzeiten geduldet. „Einmal sagte mir die Babysitterin kurzfristig ab und meine Schwiegermutter, die manchmal einsprang, hatte einen Autounfall.“ Das interessierte ihre Seminarleiterin nicht. Von ihr musste sie sich anhören, dass andere Referendarinnen und Referendare auch ihre Probleme hätten und es trotzdem schafften, sich zu organisieren.

    Von ähnlich schlechten Erfahrungen berichten viele, die das Referendariat als Eltern kleiner Kinder absolviert haben. Auch Stefanie Frischling, Leiterin des Fachbereichs Junge GEW in Baden-Württemberg, kennt solche Geschichten. „Wir haben jede Woche eine Anfrage zu dem Thema“, sagt sie. Der Wunsch, Familie und Ausbildung zu vereinbaren, steige auch bei angehenden Lehrkräften. Frischling weiß, dass es andere, vor allem Alleinerziehende, schwerer haben. „Eine Frau flog aus dem Seminar, weil sie drei Mal nicht kommen konnte.“ Dabei sei es doch möglich, verpasste Sitzungen selbstständig nachzuholen und durch eine schriftliche Zusammenfassung zu belegen, dass man den Stoff draufhabe..

    „Die Schulen und die Seminarleitungen fremdeln mit dem Teilzeitreferendariat.“ (Rüdiger Heitefaut)

    Um Referendarinnen und Referendaren mit Kindern eine bessere Vereinbarkeit von Ausbildung und Familie zu ermöglichen, hat die Junge GEW in Baden-Württemberg Forderungen an die Landesregierung gestellt. Dazu gehört, dass diese bei der Auswahl von Schulen und Seminarplätzen bevorzugt behandelt werden sollen. „Ich weiß von einer Alleinerziehenden mit zwei schulpflichtigen Kindern, die musste 80 Kilometer zur Schule und 60 Kilometer zum Seminar fahren.“ Bereits erfolgreich war die Junge GEW mit ihrem Kampf für ein Teilzeitreferendariat. Das von einer grün-schwarzen Koalition regierte Baden-Württemberg will ein solches zum Frühjahr 2019 einführen.

    Mehrere Bundesländer haben dies schon getan, die Regelungen sind unterschiedlich. In Niedersachsen etwa können Referendarinnen und Referendare zwischen zwei Modellen wählen. In einem Fall ist nur die Unterrichtszeit reduziert, im anderen gilt dies auch für die Seminarverpflichtungen. Dann verlängert sich die Ausbildungsdauer auf bis zu 36 Monate. Weil nach diesem Modell die in der Lehrverordnung festgelegten Ausbildungsstrukturen verlassen werden, soll „die Seminarleitung zu Beginn der Ausbildung im Einvernehmen mit der Ausbildungsschule und der Lehrkraft einen individuellen Ausbildungsplan entwickeln“, schreibt ein Sprecher des Kultusministeriums.

    Doch das wird nach den Erfahrungen des Geschäftsführers der GEW Niedersachsen, Rüdiger Heitefaut, nur selten umgesetzt. „Die Schulen und die Seminarleitungen fremdeln mit dem Teilzeitreferendariat“, sagt er. In der Konsequenz müssten die Teilzeit-Referendarinnen und -Referendare an demselben Programm teilnehmen wie alle anderen. „Das ist derselbe Stress, nur schlechter bezahlt und auf längere Zeit.“ Deshalb sollte die Teilzeitvariante aus seiner Sicht in einem eigenen Zug an ausgewählten Standorten angeboten werden.

    „Neben Teilzeitbeschäftigung sind auch familiengerechte Arbeitszeitregelungen und Arbeitsorte anzubieten.“ (Frauke Gützkow)

    Ähnlich sieht es Matthias Jähne, Referent im Vorstandsbereich Hochschulen und Lehrer*innenbildung bei der GEW Berlin. Die Fachseminare seien nicht modularisiert, deshalb können die Teilzeitteilnehmenden ihre Verpflichtungen nicht über einen längeren Zeitraum strecken: „Viele sind dann in 18 Monaten mit ihrem Programm durch und müssen noch ein halbes Jahr weitermachen.“ Und das für wesentlich weniger Geld. In Baden-Württemberg, sagt Frischling, laufe das bei einer Reduzierung auf 60 Prozent auf monatlich 600 Euro netto hinaus – zweieinhalb Jahre lang. „Das ist zu wenig, wir fordern, dass das Gehalt für Familien aufgestockt wird.“

    Für Frauke Gützkow, Leiterin des Bereichs Frauenpolitik bei der GEW, ist das Teilzeitreferendariat ein erster Schritt. Zudem müssten sich das Klima und die Rahmenbedingungen des Referendariats grundsätzlich verändern. „Was gut für Eltern mit Kleinkindern ist, verbessert auch die Ausbildungsbedingungen für andere“, sagt Gützkow. Sie weist darauf hin, dass auch die Landesgleichstellungsgesetze regelten, dass Elternschaft nicht zu Nachteilen in der beruflichen Entwicklung führen dürfe: „Neben Teilzeitbeschäftigung sind auch familiengerechte Arbeitszeitregelungen und Arbeitsorte anzubieten. Hier unterstützen die Gleichstellungsbeauftragten in Schulämtern oder die Ansprechpartnerinnen für Gleichstellung an den Schulen.“ Letztendlich dürfe die bessere Vereinbarkeit von Referendariat und Familie keine individuelle Herausforderung sein, sondern sei eine Aufgabe für Studienseminare, Schule und Ausbilderinnen. „Es kann nicht dabei bleiben, dass man Eltern viel Glück wünschen muss, wenn sie ihr Referendariat beginnen.“

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    Schule LehrerInnenbildung Artikel Hauptvorstand
    news-13478 Wed, 11 Apr 2018 11:00:00 +0200 Mit Autismus in der Regelschule https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/mit-autismus-in-der-regelschule/ Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung fallen bei der Wahl der Schule oft durch alle Raster. Viele Pädagoginnen und Pädagogen kennen sich mit dem Krankheitsbild nicht aus oder die Ressourcen stimmen nicht, um die Kinder optimal zu fördern. Die 4. Klasse der Grundschule Süd-West im hessischen Eschborn ist auf Zeitreise mit dem Piratenschiff „Tempus“. Die Playmobil-Yacht soll den Kindern helfen, Sätze vom Präsens ins Präteritum umzuwandeln. Das klappt nicht immer auf Anhieb. Paul (Name geändert) und zwei andere Kinder grübeln über die Vergangenheitsform von „nehmen“. Heißt es „ich nehmte“ oder „ich nahmte“? Schließlich finden die drei die richtige Form, und Paul liest vor: „Ich nahm einen Stein.“

    Paul leidet unter frühkindlichem Autismus. Dass er einmal flüssig lesen würde, war bei seiner Einschulung nicht abzusehen. „Anfangs konnten wir ihn kaum verstehen, wenn er sprach“, sagt seine Klassenlehrerin. Paul wurde – wie viele Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung – dem Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“ zugeordnet. Eine Teilhabeassistentin begleitet ihn im Unterricht und in den Pausen. Der Junge braucht eine ruhige Atmosphäre und klare Abläufe. Darauf hat sich seine Lehrerin eingestellt. Und Paul auf sie und seine Mitschüler.

    Bevor Paul eingeschult wurde, bildete sich die Klassenlehrerin fort. Heute, nach fast vier Jahren, sagt sie: „Seine Entwicklung ist beeindruckend.“ Zur Wahrheit dieser Erfolgsgeschichte gehört aber auch, dass die Schule jahrelange Erfahrung mit Integration, Inklusion und Schülern wie Paul hat. Er ist nicht das erste autistische Kind. Vor ihm gab es andere, zum Teil deutlich schwierigere Schülerinnen und Schüler. Die inklusiv arbeitende Schule hat sich zum Ziel gesetzt, alle Kinder aus ihrem Bezirk aufzunehmen – ohne Ausnahmen.

    Außerdem sind Lehrkräfte keine Therapeuten. Sie brauchen professionelle Unterstützung, um Kinder mit Autismus zu unterrichten.

    „Wir hatten eine Schülerin, die anfangs fast nur geschrien hat“, erinnert sich Schulleiter Hajo Rother. Dennoch gelang es den Lehrkräften in enger Zusammenarbeit mit Therapeuten, Eltern, Assistenten sowie anderen Expertinnen und Experten, das Kind gemeinsam mit den anderen zu unterrichten. „Wir fanden zum Beispiel heraus, dass sich das Mädchen beruhigt, wenn es in einer Hängematte schaukelt. Also haben wir Hängematten aufgebaut.“

    Solche Positiv-Berichte hört man aus Regelklassen im Primarbereich immer wieder. Doch beim Übergang zu den weiterführenden Schulen gibt es eine Sollbruchstelle, die viele Kinder mit besonderem Förderbedarf, Mädchen und Jungen mit Autismus-Spektrum-Störung aber ganz besonders betrifft. Sie fallen durch alle Raster. Viele Pädagoginnen und Pädagogen kennen sich mit dem Krankheitsbild nicht aus und/oder die Ressourcen stimmen nicht, um die Kinder optimal zu fördern.

    „Man kann Autisten nicht in Schubladen stecken, aber leider passiert genau das“, sagt der Psychologe und Erziehungswissenschaftler André Zimpel. Der Professor für Behindertenpädagogik an der Universität Hamburg ist überzeugt davon, dass viele Autistinnen und Autisten gute Schulkarrieren machen könnten, wenn sich das Umfeld auf sie einstellt. Voraussetzung dafür seien eine gute Diagnostik, individuelle Lernbegleitung und die Möglichkeit für den Schüler, jederzeit den Klassenraum verlassen zu können, wenn ihn Lärm oder andere Sinneseindrücke überfordern. Allein Letzteres stellt viele Regelschulen vor große Probleme – wenn es zum Beispiel keine Räume für eine Auszeit gibt oder der Integrationshelfer fehlt. Außerdem sind Lehrkräfte keine Therapeuten. Sie brauchen professionelle Unterstützung, um Kinder mit Autismus zu unterrichten.

    Jeder fünfte Schüler mit Autismus wurde schon einmal von der Schule ausgeschlossen, einige monatelang. Für mehr als die Hälfte gab es keine Ersatzschule – die Eltern sprangen als „Lehrer“ ein.

    „Für Schüler mit Autismus ist es ganz wichtig, zu wissen: Da versteht jemand, wie ich denke“, sagt Zimpel. Regelschullehrkräfte brauchen seiner Ansicht nach neben der Hilfe durch Expertinnen und Experten wie Sonderpädagogen und Schulsozialarbeiter auch eigenes Wissen über Autismus. „Sie sollten zum Beispiel erkennen, welche Situationen zu Reizüberflutung führen“, sagt Zimpel. Wichtig sei auch, die Spezialinteressen des Schülers oder der Schülerin zu sehen und in den Unterricht einzubauen. „Es gibt hervorragend ausgebildete Sonderpädagogen, die hier unterstützen können“, sagt Zimpel – wohl wissend, dass in fast allen Bundesländern ein großer Mangel an den spezialisierten Lehrkräften herrscht.

    Eltern, die Kinder mit Autismus durch die Schulzeit begleiten, sind oft verzweifelt. Der Bundesverband Autismus Deutschland befragte 2016 Mütter und Väter nach der schulischen Situation. Zwar war die Umfrage nicht repräsentativ, die Antworten haben den Bundesverband dennoch hellhörig werden lassen. Jeder fünfte Schüler mit Autismus wurde demnach schon einmal von der Schule ausgeschlossen, einige monatelang. Für mehr als die Hälfte gab es keine Ersatzschule – die Eltern sprangen als „Lehrer“ ein.

    „Ein eigener Förderschwerpunkt ist unumgänglich – gerade vor dem Hintergrund der Inklusion“, lautet eine Forderung an die Kultusministerkonferenz.

    Die Ursachen für einen Schulausschluss sind nach Angaben des Bundesverbands vielfältig. Grund sei häufig, dass der Integrationshelfer des Kindes ausfällt und Lehrkräfte sich mit der Situation allein überfordert fühlen. „Das pädagogisch-psychologische Fachwissen, um Schüler mit Autismus zu unterrichten, ist oft nicht da“, sagt Christian Frese, Geschäftsführer beim Bundesverband Autismus. Viele Pädagoginnen und Pädagogen glaubten, Kinder mit Autismus könnten ihr mitunter herausforderndes Verhalten steuern – das sei aber meist nicht der Fall. Sie vom Unterricht auszuschließen, sei keine Lösung – und auch nicht gerechtfertigt, da man ihnen ihr Verhalten nicht vorwerfen kann. Frese ist der Ansicht, dass die in den Schulgesetzen verankerten Ordnungsmaßnahmen wie Schulausschluss auf Schülerinnen und Schüler mit Autismus eigentlich gar nicht anwendbar sind. „Aber die Schulaufsichtsbehörden wissen oft nicht weiter und sehen nur diese Lösung.“ Das Hauptargument für den Ausschluss: Die Schule könne die Aufsichtspflicht nicht mehr gewährleisten.

    Wie viele Autistinnen und Autisten an deutschen Schulen unterrichtet werden, ist unklar. Genaue Zahlen gibt es auch deshalb nicht, weil es in den meisten Bundesländern keinen eigenen Förderschwerpunkt „Autismus“ gibt. Viele Kinder werden unter den Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“ subsumiert. Der Bundesverband hält das für falsch. „Ein eigener Förderschwerpunkt ist unumgänglich – gerade vor dem Hintergrund der Inklusion“, lautet eine Forderung an die Kultusministerkonferenz.

    Der Eschborner Schulleiter Rother sieht darin keine Lösung: „Es gibt schon jetzt viel zu viele Schubladen, in die wir Kinder einsortieren.“ Pauls Klassenlehrerin sieht das ähnlich: „Es geht immer darum, ein Kind in all seinen Facetten kennenzulernen und zu fördern.“ Ein eigener Förderschwerpunkt „Autismus“ hätte der Schule da nicht geholfen. Entscheidend, sagt Rother, sei die Teamarbeit mit Förderschullehrkräften, Psychologen, Ergotherapeuten, Logopäden und Teilhabe-Assistenten: „Der ständige Austausch ist das Erfolgsrezept – und die Haltung der Schule, jedes Kind aufzunehmen.“

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    Schule Inklusion Artikel Hauptvorstand
    news-13886 Wed, 11 Apr 2018 09:45:16 +0200 Tausende Beschäftigte streiken erneut für mehr Geld https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/tausende-beschaeftigte-streiken-erneut-fuer-mehr-geld/ Kurz vor der entscheidenden Tarifrunde sind Tausende Beschäftigte bundesweit erneut in den Warnstreik getreten. "Ohne eine satte Lohnsteigerung wird es in der nächsten Woche keine Einigung geben“, hieß es bei den Kundgebungen. Wenige Tage vor der dritten Verhandlungsrunde von Arbeitgebern und Gewerkschaften in Potsdam sind bundesweit erneut Tausende Beschäftigte aus allen Bereichen des öffentlichen Dienstes für ihre Forderungen auf die Straße gegangen. In mehreren Städten Baden-Württembergs beteiligten sich am Dienstag insgesamt rund 4.000 Beschäftigte, darunter viele Erzieherinnen und Erzieher sowie Sozialarbeiterinnen und -arbeiter, an den Warnstreiks. „Die Beschäftigten stehen hinter der gewerkschaftlichen Forderung, das ist eindeutig. Die Arbeitgeber sollten die Signale richtig deuten. Ohne eine satte Lohnsteigerung wird es in der nächsten Woche keine Einigung geben“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz in Karlsruhe.

    In Kassel folgten rund 3.500 Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagoginnen Sozialpädagogen sowie weitere Beschäftigte des öffentlichen Dienstes dem Streikaufruf von GEW und ver.di. Bei der abschließenden Kundgebung auf dem Königsplatz forderte Björn Köhler, GEW-Vorstandsmitglied für Jugendhilfe und Sozialarbeit, die Arbeitgeber am Dienstag auf: „Beenden Sie Ihre Verweigerungshaltung und legen Sie endlich für die Verhandlungen am 15. und 16. April in Potsdam ein verhandlungsfähiges Angebot vor. Wir brauchen eine gute Gehaltsentwicklung und mehr Stellen, damit die Arbeit im Öffentlichen Dienst attraktiv bleibt.“ Die Landesvorsitzende der GEW Hessen, Birgit Koch, begrüßte die Streikenden am Sammelpunkt am Rathaus der Stadt Kassel mit den Worten: „Sechs Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 200 Euro mehr, sind eine realistische Forderung angesichts der guten wirtschaftlichen Entwicklung im Land und angesichts der sprudelnden Steuereinnahmen.“

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    Schulsozialarbeit Kita Tarif TVöD Artikel Hauptvorstand
    news-13742 Wed, 11 Apr 2018 09:00:00 +0200 Sackgasse für junge Flüchtlinge? https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/sackgasse-fuer-junge-fluechtlinge/ Viele junge Flüchtlinge werden an sogenannten segregierten Schulen unterrichtet, deren Schülerschaft mehrheitlich Migrationshintergrund hat und aus sozial benachteiligten Familien stammt. Eine Studie beschreibt die dortigen Lernbedingungen. Schulen an sozial benachteiligten Standorten können junge Geflüchtete häufig nicht ausreichend unterstützen, weil die dort arbeitenden Lehrkräfte ohnehin schon stark belastet sind. Das ist ein Ergebnis der Studie „Schule als Sackgasse? Jugendliche Flüchtlinge in segregierten Schulen“ des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Ausgewertet wurden Interviews mit Lehrkräften auf Zeit der gemeinnützigen Bildungsorganisation Teach First Deutschland über den Unterrichtsalltag an 56 weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen.

    Etwa 130.000 jugendliche Geflüchtete hat das deutsche Bildungssystem seit 2015 aufgenommen. Die meisten werden zunächst Vorbereitungsklassen in segregierten Schulen zugewiesen. Laut Studie bemühen sich ihre Lehrkräfte in der Regel sehr intensiv darum, die jungen Menschen mit individueller Förderung auf den Regelunterricht vorzubereiten. Das ändert sich, sobald die Jugendlichen in den Regelklassen ankommen: Hier fördern laut Studie nur wenige Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler individuell. So seien viele junge Geflüchtete gefährdet, „einen Abschluss weit unter ihren Möglichkeiten zu erreichen oder die Schule abzubrechen“. Für einen erfolgreichen Bildungsweg bräuchten sie erheblich mehr sprachliche, fachliche, sozialpädagogische und mitunter auch psychologische Unterstützung.

    Langfristig solle die Lehrkräfteausbildung besser darauf vorbereiten, „eine Schülerschaft zu unterrichten, die unterschiedliche kulturelle und sprachliche Hintergründe hat sowie aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammt“. (Cornelia Schu)

    Während die Zusammenarbeit der Lehrkräfte in den Vorbereitungsklassen laut Studie „noch verbesserungsfähig“ ist, findet sie in Regelklassen kaum mehr statt. Fördermaßnahmen würden nicht ausreichend abgestimmt. Das hat Gründe: Laut Studie erschweren die bekannt ungünstigen Rahmenbedingungen an segregierten Schulen einen intensiveren Austausch unter den Lehrkräften. Denn diese sind stärker mit sozial und emotional herausfordernden Jugendlichen konfrontiert; sie haben entsprechend weniger Zeit für Absprachen und gemeinsame Unterrichtsvorbereitungen als in Schulen an sozial begünstigteren Standorten.

    Die soziale Entmischung in Schulen und ihre Folgen sind ein grundsätzlicher bildungspolitischer Missstand, auf den die GEW seit vielen Jahren hinweist. Auch Winfried Kneip, Geschäftsführer der Stiftung Mercator, die die SVR-Studie gefördert hat, fordert „mehr systematische Unterstützung für segregierte Schulen“. Die Forscher schlagen vor, diesen Schulen „entsprechend ihrer Situation“ mehr Lehrerinnen und Lehrer zuzuweisen. Langfristig solle die Lehrkräfteausbildung besser darauf vorbereiten, „eine Schülerschaft zu unterrichten, die unterschiedliche kulturelle und sprachliche Hintergründe hat sowie aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammt“, sagt SVR-Geschäftsführerin Cornelia Schu. Letzteres sei ohnehin viel ausschlaggebender für den Bildungserfolg als der Migrationshintergrund.

    Die Studie fordert dazu auf, eine weitere Segregation im deutschen Schulsystem zu verhindern und empfiehlt, bei der Zuweisung junger Geflüchteter die Zusammensetzung der Schülerschaft vor Ort zu berücksichtigen. „Das soziale Umfeld beeinflusst die Bildungschancen von Kindern hierzulande stark“, sagt Kneip, „stärker als im Durchschnitt der OECD-Länder. Das war schon vor der verstärkten Flüchtlingsaufnahme so.“

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    Schule Migration Artikel Hauptvorstand
    news-13769 Tue, 10 Apr 2018 11:00:00 +0200 „Lieber tot als in Europa“ https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/lieber-tot-als-in-europa/ „Wir tun nichts Anderes, als Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Und das ist eigentlich eine staatliche Aufgabe“, sagt Politikwissenschaftlerin Sandra Hammamy. Bei der Nichtregierungsorganisation Sea-Watch hilft sie Flüchtlingen in Seenot. Sandra Hammamy (46) ist Politikwissenschaftlerin und Studienkoordinatorin an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Bei Sea-Watch e.V. hilft sie, flüchtende Menschen aus Seenot zu retten. Ein Gespräch über die Lage auf dem Mittelmeer, die europäischen Deals mit der Türkei sowie Libyen und die Bedeutung des Themas für die Schule.

    • E&W: Was hat Sie dazu bewogen, sich in der zivilen Seenotrettung auf dem Mittelmeer zu engagieren?

    Sandra Hammamy: Spätestens seit dem großen Schiffsunglück Ende 2013 und den vielen Toten, die vor Lampedusa angespült wurden, können wir die Augen nicht länger davor verschließen, dass mitten in Europa und damit direkt vor unserer Haustür Menschen sterben. 2014 haben einige Privatpersonen den Verein Sea-Watch gegründet und ein Schiff gekauft, weil sie nicht tatenlos zusehen wollten. Da ich ausgebildete Rettungsschwimmerin bin und arabisch spreche, habe ich mich als Helferin gemeldet und fahre seither bei Einsätzen mit, zunächst im zentralen Mittelmeer und dann in der Ägäis. Von Oktober 2015 bis April 2016, als sehr viele Menschen aus Syrien von der Türkei in Richtung griechische Inseln flohen, waren wir insbesondere dort im Einsatz. Bis zu 70 Boote kamen täglich in Lesbos an.

    • E&W: Wie war die Situation vor Ort?

    Hammamy: Trotz der recht kurzen Distanz sind viele Menschen vor der griechischen Küste ertrunken. Sehr beeindruckt hat mich die Welle der Solidarität. Hunderte Freiwillige haben auf Lesbos die Rettung und Versorgung der Geflüchteten organisiert. Auch die griechische Bevölkerung hat geholfen – und damit Menschen, die selbst wenig haben und von der Europäischen Union (EU) über Jahre im Stich gelassen wurden. Zugleich haben wir zunehmend die Folgen des europäischen Deals mit der Türkei zu spüren bekommen. Die Türkei wollte zeigen, dass sie gegen entsprechende Zahlungen in der Lage ist, die Route zuzumachen. Dabei drängt die türkische Küstenwache Boote auch gewaltsam vom griechischen ins türkische Gewässer zurück. Diese Menschenrechtsverletzungen sind dokumentiert. Diese Deals führen auch dazu, dass die Menschen auf Routen ausweichen, die länger und gefährlicher sind.

    • E&W: Nach dem Vorbild der Vereinbarung mit der Türkei soll es eine ähnliche mit Libyen geben.

    Hammamy: In Libyen gibt es keine Regierung, sondern konkurrierende Milizen. Die Situation von Geflüchteten ist katastrophal: Misshandlungen, Folter und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung. Die Folgen sehen wir jeden Tag auf dem Schiff. Auch die Vereinten Nationen haben die Zustände angeprangert. Mit einem derart instabilen Land Deals abzuschließen, um so um jeden Preis zu verhindern, dass Menschen Europa erreichen, ist verantwortungslos und macht mich wütend.

    • E&W: Erst seit wenigen Wochen sind Sie von Ihrem jüngsten Einsatz zurück. Wo waren Sie zum Jahreswechsel?

    Hammamy: Alle drei Wochen fahren wir mit einer 22-köpfigen Crew vor die libysche Küste. Das Suchgebiet ist ungefähr so groß wie das Saarland und schwierig abzudecken. Weil die Situation für die Helferinnen und Helfer aufgrund der Attacken der libyschen Küstenwache sehr gefährlich geworden ist, waren dort zuletzt nur noch zwei Rettungsschiffe unterwegs. Am 1. Januar haben wir 92 Menschen retten können. Einen Tag später haben wir über Funk gehört, wie zwei Boote vor Tripolis gesunken sind. Dabei sind 64 Menschen ertrunken.

    • E&W: Für die Helferinnen und Helfer ist das eine sehr belastende Situation. Wie verarbeiten Sie das Erlebte?

    Hammamy: Nach jedem Crew-Wechsel haben wir eine psychologische Betreuung; und wir versuchen, uns an dem Gedanken festzuhalten, dass wir Leben retten konnten. Menschen an Bord zu haben, die Unfassbares mitgemacht haben, relativiert zudem die eigene Belastung. Und es ist gut, weiterhin im normalen Alltag an der Uni und in der Familie verankert zu sein. Manchmal erscheinen mir die Probleme des alltäglichen Lebens dann zwar banal; zugleich sorgen sie für die notwendige Distanz.

    • E&W: Politik wirft Seenotretterinnen und -rettern vor, die Fluchtbewegungen zu verstärken.

    Hammamy: Es gibt mittlerweile wissenschaftliche Studien zu den Fluchtbewegungen seit 2013, die keinen Zusammenhang festgestellt haben. Und es ist bekannt, dass auf dem Mittelmeer ein Massensterben stattfindet. Dennoch werden die Nichtregierungsorganisationen aufgefordert, sich aus dem Gebiet zurückzuziehen. Das offenbart das eigentliche Ziel der Politik: lieber tot als in Europa. Wir tun nichts Anderes, als Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Und das ist eigentlich eine staatliche Aufgabe.

    • E&W: Was fordern Sie?

    Hammamy: Langfristig verlangen wir, die Fluchtursachen zu bekämpfen, kurzfristig sichere Fluchtwege. Stattdessen werden Menschen dazu gezwungen, ihr Leben zu riskieren, um das Recht auf Asyl überhaupt in Anspruch nehmen zu können.

    • E&W: Sie unterrichten Lehramtsstudierende an der Universität Gießen; und sie bilden zusammen mit der GEW Lehrkräfte und Schulklassen zu Flucht und Seenotrettung fort. Warum ist das Thema für Pädagoginnen und Pädagogen, Schülerinnen und Schüler wichtig?

    Hammamy: Lehrkräfte haben eine besondere Aufgabe, wenn es darum geht, Jugendliche zu mündigen und toleranten Demokratinnen und Demokraten zu erziehen. Dazu ist wichtig, dass diese auf der Grundlage von Faktenwissen ihre eigene Meinung vertreten, anstatt populistischen Parolen zu folgen. Für mich bringt das Privileg, in einer Demokratie zu leben, die Verpflichtung mit sich, diese mitzugestalten und ihre Werte, Toleranz und Offenheit allen Menschen gegenüber, hochzuhalten. Das möchte ich Studierenden und Jugendlichen vermitteln. In einigen Wochen werde ich mit Sea-Watch-Kollegen einen Projekttag mit drei Schulklassen interaktiv gestalten. Diese Schule möchte die Arbeit des Vereins auch mit einer Spende unterstützen. Das ist wichtig, weil wir unsere Arbeit ausschließlich aus Spenden finanzieren. Aber ebenso sehr freut uns die Möglichkeit, über die Lage auf dem Mittelmeer aufklären zu können. Bislang ist dies bei Studierenden und Schülerinnen wie Schülern immer auf großes Interesse und Betroffenheit gestoßen.

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    Migration Internationales Artikel Hauptvorstand
    news-13839 Tue, 10 Apr 2018 10:00:00 +0200 „Die Ost-West-Angleichung muss endlich her!“ https://www.gew.de/troed2018/was-sagen-gew-mitglieder/ Angela Ryll ist Heilpädagogin und GEW-Mitglied. Hier erklärt sie, warum sie es wichtig findet, sich in der Tarifrunde zu engagieren. Kita Tarif TVöD Artikel Hauptvorstand news-13732 Tue, 10 Apr 2018 09:00:00 +0200 Geschichte und Bewertung https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/geschichte-und-bewertung/ Die GEW hat mehrere Projekte gestartet, in denen Historiker die Geschichte der Gewerkschaft aufarbeiten. Einer der Themenkomplexe, die erforscht werden sollen, beschäftigt sich mit der GEW, ihren Vorläuferorganisationen und der NS-Zeit. Seit einigen Jahren beschäftigt sich die GEW mit der Frage, wie sich ehemalige Funktionäre während des Nationalsozialismus verhalten haben. In Hamburg entzündete sich zuerst ein Konflikt um das 1935 von der Gesellschaft der Freunde (Abteilung Wirtschaft und Recht im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB)) erworbene Haus Rothenbaumchausse 19. Gestritten wurde darüber, ob der Kauf von einer jüdischen Erbengemeinschaft als Arisierung zu werten sei oder die Abteilung Wirtschaft und Recht als eine Art Nachfolgeorganisation der 1933 im NSLB aufgegangenen Gesellschaft der Freunde der Vaterländischen Erziehung (GdF) noch bis 1937 eigenständig agiert habe. Mit dem Verkauf des Hauses an den jüdischen Bildungsverein Chabad Lubawitsch Anfang 2013 schien dieser Konflikt beigelegt. Allerdings rückte bald darauf der ehemalige GdF-Repräsentant und nach dem Krieg erste Vorsitzende der GEW, Max Traeger, in einen kritischen Fokus – hatte Traeger sich bereitwillig den Nationalsozialisten angedient oder versuchte er, mit anderen ehemaligen GdF-Funktionären, zumindest im kleinen Kreise seine Ablehnung aufrechtzuerhalten? In der GEW sind diese Auseinandersetzungen mit großer Schärfe und der Tendenz zur Lagerbildung geführt worden, bis hin zu der Forderung der Studierenden und der GEW Hessen, die Max-Traeger-Stiftung der GEW umzubenennen.

    Es geht aber nicht allein um Max Traeger, sondern um die nationalsozialistische Belastungsgeschichte der Bundesrepublik. Gingen die berufsständischen Lehrerverbände 1933 freiwillig oder unter Zwang im nationalsozialistischen Lehrerbund auf? Und wie wurde nach dem Krieg in der GEW über Anpassung und Begeisterung für den Nationalsozialismus gesprochen? Der GEW-Hauptvorstand und der Landesverband Hamburg haben sich entschlossen, diesen Fragen mit Unterstützung von mehreren historischen Forschungsprojekten nachzugehen. Den mit Spannung erwarteten Ergebnissen können und wollen wir hier nicht vorgreifen, zumal auch für viele Vorgängerorganisationen der GEW und ihr Verhalten 1933 noch historische Grundlagenarbeit geleistet werden muss. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht sind die Initiativen der GEW daher zu begrüßen.

    Wir möchten den gesellschaftspolitischen Kontext der erinnerungspolitischen Debatten nachzeichnen. Denn Auseinandersetzungen über nationalsozialistische Verstrickungen und Beteiligungen von Akteuren staatlicher Einrichtungen und Organisationen in der Bundesrepublik haben in den vergangenen Jahren zugenommen, entgegen mancher Befürchtungen Anfang der 1990er-Jahre, die nationalsozialistische Geschichte werde in den Hintergrund gedrängt.

    Spektakulär war der erinnerungspolitische Sturz des ersten Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Hinrich Wilhelm Kopf (SPD), der im besetzten Polen am Raub von jüdischem Besitz beteiligt war.

    Die bundesdeutsche Gesellschaft hüllte sich in den ersten beiden Jahrzehnten weitgehend in Schweigen über die Beteiligung so vieler an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Seit den 1960er-Jahren – Stichworte sind der Frankfurter Auschwitz-Prozess, die Verjährungsdebatten und die offensive Kritik am Verschweigen und Weichzeichnen NS-belasteter biographischer Kontinuitäten im Umfeld von 1968 – nahmen Auseinandersetzungen um die nationalsozialistische Vergangenheit jedoch zu. Seit den späten 1970er-Jahren waren es zivilgesellschaftliche Akteure und Initiativen, die im lokalen Rahmen alltagsgeschichtliche Fragen aufwarfen. Der Schüler-„Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten“, der 1980/81 das Thema „Alltag im Dritten Reich“ in den Mittelpunkt stellte, hat lokale Erinnerungskonflikte mit ausgelöst, viele der heutigen Gedenkstätten und Erinnerungsorte entstanden in den 1980er-Jahren. Es begannen nun auch Auseinandersetzungen um die NS-Belastung einzelner Berufsgruppen und Branchen, so in der Ärzteschaft, die vor allem durch die Beteiligung an Euthanasiemorden besonders belastet war, aber auch bei Historikern Ende der 1990er-Jahre.

    Zudem war bald eine neue Auftragsforschung zu beobachten, die zuerst von Unternehmen initiiert wurde, die sich mit der Frage nach der Entschädigung für Zwangsarbeit auseinanderzusetzen hatten. Eine Konjunktur zeithistorischer Untersuchungen staatlicher Einrichtungen löste schließlich die Studie „Das Amt“ über die personellen Kontinuitäten des Auswärtigen Amtes aus, die 2010 von einer Unabhängigen Historikerkommission vorgelegt wurde. Danach folgten Studien über eine Reihe weiterer Ministerien und Behörden, darunter der Geheimdienste. Parallel zu dieser Welle von Auftragsforschungen folgten Untersuchungen über personelle Kontinuitäten in Landtagen. Bisher wurden zu Hessen, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sehr umfangreiche biographische Studien vorgelegt, in denen sich eine erschreckend hohe Zahl ehemaliger NSDAP-Mitglieder bei den Landtagsabgeordneten bis in die 1970er-Jahre zeigte.

    Nicht alle Untersuchungen fanden die gleiche mediale Aufmerksamkeit, aber alle waren verbunden mit Diskussionen über belastete Personen. Sicherlich war bekannt, dass in vielen staatlichen Einrichtungen ehemalige Nationalsozialisten aktiv waren, die Kontinuität der Funktionseliten gehört zum Kennzeichen bundesdeutscher Geschichte. Gleichwohl gab es bis in die jüngste Zeit immer wieder überraschende Entdeckungen. Spektakulär war der erinnerungspolitische Sturz des ersten Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Hinrich Wilhelm Kopf (SPD), der im besetzten Polen am Raub von jüdischem Besitz beteiligt war. 2015 beschloss der niedersächsische Landtag, Kopf als nicht mehr ehrungswürdig einzustufen, der Platz vor dem Landtag wurde umbenannt.

    Die erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen um Namensehrungen haben in den vergangenen Jahren an Intensität zugenommen.

    Kopf steht für ein erinnerungspolitisches Konfliktfeld, das heute unter dem Begriff „Ehrregime“ (Dietmar von Reeken/Malte Thießen) in der Forschung verhandelt wird. Bereits seit den 1980er-Jahren wurde immer wieder über einzelne Namenspaten für Straßen oder Ehrenbürgerschaften gestritten, die als NS-belastet galten. Inzwischen haben mehrere Kommunen, so Oldenburg/Niedersachsen, Freiburg oder Hamburg, umfangreiche Studien über die mit Personennamen versehenen Straßen unternommen oder beauftragt. In den intensiven lokalpolitischen Auseinandersetzungen zeigt sich immer wieder ein Ringen um erinnerungspolitische Verantwortung – sollen die Wünsche der Anwohner im Vordergrund stehen, alte Straßennamen beizubehalten, sollte die Benennung durch ergänzende Hinweise als zeithistorisches Element kommentiert oder sollten Menschen, die belastet waren, die Ehrung durch eine Straßenbenennung verlieren?

    Dabei geht es nur in wenigen Fällen um direkte Beteiligung an Verbrechen. In Oldenburg wurde 2015 die Hedwig-Heyl-Straße umbenannt, da die Frauenrechtlerin Heyl, die 1934 starb, mit ihren rassistischen Vorstellungen und ihrer Begeisterung für Hitler für den Stadtrat nicht mehr tragbar war. Hingegen blieb der militaristische Reichspräsident Paul von Hindenburg, der Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte, dort wie in zahllosen anderen Kommunen ein umkämpfter Namensgeber. Die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft verleiht seit 2013 nicht mehr den Theodor-Eschenburg-Preis, da der Namensgeber in der Vereinigung aufgrund seiner Aktivitäten im Nationalsozialismus als nicht mehr tragbar galt. Begründet wurde die Entscheidung mit der fehlenden Integrationskraft des Preises, dessen Namensgeber erbitterte Debatten auslöste.

    Die erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen um Namensehrungen haben in den vergangenen Jahren an Intensität zugenommen. Warum? Immer wieder wird das Abtreten der Generation genannt, die im Nationalsozialismus Funktionen ausübte. Staatliche Einrichtungen wie das Auswärtige Amt, die eine große Anzahl belasteter Personen in den Anfangsjahren hatten, müssen sich nicht mehr mit den Akteuren selbst auseinandersetzen. Dies erleichtert gewissermaßen die scharfe Verurteilung. Auch dürfte die öffentliche Reputation eine wichtige Rolle spielen – bei Unternehmen, aber auch bei Ministerien oder Kommunen, die sich nicht dem Verdacht aussetzen möchten, belastete Personen als Traditionsstifter zu haben. Hinzu kommt, dass Belastungen heute eher gesehen werden als in früheren Jahren, als die Öffentlichkeit erheblich mehr Verständnis für Anpassung und Opportunismus zeigte als heute. Nach 70 Jahren Demokratieerfahrung wird das Handeln von Menschen in einer Diktatur heute oft anders bewertet und weniger entschuldigt.

    Historikerinnen und Historiker können nicht die Rolle von Richtern übernehmen, sie können aus den Quellen Einordnungen und Bewertungen vornehmen und damit Grundlagen für eine seriöse Diskussion schaffen.

    Historische Expertise wird oft angefragt, um Biographien einordnen zu können. Dabei zeigt sich immer wieder, dass der hohe Differenzierungsgrad wissenschaftlicher Argumentationen in der Öffentlichkeit oft nur schwer zu vermitteln ist, da Skandalisierungen mehr Aufmerksamkeit erhalten. Historikerinnen und Historiker können nicht die Rolle von Richtern übernehmen, sie können aus den Quellen Einordnungen und Bewertungen vornehmen und damit Grundlagen für eine seriöse Diskussion schaffen. Sie sind damit zwar auch Akteure in den Auseinandersetzungen, aber nicht die Entscheider in gesellschaftspolitischen Debatten. Welches Ehrregime und welche Tradition gewünscht ist, wird in politischen Gremien und in der geschichtspolitischen Öffentlichkeit verhandelt und entschieden. Hierbei sollten Diskussionen und Entscheidungen transparent und sachlich geführt werden, denn dieses Land braucht keine Heldenverehrung oder -verdammnis, sondern nüchterne Aufklärung.

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    GEW Gesellschaftspolitik Artikel Hauptvorstand